Deutsche Liebeslyrik - Gedicht der Woche Archiv

für das Jahr 2020

(die neuesten Gedichte oben)



Ewige Liebe

O wüsste ich nicht, dass die Sterne verbluten,
O wär es nicht wahr, dass die Sonne lischt,
O dürft ich Dich lieben mit flammenden Gluten,
Ach, und sie stürben, sie stürben nicht!

O könntest Du bleiben, o könntest Du weilen,
O liessest Du niemals mich, nie allein,
O dürfte ich ewigen Traum mit Dir teilen,
O dürftest Du ewig mein eigen sein!

Hugo Ball (1886-1927)
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Deine Schönheit ist meine Harfe

Auf den Apfelbäumen ist ein rosiges Gedränge,
Die Blüten sind weich wie dein Nacken
Und rund wie deine Wangen;
Die Apfelbäume haben es von dir gelernt,
Sich süß zu schmücken, sie verlernen es nie mehr.

Deine Schönheit ist meine Harfe,
Du bist unendlich schön, mein Lied sei ohne Ende.
Du schlägst die Wimpern nieder,
Sie sind mir eine neue Brücke in dein Herz.

Max Dauthendey (1867-1918)
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LIEBESLIED

Dein Mund, der schön geschweifte,
Dein Lächeln, das mich streifte,
Dein Blick, der mich umarmte,
Dein Schoß, der mich erwarmte,
Dein Arm, der mich umschlungen,
Dein Wort, das mich umsungen,
Dein Haar, darein ich tauchte,
Dein Atem, der mich hauchte,
Dein Herz, das wilde Fohlen,
Die Seele unverhohlen,
Die Füße, welche liefen,
Als meine Lippen riefen -:
Gehört wohl mir, ist alles meins,
Wüßt nicht, was mir das liebste wär,
Und gäb nicht Höll noch Himmel her:
Eines und alles, all und eins.

Klabund (1890-1928)
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Du meiner Seele schönster Traum

Du meiner Seele schönster Traum!
Du meiner schönsten Träume Seele!
Du Herz, dem ich mein Heil befehle!
Du Heil, wie ich es ahnte kaum!

Du meines Lebens schönstes Lied!
Du schönes Leben meiner Lieder!
Aus Lied und Leben klingen wieder,
Was deine Liebe mir beschied.

Du meines Lenzes Blüt' und Duft!
Du Lenz, dem reich mein Herz erblühet!
Du Stern, der mir am Himmel glühet,
Mein Himmel du voll Glanz und Luft!

O laß um deine Stirne gern
Der Liebe Glorie mich weben,
Mein Himmel du, mein Lenz, mein Leben!
Mein Heil, o du mein Lied, mein Stern!

Peter Cornelius (1824-1874)
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Du meines Herzens . . .

Du meines Herzens selige Rast,
Du meiner Seele süße Ruhe,
Ich nahe dir, ein müder Gast,
Nach dieses Tages Lärm und Hast,
Daß mir dein Händchen Liebe tue.

Daß es mich streichle sanft und lind
Und still sich biete meinen Küssen,
Daß alle Sterne, gutes Kind,
Die über unsern Häuptern sind,
In lichter Reinheit lächeln müssen.

Und daß in dieser hellen Nacht
Der Himmel näher rück' zur Erde,
Und daß ein leuchtend Glück erwacht
Und daß ich dann in Glanz und Pracht
Zum König allen Lichtes werde.

Leo Heller (1876-1949)
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O stille dies Verlangen!

O stille dies Verlangen,
Stille die süße Pein!
Zu seligem Umfangen
Laß den Geliebten ein!
Schon liegt die Welt im Traume,
Blühet die duft'ge Nacht;
Der Mond im blauen Raume
Hält für die Liebe Wacht.
Wo zwei sich treu umfangen,
Da giebt er den holdesten Schein.
O stille dies Verlangen,
Laß den Geliebten ein!

Du bist das süße Feuer,
Das mir am Herzen zehrt;
Lüfte, lüfte den Schleier,
Der nun so lang' mir wehrt!
Laß mich vom rosigen Munde
Küssen die Seele dir,
Aus meines Busens Grunde
Nimm meine Seele dafür -
O stille dies Verlangen,
Stille die süße Pein,
Zu seligem Umfangen
Laß den Geliebten ein!

Die goldnen Sterne grüßen
So klar vom Himmelszelt,
Es geht ein Wehn und Küssen
Heimlich durch alle Welt,
Die Blumen selber neigen
Sehnsüchtig einander sich zu,
Die Nachtigall singt in den Zweigen -
Träume, liebe auch du!
O stille dies Verlangen,
Laß den Geliebten ein!
Von Lieb' und Traum umfangen
Wollen wir selig sein.

