Deutsche Liebeslyrik - Gedicht der Woche Archiv

für das Jahr 2017

(die neuesten Gedichte oben)




Ewig ist die Liebe

Und wenn mich nachts das Sternenheer befällt,
Um mein Geheimnis still mir abzulauschen,
Dann fühl' ich, was mich ewig trägt und hält,
Dann hör' ich Gott mit seinem Mantel rauschen.

Gott hat die Welt in dunkle Nacht gehüllt,
Damit sich zeigt, was ewig dauernd bliebe:
Des Tages Wünsche sind im Schlaf gestillt -
Und sieh, auch selbst im Traum bleibt wach die Liebe.

Drum laß die Welten auf und niedergehn,
Laß Wetter dräuen, finster qualvoll, trübe:
Du wirst in alle Ewigkeit bestehn,
Denn Gott ist ewig, ewig ist die Liebe.

Gustav Kühne (1806-1888)
_____



Eins und alles

Meine Liebe ist groß
wie die weite Welt,
und nichts ist außer ihr,
wie die Sonne alles
erwärmt, erhellt,
so tut sie der Welt von mir!

Da ist kein Gras,
da ist kein Stein,
darin meine Liebe nicht wär,
da ist kein Lüftlein
noch Wässerlein,
darin sie nicht zög einher!

Da ist kein Tier
vom Mücklein an
bis zu uns Menschen empor,
darin mein Herze
nicht wohnen kann,
daran ich es nicht verlor!

Meine Liebe ist weit
wie die Seele mein,
alle Dinge ruhen in ihr,
sie alle, alle,
bin ich allein,
und nichts ist außer mir!

Christian Morgenstern (1871-1914)
_____




An die Liebe

Liebe! allerliebste Liebe!
Segne mich mit deinem Triebe.
Laß mich deinen Reiz empfinden,
Laß mich deine Glut entzünden,
Laß mich deinen Zucker schmecken,
Laß mich durch dein Lied erwecken,
Wenn ich Zeit und Lust versäume,
Müßig wach', und müßig träume.
Laß mir hübsch durch dein Geniessen
Zeit und Stunden schneller fließen.
Laß mirs in der Müh' zu wählen,
Aber nie an Schönen fehlen.
Und damit auch viel Beschwerden
Durch ein Mittel minder werden,
Laß mir künftig nur von allen
Eine schön seyn und gefallen.
Lehr' sie denn, sich gut zu schicken,
Gut zu spielen, gut zu blicken;
Lehr' sie meine Neigung kennen,
Klug zu frieren, klug zu brennen;
Lehr' sie witzig abzuschlagen,
Lehr' sie reizend ja zu sagen.
Aus den Worten, aus den Werken,
Laß ihr Wunsch und Willen merken.
Aber lehr' sie Wunsch und Willen
Nicht zur Unzeit zu erfüllen,
Daß sie sich erst artig schäme,
Und sich nicht zu bald bequeme.
Lehr' sie alle frohe Mienen,
Die der Lust zum Vortheil dienen;
Lehr ihr alle Fröhlichkeiten,
Lehr' sie auch, was sie bedeuten;
Daß sie stets in Unschuld prange,
Daß sie nie zuviel verlange;
Daß sie mirs vernünftig klage,
Wenn ich ihr zuviel versage.
Lehr' sie, wie man nie veralte,
Wie man Reiz und Wert behalte,
Wenn auch einst auf Brust und Wangen
Aller Rosen Schmuck vergangen.
Lehr' sie, wenn wir uns vereinen,
Treu zu seyn, und treu zu scheinen,
Daß sie mich mit nichts betrübe
Und mich immer stärker liebe.
Lehr' auch mich, durch deine Lehren,
Solchen Engel zu verehren,
Daß er, wenn ich ihn vergnüge,
Keine Lust zum Wechsel kriege.

Johann Wilhelm Ludwig Gleim (1719-1803)
_____




Du ruhst in meinem Schoße ...

Die grünen Buchenblätter
Schatten so schwer und dicht,
Auf rotem Vorjahrslaube
Spielt blau das Sonnenlicht.

Du ruhst in meinem Schoße,
Dein Atem geht so leis,
Es fiel aus deinen Händen
Der Strauß von Ehrenpreis.

Der Duft aus deinem Blondenhaar
Berauschend mich umweht,
Um meine seligen Lippen
Ein stilles Lächeln geht.

