Deutsche Liebeslyrik - Gedicht der Woche Archiv

für das Jahr 2021

(die neuesten Gedichte oben)



Geliebter

Geliebter,
einen Sternschnuppenflug lang
Deinen Atem spüren.
Einen Vogelschrei lang
Deine Haut fühlen.
Einen Wimpernschlag lang
in Deinem Blick versinken.
Doch ein Leben lang
in Deinem Herzen weilen.

Annette Gonserowski
http://annettegonserowski.blogspot.com/
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Rausch

Laß mich ganz versinken,
Wie du ganz in mich versankst;
Laß mich deine Seele trinken,
Wie du meine Seele trankst.

Wenn ein dunkler Schrei entgleitet
Meinem heißen Lippenpaar,
Schließ' die Augen! - uns durchschreitet
Ein Geheimnis wunderbar ...

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Nicht genug

Ich liebe dich, doch nicht genug
Für deine Seele, deine süße.
Ich hab' ja Augen nicht genug
Für ihre tausend stummen Grüße.
Nicht Hände habe ich genug,
Um Glück, nur Glück, dir zuzutragen,
Und habe Atem nicht genug,
Um soviel Liebe auszusagen!

Ludwig Jacobowski (1868-1900)
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Wenn er auf einmal plötzlich vor mir stände ...

Wenn er auf einmal plötzlich vor mir stände,
O Erd' und Himmel, was begönn' ich nur?
Sein teures Haupt nähm' ich in beide Hände
Und küßte meiner alten Küsse Spur
Auf seinen Augen, Lippen, Haaren, Wangen -
Was hab' ich ohne dich nur angefangen!
Auf seinen Grübchen, Groll- und Lächelfalten -
Wie hab' ich's ohne dich nur ausgehalten!

Ricarda Huch (1864-1947)
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Versprühe Küsse auf meinen Leib!

Ich bin ein klarer Teich,
Auf den die Sonne scheint
Eine Blume, die blätterdehnend
In lauen Lüften träumt.
Ein Stern, der selbstvergessend
Auf dunkler Erde hellend scheint.

Versprühe Küsse auf meinen Leib –:
Nur wenn ich dich denke,
Werd ich Weib . . .!

Elsa Asenijeff (1867-1941)
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An die Liebe

Alle suchen sie dich
und überall lockst du.
Aus tausend Verhüllungen schimmert
dein unenträtselt Gesicht.
Aber wenigen nur
gewährst du Erfüllung,
selige Tage, reines Glück.
Zärtlich wehn dich die Blumen,
die scheuen Gräser,
der Schmetterlinge heiterer Flug;
wilder der Wind
und das ewig sich wandelnde Meer.
Wunderbar strahlst du
aus den Augen des Menschen,
der ein Geliebtes
in seinen Armen hält,
vom tönenden Sternenhimmel überwölbt.
In die zitternde Seele
schweben Schauer
von Leben und Tod.


Francisca Stoecklin (1894-1931)
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Du

Du bist die Helle meines Lebens,
Im Dunkeln ging mein Lauf -
Ich suchte lange dich vergebens:
Da ging dein Stern mir auf.

Du bist die Laute meiner Tage,
Mein heimlicher Gesang,
Verstummt ist meine düstre Klage
Bei deiner Stimme Klang.

Du bist die Ruhe meiner Nächte,
Mein Wiegenlied bist du -
Ich halte betend deine Rechte
Und schließ' die Augen zu.

Isabelle Kaiser (1866-1925)
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Zum Lieben sind wir nie zu alt

Zum Lieben sind wir nie zu alt!
Wohl dem, der drob nicht streitet.
Und, so lang er durchs Dasein wallt,
Von Liebe ist geleitet!
 
Ob jünger, älter um manch Jahr!
Wird Lieb' um das sich kümmern?!
Was thut's, ob hier und dort ein Haar
Am Scheitel grau mag schimmern?!
 
Frägt Liebeslust, frägt Liebesleid,
Ob Kümmernisse haben
In's Antlitz mit dem Pflug der Zeit
Manch Furche schon gegraben?!
 
Ohn' Liebe leben wäre arg!
Drum altert nicht die Liebe!
Und so lang Kraft noch webt im Mark,
Besel'gen ihre Triebe!
 
Es liebt der Mensch, so lang er leibt
Und gleicht darin der Linde,
Die immer junge Triebe treibt
Trotz - tausendjähr'ger Rinde!

Sidonie Grünwald-Zerkowitz (1852-1907)
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