Emanuel Geibel (1815-1884)
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Versunken

Voll Locken kraus ein Haupt so rund! -
Und darf ich dann in solchen reichen Haaren
Mit vollen Händen hin und wider fahren,
Da fühl ich mich von Herzensgrund gesund.
Und küß ich Stirne, Bogen, Auge, Mund,
Dann bin ich frisch und immer wieder wund.
Der fünfgezackte Kamm, wo sollt er stocken?
Er kehrt schon wieder zu den Locken.
Das Ohr versagt sich nicht dem Spiel,
Hier ist nicht Fleisch, hier ist nicht Haut,
So zart zum Scherz, so liebeviel!
Doch wie man auf dem Köpfchen kraut,
Man wird in solchen reichen Haaren
Für ewig auf und nieder fahren.
So hast du, Hafis, auch getan,
Wir fangen es von vornen an.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
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Siesta

Lieb, o lieb war die Nacht
Mitten am hellen Tag,
Als wir die Läden geschlossen,
Als durch die schützenden Sprossen
Goldige Dämmerung brach.

Kühl, o kühl war der Saal,
Drinnen die Welt uns verging,
Da wir in seligem Schmachten
Wandelten, flüsterten, lachten,
Bis uns der Schlummer umfing.

Süß, o süß war der Traum,
Herz am Herzen geträumt!
Über uns schwebend im Kreise
Flattert’ ein Schmetterling leise,
Dunkel die Schwingen umsäumt.

Paul Heyse (1830-1914)
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Maiwonne

Denkst du der Stunde, als zu Zweien
Wir saßen unter duft'gen Maien
Im Brautgemache der Natur?
Als Lippe wir an Lippe drückten,
Indessen über den Beglückten
Der Frühling im Triumphzug fuhr?

Die Wipfel bog er uns zu Häupten,
Hernieder von den Zweigen stäubten
Die Blüthen unter seinem Hauch;
Ihm tönte in den Laubenhallen
Das Feierlied der Nachtigallen,
Ihm quoll der Düfte Opferrauch.

Der Himmel jauchzte in Gewittern,
Durch alle Räume ging ein Zittern
Der Liebe und der Werdelust;
Allein die große Jubelfeier
Verstummte vor der Wonne Zweier,
Die selig ruhten Brust an Brust.

O Stunde, ewig unvergessen
Das weite Weltall mögt ihr messen,
Bis wo in Schwindel zagt der Blick,
Doch wenn zwei Wesen ihre Seelen
Im ersten heil'gen Kuß vermählen,
Wo ist ein Maß für solches Glück?

Sie beben stumm und freudetrunken,
Die Erde scheint um sie versunken,
Hinweggeschwunden Raum und Zeit,
Und von der Welt ist nichts geblieben,
Als nur zwei Herzen, die sich lieben,
Allein in der Unendlichkeit.

Adolf Friedrich von Schack(1815-1894)
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Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.

Heinrich Heine (1797-1856)
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Die Küße

Des Freundes Zunge sprach zu der Geliebten Lippen:
Was ist's, das, mich zu bannen, euch bewegt?
Laßt mich nur Einmal euren Nektar nippen!
Ich bin ein Pfeil der keine Wunde schlägt.
Ich bin beredt, ich lisple Huldigungen,
Ich fleh' um Gunst und innigen Verein;
Und das vermag ich auch allein.
Doch das Gekose schwesterlicher Zungen,
Die, insgeheim, sich liebevoll umschlungen,
Wird überschwenglicher als alle Worte sein:
Es athmet Flammen und entzückte Pein.

August Wilhelm von Schlegel (1767-1845)
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Gebet

Aber dennoch ist erlaubt
Eine Bitte.
Vater, der du Alles hast,
Gieb mir Liebe!

Spende Andern Ruhm und Gold,
Ehrenkreuz und Ehrensold,
Jeden Segen
Ihren Wegen!
Vater, der du Alles hast,
Mir gieb Liebe!

Karl Immermann (1796-1840)
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Liebeslied

Küsse mich - küß mich lang und heiß,
Bis dies Herz, dies wild erregte,
Dies von Sorgen dumpf bewegte,
Wie von Lethes Fluten trunken
Tief in deinen Schoß gesunken,
Nichts von Qual und Sorgen weiß -
Küß mich lang - küß mich heiß!