Hermann Löns (1866-1914)
_____



Ein Liebeslied

Komm zu mir in der Nacht - wir schlafen engverschlungen.
Müde bin ich sehr, vom Wachen einsam.
Ein fremder Vogel hat in dunkler Frühe schon gesungen,
Als noch mein Traum mit sich und mir gerungen.

Es öffnen Blumen sich vor allen Quellen
Und färben sich mit deiner Augen Immortellen . . .

Komm zu mir in der Nacht auf Siebensternenschuhen
Und Liebe eingehüllt spät in mein Zelt.
Es steigen Monde aus verstaubten Himmelstruhen.

Wir wollen wie zwei seltene Tiere liebesruhen
Im hohen Rohre hinter dieser Welt.

Else Lasker-Schüler (1869-1945)
_____




Bist du es, Geliebte, und harrest du mein . . .

Bist du es, Geliebte, und harrest du mein?
Schon schlafen die Bäume und wiegen sich ein,
Schon schließen die Blumen die Aeugelein zu,
Schon suchet die Grille die nächtliche Ruh',
Schon löscht das Glühwürmchen sein Fackelchen aus,
Schon ziehen die Sternlein zur Heerschau heraus,
Schon murmelt die Welle, als spräch' sie im Traum,
Schon zittern die Blätter am athmenden Baum,
Die Liebe allein, ach, die Liebe schläft nicht,
Sie träumet im Wachen, und sieht ohne Licht,
Und schweiget erst Alles, dann spricht sie allein:
Bist du es, Geliebte, und harrest du mein?

- Ich bin es, Geliebter, ich harre schon dein,
Laß schlafen die Bäume, die Lieb' schläft nicht ein!
Laß schließen die Blümlein ihr Aeuglein zu,
Mein Aug', meine Blume bist einzig nur du!
Laß suchen die Grille die Ruhe der Nacht,
Die Grillen der Liebe sind ewig zur Wacht!
Laß löschen Glühwürmchen sein Fackelchen aus,
Die Fackel der Liebe löscht Nachtthau nicht aus!
Laß ziehen die Sterne hinab und herauf,
Der Sehnsucht geh'n Sterne der Liebe nur auf.
Laß murmeln die Welle, als spräch' sie im Traum,
Für Schäume und Träume hat Liebe stets Raum!
Laß zittern die Blätter vom Schlummer so schwer,
Es zittert mein Herzblatt in Sehnsucht noch mehr!
So komm denn, Geliebter, die Lieb' schläft nicht ein,
Es wacht die Geliebte und harret schon dein!

Aus: Die Sage vom Helenenthale

Moritz Saphir (1795-1858)
_____




Mein Herz, ich will dich fragen

Mein Herz, ich will dich fragen,
Was ist denn Liebe, sag'? -
"Zwei Seelen und ein Gedanke,
Zwei Herzen und ein Schlag!"

Und sprich, woher, woher kommt Liebe? -
"Sie kömmt und sie ist da!"
Und sprich, wie schwindet Liebe? -
"Die war's nicht, der's geschah!"

Und was ist reine Liebe? -
"Die ihrer selbst vergißt!"
Und wann ist Lieb' am tiefsten? -
"Wenn sie am stillsten ist!"

Und wann ist Lieb' am reichsten? -
"Das ist sie, wenn sie gibt!"
Und sprich, wie redet Liebe? -
"Sie redet nicht, sie liebt!"

Friedrich Halm (1806-1871)
_____



Alles gibt nur Sie mir kund . . .

Alles gibt nur Sie mir kund,
Hör in jedem Ton nur Sie,
Bebt ein Laut aus meinem Mund,
Jedes Wort bekennet Sie.
Seufze Sie bei Tag und Nacht,
Meiner Seele Dürsten Sie,
Wünsch' im Traume Sie, erwacht,
Ueberall empfind ich Sie.
Sie, die meine Glutgedanken,
Sie, die meine Wünsch' umranken,
Wie ein Gott schließt sie allein
In sich auch mein ganzes Seyn.
_____


Anders ist der Welt Gesicht . . .

Anders ist der Welt Gesicht,
Anders ist des Schicksals Walten,
Anders sing' ich ein Gedicht,
Seh' ich Alles sich entfalten,
Anders fühl' ich jetzt das Leben,
Selig bist du Seele mein,
Götterkraft ist mir gegeben,
Höher fühl ich jetzt das Seyn,
Neu bin ich, was mich umgibt,
Denn ich lieb' und bin geliebt,
Anders flieget jetzt die Zeit,
Seit Sie mir sich ganz geweiht.
_____


Staune nicht, daß immer Liebe . . .

