Deutsche Liebeslyrik - Gedicht der Woche Archiv

für das Jahr 2021

(die neuesten Gedichte oben)



Hautnah

Wenn du nahe bist,
Augenweide, Gluthauch,

wenn dein pochendes Blut
meine Ohren öffnet,

wenn meine Fieberhaut
dich anrühren kann

und dein Atem
meine Hände führt,

wenn die Worte versagen
- und beinahe das Herz -,

geb ich gerne alles dran.
Wie Schnee, der schmilzt.

© Manfred Ach
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Trennt euch zuweilen ...

Trennt euch zuweilen,
Ihr glücklich Liebenden!
Ach, nur die Ferne
Glüht Seel’ und Seele
Magisch zusammen;
Ach, nur die Sehnsucht
Vermählt euch ganz!

Süße ist das Haben
Arm in Armen,
Süß sind die Gaben,
Die lebenswarmen,
Des geselligen
Augenblicks.

Wie reife Trauben,
Des Gartens Zierde
In sonnigen Lauben,
Die voll Begierde
Wir pflücken und naschen,
Durstig des raschen,
Trunkenen Glücks.

Doch gleich dem Weine,
Der aus der Kelter
Trübe geflossen,
Lange von dunkeln
Reifen umschlossen,
Bis er mit Funkeln
Im Becher glüht:

So kann nur Liebe
Das Mark durchglühen,
Die ausgereift ist
In Sehnsuchtsmühen,
Fern und allein,
Bis ihr die Blume,
Die duftig reine,
Dauernd erblüht.

Trennt euch zuweilen,
Ihr glücklich Liebenden!
Besser, es trennen
Euch weite Meilen,
Als der Nähe
Treiben und Jagen,
Wo Herz dem Herzen
Muß ferne schlagen
Und Blicke scherzen
In fremdem Glanz.

Ach, nur die Ferne
Glüht Seel’ und Seele
Magisch zusammen;
Ach, nur die Sehnsucht
Vermählt euch ganz!

Paul Heyse (1830-1914)
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Komm'!

Mein zitterndes Herz verlangt nach dir;
Es strömt in feurigen Gluten
Das wallende Blut zum Herzen mir -
Ich möcht' vor Liebe verbluten!

Und durch dein Herz, da rauscht's wie Föhn:
Du lauschest dem Sturm mit Grauen;
Schau' mir ins Aug'! – es ist so schön,
Ins lodernde Feuer schauen!

Dir wogt die Brust, mir brennt das Blut,
Komm', eh' wir welken müssen!
Komm' wie der Föhn und schür' die Glut
Mit deinen flammenden Küssen!

Karl Stieler (1842-1885)
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Mein mohnroter Flammenmund

Mein mohnroter Flammenmund
Dürstet nach deinen Küssen,
In meiner Tiefe Grund
Dunkelt's von Purpurnissen.

Toll wogt mein Odem empor
Und zuckt in scheuer
Lust an ein rotes Tor
Die züngelnden Feuer . . .

Kommt wahnverlangend dein Hauch
Mit meiner Glut zusammen,
Stehst du, Verlorner, auch
In Flackerflammen.

Aufjubelnd umschling' ich dich,
Zu lohenden Fackel geworden,
Und jauchzend umschwing' ich dich
Mit Feuerstromakkorden!


Maria Scholz (Ps. Maria Stona) (1861-1944)
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Tristan und Isolde in der Minnegrotte
(aus: Tristan und Isolde)

Die beiden sahn einander an,
Und davon lebten Weib und Mann.
Die Ernte, die das Auge trug,
Bot ihnen Speis und Trank genug;
Da schlürften alle Sinne
Nur hohen Mut und Minne.
Die Hausgenossenschaft im Wald,
Die war um ihren Unterhalt
In gar geringen Sorgen.
Sie trugen ja verborgen
Zu allen Stunden im Gewand
Die beste Speise gleich zur Hand,
Die man auf Erden haben kann;
Die bot von selbst sich ihnen an
Und immer frisch aufs neue:
Das war die reine Treue,
Die balsamkräftge Minne,
Dem Leibe und dem Sinne
Ein innig Glück, ein guter Geist,
Die Herz und Mut mit Freuden speist;
Die war ihr bestes Labsal dort.
Ja, selten nahmen sie hinfort
Sonst einer Speise wahr als der,
Woran das Herze sein Begehr,
Das Auge seine Wonne sah
Und auch dem Leib sein Recht geschah.
So hatten beide denn genug.
Die Liebe zog mit ihrem Pflug
Vor ihnen her auf allen Schritten
Als Baumann durch der Wildnis Mitten,
Um ihnen stets aus vollen Händen
Des Lebens Überfluß zu spenden.

