Deutsche Liebeslyrik - Gedicht der Woche Archiv

für das Jahr 2021

(die neuesten Gedichte oben)



Im wunderschönen Monat Mai . . .

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Knospen sprangen,
Da ist in meinem Herzen
Die Liebe aufgegangen.

Im wunderschönen Monat Mai,
Als alle Vögel sangen,
Da hab ich ihr gestanden
Mein Sehnen und Verlangen.

Heinrich Heine (1797-1856)
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Oft, wenn wir ruhen Mund an Mund

Oft, wenn wir ruhen Mund an Mund
Und meine Adern an den deinen pochen,
Nach innen lausch' ich plötzlich still;
Ich fühle, wie aus unsrer Seele Grund
Ein Wort, noch nie auf Erden ausgesprochen,
Empor sich ringen will.

O! der Natur Geheimniß ruht
Und alles Lebens in dem Wort beschlossen,
Doch matt bisher noch ists verhallt.
Höher aufflammen laß der Küsse Gluth,
Daß es zuletzt, in vollen Klang ergossen,
Von unsern Lippen wallt!
 
Adolf Friedrich von Schack (1815-1894)
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Nähe der Geliebten

Ich denke dein im Morgenlicht des Maien,
Im Sonnenglanz;
Ich denke dein, wenn mich die Sterne freuen
Am Himmelskranz.

Ich sorg' um dich, wenn in des Berges Wettern
Der Donner lauscht;
Du schwebst mir vor, wenn in den dunkeln Blättern
Der Zephir rauscht.

Ich höre dich, wenn bei des Abends Gluten
Die Lerche schwirrt;
Ich denke dein, wenn durch des Deiches Fluten
Der Nachen irrt.

Wir sind vereint, uns raubt der Tod vergebens
Der Liebe Lust;
O, laß mich ruhn, du Sonne meines Lebens,
An deiner Brust!

Theodor Körner (1791-1813)
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Sonett

Wie ich Dich liebe, möcht' ich gern Dir sagen,
Wie all mein Denken Dir sich muß verbinden,
Zum schönen Kranze möcht' ich für Dich winden
Mein süßes Glück und meine stillen Klagen.

Doch was ich auch ersann, fühl' ich entschwinden,
Wenn Du mir nahest, und mit bangem Zagen
Mag ich es nimmer auszusprechen wagen,
Die rechten Worte weiß ich nicht zu finden.

Nicht eigenmächtig kann den Schritt ich lenken,
Du schriebst die Bahn mir vor, nun muß ich immer
Umkreisen Dich, Du wunderbare Sonne.

In Deiner Nähe flieht, ein matter Schimmer,
Vergangenheit und Zukunft meinem Denken,
Dann fühl' ich nur des Augenblickes Wonne.

Johanna Schultze-Wege (1844-1918)
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Motto

Sternepflücken, Wolkenfangen,
Immer dieses Glutverlangen,
Unbefriedigt Narrentreiben.
Willst ein Kind du ewig bleiben?

Schon mit weiß durchwirkten Haaren,
Und noch kein gesetzt' Gebahren?
Immer dieses Glutverlangen,
Sternepflücken, Wolkenfangen.

Gustav Falke (1853-1916)
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Ostern

Die Lieb' ist erstanden,
Zum Himmel gestiegen;
Zwei Herzen liegen
In Ketten und Banden.
Der Frühling ist kommen
Mit blühenden Wangen;
Der hat sie gefangen
Und mitgenommen.
Doch leuchtet den zweien
So goldener Flimmer,
Daß sie sich nimmer,
Nimmer befreien.
Und wißt ihr, wie das Wunder geschah?
Ostern ist da!
Das ist ein Branden,
Ein Stürmen und Siegen:
Die Lieb' ist erstanden,
Zum Himmel gestiegen.

Ludwig Fulda (1862-1939)
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Karfreitag 2021

Ach!  Diese  Stätt
das    Sterbe-Bett
von Jesus war / der
Creutz-Altar.   Hier
er  das Opfer ward für unsre Sünden.
Sein   heiligs  Haupt die Dornen mußt
empfinden. Die treue Händ' und Arme
voll Erbarmen Er breitet aus / uns Ar-
me zu umarmen. Es
schreibt uns ein den
Händen  sein  /  der
Nägel   Stich.   Hier
öffnet sich das Herz
/  die Seit: ist groß
und   weit zur   Zu-
flucht-Höl  / für dei-
ne Seel.  Hier briet
das   Lamm     am
Creutzes-Stamm in
Liebes - Glut /  be-
trieft  mit   Blut: er
lädt uns ein zu Brod
und    Wein.     Die
schwache Knie sich
beugen   hie:  weil
sein Gebet für dich
abgeht.  Umfang die
Füß /die gehn gewiß
den  Weg  dir  vor /
zum Himmels - Thor:
durch  Creutz u. Leid
zur   Himmels  Freud.