Staune nicht, daß immer Liebe,
Rauschet meiner Harfe Lust;
Alle schönen, süßen Triebe,
Alles Gute in der Brust,
Was auf dieser Erde Weiten,
Athmet, wirket, bindet, hält,
Was im Wechsellauf der Zeiten,
Wundervolles zeugt die Welt:
Blumen, so die Felder weisen,
Sterne, die am Himmel kreisen,
Woher quillt ihr Zauberleben?
Sie, die Liebe, hat's gegeben.

Sandor Kisfaludy (1772-1844)

(Aus dem Ungarischen von Johann Graf Mailath 1786-1855)
_______




An die Liebe

Liebe, süße Liebe,
Bittere Glückseligkeit;
Schönstes Spiel der Engel,
Meisterstück der Ewigkeit:

Bis zum Herzzerspringen
Lernt' ich ganz erfassen dich,
Ueber's Grab nach Jenseits
Zieht dein süßer Zauber mich!

Liebe, süße Liebe,
Bittere Glückseligkeit;
Schönstes Spiel der Engel,
Meisterstück der Ewigkeit.

Kalman Lysznyai (1823-1863)
(Aus dem Ungarischen von Demeter Dudumi 1855)
_____


Paloczenlied

Mein Engel, meiner Augen Licht,
Bist eine Rose du, bist du ein Diamant?
Ich weiss es nicht.
Bist du 'ne Rose:
Lass mich sie pflücken!
Bist du ein Diamant,
Sollst mich entzücken.
In meinen Armen
Voll Lieb' erwarmen,
An meiner Brust
Voll unendlicher Lust.

Mein Engel, meiner Augen Licht,
Bist du ein Traum? bist du ein Stern?
Ich weiss es nicht.
Bist du ein Traum:
Will durch ihn träumen,
Bist du ein Stern,
Will ohne Säumen
Herab ihn reissen.
Warum willst gleissen
Am Himmel du?
Wink' näh'r mir zu!
Seh' dich nicht gerne
In unendlicher Ferne.

Kalman Lysznyai (1823-1863)
(Aus dem Ungarischen von Gustav Steinacker 1809-1877)
_____




Liebeslied

Dich sehen,
ist: die Heimat haben!
dich sehen,
ist: zu Hause sein!
alle Sehnsucht ist begraben,
alle Wünsche schlummern ein!

Und ich weiß nichts mehr von draußen,
weiß nichts mehr von Müh und Plag,
und wie einsam es gewesen
und wie freudlos jeder Tag!

Alles ach ist selig schöner
Friede nur und Sonnenschein!
dich sehen,
ist: die Heimat haben!
dich sehen,
ist: zu Hause sein!

Cäsar Flaischlen (1864-1920)
_____




Liebesnacht

Schwül wie im Sommer war die Nacht
Sie hat uns in's Gesicht gelacht
So dunkelheiß, so liebestoll,
Daß unsre Sehnsucht überschwoll . . .

Die Sterne flackerten uns zu
Ein liebes süßes: Gute Ruh!
In unser kleines Kämmerlein
Sah nur der volle Mond hinein.

Er zog das Auge schief und quer,
Als würde ihm das Sehen schwer,
Als hätte er noch nichts gewußt
Von heimlich süßer Liebeslust.

Und rauschend fiel der Vorhang zu . . .
In meinem Arm erbebtest du!
Und Raunen leis, - und Traumesklang -
Und himmlischsüßer Engelssang . . .

Hinfloß die heiße Seligkeit,
Dann müde Ruhe voll und weit,
Zu siegesstolzer Einsamkeit
Ward unsre Liebe stark geweiht! -

Durch eine Spalte, fingerschmal,
Fiel silberweiß, des Mondes Strahl . . .
Und durch die Stille träumend ziehn
Weltferne Liebesmelodien . . . . 

Hans Benzmann (1869-1926)
_____




Liebchens Garten

Könnt' als Bach ich mich ergiessen:
Müsst' in Liebchens Garten fliessen,
Dass, nach Sommertages Schwüle,
Meine Flut als Bad sie kühle.

Könnt' als Baum ich mich erhöhen:
Müsst' in Liebchens Garten stehen,
Dass mein Laub vor Sonnenhitze
Ihre zarten Wangen schütze.

Könnt' als duft'ge Blum' ich glühen,
Müsst' in Liebchens Garten blühen,
Dass sie heitern Muths mich pflücke,
An des Busens Schnee erquicke.