Gottfried von Straßburg
(um 1170 bis ca. 1215)
(in der Übersetzung von Wilhelm Hertz (1835-1902))
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Tanto gentile e tanto onestra pare

So ganz holdselig scheint, so reich an Sitte
Die Liebste, sieht man sie im Gruß sich neigen,
Daß Zittern jeden Mund befällt und Schweigen,
Und keinem Aug' ein dreister Blick entglitte.

Sie aber geht durch der Entzückten Mitte,
Gekleidet mild in Demuth, die ihr eigen.
Da ist's, als ob vor uns vom Himmelsreigen
Ein Wunderbild zur Erde niederschritte.

Sie stellt sich jedem Blick so lieblich dar,
Daß eine Süße dringt durchs Aug' ins Herze,
Die Keiner, der ihr fremd, zu kennen wähne.

Und von den holden Lippen wunderbar
Weht linder Hauch, erfüllt von Lieb' und Schmerze,
Der zu der Seele spricht: Nun seufz' und sehne!

Dante Alighieri (1256-1321)

(übersetzt von Paul Heyse (1830-1914))
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Wie hast du selig mich gemacht ...

Wie hast du selig mich gemacht
Du milde, dunkle Sommernacht!
Es war so still in weiter Rund',
Da lag verstummt auch Mund an Mund -
Mein Liebster hat mich geküßt!

Ich träum' es Nachts in süßer Ruh',
Im Traum ist's, was am Tag ich thu',
Weiß nicht, ob Sturm ob Sonnenschein,
Muß lächeln nur in mich hinein:
Mein Liebster hat mich geküßt!

O dürft' ich künden, was mich drängt,
Was pochend fast die Brust mir sprengt,
Auf daß die Welt, die nichts vergönnt,
Den ganzen Himmel fassen könnt':
Mein Liebster hat mich geküßt!

Angelika von Hörmann (1843-1921)
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Gingo Biloba

Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie's den Wissenden erbaut.

Ist es Ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Daß man sie als Eines kennt?

Solche Fragen zu erwidern,
Fand ich wohl den rechten Sinn:
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Daß ich Eins und doppelt bin?

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)
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Alles, was ich habe ist dein

Alles, was ich habe ist dein.
Meine Gedanken und Handlungen tragen
deinen Stempel, die Lieder sagen
nur, was du trugest in mich hinein.
Von der Art, meine Hände zu falten
bis zur geringsten Alltäglichkeit
hab ich alles von dir erhalten,
hat dein Berühren mein Leben geweiht,
und so ist es nicht zu vermeiden
und du mußt mir gütig verzeihn,
vermag ich nicht immer zu unterscheiden
zwischen mein und dein.

Leonie Spitzer (1891-1940)
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Aus: Hyperion

Was ist alles, was in Jahrtausenden
die Menschen taten und dachten,
gegen Einen Augenblick der Liebe?
Es ist aber auch das Gelungenste,
Göttlichschönste in der Natur!
dahin führen alle Stufen
auf der Schwelle des Lebens.
Daher kommen wir,
dahin gehn wir.

Friedrich Hölderlin (1770-1843)
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Du

Du bist die Helle meines Lebens,
Im Dunkeln ging mein Lauf -
Ich suchte lange dich vergebens:
Da ging dein Stern mir auf.

Du bist die Laute meiner Tage,
Mein heimlicher Gesang,
Verstummt ist meine düstre Klage
Bei deiner Stimme Klang.

Du bist die Ruhe meiner Nächte,
Mein Wiegenlied bist du -
Ich halte betend deine Rechte
Und schließ' die Augen zu.

Isabelle Kaiser (1866-1925)
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An die Einzige

Du bist die Linde, die mir Schatten weihet,
Du Blume Du, mit der mich Liebe kränzet,
Du bist der Wein, den Hoffnung mir kredenzet,
Du bist der Mond, der mir sich stets erneuet.

Du bist der Engel, der die Schuld verzeihet,
Du bist der Traum, der meine Nacht durchglänzet,
Das Licht, das meines Herzens Raum begränzet,
Das Wort, das mich von Wankelmuth befreiet.

Du bist der Stern, der meinem Abend leuchtet,
Mein Abendlied, das gen die Wolken steiget,
Der Thau, der meinen Morgen sanft befeuchtet.

