Deutsche Liebeslyrik - Gedicht der Woche Archiv

für das Jahr 2020

(die neuesten Gedichte oben)



Die Liebe

Wenn ihr Freunde vergeßt, wenn ihr die Euern all,
O ihr Dankbaren, sie, euere Dichter schmäht,
Gott vergeb es, doch ehret
Nur die Seele der Liebenden.

Denn o saget, wo lebt menschliches Leben sonst,
Da die knechtische jetzt alles, die Sorge, zwingt?
Darum wandelt der Gott auch
Sorglos über dem Haupt uns längst.

Doch, wie immer das Jahr kalt und gesanglos ist
Zur beschiedenen Zeit, aber aus weißem Feld
Grüne Halme doch sprossen,
Oft ein einsamer Vogel singt,

Wenn sich mählich der Wald dehnet, der Strom sich regt,
Schon die mildere Luft leise von Mittag weht
Zur erlesenen Stunde,
So ein Zeichen der schönern Zeit,

Die wir glauben, erwächst einziggenügsam noch,
Einzig edel und fromm über dem ehernen,
Wilden Boden die Liebe,
Gottes Tochter, von ihm allein.

Sei gesegnet, o sei, himmlische Pflanze, mir
Mit Gesange gepflegt, wenn des ätherischen
Nektars Kräfte dich nähren,
Und der schöpfrische Strahl dich reift.

Wachs und werde zum Wald! eine beseeltere,
Vollentblühende Welt! Sprache der Liebenden
Sei die Sprache des Landes,
Ihre Seele der Laut des Volks!

Friedrich Hölderlin (1770-1843)
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Glück

Wie der Lilie zarter Stengel
In des Zephyrs lindem Weh'n
Neigst du dich - ein holder Engel -
Lächelnd meinem Liebesfleh'n ...

Und ich lege dir zu Füßen
All' mein Sein in einem Wort:
Leis' die trunk'nen Seelen grüßen
Sich in himmlischem Accord ...

Wilhelm Arent (1864-?)
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Liebe

Die Lieb' ist eine Blume
Im Paradies erblüht, -
Ein lichter Traum, der wonnig
Das Menschenherz durchglüht.

Die Lieb' ist ein Gedanke
Der Gottheit, groß und schön, -
Und wer ihn denkt, kann muthig
Dem Tod in's Auge seh'n.

Victor Ludwig Eduard von Cambecq (1833-1854)
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Sprechen oder Küssen?

Er
Es ist mein Herz von Zweifeln voll,
Die mich betrüben müssen:
Ich weiß nicht, was ich wünschen soll,
Dein Sprechen oder dein Küssen?

Das kleinste Wörtchen, das du sprichst,
Es klingt wie Engelsgrüßen:
Doch wenn du, Schatz, dein Schweigen brichst,
So kannst du leider nicht küssen.

Wie kann dein feurig Küssen mir
Den herbsten Schmerz versüßen!
Doch fehlt, Geliebte, wieder dir
Der Sprache Zauber beim Küssen.

Wer sagt mir, wen ich missen soll
Von zweien Hochgenüssen?
O lehrte dich der Gott Apoll
Die Kunst, mich sprechend zu küssen!

Sie
Wie du so kalt vernünfteln kannst,
Ich weiß es kaum zu fassen;
Erst wenn die Kälte du verbannst,
Wird auch der Zweifel dich lassen.

Wir sind ein andrer Menschenschlag,
Wir Mädchen fühlen wärmer:
Was auch dein Wort verkünden mag,
An Freude macht es mich ärmer.

Ach träge schleicht ein Redefluß
Durch lieber Lippen Pforte;
Der beste Redner ist ein Kuß,
Was noch bedarf es der Worte?

O Kuß, du heißest wohl mit Grund
Ein Trauring zweier Seelen:
Wer kann wie du zu festem Bund
Das Herz dem Herzen vermählen?

Andreas Ludwig Jeitteles (1799-1878)

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Es singt so süß die Nachtigall

Es singt so süß die Nachtigall,
Wenn sich der Tag zu Ende neigt,
Wenn sich verloren jeder Schall,
Und Alles ruht, und Alles schweigt.

Der Wind kühl durch die Trauben weht
Vom duftenden Hollunderbaum,
Darunter eine Rose steht,
Sie träumt den ersten Liebestraum.

Vom Baume tönt's wie Sehnsuchtslaut,
Die rote Rose bebt und lauscht,
Bis sie von Thränen ganz bethaut,
Bis sie von Liebe ganz berauscht.

Max Kalbeck (1850-1921)
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Aus der Ferne

Wann denkst Du mein?
Wenn wunderherrlich aufgeblüht,
Im reichsten Frühlingsglanz,
Die Erde Dir entgegenglüht?

Wann denkst Du mein?
So oft ein wehmuthsvolles Lied,
Durch frohen Stundentanz,
Mit Sturmesmacht zu Dir hinzieht?

Denkst Du wohl mein?
Wenn laute Freude Dich umschließt?
Wenn Jubelharmonie
Beglückend auf Dich niederfließt?

Wann denkst Du mein?
Am frühen Tag, in später Nacht,
Schließt sich Dein Auge nie?
Bevor Dein Herz an mich gedacht?

Ludwig Foglar (1819-1889)
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Liebe

Es ist ein Glück zu wissen,
daß du bist,
Von dir zu träumen
hohe Wonne ist,
Nach dir sich sehnen
macht zum Traum die Zeit,
Bei dir zu sein,
ist ganze Seligkeit.