Könnt' als West ich mich erheben:
Müsst' in Liebchens Garten schweben,
Würd' im Schlaf von ihren Lippen
Tausend süsse Küsse nippen.

Könnt' als Nachtigall ich singen:
Müsst' in Liebchens Garten dringen,
Dass, gerührt durch meine Treue,
Sie zuletzt ihr Herz mir weihe.

Karl Kisfaludy (1788-1830)
Aus dem Ungarischen von Gustav Steinacker (1809-1877)
_____



Im Garten

Die hohen Himbeerwände
Trennten dich und mich,
Doch im Laubwerk unsre Hände
Fanden von selber sich.

Die Hecke konnt' es nicht wehren,
Wie hoch sie immer stund:
Ich reichte dir die Beeren,
Und du reichtest mir deinen Mund.

Ach, schrittest du durch den Garten
Noch einmal im raschen Gang,
Wie gerne wollt' ich warten,
Warten stundenlang.

Theodor Fontane (1819-1898)
_____



Wo Liebende sich finden . . .

Wo Liebende sich finden,
Da sind geweihte Stellen;
Wo sie sich heiß umwinden,
Da Kirchen und Kapellen;
Wo Seel' in Seel' ergossen,
Wo Lipp' an Lippe brennt,
Da wird ein Sakrament,
Da wird Gott selbst genossen,
Wie's auch die tolle Welt benennt.
_____


Die Liebe, welche wahrhaft liebt,
Ist jene, die sich ganz ergiebt,
Die jeden Herzenswunsch gewährt,
Die Alles zu genießen lodert,
Was das Gefühl der Einheit mehrt,
Und die doch Alles gern entbehrt,
Wenn es das Heil des Andern fodert.
_____


Die Liebe hängt ihr Leben,
Hängt ihr gesammtes Sein,
Wie einen Edelstein,
Dem Liebling an den Hals,
Dem sich ihr Herz ergeben.

Georg Friedrich Daumer (1800-1875)
_____



Oft, wenn wir ruhen Mund an Mund . . .

Oft, wenn wir ruhen Mund an Mund
Und meine Adern an den deinen pochen,
Nach innen lausch' ich plötzlich still;
Ich fühle, wie aus unsrer Seele Grund
Ein Wort, noch nie auf Erden ausgesprochen,
Empor sich ringen will.

O! der Natur Geheimniß ruht
Und alles Lebens in dem Wort beschlossen,
Doch matt bisher noch ists verhallt.
Höher aufflammen laß der Küsse Gluth,
Daß es zuletzt, in vollen Klang ergossen,
Von unsern Lippen wallt!

Adolf Friedrich von Schack (1815-1894)
_____




Ich liebe dich, weil ich dich lieben muß ...

Ich liebe dich, weil ich dich lieben muß;
Ich liebe dich, weil ich nichts anders kann;
Ich liebe dich nach einem Himmelschluß;
Ich liebe dich durch einen Zauberbann.

Dich lieb' ich, wie die Rose ihren Strauch;
Dich lieb' ich, wie die Sonne ihren Schein;
Dich lieb' ich, weil du bist mein Lebenshauch;
Dich lieb' ich, weil dich lieben ist mein Sein.

Friedrich Rückert (1788-1866)
_____



Die Lieb'
Oberbayrische Mundart

Die Lieb, die Lieb, die süsse Lieb,
Die hat's uns angethan,
Die sitzt so tief im Herzen drin,
Dass Niamd' ergründen kann,

Und wenn's a no so bitter schmeckt,
Und d'Augen macht so trüb,
Und wenn's a lauter Schmerzen bringt,
's is' doch die süsse Lieb.

Mir kimmt's fast wie a G'witter für
Mit all seim Schreck und Graus: -
Wenn's no so blitzt und donnert - z'letzt
Schaugt d'Sonn doch wieder raus.



Liebessprache
Oberbayrische Mundart

Die Lieb' is so g'spassi,
Hat an eigene Sprach:
Koin Professor kann's reden,
Aber d'Spatzen auf'm Dach.

Viel Wort brauchst nöt z'machen:
A Druck mit der Hand,
Und a Blick in d'Augen
Und a Schmatzl am Rand.

Dös san ihre Zeichen,
Die Jeder versteht,
Wenn ihm sonst a nix G'lahrt's
In sein' Kopf eini geht.

Ernst Anton Zündt (1819-1897)
_____



Golden

Die goldene Mittagssonne
Durch zitternde Wipfel dringt,
Seine goldene Wunderweise
Der goldene Pfingstvogel singt.