Sigmund von Birken (1626-1681)
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Sonntag Palmarum

Heute ist Sonntag Palmarum,
Der Wald ist voll Sonnenschein,
Ich bat dich, du möchtest kommen,
Du sagtest, es könne nicht sein.

Mit goldenen Palmen prangen
Die Büsche am Waldesrand,
Mit ängstlichem Herzen ich wartend
Unter der Saalweide stand.

Mir blühte nicht die Weide,
Kein Vogel ein Lied mir sang,
Ich sah mit traurigen Augen
Den sonnigen Weg entlang.

Nun bist du doch gekommen,
Liebste, ich wußte es ja,
Goldgelb blühen die Weiden,
Sonntag Palmarum ist da.

Hermann Löns (1866-1914)
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Gott Amor ist's allein, der Wonne schafft ...

Gott Amor ist's allein, der Wonne schafft,
Ein Pfad, der jeden hinzulenken weiß,
Wo er das Ziel des höchsten Glückes findet;
Er ist ein Meister jeder Wissenschaft,
Ein Feuer, das ein Herz, und wär's von Eis,
Mit reiner Tugend Flammengluth entzündet,
Geißel der Macht, der Schwache stets verbündet,
Wurzel, aus welcher sprosst
Die Pflanze Seeligkeit,
Die uns den Himmel beut,
Und deren Frucht die Seele macht getrost,
Voll Güte, Muth, mit edlem Drang entfacht,
Und ohne Maaß beglückt,
Die Welt entzückt, den Himmel lächeln macht.

Verbindlich, höflich, weise, klug und fein,
Freigebig, schweigsam, sanft, doch ohne Zagen,
Scharfsichtig, ist er gleich von Augen blind;
Der Achtung wahrer Hüter fest und rein,
Ein Feldherr, dem, wenn er den Feind geschlagen,
Der Ehre Kränze nur die Spolien sind,
Blume, die wächst in Disteln, Dorngewind',
Und Seel' und Leben schmückt;
Feind jedes scheuen Bangens,
Freund hoffenden Verlangens,
Ein Gast, der durch die Wiederkehr entzückt,
Weil er nur Glück, Reichthum und Ehre bringt,
Wornach ein jeder mißt,
Wie würdig ist, deß Haupt der Kranz umschlingt.

Naturtrieb, der im Innern uns bewegt,
So hoch mit unsrer Denkkraft aufzuschauen,
Wo kaum ein Ziel erreicht' ein menschlich Streben;
Du Himmelsleiter, die empor uns trägt
Zu jenen heil'gen wonnevollen Gauen!
Gebirg auf höchstem Gipfel lieblich, eben,
Du Führer in verschlungensten Geweben;
Polarstern, der uns führt,
Ist das Gemüth nur kräftig,
Durch Meere tobend heftig,
Trost, wenn das Herz der Kummer schmerzlich rührt;
Schutzengel, der vor Schimpf uns wahrt; ein Schein
Des Pharus fluthumzischt,
Der gleich verlischt, nahn wir dem Hafen Pein.

Ein Maler bist Du, der in unsrer Brust
Mit lieblich feinen Schatten malt und Farben
Bald ird'sche Schönheit und bald körperlose;
'ne Sonne scheuchend trüben Nebeldust;
Der Wonne Lust, in der die Schmerzen starben,
Ein blanker Spiegel, in deß reinem Schooße
Sich frei Natur zeigt, nicht gebannt noch lose,
Nein wie sie schicklich passe;
Du Geist voll heil'gem Feuer,
Das Blinden raubt den Schleier;
Heilmittel einzig, so der Furcht, dem Hasse;
Argos, der nimmer ward des Morpheus Spott,
Weil stets in Deinem Ohr
Der Rath verlor, den gab ein Lügengott.

