
Franz Marc (1880-1916)
Liebespaar
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Stichwort: Heilig
16./17. Jh.
18. Jh.
19/20. Jh.
16./17. Jh.
Anonyme Barockdichter
Was hab ich armer doch gemacht /
O tugend-göttin aller schönen!
Daß sie mich niemahls würdig acht
Mit ihrer gottheit zu versöhnen?
Soll ich denn keine ruhe finden
Vor nie begangne liebes-sünden?
Längst hab ich ein altar gesetzt /
Ein denckmahl harter buß zu stifften /
In welchen Amors hand geetzt
Mit diamant und güldnen schrifften:
Der schönsten göttin von der erden
Soll dieser einzig
heilig
werden.
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Christoph Gottehr
Burghart (1682-1745)
An eine Nonne
Darff sich was weltliches in deine zelle wagen?
Darff wohl / O
heilige
/ bey dir ein sünder stehn?
Du pflegest sonsten zwar mit engeln umzugehn;
Jedoch GOtt selber will sein hauß uns nicht versagen /
Wann wir nur an die brust mit leyd und reue schlagen:
Mich drückt der sünden-last; du wirst dein lob erhöhn /
Woferne du mich läst bey dir zur beichte gehn;
So laß dich doch um rath vor mein gewissen fragen /
Du bist die Priesterin; dein leib ist mein Altar /
Die beyden lichter drauff sind deiner augen paar;
Der tempel aber selbst ist deine dunckle zelle /
Ach sprich mich /
heilige
/ von meinen sünden loß /
Die straffe leg' ich dir ganz willig in die Schooß /
Wo nicht / so bringet mich die schuld noch in die hölle.
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Christian Hoffmann von
Hoffmannswaldau (1616-1679)
Hat das verhängniß mir den steg zu dir verzehrt /
Kan ich / o Göttin! nicht dein rein altar berühren /
Soll auf dein
heiligthum
ich keinen finger führen /
So hat mir doch die pflicht noch keine zeit verwehrt.
Mein geist muß opfer seyn / mein herze wird der herd /
Ich thue / was ich kan / und was sich wil gebühren /
Ich weiß / du wirst itzund mehr als genug verspüren /
Was vor ein reiner dampf zu deinem throne fährt.
Ich ehre dich allhier / zwar ohne licht und kerzen /
Durch einen heissen trieb / aus einem reinem herzen /
Die flamme brennet zwar itzt durch verdeckten schein /
Und beug ich keine knie / so beug ich das gemüthe /
Acht wörter rühren mir itzunder mein geblüte:
Die Gottheit wil geehrt / und nicht geschauet seyn.
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18. Jh.
Charlotte von Ahlefeld
(1781-1849)
Als mir, von goldner Freiheit noch umfangen,
Des Daseyns Fülle blühend sich erschloß,
Da war's ein dunkles,
heiliges
Verlangen,
Das über mich der Sehnsucht Flammen goß.
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Diese Blume – ach sie kam von ihr!
Auch verwelkt noch ist sie
heilig
mir.
Längst sind ihre Farben hingeschwunden,
Wie die Seligkeit vergangner Stunden -
Aber dennoch bleibt sie
heilig
mir,
Diese Blume – denn sie kam von ihr.
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Bewahre
heilig,
was ich Dir gegeben,
Denn ach – wer weiß, ob wir uns wiedersehn;
Ob unsre Wege durch das weite Leben
Nicht nach verschiednen, öden Zielen gehn,
Wo fern von Dir, in still verschwiegnen Thränen,
Mich heimlich aufzehrt meines Herzens Sehnen.
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Sophie Albrecht
(1757-1840)
Mit einem Briefe
Mit der Liebe schnellem Flügel,
Ueber Berge, über Hügel,
Eile, theures Briefchen, hin,
Wo ich oft im Geiste bin.
Heiß und innig ihn zu fragen,
Ob der Inhalt meiner Klagen,
Ob die Thräne, die ihm fließt,
Heilig
seinem Herzen ist.
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Liebe
Süße Qual in meinem Herzen,
Die sein holder Name giebt,
Ruft mit tausendfachen Schmerzen:
Nie als jetzt hab' ich geliebt!