Das goldene Lied von der Liebe,
Von goldenem Glücke den Sang,
Von alten, goldenen Zeiten
Den alten, goldenen Klang.

Ich sehe die Zukunft leuchten
Golden und wunderbar
Und küsse mit bebenden Lippen
Dein goldenes Nackenhaar.

Hermann Löns (1866-1914)
_____



Liedchen

Wie jauchzt meine Seele
Und singet in sich!
Kaum daß ich's verhehle,
So glücklich bin ich.

Rings Menschen sich drehen
Und reden gescheut,
Ich kann nichts verstehen,
So fröhlich zerstreut. -

Zu eng wird das Zimmer,
Wie glänzet das Feld,
Die Täler voll Schimmer,
Weit, herrlich die Welt!

Gepreßt bricht die Freude
Durch Riegel und Schloß,
Fort über die Heide!
Ach, hätt' ich ein Roß! -

Und frag' ich und sinn' ich,
Wie so mir geschehn? -
Mein Liebchen herzinnig,
Das soll ich heut' sehn.

Joseph von Eichendorff (1788-1857)
_____




Geweihte Stätte

Wo Zweie sich küssen zum erstenmal,
Bleibt nach auf Erden ein Duft und Strahl;

Es leuchtet der Platz, es wärmt der Weg,
Von seligem Zittern bebt der Steg;

Und der Baum geht früher in Blüt' und Blatt,
Wenn ein Sonnenregen geregnet hat.

Die Erde wimmelt von Klang und Licht,
Wie Feiertag ist's, und ist doch nicht.

Wär' auch die Sonne am Untergeh'n,
Auf Erden ist's eben wie Aufersteh'n.

Denn Alles ist Seele und Sonnenstrahl,
Wo Zweie sich küßten zum erstenmal.

Johann Georg Fischer (1816-1897)
_____




Im wunderschönen Monat Mai . . .

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.

Heinrich Heine (1797-1856)
_____




Stoßseufzer

Sehnen! Sehnen! gib uns frei!
Glück der Liebe! komm herbei!
Täuschung! ende doch dein Spiel!
Hoffnung! zeig' ein goldnes Ziel!
Liebe! schürtest du die Flammen,
Leben! gib uns auch zusammen!
Welt! verleg' uns nicht den Lauf!
Eden! Eden! tu' dich auf!

Peter Cornelius (1824-1874)
_____



An ***

Wie süß du meiner Seele bist,
Ich weiß es nicht zu sagen!
Was still in meinem Innern sprießt,
Will nicht an's Licht sich wagen.
Vom Lenze, der in meiner Brust
Geweckt ein neues Leben,
Vermag ich, wollend und bewußt,
Den Schleier nicht zu heben.

Es sei! Wozu versucht ich auch
Ihn absichtsvoll zu lüften?
Du merkst den warmen Frühlingshauch
An seinen linden Düften.
In meinen feuchten Augen siehst
Du Licht des Morgens tagen -
Wie süß du meiner Seele bist
Brauch' ich dir nicht zu sagen!

Betty Paoli (1814-1894)
_____




Ich bin geliebt! Ja, tön' es, meine Leier ...

Ich bin geliebt! Ja, tön' es, meine Leier,
Laut durch die stille Nacht. Ich bin geliebt!
Und was mir selige Gewißheit gibt,
Sprach nicht ihr Mund, ihr Auge sprach's voll Feuer.

O, dieser Blick, als Alle fortgegangen,
Und sie allein mir gegenüber saß!
Es lag in diesem Blick, ich weiß nicht was,
Und stammelte unschuldiges Verlangen.

Und brannten düster gleich am Festesschluß
Die Kerzen rings, der Augen Glanzgefunkel
Erleuchtete das zweifelhafte Dunkel.

Sie ließ mir ihre Hand; sie sank zum Kuß -
Vernehmt's, ihr Sterne dort, ihr stummen Zeugen,
Ich bin geliebt! Wozu es euch verschweigen?
_____


Süßes Zweifelgefühl durchbebte mich, als im Gespräch itzt
Entpantoffelt ihr Fuß sanft sich auf meinen gestellt
Unterm Tisch, von Keinem gesehn und selber von ihr auch
Im Vergessen vielleicht, nimmer mit Absicht gestellt.
Doch jetzt hielt, da ihm ein kupferner Kreuzer entfallen,
Einer der Gäste das Licht unter den Tisch, da entzog
Eilig das Füßchen sich meinem Fuß und schlich erst zurücke,
Als der Leuchter am Ort vorige Hellung ergoß.
Ha, jetzt ging mit dem Leuchter auch mir auf einmal ein Licht auf!
Wer sich im Reden vergißt, fürchtet nicht solchen Verrath.
Ha, jetzt läugn' es nur länger noch, daß du, Evchen, mich liebest,
Mehr als je dein Mund sagte das Füßchen mir ja.