Küsse mich - küß mich lang und süß;
Aus der Ruh', die du gegeben,
Wecke wieder mich zum Leben,
Daß ich wachend, Stund' auf Stunde,
Leben trinke dir vom Munde,
Du mein Erdenparadies -
Küß mich lang - küß mich süß!

Küsse mich - küß mich immerdar,
Daß, wie Lipp' auf Lippe schließet,
Dasein ganz in Dasein fließet,
Ewigkeit den Bund uns segne,
Kein Verlieren uns begegne -
Nimmer Trennung - nimmerdar -
Küß mich immerdar.

Ernst von Wildenbruch (1845-1909)
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An Sie

Ich denke dein, wenn der Erinnrung Freude
Melodisch mir wie ferner Nachhhall tönt,
Wenn sich die Gegenwart im Blütenkleide
Bei Träumen der Vergangenheit verschönt!

Ich denke dein, wenn Morgengold die Fluren
Im leisen Frühlingswehen überfließt,
Wenn die betauten, feiernden Naturen
Der Schlummergott in seine Arme schließt.

Ich denke dein, wenn für die Seligkeiten
Der Liebe, für die heil'ge Sympathie
Aëdons Jubellied des Herzens Saiten
Bewegt und stimmt mit lieblicher Magie.

Und wenn die Einsamkeit mit stillen Freuden,
Mit reiner Lust mein Herz und Auge füllt;
O dann umwallt mich unter Pappelweiden
Stets gegenwärtiger dein schönes Bild.

Dein Blick erheitert dann mir, wie ein Funken
Von Götterlicht, des Daseins dunkeln Traum,
In Sehnsucht und geheimer Lust versunken,
Weilt sanft mein Aug' am Lebensblütenbaum.

O, laß mich ruh'n in dieses Baumes Kühle,
Mich tauchen in der Liebe Ätherglut,
Und ungetrübt im heiligen Gefühle
Ergieße sich des Lebens stille Flut!

Christian Gottfried Heinrich Burdach (1775-1823)
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Mein Alles

Was der Frühling jeder Zone,
Was die Blüte jedem Strauch,
Was die Harmonie dem Tone,
Was dem Vöglein Liederbrauch -
Das bist Du mir!

Was dem Tage seine Sonne
Und was Stern' und Mond der Nacht,
Was der Andacht - Betens Wonne,
Was dem Herrscher - Weltenmacht, -
Das bist Du mir!

Mit Dir preis' ich meine Lenze,
Mit Dir freut die Blume mich,
Mit Dir schlingen frohe Tänze,
Lied und Klang durch's Leben sich -
Nicht ohne Dich!

Mit Dir jauchze ich den Tagen
Und den Nächten Hymnen zu.
Mit Dir möcht ich Alles wagen -
Ging' mit Dir dem Grabe zu -
Nicht ohne Dich!

Mehr noch als ein Held im Ruhme
Weckst Du Thaten und Verehrung.
Du bist, was dem Heiligthume
Seine herrlichste Verklärung -
Das bist Du mir,
Ich bin's in Dir!

Ludwig Foglar (1819-1889)
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Die Liebe

Wenn ihr Freunde vergeßt, wenn ihr die Euern all,
O ihr Dankbaren, sie, euere Dichter schmäht,
Gott vergeb es, doch ehret
Nur die Seele der Liebenden.

Denn o saget, wo lebt menschliches Leben sonst,
Da die knechtische jetzt alles, die Sorge, zwingt?
Darum wandelt der Gott auch
Sorglos über dem Haupt uns längst.

Doch, wie immer das Jahr kalt und gesanglos ist
Zur beschiedenen Zeit, aber aus weißem Feld
Grüne Halme doch sprossen,
Oft ein einsamer Vogel singt,

Wenn sich mählich der Wald dehnet, der Strom sich regt,
Schon die mildere Luft leise von Mittag weht
Zur erlesenen Stunde,
So ein Zeichen der schönern Zeit,

Die wir glauben, erwächst einziggenügsam noch,
Einzig edel und fromm über dem ehernen,
Wilden Boden die Liebe,
Gottes Tochter, von ihm allein.

Sei gesegnet, o sei, himmlische Pflanze, mir
Mit Gesange gepflegt, wenn des ätherischen
Nektars Kräfte dich nähren,
Und der schöpfrische Strahl dich reift.

Wachs und werde zum Wald! eine beseeltere,
Vollentblühende Welt! Sprache der Liebenden
Sei die Sprache des Landes,
Ihre Seele der Laut des Volks!

Friedrich Hölderlin (1770-1843)
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Glück

Wie der Lilie zarter Stengel
In des Zephyrs lindem Weh'n
Neigst du dich - ein holder Engel -
Lächelnd meinem Liebesfleh'n ...