Dieses Klopfen, dieses Sehnen,
Ha! wem gilt der Flammenstreit?
Sind der Tugend diese Thränen?
Sind der Wollust sie geweiht?
Sehnsucht, wie sie keine kannte,
Seit die Lieb' ein Weib gekannt,
Knüpfst du himmlisch unsre Bande?
Wirst du Unschuld noch genannt?
Tausend kühne Wünsche beben,
Kühn vermess'ne Pulse fliehn -
Wollt' ich ihnen Namen geben,
Würde Schaam die Stirn' umglühn.
Selbst der Tugend ernste Büste -
Einst mein schönstes
Heiligthum
-
Wandelt, seit sein Mund mich küßte,
Sich zur Liebesgöttin um.
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Rosa Maria Assing
(1783-1840)
Erste Liebe
Thränen thauen still vom Auge nieder,
In Erinnrung längst entschwundner Lust;
Nie ach! hebt in solchem Glück sich wieder
Je so lebensvoll und warm die Brust
Als in jenen schönen Frühlingstagen,
Da zum erstenmal mich traf dein Blick,
Und ich ahnungsvoll mit süßem Zagen
Fühlte nahen mir der Liebe Glück.
Schön und golden flossen da die Stunden,
Hoch begeistert war mein junger Sinn;
Liebe, die ich damals tief empfunden,
Ist auf ewig wie ein Traum dahin!
Vieles hat die Brust seitdem durchzogen,
Hohe Freude, tiefe Seelenpein,
Doch in des bewegten Lebens Wogen
Ging nie unter jener Tage Schein,
Der mir noch dein süßes Bild erhellet,
Das, ein
Heiligthum,
im Innern steht,
Und dem ewig Schönen beigesellet
Nie in meiner Seele untergeht!
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Susanne von Bandemer
(1751-1828)
Ha! wenn nur bald die Götterstunde schläget!
Die meine Sehnsucht ungestüm erreget,
Wo er an meinen Busen zärtlich sinket
Und Liebe winket.
Dann wird Entzückung ganz mein Ich durchdringen:
In seinem Arm werd' ich, wie Sappho, singen,
Und an der Liebe
heiligen
Altären
Dich, Göttin! ehren.
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Friederike Brun
(1765-1835)
Es steht ein Fels von der Wog' umrauscht,
In Provincia's purpurnen Fluthen,
Da hab' ich einst Seel' um Seele getauscht
In liebezerschmelzenden Gluthen!
Es schwebten im ewigen Reihentanz
Die Sternlein auf mondlicher Wogen Glanz,
O
heilige
Stunde der Liebe!
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Gottfried August Bürger
(1747-1794)
Meiner Augen Denkmal sei dies blaue
Kränzchen flehender Vergißmeinnicht,
Oft beträufelt von der Wehmut Taue,
Der hervor durch sie vom Herzen bricht!
Diese Schleife, welche deinem Triebe
Oft des Busens
Heiligtum
verschloß,
Hegt die Kraft des Hauches meiner Liebe,
Der hinein mit tausend Küssen floß.
Mann der Liebe! Mann der Lust und Schmerzen!
Du, für den ich alles that und litt,
Nimm von allem! Nimm von meinem Herzen -
Doch - du nimmst ja selbst das Ganze mit!
_____
Lied
Mein frommes Mädchen ängstigt sich,
Wann ich zu viel verlange;
Die Angst der Armen macht, daß ich
Von Herzen mir erbange.
Schwebt unversucht alsdann vor mir
Der Wollust süßer Angel,
So härmt sie sich noch ärger schier
Und wähnet Liebesmangel.
So, hier und dort gebracht in Drang,
Ersticken unsre Freuden.
O Liebe, löse diesen Zwang
An einem von uns beiden!
Gib, daß sie mich an Herz und Sinn
Zum
Heiligen
bekehre,
Wo nicht, daß sie als Sünderin
Des Sünders Wunsch erhöre!
_____
Helmina von Chézy
(1783-1856)
An Seraphina
Wien, 7. Mai 1828
Ich weiß auf weiter Erde
Ein Wesen nur, wie Dich,
Vor Gott, und vor der Einen
Beug' ich an Andacht mich.
Wie süß ist's, Dich zu denken!