Mein Alles bist du hier auf dieser Erden:
Drob hätt' ich gerne dankbar mich bezeiget!
Sprich, Holde, soll ich dir denn gar nichts werden?

Ferdinand Falkson (1820-1900)
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Aus dem Diwan
Buchstabe Dal CVIII (108)

Als du heimliche Blicke mir nachsandtest,
Deine Liebe auf meinen Wangen strahlte,
Erinnere dich!

Als mit Zürnen dein Auge mich entseelte,
Zuckerlippen des Heilands Kraft entströmte,
Erinnere dich!

Als des Morgens beim Wein im trauten Kreise
Nur die Freundinn, und ich, und Gott mit uns war,
Erinnere dich!

Als, mein Mond, du die Haub im Schlaf aufbandest,
Und der Mond zu den Füßen stand als Diener, 1
Erinnere dich!

Als wir trunken in Schenken saßen, und was
Wir in keiner Moschee erfleh'n, besaßen,
Erinnere dich.

Als Rubinen im Becher lachten, während
Ich mit deinen Rubinen kos'te,
Erinnere dich.

Als die Wangen den Glanz des Lichts entflammten,
Und ein Schmetterling mein verbranntes Herz war,
Erinnere dich.

Als in dieser Versammlung guter Sitten,
Nur der Becher des Morgens trunken lachte,
Erinnere dich.

Als der Verse Hafisens undurchbohrte Perlen
Schöner glänzten, durch deine Pfleg' verbeßert,
Erinnere dich.

Mohammed Schemsed-din Hafis (um 1320-1390)

(In der Übersetzung von
Joseph von Hammer-Purgstall (1774-1856))
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Glück

Ich bin so voll von Liebe,
Wie die Traube ist voll von Süße,
Mein Herz ist wie im Sommer
Der volle Apfelbaum.

Ich gehe stille Wege
Mit ruhigem Gemüte,
Der hohe blaue Himmel
Ist mir kein leerer Raum.

Ich bin mit allem Leben
Verwurzelt und verwachsen,
Die Sonne ist meine Mutter,
Gott ist mein schönster Traum.

Otto Julius Bierbaum (1865-1910)
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Juli

Nun ist es Sommer den ganzen Tag,
Den ganzen Tag man nur küssen mag,
Und alle die Rosen, die müssen
Satt duften zu unseren Füßen.

Nun bleibt es Sommer den ganzen Tag,
Den ganzen Tag ich im Himmel lag,
Dort tat man sich paarweise küssen
Und satt lag die Erde zu Füßen.

Nun ist es Sommer Nacht und Tag,
Und Nacht und Tag man nur küssen mag;
Von allen heißen Genüssen
Ist Anfang und Ende das Küssen.

Max Dauthendey (1867-1918)
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Das ist der Liebe eigen ...

Das ist der Liebe eigen,
Mit Worten muß sie schweigen;
Sie spricht mit süßen Zeichen
Von Dingen ohne Gleichen.

Es sagt die Hand am Herzen:
Hier innen trag' ich Schmerzen,
Und möchte doch dies Leiden
Um alle Welt nicht meiden.

Im Auge spricht die Thräne:
Wie ich nach dir mich sehne!
Mein Wollen, Denken, Sinnen
Es will in deins verrinnen.

Es spricht der Lippe Zücken:
O laß dich an mich drücken,
Auf daß im Feuerhauche
Sich Seel' in Seele tauche!

So webt in stummen Zeichen
Sich Botschaft sonder Gleichen;
Von Herz zu Herzen geht sie,
Doch nur wer liebt versteht sie.

Emanuel Geibel (1815-1884)
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Im Garten

Die hohen Himbeerwände
Trennten dich und mich,
Doch im Laubwerk unsre Hände
Fanden von selber sich.

Die Hecke konnt' es nicht wehren,
Wie hoch sie immer stund:
Ich reichte dir die Beeren,
Und du reichtest mir deinen Mund.

Ach, schrittest du durch den Garten
Noch einmal im raschen Gang,
Wie gerne wollt' ich warten,
Warten stundenlang.

Theodor Fontane (1819-1898)
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Heimlich zur Nacht

Ich habe dich gewählt
Unter allen Sternen.

Und bin wach - eine lauschende Blume
Im summenden Laub.

Unsere Lippen wollen Honig bereiten
Unsere schimmernden Nächte sind aufgeblüht.

An dem seligen Glanz deines Leibes
Zündet mein Herz seine Himmel an -

Alle meine Träume hängen an deinem Golde,
Ich habe dich gewählt unter allen Sternen.