Und ich lege dir zu Füßen
All' mein Sein in einem Wort:
Leis' die trunk'nen Seelen grüßen
Sich in himmlischem Accord ...

Wilhelm Arent (1864-?)
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Liebe

Die Lieb' ist eine Blume
Im Paradies erblüht, -
Ein lichter Traum, der wonnig
Das Menschenherz durchglüht.

Die Lieb' ist ein Gedanke
Der Gottheit, groß und schön, -
Und wer ihn denkt, kann muthig
Dem Tod in's Auge seh'n.

Victor Ludwig Eduard von Cambecq (1833-1854)
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Sprechen oder Küssen?

Er
Es ist mein Herz von Zweifeln voll,
Die mich betrüben müssen:
Ich weiß nicht, was ich wünschen soll,
Dein Sprechen oder dein Küssen?

Das kleinste Wörtchen, das du sprichst,
Es klingt wie Engelsgrüßen:
Doch wenn du, Schatz, dein Schweigen brichst,
So kannst du leider nicht küssen.

Wie kann dein feurig Küssen mir
Den herbsten Schmerz versüßen!
Doch fehlt, Geliebte, wieder dir
Der Sprache Zauber beim Küssen.

Wer sagt mir, wen ich missen soll
Von zweien Hochgenüssen?
O lehrte dich der Gott Apoll
Die Kunst, mich sprechend zu küssen!

Sie
Wie du so kalt vernünfteln kannst,
Ich weiß es kaum zu fassen;
Erst wenn die Kälte du verbannst,
Wird auch der Zweifel dich lassen.

Wir sind ein andrer Menschenschlag,
Wir Mädchen fühlen wärmer:
Was auch dein Wort verkünden mag,
An Freude macht es mich ärmer.

Ach träge schleicht ein Redefluß
Durch lieber Lippen Pforte;
Der beste Redner ist ein Kuß,
Was noch bedarf es der Worte?

O Kuß, du heißest wohl mit Grund
Ein Trauring zweier Seelen:
Wer kann wie du zu festem Bund
Das Herz dem Herzen vermählen?

Andreas Ludwig Jeitteles (1799-1878)

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Es singt so süß die Nachtigall

Es singt so süß die Nachtigall,
Wenn sich der Tag zu Ende neigt,
Wenn sich verloren jeder Schall,
Und Alles ruht, und Alles schweigt.

Der Wind kühl durch die Trauben weht
Vom duftenden Hollunderbaum,
Darunter eine Rose steht,
Sie träumt den ersten Liebestraum.

Vom Baume tönt's wie Sehnsuchtslaut,
Die rote Rose bebt und lauscht,
Bis sie von Thränen ganz bethaut,
Bis sie von Liebe ganz berauscht.

Max Kalbeck (1850-1921)
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Aus der Ferne

Wann denkst Du mein?
Wenn wunderherrlich aufgeblüht,
Im reichsten Frühlingsglanz,
Die Erde Dir entgegenglüht?

Wann denkst Du mein?
So oft ein wehmuthsvolles Lied,
Durch frohen Stundentanz,
Mit Sturmesmacht zu Dir hinzieht?

Denkst Du wohl mein?
Wenn laute Freude Dich umschließt?
Wenn Jubelharmonie
Beglückend auf Dich niederfließt?

Wann denkst Du mein?
Am frühen Tag, in später Nacht,
Schließt sich Dein Auge nie?
Bevor Dein Herz an mich gedacht?

Ludwig Foglar (1819-1889)
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Liebe

Es ist ein Glück zu wissen,
daß du bist,
Von dir zu träumen
hohe Wonne ist,
Nach dir sich sehnen
macht zum Traum die Zeit,
Bei dir zu sein,
ist ganze Seligkeit.

Otto Julius Bierbaum (1865-1910)
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An eine Unbekannte

Sonett VII.
Nicht wie ein Lichtstrahl, was ich auch gesprochen,
Traf mich dein Blick in seinem sel'gen Prangen;
Nicht wie die Blume hab' ich ihn empfangen,
Nicht wie der Spiegel, klar und ungebrochen:

Er hat mir, wie ein Pfeil, in's Herz gestochen,
Dass hoch empor des Blutes Säulen sprangen;
Nun stammelt mein Gesang in Lust und Bangen,
Und in den Schläfen fühl' ich's fiebernd pochen.

Nun aber werfe ich vor dir mich nieder
Und küsse dein Gewand mit heissem Munde,
Und betend schling' ich mich um deine Glieder:

Gieb, gieb, dass nimmermehr dies Herz gesunde!
Den Frieden, den du nahmst, gieb mir nicht wieder!
Zieh' nicht den Pfeil aus meiner süssen Wunde!