Christian Martin Winterling (1800-1884)
_____




An den unsterblich Geliebten

Meere sind zwischen uns und Länder und Tage.
Aber ich weiß,
Du wartest auf mich
Jetzt und immer.
Wissend und gut.
Meere sind zwischen uns und Länder und Tage.

Ich sehne mich nach dir,
Nach deinen sanften Händen,
Nach deiner frommen Schönheit,
Nach deiner klugen Güte.
O ich sehne mich nach dir.

Alles, was ich habe, will ich dir schenken,
Alles was ich denke, will ich dir denken,
Ich will dich lieben in allen Dingen,
Meine schönsten Worte will ich dir singen,
All meine Schmerzen und Sünden will ich dir weinen.
Meiner Seligkeit Sonnen werden dir scheinen.
Was ich bin, will ich dir sein.

Meine Träume sind voll deiner Zärtlichkeit.
Mein Blut singt süß deine Unendlichkeit.
Weiße Seele
Unsterblich Geliebter.

Du blühst sehr wunderbar
Im Gestirn meiner Liebe,
Im Schauer meiner Ängste,
Im Lachen meines Glücks.

Du blühst sehr wunderbar
Im Gestirn meiner Liebe.

Francisca Stoecklin (1894-1931)
_____




Ich liebe dich, weil ich dich lieben muß ...

Ich liebe dich, weil ich dich lieben muß;
Ich liebe dich, weil ich nichts anders kann;
Ich liebe dich nach einem Himmelschluß;
Ich liebe dich durch einen Zauberbann.

Dich lieb' ich, wie die Rose ihren Strauch;
Dich lieb' ich, wie die Sonne ihren Schein;
Dich lieb' ich, weil du bist mein Lebenshauch;
Dich lieb' ich, weil dich lieben ist mein Sein.

Friedrich Rückert (1788-1866)
_____




Glück

Ich bin so voll von Liebe,
Wie die Traube ist voll von Süße,
Mein Herz ist wie im Sommer
Der volle Apfelbaum.

Ich gehe stille Wege
Mit ruhigem Gemüte,
Der hohe blaue Himmel
Ist mir kein leerer Raum.

Ich bin mit allem Leben
Verwurzelt und verwachsen,
Die Sonne ist meine Mutter,
Gott ist mein schönster Traum.

Otto Julius Bierbaum (1865-1910)
_____



Der Stumme an die Geliebte

Worte können es nicht sagen,
Nur den Blicken ist's gewährt,
Was mein Herz macht glühend schlagen,
Was es sehnsuchtsvoll verzehrt.

Wenn des Tages Lärmen schweiget,
Lautlos herrscht die stumme Nacht,
Sich zu dem Geliebten neiget
Luna in der stillen Pracht.

Stille nur die Sterne blinken
In dem grenzenlosen Raum,
Stille sie hinauf uns winken
Aus des Lebens flücht'gem Traum.

Wird's den Menschen ganz beglücken,
Ist dem Schweigen er geweiht;
Stumm ist immer das Entzücken,
Stille ist die Seligkeit.

Lasse du auch mich bekennen,
Was in Schweigen eingehüllt;
Keine Sprache könnt' es nennen,
Was das Herz mir ewig füllt.

Ludwig I. von Bayern (1786-1868)
_____



Sehnsucht

Wie brennt mein ganzes Herz nach dir!
Dein liebes Bild schwebt stets vor mir;
All' Orten, wo ich geh' und steh',
Da folgt's und macht mir wohl und weh!

O du, die ich in Allem schau,
In Waldes Grün, in Himmels Blau,
Wenn sich die frühe Lerche schwingt,
Ist's deine Stimme, die mir singt!

Im süßen Mond- und Sternenschein
Sind's deine lieben Äugelein,
In schwüler Nacht der Nelkenduft,
Dein Odem ist es, würzt die Luft.

Und Nelkenduft und Nachtigall
Und Sternenglanz verschmelzen all,
Und dunkle Wasser brausen drin,
Die Welt erlischt, vergeht der Sinn.

Mir ist, ich schwimm' aus mir heraus
Und ström' ins All wollüstig aus, -
Und leb' ich noch und athme noch?
Ich bin nicht mehr und liebe doch!