Else Lasker-Schüler (1869-1945)
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Aus: Amoretti
Sonett 64.

Ich fand beym ersten Kuss so viele Süssigkeiten,
Dass ich in einem duft'gen Hain' mich musste glauben,
Von Blumen aller Art, die Wohlgerüche streuten,
Dieselben auszugiessen über Liebeslauben.

Von Ihren Lippen kann ich Sommerblumen rauben,
Die Rosen sind's, die Ihren Wangenflor umziehen,
Die Brauen düften, wie Schönliebchens Blüthenhauben,
Die Augen sind zwey Nelken, welche hell entglühen.

Wer Erdbeer' sucht, mag zu dem Busen sich bemühen,
Ihr Nacken ist ein Strauss von weissen Cullambinen,
Auf ihrer Brust die Lilien unentknospet blühen,

Woraus sich schwellend hebt ein zartes Paar Jasminen.
Es füllet solcher Blumen Wohlgeruch die Luft,
Doch alle übertrifft Ihr eig'ner süsser Duft.

Edmund Spenser (1552-1599)

(In der Übersetzung von
Joseph von Hammer-Purgstall 1774-1856)
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Kleines Liebeslied

Läßt Du mich allein, mein Lieber,
Gibt es viel, worüber ich
Mich betrübe, und mich härme.
Plötzlich denke ich an Dich.
Da erfaßt mich eine Wärme,
Schnell und strahlend, zart und nah',
Wie ein rasches, leichtes Fieber,
Und mir scheint, Du wärest da.

Was ich habe, was ich bin,
Von dem Kopf bis zu den Füßen,
Denkt an Dich, träumt zu Dir hin,
Und läßt grüßen, läßt Dich grüßen! -

Und es scheint mein Herz voll Ruhe,
Und verhaltner Kraft zu sein.
Und es hüllt mich diese Welle
Süß und heiter brennend ein.
Und das Dunkle und das Helle,
Mischt sich sanft, wie schöner Samt,
Was ich denke, was ich tue,
Ist verzaubert, ist entflammt. -

Lessie Sachs (1897-1942)
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Erfüllung

Dann
losch das Licht,
und
durch die Stille,
fiebernd, verlangend, erwartungsbang,
nur noch:
unser zitternder Herzschlag!
Trunken ... stammelnd,
meine
Lippen ... süß dein ... Aufschrei!
Seligkeit!

...............

Im
Garten, frühauf, pfiff ein Vogel, von tausend Gräsern troff der Tau,
der
ganze Himmel ... stand in Rosen.
Lieber! ... Liebe!

Und
wieder:
Kuß ... auf ... Kuß!

Und
nichts als ... wir, nichts ... als wir!
....................

Was
kann die Welt,
an Glück, an Glanz, an
Rausch,
an Wonne, an
Taumel,
Erdenlust ... und ... Herrlichkeit,
uns ... jetzt noch ... schenken ... uns jetzt ... noch
bieten ... uns jetzt noch ... bringen?!

Arno Holz (1863-1929)
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Wenn er auf einmal plötzlich vor mir stände . . .

Wenn er auf einmal plötzlich vor mir stände,
O Erd' und Himmel, was begönn' ich nur?
Sein teures Haupt nähm' ich in beide Hände
Und küßte meiner alten Küsse Spur
Auf seinen Augen, Lippen, Haaren, Wangen -
Was hab' ich ohne dich nur angefangen!
Auf seinen Grübchen, Groll- und Lächelfalten -
Wie hab' ich's ohne dich nur ausgehalten!

Ricarda Huch (1864-1947)
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Flamme

Was sträubst du dich der süßen Glut,
die züngelnd schon dein Haupt versengt,
die liebeheißen Atems dich
mit Flammenarmen eng umdrängt?!

Die Glut bin ich – und du bist mein!
wirf ab, wirf ab das Alltagskleid:
gib deine ganze Seele hin
in ihrer nackten Herrlichkeit!

Umschlingen will ich glühend dich
und pressen dich ans heiße Herz,
die Kette schmelzen, die dich band,
in meinem Kuß wie tropfend Erz!

Und flüstern will ich dir ins Ohr
ein Wörtlein, zaub'risch wunderfein,
daß du nichts andres denken sollst,
als mich allein, als mich allein ...