Siegfried Lipiner (1856-1911)
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Zwei Menschen

Stirn gegen Stirn
drängt wuchtender Pulsschlag -
taumeln zwei Menschen
im Meer ihres Willens.
Not flutet Brandung,
bis zum Horizont
kein Ziel ferner Landung.
Äther blüht, blaue Blume,
über ihrem Heiligthum.
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Helle

In dir ist mein Anfang, in dir ist mein Ende,
in dir ist der Gleichklang zu all meinem Tun.
Was in mir erwacht, begehrt deiner Hände,
daß auf dem Vollendenden sie segnend ruhn.
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Blühen erwacht.
Eros spricht:
Liebe
zeugt in der Nacht
des Lebendigen
innerste Weisheit:
Licht.

Oscar Ludwig Brandt
(1889 in Köln - 1943 im Konzentrationlager Ausschwitz)
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O, Mann?

Die lieben Augen sind's! die blonden Härchen!
Die vollen Wangen mit den runden Grübchen! -
Du bist mir nah und doch so fern, o Liebchen,
Wir wandeln einsam, ein getrenntes Pärchen

- Dem Himmel sei's geklagt! - schon manches Jährchen! -
Gott Amor lacht uns aus, das lose Bübchen! -
Wann kommt der Tag, wo ich im eig'nen Stübchen
Dich froh als Braut umfange, liebes Clärchen?

Wann seh ich dich im leichten Morgenhäubchen
Geschäftig in der Küche, holdes Püppchen,
Zu kochen mir ein kräftig gutes Süppchen?

Wann küss' ich dir dein wirthschaftliches Händchen
Und sage: Sieh, hier fehlt mir noch ein Bändchen,
Ein Knöpfchen hier! - Näh' mir es an, mein Täubchen!?

Max Kalbeck (1850-1921)
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Ich denk' an dich . . .

Ich denk' an dich,
Wenn golden auf die Sonne geht
Und fröhlich jeder Vogel singt;
Wenn mir im Aug' die Thräne steht
Und Niemand einen Gruß mir bringt,
Denk' ich an dich.

Ich denk' an dich,
Wenn langsam lang der Tag verstreicht
Und traurig jede Stund' verfließt;
Wenn bleicher meine Wange bleicht
Und stummer Schmerz die Lippe schließt,
Denk' ich an dich.

Ich denk' an dich,
Wenn düster dann der Abend nah't
Und dämmernd Berg und Wald verschwimmt;
Wenn mir auf einsam stillen Pfad
Die Sehnsucht jede Ruhe nimmt,
Denk' ich an dich.

Ich denk' an dich,
Wenn niedersinkt die schwarze Nacht
Und Alles, Alles schlafend ruh't;
Wenn thränenlos mein Auge wacht
Und heiß im Herzen wogt das Blut,
Denk' ich an dich.

Ich denk' an dich
An jedem Ort und alle Zeit,
So lang' mein zitternd Herz noch schlägt,
So lang, bis man im Todtenkleid
Mich in der Fremd' zu Grabe trägt,
Denk' ich an dich.

Heinrich von Reder (1824-1909)
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Du meines Herzens . . .

Du meines Herzens selige Rast,
Du meiner Seele süße Ruhe,
Ich nahe dir, ein müder Gast,
Nach dieses Tages Lärm und Hast,
Daß mir dein Händchen Liebe tue.

Daß es mich streichle sanft und lind
Und still sich biete meinen Küssen,
Daß alle Sterne, gutes Kind,
Die über unsern Häuptern sind,
In lichter Reinheit lächeln müssen.

Und daß in dieser hellen Nacht
Der Himmel näher rück' zur Erde,
Und daß ein leuchtend Glück erwacht
Und daß ich dann in Glanz und Pracht
Zum König allen Lichtes werde.

Leo Heller (1876-1949)
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Zum neuen Jahr

Wie heimlicher Weise
Ein Engelein leise
Mit rosigen Füßen
Die Erde betritt,
So nahte der Morgen.
Jauchzt ihm, ihr Frommen,
Ein heilig Willkommen,
Ein heilig Willkommen!
Herz, jauchze du mit!

In Ihm sei's begonnen,
Der Monde und Sonnen
An blauen Gezelten
Des Himmels bewegt.
Du, Vater, du rate!
Lenke du und wende!
Herr, dir in die Hände
Sei Anfang und Ende,
Sei alles gelegt!

Eduard Mörike (1804-1875)
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