Mir träumt, ich bin das große Meer,
Und du die Sonne drüber her,
Und aufwärts, aufwärts für und für
Gehn alle Wogen nur nach dir!

Ich fasse dich inbrünstiglich;
Hinunter, Sonne, zieh' ich dich,
Hinunter in das Abendroth,
Hinunter in den süßen Tod.

Und endlich, endlich hab' ich sie!
Nun tos't, ihr Wellen, spat und früh;
Nun geht, ihr Sterne, ab und auf -
Wir ruhn, und weck' uns Niemand auf!

Friedrich Gottlob Wetzel (1779-1819)
_____




Du fragst, wozu das Küssen tauge?

Du fragst, wozu das Küssen tauge,
Und was es eigentlich will sagen?
Um sich zu blicken Aug' in Auge,
Und Seel' um Seele zu befragen.

Wenn Auge sich in Auge spiegelt
Und sich zu Seele Seele findet,
Dann wird im Kusse rasch besiegelt,
Was treue Herzen ewig bindet.

Drum willst du je dich küssend neigen,
So giebt es Eines, das bedenke:
Daß leis in andachtvollem Schweigen
Auch Seele sie in Seele senke.

Wo nur die Lippen sich berühren,
Da wirst du bald verschmachten müssen;
Der Liebe Wonnen ganz zu spüren,
O lerne mit der Seele küssen!

Robert Prutz (1816-1872)
_____




Ich habe dich so lieb

Ich habe dich so lieb!
Ich würde dir ohne Bedenken
Eine Kachel aus meinem Ofen
Schenken.

Ich habe dir nichts getan.
Nun ist mir traurig zu Mut.
An den Hängen der Eisenbahn
Leuchtet der Ginster so gut.

Vorbei - verjährt -
Doch nimmer vergessen.
Ich reise.
Alles, was lange währt
Ist leise.

Die Zeit entstellt
Alle Lebewesen.
Ein Hund bellt.
Er kann nicht lesen.
Er kann nicht schreiben.
Wir können nicht bleiben.
Ich lache.
Die Löcher sind die Hauptsache
An einem Sieb.

Ich habe dich so lieb.

Joachim Ringelnatz (1883-1934)
_____



Es macht mir nichts

Hauptsache ist, daß frei das Herz von Lüge
Und Zweifel sei! Wenn ich im übrigen
Statt eines Rosenkranzes ein Glas Wein
In Händen halte, - o das macht mir nichts!

Ob ich die Schönheit dieser Rosenknospe
Im Garten mir betrachte oder während
Im Bad ich weile, - o das macht mir nichts!

Trink aus drei Gläser, bis zum Rand gefüllt
Mit edelm Wein! Wenn du darauf den Frieden
Der Nacht durch reichliche Gebete dir
Erkaufen mußt, - fürwahr, das macht dir nichts!

Ich hoffe, daß du Liebe mich besuchst
Am zweiten Tage dieses Opferfestes.
Und wenn du nicht bei Tag kommst, sondern nachts, -
Es macht mir nichts, - bei Gott, es macht mir nichts!

Nedim (18. Jh.)
türkischer Dichter

(In der Nachdichtung von Hans Bethge 1876-1946)
_______



Für dich!

Für dich schmück' ich und binde mein Haar
Mit duft'gen Blumen, für dich allein,
Deinen sanften Tadel fürcht' ich nur,
Deine Lieb' ist all' mein Sein.

Für dich putzt mich mein schönstes Kleid,
Einfach und nett, für dich allein,
Kein and'res Auge soll in der Stadt
Sich mir in Liebe weihn.

Für dich stimm' ich der Lauten Klang,
Sonst wär' sie stumm, allein für dich,
Für die Biene ist des Juni Hauch
Nicht das, was du für mich.

Frances Sargent Locke Osgood (1813-1850)

(In der Übersetzung von Alexander Büchner 1827-1904)
_______




Liebesnacht

O wenn im Glanze weißer Kerzen
Sich sanft entzündet unsre Nacht
Und aus den lang verhaltnen Herzen
Die Sehnsucht nach dem Kuß erwacht;

Wenn wir tief innen von Verlangen
Durchschauert aneinander hin
Gewirbelt aus uns selber drangen,
Um vor der Liebe hinzuknien;

Wenn wir gerundet ohne Wehmut,
Wie Wachs für Feuerglanz vergeht,
Den Scheitel senken stumm vor Demut
Ist unser Kuß wie ein Gebet.