Clara Müller-Jahnke (1861-1905)
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Entzücken

Der erste Strahl des Lichts,
Der erste Blick der Sonne,
Als sie die Welt dem Nichts
Entzog zur ew'gen Wonne;

Der Freiheit erster Tag
Des losgegebnen Sklaven,
Der stets in Ketten lag,
Wenn er entfliegt dem Hafen;

Des Frühlings erster Gruß
Aus tausend Blüthenranken,
Der freien Luft Genuß
Des jahrelangen Kranken:

Wer meine Lippen heut'
Auf ihrem Mund sah brennen
Kann all' die Seligkeit
Mit einem Wort' benennen!

Johann Karl Braun von Braunthal (1802-1866)
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Im wunderschönen Monat Mai . . .

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.

Heinrich Heine (1797-1856)
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Oft, wenn wir ruhen Mund an Mund

Oft, wenn wir ruhen Mund an Mund
Und meine Adern an den deinen pochen,
Nach innen lausch' ich plötzlich still;
Ich fühle, wie aus unsrer Seele Grund
Ein Wort, noch nie auf Erden ausgesprochen,
Empor sich ringen will.

O! der Natur Geheimniß ruht
Und alles Lebens in dem Wort beschlossen,
Doch matt bisher noch ists verhallt.
Höher aufflammen laß der Küsse Gluth,
Daß es zuletzt, in vollen Klang ergossen,
Von unsern Lippen wallt!
 
Adolf Friedrich von Schack (1815-1894)
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Nähe der Geliebten

Ich denke dein im Morgenlicht des Maien,
Im Sonnenglanz;
Ich denke dein, wenn mich die Sterne freuen
Am Himmelskranz.

Ich sorg' um dich, wenn in des Berges Wettern
Der Donner lauscht;
Du schwebst mir vor, wenn in den dunkeln Blättern
Der Zephir rauscht.

Ich höre dich, wenn bei des Abends Gluten
Die Lerche schwirrt;
Ich denke dein, wenn durch des Deiches Fluten
Der Nachen irrt.

Wir sind vereint, uns raubt der Tod vergebens
Der Liebe Lust;
O, laß mich ruhn, du Sonne meines Lebens,
An deiner Brust!

Theodor Körner (1791-1813)
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Sonett

Wie ich Dich liebe, möcht' ich gern Dir sagen,
Wie all mein Denken Dir sich muß verbinden,
Zum schönen Kranze möcht' ich für Dich winden
Mein süßes Glück und meine stillen Klagen.

Doch was ich auch ersann, fühl' ich entschwinden,
Wenn Du mir nahest, und mit bangem Zagen
Mag ich es nimmer auszusprechen wagen,
Die rechten Worte weiß ich nicht zu finden.

Nicht eigenmächtig kann den Schritt ich lenken,
Du schriebst die Bahn mir vor, nun muß ich immer
Umkreisen Dich, Du wunderbare Sonne.

In Deiner Nähe flieht, ein matter Schimmer,
Vergangenheit und Zukunft meinem Denken,
Dann fühl' ich nur des Augenblickes Wonne.

Johanna Schultze-Wege (1844-1918)
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Motto

Sternepflücken, Wolkenfangen,
Immer dieses Glutverlangen,
Unbefriedigt Narrentreiben.
Willst ein Kind du ewig bleiben?

Schon mit weiß durchwirkten Haaren,
Und noch kein gesetzt' Gebahren?
Immer dieses Glutverlangen,
Sternepflücken, Wolkenfangen.

Gustav Falke (1853-1916)
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Ostern

Die Lieb' ist erstanden,
Zum Himmel gestiegen;
Zwei Herzen liegen
In Ketten und Banden.
Der Frühling ist kommen
Mit blühenden Wangen;
Der hat sie gefangen
Und mitgenommen.
Doch leuchtet den zweien
So goldener Flimmer,
Daß sie sich nimmer,
Nimmer befreien.
Und wißt ihr, wie das Wunder geschah?
Ostern ist da!
Das ist ein Branden,
Ein Stürmen und Siegen:
Die Lieb' ist erstanden,
Zum Himmel gestiegen.

Ludwig Fulda (1862-1939)
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Karfreitag 2021

Ach!  Diese  Stätt
das    Sterbe-Bett
von Jesus war / der
Creutz-Altar.   Hier
er  das Opfer ward für unsre Sünden.
Sein   heiligs  Haupt die Dornen mußt
empfinden. Die treue Händ' und Arme
voll Erbarmen Er breitet aus / uns Ar-
me zu umarmen. Es
schreibt uns ein den
Händen  sein  /  der
Nägel   Stich.   Hier
öffnet sich das Herz
/  die Seit: ist groß
und   weit zur   Zu-
flucht-Höl  / für dei-
ne Seel.  Hier briet
das   Lamm     am
Creutzes-Stamm in
Liebes - Glut /  be-
trieft  mit   Blut: er
lädt uns ein zu Brod
und    Wein.     Die
schwache Knie sich
beugen   hie:  weil
sein Gebet für dich
abgeht.  Umfang die
Füß /die gehn gewiß
den  Weg  dir  vor /
zum Himmels - Thor:
durch  Creutz u. Leid
zur   Himmels  Freud.

