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Christian Morgenstern
(1871-1914)
Der Morgen war von dir erfüllt...
Dein Bild, von Tränen oft verhüllt,
umfloß mich wie ein lichter Schein;
du warst mein Morgenlicht allein.
Die Sonne schien mir ins Gesicht,
ich sah vor dir die Sonne nicht,
erblindet lag der Augen Au
von dir, als meinem Himmelstau.
(Band 2 S. 159)
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Glück ist wie
Blütenduft,
der dir vorüberfliegt...
Du ahnest dunkel Ungeheures,
dem keine Worte dienen -
schließest die Augen,
wirfst das Haupt zurück - -
und, ach!
vorüber ist's.
(Band 1 S. 413)
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Hier im Wald mit dir
zu liegen,
moosgebettet, windumatmet,
in das Flüstern, in das Rauschen
leise liebe Worte mischend,
öfter aber noch dem Schweigen
lange Küsse zugesellend,
unerschöpflich - unersättlich,
hingegebne, hingenommne,
ineinander aufgelöste,
zeitvergeßne, weltvergeßne.
Hier im Wald mit dir zu liegen,
moosgebettet, windumatmet...
(Band 1 S. 358)
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Ich küsse dich auf deine Lebenslinie,
da wo der Handschuh mir die Lücke läßt...
Ich küsse dich auf deine Lebenslinie ...
So zierlich ruht sie im gewählten Nest!
Und wie mein Mund sich zärtlich auf sie preßt,
da segnet er fromm mit ihr gleich auch den Rest, -
dein ganzes Leben mit der lieben Linie ...
(Band 2 S. 177)
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Mit diesem langen Kuß
auf deine Lippen laß uns scheiden.
O warum muß
ich solcher Trennung Schmerzen leiden.
Und hätte jederstund
nur einzig dies Verlangen,
an Deinem süßen Mund
auf Ewigkeit zu hangen.
(Band 1 S. 407)
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Aus: Christian
Morgenstern Werke und Briefe
Kommentierte Ausgabe, Band I (Lyrik 1887-1905)
und Band II (Lyrik 1906-1914).
Hrsg. von Martin Kießig Verlag Urachhaus Johannes M. Mayer GmbH,
Stuttgart Band I 1988, Band II 1992
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