In Deiner Lieblichkeit
Die Seele zu versenken
Gibt Trost in herbem Leid.
O leucht' im Glorienscheine
Stets selig, klar und rein,
Du
Heilige,
Du Meine,
Vor Gott gedenke mein!
_____
Theodor Körner
(1791-1813)
Ich fühle plötzlich in den dunklen Locken
Ein leises Wehn;
Die Ahnung ruft, die vollen Adern stocken,
Die Pulse stehn. -
Es war dein Geist, und
heilig
auf der Wange
Fühlt' ich den Kuß;
An deiner Lippen küssendem Gesange
Kannt' ich den Gruß.
Es war dein Geist! Es war der Hauch der Liebe!
Hast mein gedacht!
O, daß sie ewig, ewig, ewig bliebe
Die schöne Nacht!
_____
19./20. Jh.
Frida Bettingen
(1865-1924)
Priesterin ewig unnennbarer Liebe
Ich bin durch ein zartes Herz hindurchgeglitten
in das erhabene Herz der Erde.
Ich bin aller Dinge Wesen, Wanderschaft,
Abendziel, Geburt und Sterbegebärde.
Ich bin Sättigung aller Meere, und Durst.
Oh, meine Freunde, dürstet!
Heiliger
Durst beseelt …
Ich bin mit Acker und Menschengebeten
und dem All-Odem der heiligen Sterne
vermählt:
Priesterin ewig unnennbarer Liebe.
_____
Otto Julius Bierbaum
(1865-1910)
Wie wunderbar
Der Maitag war!
So frisch, so hell, so kühn, so jung,
Wie Kinderglückserinnerung,
Und so voll Liebe und
Heiligkeit;
Ach, kranke Welt, wie bist du weit,
Weit von uns fern mit deiner Gier,
Mit deinem Haß, mit deinem Streich, -
Wir seligen, seligen Kinder wir!
_____
Wenn im braunen Hafen
Alle Schiffe schlafen,
Wach ich auf zu dir.
Stille in der Runde,
Heilig
diese Stunde,
Denn sie bringt dich, atemhaltend, mir.
_____
Wir gingen durch die dunkle, milde Nacht,
Dein Arm in meinem,
Dein Auge in meinem;
Der Mond goß silbernes Licht
Ueber dein Angesicht;
Wie auf Goldgrund ruhte dein schönes Haupt,
Und du erschienst mir wie eine
Heilige:
mild,
Mild und groß und seelenübervoll,
Gütig und rein wie die liebe Sonne.
_____
Rudolf G. Binding
(1867-1938)
Du Vertraute meiner Räusche,
heiliger
Nächte stiller Glanz,
Ganz-Verlorne, Trunken-Keusche,
die du trugest meinen Kranz,
sieh, dich muß ich jäh verlassen,
lächelnd eben noch beglückt;
will erblindend ich dich fassen
bin ich sehend schon entrückt.
_____
Tag der Liebe
Hat dich
heiliger
ein Hauch berührt?
Hat die Sonne heißer dich gegrüßt?
Bist vom Blühen wilder du verführt?
bist von Sehnsucht tiefer du versüßt?
Schreite selig in dein Licht empor.
Schnell verflogen ist was schwert und trübt.
Raunt es dir das Leben doch ins Ohr:
Tausend tausendfach bist du geliebt.
_____
Mich zu beglücken hob sein Lid er sanft,
mich zu befrieden gab er seine Lippen
kaum wie den Trank den Kelchen die am Ranft
der toten Weiher kühle Wasser nippen -
Bin ich so fremd daß er wie einen Gast
mich in sein Leben eingehn heißt und wieder
hinausgehn läßt und schon als halbe Last
vergessen wird eh noch die Nacht sinkt nieder? -
O Nicht! o süßes Wehren! seliges Nein!
die nun aus stummer Augen Tiefe steigen:
o Liebkosung, Befriedung, Brot und Wein.
Ich fühle bebend den gehemmten Strom
in seinem Beben. Überm
heiligen
Schweigen
zitternder Leiber steigt der Liebe Dom.
_____
Die zu weihen liebend er gedacht hat
hebend sie vom Grund mit guten Händen:
niemals werden nun die Brände enden
in dem Leib den sehnend er entfacht hat.