Otto Julius Bierbaum (1865-1910)
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An eine Unbekannte

Sonett VII.
Nicht wie ein Lichtstrahl, was ich auch gesprochen,
Traf mich dein Blick in seinem sel'gen Prangen;
Nicht wie die Blume hab' ich ihn empfangen,
Nicht wie der Spiegel, klar und ungebrochen:

Er hat mir, wie ein Pfeil, in's Herz gestochen,
Dass hoch empor des Blutes Säulen sprangen;
Nun stammelt mein Gesang in Lust und Bangen,
Und in den Schläfen fühl' ich's fiebernd pochen.

Nun aber werfe ich vor dir mich nieder
Und küsse dein Gewand mit heissem Munde,
Und betend schling' ich mich um deine Glieder:

Gieb, gieb, dass nimmermehr dies Herz gesunde!
Den Frieden, den du nahmst, gieb mir nicht wieder!
Zieh' nicht den Pfeil aus meiner süssen Wunde!

Siegfried Lipiner (1856-1911)
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Zwei Menschen

Stirn gegen Stirn
drängt wuchtender Pulsschlag -
taumeln zwei Menschen
im Meer ihres Willens.
Not flutet Brandung,
bis zum Horizont
kein Ziel ferner Landung.
Äther blüht, blaue Blume,
über ihrem Heiligthum.
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Helle

In dir ist mein Anfang, in dir ist mein Ende,
in dir ist der Gleichklang zu all meinem Tun.
Was in mir erwacht, begehrt deiner Hände,
daß auf dem Vollendenden sie segnend ruhn.
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Blühen erwacht.
Eros spricht:
Liebe
zeugt in der Nacht
des Lebendigen
innerste Weisheit:
Licht.

Oscar Ludwig Brandt
(1889 in Köln - 1943 im Konzentrationlager Ausschwitz)
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O, Mann?

Die lieben Augen sind's! die blonden Härchen!
Die vollen Wangen mit den runden Grübchen! -
Du bist mir nah und doch so fern, o Liebchen,
Wir wandeln einsam, ein getrenntes Pärchen

- Dem Himmel sei's geklagt! - schon manches Jährchen! -
Gott Amor lacht uns aus, das lose Bübchen! -
Wann kommt der Tag, wo ich im eig'nen Stübchen
Dich froh als Braut umfange, liebes Clärchen?

Wann seh ich dich im leichten Morgenhäubchen
Geschäftig in der Küche, holdes Püppchen,
Zu kochen mir ein kräftig gutes Süppchen?

Wann küss' ich dir dein wirthschaftliches Händchen
Und sage: Sieh, hier fehlt mir noch ein Bändchen,
Ein Knöpfchen hier! - Näh' mir es an, mein Täubchen!?

Max Kalbeck (1850-1921)
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Ich denk' an dich . . .

Ich denk' an dich,
Wenn golden auf die Sonne geht
Und fröhlich jeder Vogel singt;
Wenn mir im Aug' die Thräne steht
Und Niemand einen Gruß mir bringt,
Denk' ich an dich.

Ich denk' an dich,
Wenn langsam lang der Tag verstreicht
Und traurig jede Stund' verfließt;
Wenn bleicher meine Wange bleicht
Und stummer Schmerz die Lippe schließt,
Denk' ich an dich.

Ich denk' an dich,
Wenn düster dann der Abend nah't
Und dämmernd Berg und Wald verschwimmt;
Wenn mir auf einsam stillen Pfad
Die Sehnsucht jede Ruhe nimmt,
Denk' ich an dich.

Ich denk' an dich,
Wenn niedersinkt die schwarze Nacht
Und Alles, Alles schlafend ruh't;
Wenn thränenlos mein Auge wacht
Und heiß im Herzen wogt das Blut,
Denk' ich an dich.

Ich denk' an dich
An jedem Ort und alle Zeit,
So lang' mein zitternd Herz noch schlägt,
So lang, bis man im Todtenkleid
Mich in der Fremd' zu Grabe trägt,
Denk' ich an dich.

Heinrich von Reder (1824-1909)
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Du meines Herzens . . .

Du meines Herzens selige Rast,
Du meiner Seele süße Ruhe,
Ich nahe dir, ein müder Gast,
Nach dieses Tages Lärm und Hast,
Daß mir dein Händchen Liebe tue.

Daß es mich streichle sanft und lind
Und still sich biete meinen Küssen,
Daß alle Sterne, gutes Kind,
Die über unsern Häuptern sind,
In lichter Reinheit lächeln müssen.

Und daß in dieser hellen Nacht
Der Himmel näher rück' zur Erde,
Und daß ein leuchtend Glück erwacht
Und daß ich dann in Glanz und Pracht
Zum König allen Lichtes werde.

Leo Heller (1876-1949)
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Zum neuen Jahr

Wie heimlicher Weise
Ein Engelein leise
Mit rosigen Füßen
Die Erde betritt,
So nahte der Morgen.
Jauchzt ihm, ihr Frommen,
Ein heilig Willkommen,
Ein heilig Willkommen!
Herz, jauchze du mit!

In Ihm sei's begonnen,
Der Monde und Sonnen
An blauen Gezelten
Des Himmels bewegt.
Du, Vater, du rate!
Lenke du und wende!
Herr, dir in die Hände
Sei Anfang und Ende,
Sei alles gelegt!

Eduard Mörike (1804-1875)
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