Sigmund von Birken (1626-1681)
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Sonntag Palmarum

Heute ist Sonntag Palmarum,
Der Wald ist voll Sonnenschein,
Ich bat dich, du möchtest kommen,
Du sagtest, es könne nicht sein.

Mit goldenen Palmen prangen
Die Büsche am Waldesrand,
Mit ängstlichem Herzen ich wartend
Unter der Saalweide stand.

Mir blühte nicht die Weide,
Kein Vogel ein Lied mir sang,
Ich sah mit traurigen Augen
Den sonnigen Weg entlang.

Nun bist du doch gekommen,
Liebste, ich wußte es ja,
Goldgelb blühen die Weiden,
Sonntag Palmarum ist da.

Hermann Löns (1866-1914)
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Gott Amor ist's allein, der Wonne schafft ...

Gott Amor ist's allein, der Wonne schafft,
Ein Pfad, der jeden hinzulenken weiß,
Wo er das Ziel des höchsten Glückes findet;
Er ist ein Meister jeder Wissenschaft,
Ein Feuer, das ein Herz, und wär's von Eis,
Mit reiner Tugend Flammengluth entzündet,
Geißel der Macht, der Schwache stets verbündet,
Wurzel, aus welcher sprosst
Die Pflanze Seeligkeit,
Die uns den Himmel beut,
Und deren Frucht die Seele macht getrost,
Voll Güte, Muth, mit edlem Drang entfacht,
Und ohne Maaß beglückt,
Die Welt entzückt, den Himmel lächeln macht.

Verbindlich, höflich, weise, klug und fein,
Freigebig, schweigsam, sanft, doch ohne Zagen,
Scharfsichtig, ist er gleich von Augen blind;
Der Achtung wahrer Hüter fest und rein,
Ein Feldherr, dem, wenn er den Feind geschlagen,
Der Ehre Kränze nur die Spolien sind,
Blume, die wächst in Disteln, Dorngewind',
Und Seel' und Leben schmückt;
Feind jedes scheuen Bangens,
Freund hoffenden Verlangens,
Ein Gast, der durch die Wiederkehr entzückt,
Weil er nur Glück, Reichthum und Ehre bringt,
Wornach ein jeder mißt,
Wie würdig ist, deß Haupt der Kranz umschlingt.

Naturtrieb, der im Innern uns bewegt,
So hoch mit unsrer Denkkraft aufzuschauen,
Wo kaum ein Ziel erreicht' ein menschlich Streben;
Du Himmelsleiter, die empor uns trägt
Zu jenen heil'gen wonnevollen Gauen!
Gebirg auf höchstem Gipfel lieblich, eben,
Du Führer in verschlungensten Geweben;
Polarstern, der uns führt,
Ist das Gemüth nur kräftig,
Durch Meere tobend heftig,
Trost, wenn das Herz der Kummer schmerzlich rührt;
Schutzengel, der vor Schimpf uns wahrt; ein Schein
Des Pharus fluthumzischt,
Der gleich verlischt, nahn wir dem Hafen Pein.

Ein Maler bist Du, der in unsrer Brust
Mit lieblich feinen Schatten malt und Farben
Bald ird'sche Schönheit und bald körperlose;
'ne Sonne scheuchend trüben Nebeldust;
Der Wonne Lust, in der die Schmerzen starben,
Ein blanker Spiegel, in deß reinem Schooße
Sich frei Natur zeigt, nicht gebannt noch lose,
Nein wie sie schicklich passe;
Du Geist voll heil'gem Feuer,
Das Blinden raubt den Schleier;
Heilmittel einzig, so der Furcht, dem Hasse;
Argos, der nimmer ward des Morpheus Spott,
Weil stets in Deinem Ohr
Der Rath verlor, den gab ein Lügengott.