Von den Stürmen meines Glücks umfangen
steh ich taumelnd in den
heiligen
Flammen
seiner Küsse und in eins zusammen
stürzt die Weihe, stürzt das Neu-Verlangen.
Die in Scham und Schmach so tief verwirrt ist,
die in seinem Kuß so tief verirrt ist
wie in Ewiges -: ich brenne dehne
mich zu endlosem Sich-ihm-Verschwenden.
Wie soll dies Unendliche je enden
da ich ewig ihn unendlich sehne?
_____
Schon wird was eng uns umzirkt
heilig
in schweigendem Gruß;
schon immortellendurchwirkt
küßt ihr die Wiese den Fuß.
Ich aber küßte ihr Herz
geradwegs von Lippe zum Grund
und von der sonnigen Brust
kehrte ich aufwärts zum Mund.
Tiere im letzten Gebusch
regten nicht Wimper noch Lid
und keines Vogels Gehusch
heilig
Umarmen verriet.
Tief von der Liebe verschönt
steiget die Göttin zum Meer
daß sie sich sühnend versöhnt -
Rosen des Lichts um sie her.
_____
Ernst Blass (1890-1939)
Bin dir tief
Zugetan!
Was dich rief,
War kein Wahn.
Glaube mir,
Meinem Muss!
Folge dir,
Deinem Kuss!
Süsses Blut,
Hoher Traum,
Bunte Glut,
Heiliger
Raum.
_____
Den Fluch und Segen, beides hält umschlossen
Dein fliessendes und offenes Element.
Ein heller Strom bin ich zu dir geflossen,
Ich, der Verführte, der dich nicht verkennt.
Du, manchem Hexe, wurdest mir zur Fee.
Ich wende mich zu deinem
Heiligtume,
In Treu gelobend, dass, wo ich auch geh',
Ich zu dir streben werde, Blaue Blume.
_____
Helene Branco (Ps. Dilia
Helena) (1816-1894)
Mädchen-Lied
Heilige
Gluthen
Füllen die Brust,
Seit mir der Liebe
Glück ist bewußt.
O, wie verwandelt
Sonnig erhellt,
Seit du mich liebest,
Scheint mir die Welt!
Nur von dem Worte,
Das du gesprochen,
Lebet die Seele
Ununterbrochen.
Dir folgt im Glücke,
Dir folgt im Leid
All' meine Liebe
Durch alle Zeit.
_____
Das Mädchen mit der Feldblume
Kleine Blume, bin dir gut,
Weil so liebes auf dir ruht.
Edle Hand hat dich gepflückt,
Schönes Aug' dich angeblickt.
Mit wie trautem Blick und Wort
Gab er dich, o Blume, fort.
Tauschte nicht den Edelstein
Gegen deinen Zauberschein.
Täglich in der Abendstund'
Küßt dich weinend still mein Mund.
Schlug' um dich ein seidnes Band,
Trage dich als Liebespfand.
Welkst du gleich an meiner Brust,
Scheint mir das doch kein Verlust.
Denke, stürb' ich auch gleich dir,
Ehrt er
Heiliges
in mir.
_____
Clemens Brentano
(1778-1842)
Die Liebe fing mich ein mit ihren Netzen,
Und Hoffnung bietet mir die Freiheit an;
Ich binde mich den
heiligen
Gesetzen,
Und alle Pflicht erscheint ein leerer Wahn.
Es stürzen bald des alten Glaubens Götzen,
Zieht die Natur mich so mit Liebe an.
O süßer Tod, in Liebe neu geboren,
Bin ich der Welt, doch sie mir nicht verloren.
_____
Um uns her der Waldnacht
heilig
Rauschen
Und der Büsche abendlich Gebet,
Seh' ich dich so lieblich bange lauschen
Wenn der West durch dürre Blätter weht.
Und ich bitte: Jinni holde, milde
Sieh ich dürste, sehne mich nach dir
Sinnend blickst du durch der Nacht Gefilde
Wende deinen süßen Blick nach mir.
_____
Georg Busse-Palma
(1876-1915)
Er nannte mich: "Du
Heilig-Reine",
Doch war nicht reinlich, was er tat.
Er bog die Knie und küßte meine,
So bang ich um Erbarmen bat.