Du Führer einer wohlbewahrten Schaar,
Durch die zu Boden jeder Feind gestreckt wird,
Die immer frohe Siegeskrone krönt;
Du, jeder Freude lieblicher Altar;
Gesicht, wo nie die Wahrheit schnöd versteckt wird,
Wo klar der Wiederhall der Seele tönt,
Wo selbst die Kümmerniß das Herz versöhnt
Mit süßem wonn'gem Hoffen:
Es sey in ferner Zeit
Vielleicht ein Trost bereit,
Der heilt, wen die Verzweiflung hat getroffen.
Kurz; Lieb' ist Leben, Glück und Herzensweide,
Amor ist Seelentrost,
Folgt ihm getrost, ihm folgen bringt Euch Freude.

Miguel de Cervantes Saavedra (1547-1616)
(Aus dem Schäferroman Galatea)

(in der Übersetzung von Friedrich Martin Duttenhofer 1810-1859)
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Das ist der Liebe eigen ...

Das ist der Liebe eigen,
Mit Worten muß sie schweigen;
Sie spricht mit süßen Zeichen
Von Dingen ohne Gleichen.

Es sagt die Hand am Herzen:
Hier innen trag' ich Schmerzen,
Und möchte doch dies Leiden
Um alle Welt nicht meiden.

Im Auge spricht die Thräne:
Wie ich nach dir mich sehne!
Mein Wollen, Denken, Sinnen
Es will in deins verrinnen.

Es spricht der Lippe Zücken:
O laß dich an mich drücken,
Auf daß im Feuerhauche
Sich Seel' in Seele tauche!

So webt in stummen Zeichen
Sich Botschaft sonder Gleichen;
Von Herz zu Herzen geht sie,
Doch nur wer liebt versteht sie.

Emanuel Geibel (1815-1884)
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Liebesgedicht

Ich sah dich den Amseln zärtlich Futter streuen -
Ich sah dich deinen alten Vater sanft betreuen -
Ich sah dich in einem Buche heilige Stellen anstreichen,
Ich sah dich in Gesellschaft untadeliger
Menschen erbleichen.
Ich sah dich deine idealen Füße ungeniert
nackt zu zeigen,
Ich sah dich wie eine Fürstin dich edel-stolz verneigen.
Ich sah dich mit deinem geliebten
Papagei wie mit einem Freunde sprechen,
Ich sah dich mit einem Manne
wegen seines geringen Taktfehlers für ewig brechen - -.
Ich sah dich an Himbeerduft dich berauschen,
Ich sah dich der Stille eines
Sommerabends lauschen.
Ich sah dich an dem Alltag wachsen, lernen,
Ich sah dich traurig stehn
vor trüben Gaslaternen.
Ich sah dich dein Leben spinnen
wie die Spinne ihr mysteriöses Gewebe - - -
Ich schlich mich abseits,
um dich nicht zu stören.
Ich werde dich aber lieben, solang ich lebe!

Peter Altenberg (1859 1919)
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Ihr Bild

Das blonde Haar in wellenweichem Glanze,
Zusammen bald von schöner Hand gebunden,
Bald frei, vom duftgen Rosenkranz durchwunden,
Umgibt das Antlitz, wie mit einem Kranze.

Ihr Augen, die ihr strahlt in reinem Glanze,
Hellflammend wie die Sonn' in Morgenstunden,
Die ihr das Herz, die Seele mir entwunden, -
Gut, daß die Ferne mich vor euch verschanze!

O, süßes Lächeln, das du wirst geboren,
Inmitten weißer Perlen und Korallen,
O, daß dein Echo kläng in meinen Ohren!

Wenn der Gedanke schon das Herz umstrickte,
Die Reize, die die Phantasie beschworen,
Wenn ich dich säh? - o daß ich dich erblickte.

Luis de Camões (1524-1579)

(Übersetzt von Louis Arentsschildt 1807-1883)
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Schneeglöckchen

Aus der Kapuze, weiß wie Schnee,
Zwei Rehaugen blitzend springen,
Wie wenn auf schneeige Fluren jäh
Die Strahlen der Sonne sich schwingen.

Kennt ihr die Sage vom Schneeglöcklein?
Es kam in des Winters Bangen,
Doch bei dem ersten Frühlingsschein
Ist's gleich an der Sonne zergangen.

Aus der Kapuze, so weiß wie Schnee,
Zwei Rehaugen blitzend springen,
Sie lacht so hell, wie wenn mit Juchhe
Sich Bursche und Maid umschlingen.

Das Märchen macht mir nicht bang, denn ich
Glaub besser den Scherz zu verstehn -
Ich drücke das Schneeglöckchen fest an mich,
Und wette, es wird nicht zergehen.

Aus der Kapuze, so weiß wie Schnee
Zwei Rehaugen blitzend springen,
Aus ihrem Herzchen fühl' ich jäh
Die Liebe wie Lenzwonne dringen!