Du Führer einer wohlbewahrten Schaar,
Durch die zu Boden jeder Feind gestreckt wird,
Die immer frohe Siegeskrone krönt;
Du, jeder Freude lieblicher Altar;
Gesicht, wo nie die Wahrheit schnöd versteckt wird,
Wo klar der Wiederhall der Seele tönt,
Wo selbst die Kümmerniß das Herz versöhnt
Mit süßem wonn'gem Hoffen:
Es sey in ferner Zeit
Vielleicht ein Trost bereit,
Der heilt, wen die Verzweiflung hat getroffen.
Kurz; Lieb' ist Leben, Glück und Herzensweide,
Amor ist Seelentrost,
Folgt ihm getrost, ihm folgen bringt Euch Freude.

Miguel de Cervantes Saavedra (1547-1616)
(Aus dem Schäferroman Galatea)

(in der Übersetzung von Friedrich Martin Duttenhofer 1810-1859)
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Das ist der Liebe eigen ...

Das ist der Liebe eigen,
Mit Worten muß sie schweigen;
Sie spricht mit süßen Zeichen
Von Dingen ohne Gleichen.

Es sagt die Hand am Herzen:
Hier innen trag' ich Schmerzen,
Und möchte doch dies Leiden
Um alle Welt nicht meiden.

Im Auge spricht die Thräne:
Wie ich nach dir mich sehne!
Mein Wollen, Denken, Sinnen
Es will in deins verrinnen.

Es spricht der Lippe Zücken:
O laß dich an mich drücken,
Auf daß im Feuerhauche
Sich Seel' in Seele tauche!

So webt in stummen Zeichen
Sich Botschaft sonder Gleichen;
Von Herz zu Herzen geht sie,
Doch nur wer liebt versteht sie.

Emanuel Geibel (1815-1884)
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Liebesgedicht

Ich sah dich den Amseln zärtlich Futter streuen -
Ich sah dich deinen alten Vater sanft betreuen -
Ich sah dich in einem Buche heilige Stellen anstreichen,
Ich sah dich in Gesellschaft untadeliger
Menschen erbleichen.
Ich sah dich deine idealen Füße ungeniert
nackt zu zeigen,
Ich sah dich wie eine Fürstin dich edel-stolz verneigen.
Ich sah dich mit deinem geliebten
Papagei wie mit einem Freunde sprechen,
Ich sah dich mit einem Manne
wegen seines geringen Taktfehlers für ewig brechen - -.
Ich sah dich an Himbeerduft dich berauschen,
Ich sah dich der Stille eines
Sommerabends lauschen.
Ich sah dich an dem Alltag wachsen, lernen,
Ich sah dich traurig stehn
vor trüben Gaslaternen.
Ich sah dich dein Leben spinnen
wie die Spinne ihr mysteriöses Gewebe - - -
Ich schlich mich abseits,
um dich nicht zu stören.
Ich werde dich aber lieben, solang ich lebe!

Peter Altenberg (1859 1919)
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Ihr Bild

Das blonde Haar in wellenweichem Glanze,
Zusammen bald von schöner Hand gebunden,
Bald frei, vom duftgen Rosenkranz durchwunden,
Umgibt das Antlitz, wie mit einem Kranze.

Ihr Augen, die ihr strahlt in reinem Glanze,
Hellflammend wie die Sonn' in Morgenstunden,
Die ihr das Herz, die Seele mir entwunden, -
Gut, daß die Ferne mich vor euch verschanze!

O, süßes Lächeln, das du wirst geboren,
Inmitten weißer Perlen und Korallen,
O, daß dein Echo kläng in meinen Ohren!

Wenn der Gedanke schon das Herz umstrickte,
Die Reize, die die Phantasie beschworen,
Wenn ich dich säh? - o daß ich dich erblickte.

Luis de Camões (1524-1579)

(Übersetzt von Louis Arentsschildt 1807-1883)
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Schneeglöckchen

Aus der Kapuze, weiß wie Schnee,
Zwei Rehaugen blitzend springen,
Wie wenn auf schneeige Fluren jäh
Die Strahlen der Sonne sich schwingen.

Kennt ihr die Sage vom Schneeglöcklein?
Es kam in des Winters Bangen,
Doch bei dem ersten Frühlingsschein
Ist's gleich an der Sonne zergangen.

Aus der Kapuze, so weiß wie Schnee,
Zwei Rehaugen blitzend springen,
Sie lacht so hell, wie wenn mit Juchhe
Sich Bursche und Maid umschlingen.

Das Märchen macht mir nicht bang, denn ich
Glaub besser den Scherz zu verstehn -
Ich drücke das Schneeglöckchen fest an mich,
Und wette, es wird nicht zergehen.

Aus der Kapuze, so weiß wie Schnee
Zwei Rehaugen blitzend springen,
Aus ihrem Herzchen fühl' ich jäh
Die Liebe wie Lenzwonne dringen!