Er rief von Leidenschaft gerötet:
"Madonna du, wie bist du schön!" –
Doch wie er mich dann angebetet,
Das kann kein Mädchenmund gestehn!
Ich ward entheiligt und erhoben.
Mir schwand die Welt in Weh und Lust.
Ich fiel und stieg dann doch nach oben
Und nahm ihn mit an meiner Brust. –
_____
Ada Christen (1839-1901)
So ist es
Du kennst mich nicht, du liebst mich nicht,
Und Alles bist du mir;
Du hältst mich wie ein Spielzeug nur,
Und Alles zieht mich zu dir.
Aus Moder, Schutt und Elend
Schlagen
heilige
Flammen,
Dich wärmen sie nicht; - mein Leben
Brennen sie zusammen.
_____
Peter Cornelius
(1824-1874)
Treue
Dein Gedenken lebt in Liedern fort;
Lieder, die der tiefsten Brust entwallen,
Sagen mir: du lebst in ihnen allen,
Und gewiß, die Lieder halten Wort.
Dein Gedenken blüht in Tränen fort;
Tränen, aus des Herzens
Heiligtume
Nähren tauend der Erinn'rung Blume,
In dem Tau blüht dein Gedenken fort.
Dein Gedenken lebt in Träumen fort;
Träume, die dein Bild verklärt mir zeigen,
Sagen: daß du ewig bist mein eigen,
Und gewiß, die Träume halten Wort.
_____
Ave Maria
Lenz ist gekommen
Duftig und reich;
Lieb' ist erglommen
Mit ihm zugleich.
Ave Maria!
Blüten, ihr süßen!
Seid ihr erwacht?
Helft mir, sie grüßen,
Duftet und lacht:
Ave Maria!
Helft mir, sie preisen,
Vögel im Hain,
Mischt eure Weisen
Grüßend mit ein:
Ave Maria!
Schmetterling, gelber!
Flieg ihr vorbei,
Sag' es ihr selber,
Wie schön sie sei!
Ave Maria!
Bächlein! dein Rauschen
Durch das Gefild
Wird sie belauschen;
Grüße sie mild:
Ave Maria!
Sterne so golden!
Leuchtende Schar!
Bringet der Holden
Huldigung dar!
Ave Maria!
Heilige
Töne
Herz, hast auch du!
Grüße die Schöne,
Ruf es ihr zu:
Ave Maria!
_____
Max Dauthendey
(1867-1918)
Liebste
Jeden deiner Schritte möchte ich besingen.
Meine Lieder nehmen immer wieder dich in ihre Mitte,
Möchten, wie dein Blut, dich rot durchdringen.
Heilig
sind mir die Sekunden und kurzweilig,
Seit ich in dir meine Lust gefunden, meine wache,
Seitdem sind die Stunden nicht mehr eine abgetane Sache.
Unumwunden möchte ich sie dicken Bänden einverleiben,
Mit zwei Händen die Minuten singend niederschreiben,
Möcht' mich noch im Lied an deinem Anblick weiden.
Möchte dich an jedem Glied, vor den Augen beiden,
Wie in einem Liederbache ganz entkleiden.
Möchte, daß dich alle Worte meiner Sprache nennen,
Gleich wie deiner Kleider Faltenrauschen im Gemache;
Lieder, mehr als Ziegel auf dem Dache,
Lieder, wie die Atemzüge, die von mir zu dir hinbrennen. -
Nur in Wollust und in Liebe lernen sich Verliebte kennen.
_____
Marie Eugenie Delle
Grazie (1864-1931)
Denn wo mir wahre Schönheit beim Weibe begegnet,
Da pocht mein Herz, von
heiliger
Gluth durchdrungen,
Und süße Wonne erfüllt meine Brust;
Hinsinken könnt' ich, von ihrem Strahle getroffen,
Und knieend ihre göttlichen Formen verehren!
_____
Carl Ferdinand
Dräxler-Manfred (1806-1879)
Was
Heilige
verehren
Und Bilder an Altären -
Jetzt ist es mir enthüllt,
Seit, Wonne meinen Blicken,
Mit trunkenem Entzücken
Dein Bildniß mich erfüllt.
