Deutsche Liebeslyrik - Gedicht der Woche Archiv

für das Jahr 2023

(die neuesten Gedichte oben)



Liebeslied

Ich weiß einen Rosengarten
Voll wonniglichem Duft,
Gefärbt ist von den zarten
Rosen Licht und Luft.
Darin spaziert,
Geputzt, frisiert,
Die Frau, die alle Wege ziert.

Ihre Äuglein liebkosen
Mein Herz so lind und weich,
Um ihrer Wange Rosen
Sind meine Wangen bleich,
Küßt sie mich,
So taucht sie sich
In mein Blut, herzinniglich.

Es geht ein holdes Schweigen
Ihr immerdar zur Hand.
Voll Engeln, welche geigen,
Wölkt sich ihr zart Gewand,
Scham ist ihr schönstes Kleid,
Ihr Mund ist Herzeleid,
Ich küß' ihn wohl in Ewigkeit.

Karl Schloß (1876-1944)
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Ein Zauberwort

Tief in des Meer's krystall'nem Schooße,
Da liegt die Perle wunderbar
In unscheinbarem Muschelkleide
Oft unentdeckt viel tausend Jahr.

In Bergen und in dunkeln Schachten,
Gar tief in Staub und Schutt versteckt,
Da liegt das edle Gold und wartet,
Bis es der Bergmann aufgedeckt.

So giebt's im Menschenherzen Schätze,
So tief verborgen, unentdeckt,
Bis sie ein kleines Zauberwörtchen
Zu neuem Dasein aufgeweckt.

Dies kleine Wörtchen, es heißt "Liebe!"
Das Zauberwort aus Himmelshöh'n; -
Und, wer es kennt, der sieht im Dunkel
Auf einmal helle Pracht entsteh'n.

Maurice Reinhold von Stern
(1860-1938)
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Beim Geliebten

Laß mich den Frieden dieser Stunde schlürfen,
Die Stirn in deine lieben Hände pressen:
Es ist so wonnig, alles zu vergessen,
Und endlich einmal müde sein zu dürfen.

In meinen Augen hast du's bald gelesen:
Sie haben manche Nacht durchwachen müssen,
Du mußt mich sanft wie meine Mutter küssen -
Ich bin so lang, so lang allein gewesen.

Bruno Frank (1887-1945)
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Liebeslied

Dein Mund, der schön geschweifte,
Dein Lächeln, das mich streifte,
Dein Blick, der mich umarmte,
Dein Schoß, der mich erwarmte,
Dein Arm, der mich umschlungen,
Dein Wort, das mich umsungen,
Dein Haar, darein ich tauchte,
Dein Atem, der mich hauchte,
Dein Herz, das wilde Fohlen,
Die Seele unverhohlen,
Die Füße, welche liefen,
Als meine Lippen riefen -:
Gehört wohl mir, ist alles meins,
Wüßt nicht, was mir das liebste wär,
Und gäb nicht Höll noch Himmel her:
Eines und alles, all und eins.

Klabund (1890-1928)
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Zum neuen Jahr

Wie heimlicher Weise
Ein Engelein leise
Mit rosigen Füßen
Die Erde betritt,
So nahte der Morgen.
Jauchzt ihm, ihr Frommen,
Ein heilig Willkommen,
Ein heilig Willkommen!
Herz, jauchze du mit!

In Ihm sei's begonnen,
Der Monde und Sonnen
An blauen Gezelten
Des Himmels bewegt.
Du, Vater, du rate!
Lenke du und wende!
Herr, dir in die Hände
Sei Anfang und Ende,
Sei alles gelegt!

Eduard Mörike (1804-1875)


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