Jaroslav Vrchlicky (1853-1912)

(übersetzt von Friedrich Adler 1857-1938)
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Geliebter

Geliebter,
einen Sternschnuppenflug lang
Deinen Atem spüren.
Einen Vogelschrei lang
Deine Haut fühlen.
Einen Wimpernschlag lang
in Deinem Blick versinken.
Doch ein Leben lang
in Deinem Herzen weilen.

Annette Gonserowski
http://annettegonserowski.blogspot.com/
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Rausch

Laß mich ganz versinken,
Wie du ganz in mich versankst;
Laß mich deine Seele trinken,
Wie du meine Seele trankst.

Wenn ein dunkler Schrei entgleitet
Meinem heißen Lippenpaar,
Schließ' die Augen! - uns durchschreitet
Ein Geheimnis wunderbar ...

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Nicht genug

Ich liebe dich, doch nicht genug
Für deine Seele, deine süße.
Ich hab' ja Augen nicht genug
Für ihre tausend stummen Grüße.
Nicht Hände habe ich genug,
Um Glück, nur Glück, dir zuzutragen,
Und habe Atem nicht genug,
Um soviel Liebe auszusagen!

Ludwig Jacobowski (1868-1900)
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Wenn er auf einmal plötzlich vor mir stände ...

Wenn er auf einmal plötzlich vor mir stände,
O Erd' und Himmel, was begönn' ich nur?
Sein teures Haupt nähm' ich in beide Hände
Und küßte meiner alten Küsse Spur
Auf seinen Augen, Lippen, Haaren, Wangen -
Was hab' ich ohne dich nur angefangen!
Auf seinen Grübchen, Groll- und Lächelfalten -
Wie hab' ich's ohne dich nur ausgehalten!

Ricarda Huch (1864-1947)
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Versprühe Küsse auf meinen Leib!

Ich bin ein klarer Teich,
Auf den die Sonne scheint
Eine Blume, die blätterdehnend
In lauen Lüften träumt.
Ein Stern, der selbstvergessend
Auf dunkler Erde hellend scheint.

Versprühe Küsse auf meinen Leib –:
Nur wenn ich dich denke,
Werd ich Weib . . .!

Elsa Asenijeff (1867-1941)
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An die Liebe

Alle suchen sie dich
und überall lockst du.
Aus tausend Verhüllungen schimmert
dein unenträtselt Gesicht.
Aber wenigen nur
gewährst du Erfüllung,
selige Tage, reines Glück.
Zärtlich wehn dich die Blumen,
die scheuen Gräser,
der Schmetterlinge heiterer Flug;
wilder der Wind
und das ewig sich wandelnde Meer.
Wunderbar strahlst du
aus den Augen des Menschen,
der ein Geliebtes
in seinen Armen hält,
vom tönenden Sternenhimmel überwölbt.
In die zitternde Seele
schweben Schauer
von Leben und Tod.


Francisca Stoecklin (1894-1931)
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Du

Du bist die Helle meines Lebens,
Im Dunkeln ging mein Lauf -
Ich suchte lange dich vergebens:
Da ging dein Stern mir auf.

Du bist die Laute meiner Tage,
Mein heimlicher Gesang,
Verstummt ist meine düstre Klage
Bei deiner Stimme Klang.

Du bist die Ruhe meiner Nächte,
Mein Wiegenlied bist du -
Ich halte betend deine Rechte
Und schließ' die Augen zu.

Isabelle Kaiser (1866-1925)
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Zum Lieben sind wir nie zu alt

Zum Lieben sind wir nie zu alt!
Wohl dem, der drob nicht streitet.
Und, so lang er durchs Dasein wallt,
Von Liebe ist geleitet!
 
Ob jünger, älter um manch Jahr!
Wird Lieb' um das sich kümmern?!
Was thut's, ob hier und dort ein Haar
Am Scheitel grau mag schimmern?!
 
Frägt Liebeslust, frägt Liebesleid,
Ob Kümmernisse haben
In's Antlitz mit dem Pflug der Zeit
Manch Furche schon gegraben?!
 
Ohn' Liebe leben wäre arg!
Drum altert nicht die Liebe!
Und so lang Kraft noch webt im Mark,
Besel'gen ihre Triebe!
 
Es liebt der Mensch, so lang er leibt
Und gleicht darin der Linde,
Die immer junge Triebe treibt
Trotz - tausendjähr'ger Rinde!

Sidonie Grünwald-Zerkowitz (1852-1907)
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