_____
Ludwig Eichrodt
(1827-1892)
Wie soll ich lernen ihn vergessen
Den heißen, einen, letzten Kuß!
O schilt ihn, Theure, nicht vermessen
So schmerzvoll süßen Abschiedsgruß!
Wer wollte weise sich bewachen,
Wenn
heilig
in dem Busen brennt -?
Die Welt mit ihren sieben Sachen
Verschlang der festliche Moment.
_____
Bruno Ertler (1889-1927)
Vorübergehen
Alles ist ein Vorübergehen —
Grüßen — tastendes Händereichen —
und wenn wir uns in die Augen sehen,
so ist es ein Fragen, ein Abwehr-Flehen,
halbes Begreifen — halbes Entweichen.
Doch ist uns das bange Wunder geschehen,
daß wir tiefer Gemeinschaft
heilige
Zeichen
erschauernd plötzlich an uns verstehen —
dann mögen wir wohl wie im Traume gehen
und nächtlich blühenden Bäumen gleichen.
Denn über Wort und Gebärde weit
ist solcher Stunde Versunkenheit —
wie Lieder, die aus der Ferne wehen
und fernhin gehen nach goldenen Reichen. —
_____
Es gibt keine Welt —
es gibt keinen Tod —
kein drängendes Irren mehr
und kein Morgen-Erwarten.
Reiner Bereitschaft zuckendes, großes "Ja!"
hüllt uns in jauchzende Brände
wollender Kraft —
und der Rausch, der aus uns aufloht,
reißt mit
heilig
frevelnder Gebärde
den glühenden Schöpferstab
aus der Hand Gottes
und zieht einen funkelnden Bannkreis
um unser Lager.
_____
Karoline von Fidler
(1801-1874)
In Lieb' und Dank sich selig auszudehnen
Ist meines Herzens
heiligster
Beruf!
Ob Himmelslust, ob ungestilltes Sehnen
Den feuchten Strahl im Seelenspiegel schuf,
Er thauet kühlend auf die heiße Brust,
Die der Bedeutung Tiefe sich bewußt.
_____
Johann Georg Fischer
(1816-1897)
Ich bin der Herr, dein einz'ger Gott, und du
Sollst neben mir nicht andre Götter haben,
Ruft das Gesetz dem Menschenkinde zu,
Denn in dem Einen hast du alle Gaben;
Doch daß mit Augen du die Wahrheit schaust,
Sei an die Seite dir das Weib gegeben,
In dem du einen Tempel dir erbaust
Und
heiligst
und erfüllst ein ganzes Leben.
Dein Frühling ist, wenn dich ein Weib entzückt,
Denn ohne Liebe duftet keine Blume,
Und schönrer Glaube hat dich nie geschmückt,
Als wenn du kniest vor diesem
Heiligthume;
Ja glaube, dein ist, was dir blüht und lacht,
Du sollst der Erde Seligstes erfahren,
Besitz' es ganz und lasse seine Macht
Auf immer deinen Glauben dir bewahren.
_____
Reliquien
Weißt du es noch, wie dir im Spiel
Am Raine des Gartens ein Band entfiel,
Wie mein bebender Finger mit heimlicher Hast,
Du süßestes Mädchen, das Pfand erfaßt,
Und meine Wonne ich nun verborgen
Entgegengeträumt dem nächsten Morgen? -
Du weißt es nimmer, denn bald vergißt
Ein Kind sich selbst, das selig ist.
Doch mir, mir leuchtet er immerfort
Mit Wunderglanz der gesegnete Ort,
Die sonnige Stelle, so warm und lind,
An der es war, du verklärtes Kind.
Und wie du standest - ich seh' dich noch,
So festlich still, so sinnend hoch;
Versunken steh' ich und schaue dich an,
Den Himmel über dir aufgethan,
Wie dich umstrahlt sein Glorienlicht
Gleich einer
Heiligen
Angesicht.
_____
Stefan George (1868-1933)
Die alte liebe noch?
In ihrer torheit noch und wildheit gleich
An lockenden und üppigen bildern reich?
Sie ist noch so.
Das blumenblättchen deiner hand entflogen
An dem ich fromm und erhrfurchtsvoll gesogen?
Nein nicht mehr so!
Sie ist noch - schlägt noch ihre alten wunden
Jedoch das
heilige
ist daraus entschwunden.