Emanuel von Bodman (1874-1946)
_____



Nacht du süßen Entzückens . . .

Nacht du süßen Entzückens, o wie ich dich gefeiert!
Nacht des Liebe-Beglückens, wo ich zuerst sie entschleiert!

Dein gedenk' ich noch heute voll der Erinnerung Strebens,
Ihr der Braut aller Bräute sing ich mein Lied voll Bebens.

Erst mit schüchternem Zagen mochte mein Muth sie schrecken,
Bis sie lernte ertragen mein lustweckendes Necken.

Leis' erst rührt mit der Hand ich sanft an Bändern und Schleifen,
Dann entbrannter verstand ich Störendes abzustreifen.

Fort von dem Busen schob ich des Schleiers neidische Hülle,
Sanft in dem Arm erhob ich der Glieder glänzende Fülle.

Ihr, die vordem so stille keuschem Gefühl ergeben,
Goß mein entzückter Wille Flammen ins Herz voll Beben.

Welch ein wonniges Biegen ihrer Glieder, der schönen!
Welch ein Wiegen und Schmiegen! Seufzen in flammenden Tönen!

Liebe trieb ihr Geschäfte kunstgeübt voll Gewandtheit,
Lieh ihr zaubrische Kräfte, Männermuth und Entbranntheit.

Mich in den Armen hob sie leicht empor gleich dem Balle,
Fort von dem Busen schob sie selbst die Kleider mir alle.

Gleiche selige Wonnen fühlten wir zwei selbander
Und wir gossen wie Sonnen Strahl um Strahl in einander.

Arabisches Volkslied
(In der Nachdichtung von Julius Altmann 1814-1873)
______




Von strahlenden Dingen

Es strahlt in ihrer Krone Pracht
Die Kais'rin von Byzanz,
Die Meerfrau glitzert in der Nacht
In schönerm Perlenglanz.

Wie Pfauenaugen schimmert fern
Des Bischofs goldnes Kleid,
Und über ihm - der Hirten Stern
In größrer Herrlichkeit.

Die Liebe geht im Zauberschein
Durch unser dunkles Land,
Hält doch den höchsten Edelstein
Verborgen in der Hand.

Irene Forbes-Mosse (1864-1946)
_____




Eine verliebte Ballade für Yssabeau d'Außigny

Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund,
ich schrie mir schon die Lungen wund
nach deinem weißen Leib, du Weib.
Im Klee, da hat der Mai ein Bett gemacht,
da blüht ein schöner Zeitvertreib
mit deinem Leib die lange Nacht.
Da will ich sein im tiefen Tal
dein Nachtgebet, und auch dein Sterngemahl.

Im tiefen Erdbeertal, im schwarzen Haar,
da schlief ich manches Sommerjahr
bei dir, und schlief doch nie zuviel.
Ich habe jetzt ein rotes Tier im Blut,
das macht mit wieder frohen Mut.
Komm her, ich weiß ein schönes Spiel
im dunklen Tal, im Muschelgrund . . .
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund.

Die graue Welt macht keine Freude mehr,
ich gab den schönsten Sommer her,
und dir hats auch kein Glück gebracht;
hast nur den roten Mund noch aufgespart
für mich so tief im Haar verwahrt . . .
Ich such ihn schon die lange Nacht
im Wintertal, im Aschengrund . . .
Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund.

Im Wintertal, im schwarzen Erdbeerkraut,
da hat der Schnee sein Nest gebaut
und fragt nicht, wo die Liebe sei.
Und habe doch das rote Tier so tief
erfahren, als ich bei dir schlief.
Wär nur der Winter erst vorbei
und wieder grün der Wiesengrund!
. . . ich bin so wild nach deinem Erdbeermund.

François Villon (1431- nach 1463)
(In der Nachdichtung von Paul Zech 1881-1946)
_____



Vorausbestimmung

Bevor die Gottheit noch das schimmernde
Kristall des Firmaments errichtet hatte,
Als du und ich noch schlummerten im Nichts, -
Schon damals waren unsre beiden Namen
Verbunden durch die Gottheit, wunderbar.

Eh noch die Sterne waren und der Mond,
Eh Wasser war und Feuer und die Erde,
Eh deine Stimme war und dein Gedanke,
Schon damals war durch Gott vorausbestimmt
Das Schicksal unsrer Liebe, wunderbar.

Abu-Said (978-1062)
(In der Nachdichtung von Hans Bethge 1876-1946)
_____




zurück zur Startseite