Jaroslav Vrchlicky (1853-1912)

(übersetzt von Friedrich Adler 1857-1938)
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Geliebter

Geliebter,
einen Sternschnuppenflug lang
Deinen Atem spüren.
Einen Vogelschrei lang
Deine Haut fühlen.
Einen Wimpernschlag lang
in Deinem Blick versinken.
Doch ein Leben lang
in Deinem Herzen weilen.

Annette Gonserowski
http://annettegonserowski.blogspot.com/
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Rausch

Laß mich ganz versinken,
Wie du ganz in mich versankst;
Laß mich deine Seele trinken,
Wie du meine Seele trankst.

Wenn ein dunkler Schrei entgleitet
Meinem heißen Lippenpaar,
Schließ' die Augen! - uns durchschreitet
Ein Geheimnis wunderbar ...

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Nicht genug

Ich liebe dich, doch nicht genug
Für deine Seele, deine süße.
Ich hab' ja Augen nicht genug
Für ihre tausend stummen Grüße.
Nicht Hände habe ich genug,
Um Glück, nur Glück, dir zuzutragen,
Und habe Atem nicht genug,
Um soviel Liebe auszusagen!

Ludwig Jacobowski (1868-1900)
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Wenn er auf einmal plötzlich vor mir stände ...

Wenn er auf einmal plötzlich vor mir stände,
O Erd' und Himmel, was begönn' ich nur?
Sein teures Haupt nähm' ich in beide Hände
Und küßte meiner alten Küsse Spur
Auf seinen Augen, Lippen, Haaren, Wangen -
Was hab' ich ohne dich nur angefangen!
Auf seinen Grübchen, Groll- und Lächelfalten -
Wie hab' ich's ohne dich nur ausgehalten!

Ricarda Huch (1864-1947)
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Versprühe Küsse auf meinen Leib!

Ich bin ein klarer Teich,
Auf den die Sonne scheint
Eine Blume, die blätterdehnend
In lauen Lüften träumt.
Ein Stern, der selbstvergessend
Auf dunkler Erde hellend scheint.

Versprühe Küsse auf meinen Leib –:
Nur wenn ich dich denke,
Werd ich Weib . . .!

Elsa Asenijeff (1867-1941)
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An die Liebe

Alle suchen sie dich
und überall lockst du.
Aus tausend Verhüllungen schimmert
dein unenträtselt Gesicht.
Aber wenigen nur
gewährst du Erfüllung,
selige Tage, reines Glück.
Zärtlich wehn dich die Blumen,
die scheuen Gräser,
der Schmetterlinge heiterer Flug;
wilder der Wind
und das ewig sich wandelnde Meer.
Wunderbar strahlst du
aus den Augen des Menschen,
der ein Geliebtes
in seinen Armen hält,
vom tönenden Sternenhimmel überwölbt.
In die zitternde Seele
schweben Schauer
von Leben und Tod.


Francisca Stoecklin (1894-1931)
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Du

Du bist die Helle meines Lebens,
Im Dunkeln ging mein Lauf -
Ich suchte lange dich vergebens:
Da ging dein Stern mir auf.

Du bist die Laute meiner Tage,
Mein heimlicher Gesang,
Verstummt ist meine düstre Klage
Bei deiner Stimme Klang.

Du bist die Ruhe meiner Nächte,
Mein Wiegenlied bist du -
Ich halte betend deine Rechte
Und schließ' die Augen zu.

Isabelle Kaiser (1866-1925)
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Zum Lieben sind wir nie zu alt

Zum Lieben sind wir nie zu alt!
Wohl dem, der drob nicht streitet.
Und, so lang er durchs Dasein wallt,
Von Liebe ist geleitet!
 
Ob jünger, älter um manch Jahr!
Wird Lieb' um das sich kümmern?!
Was thut's, ob hier und dort ein Haar
Am Scheitel grau mag schimmern?!
 
Frägt Liebeslust, frägt Liebesleid,
Ob Kümmernisse haben
In's Antlitz mit dem Pflug der Zeit
Manch Furche schon gegraben?!
 
Ohn' Liebe leben wäre arg!
Drum altert nicht die Liebe!
Und so lang Kraft noch webt im Mark,
Besel'gen ihre Triebe!
 
Es liebt der Mensch, so lang er leibt
Und gleicht darin der Linde,
Die immer junge Triebe treibt
Trotz - tausendjähr'ger Rinde!

Sidonie Grünwald-Zerkowitz (1852-1907)
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