_____
AGELIED
Da nacht den neuen morgen noch umschattet
Und dein gemach
(Ein sichres dach)
Noch lange freuden uns gestattet:
Was soll dein leises weinen
Und dein weher blick?
- Des glückes stunden meinen
Für mich ein missgeschick.
Es tröste dich mein schwur
Dass du auch fürder keusch mir bist
Und ich zu deinen füssen
Ergeben dich als engel nur
Beschauen will und grüssen ·
Dein ganzer leib mir lieb und
heilig
ist ·
An jedem glied
Mein haupt mit inbrunst hängt
Und mit gesenktem lid
So wie man Gott empfängt.
Und trenn ich mich für heut · für ferne fahrt:
Ich trage auf der brust verwahrt
Das seidentuch worauf dein name steht
Der mich wie ein gebet
Eh spiel und schlacht beginnen
Bestärkt und sieg mir bringt.
- O möchten dann nur meine tränen rinnen
Wann uns des wächters horn zu scheiden zwingt.
_____
Hermann von Gilm
(1812-1864)
Meine Liebe
Begrab' die Lieb' mit Sang und Klang,
Mit Blumen und mit Thränen,
O komm, es ist der schwere Gang
So schwer nicht, als wir wähnen.
Sie war so jung, konnt' reden kaum,
Sie konnte noch nicht küssen,
Ein keuscher Rosenknospentraum,
Der früh hat sterben müssen.
Sie war so
heilig,
licht und rein –
Ja, weine nur und weine!
Könnt' leid doch einem Engel sein,
Um uns're todte Kleine.
Doch glaube mir und denke nie,
Daß wir vergessen werden;
Die wahre Lieb', du deckest sie
Mit keiner Handvoll Erden.
Hat nicht die Welt, was wahr und echt
Erst durch den Tod erworben?
Mir ist, die Liebe leb' erst recht
Seit sie für uns gestorben.
_____
Felix Grafe (1888-1942)
Ich bin vom großen Stamm der Götter,
ich bin der höchste, euer Gott.
Ich bin vom Stamm der großen Spötter,
und wahrlich, furchtbar ist mein Spott.
Mein Spott ist furchtbar wie Gewitter,
das jagend durch die Felder springt,
dem bittersten noch ist er bitter,
ein Trank, den keiner lachend trinkt.
Ich bin der große Gott der Lüge,
auf krummen Wegen kriecht mein Geist -
ich bin der Gott der Winkelzüge,
der euch der Gott der Liebe heißt.
Ihr alle seid wie Schachfiguren,
ein toller Märchenspuk und -spott -
ein Kreis von
Heiligen
und Huren,
und ich - bin diesem Kreis ein Gott.
Der
Heiligenschein
um eure Stirnen
ist nur ein falscher
Heiligenschein
-
und eure Worte, eure Dirnen,
selbst euer Schlamm ist noch zu rein.
Trüb seh ich eure Wahrheit scheinen
zu Boden fliegt, verfliegt mein Spott -
mich überfällt ein stummes Weinen -
bin ich noch - war ich je ein Gott?
_____
Franz Grillparzer
(1791-1872)
Mich reizt nicht das Glück der Toren,
nicht der Wollust Vollgenuß,
Liebe, dich hab ich erkoren
als ich Molly Treu geschworen,
bei der Holden ersten Kuß!
Weg da mit dem eiteln Ruhme
feiler Wollust Knecht zu sein!
in der Liebe
Heiligtume
blüht mir eine schönre Blume,
Molly, Molly du bist mein!
_____
Alfred Grünewald
(1884-1942)
Vision
Wir sehn dich ganz im Hellen wandeln,
so schwebend wie auf Wellen wandeln.
Und wie sich jetzt die leisen Töne
zum süßen Lied im Schwellen wandeln,
sehn wir mit Staunen dir zur Seite
die
heiligen
Gazellen wandeln.
_____
Trennung nach erstem Besuch
Kann es denn sein, daß ich dich wiedersehe?!
Dies Zimmer war verzaubert. Deine Nähe
gab leise Glorie jedem Ding und war
schon fast Erinnerung. Dein helles Haar
berührte diese Kissen. Fänd ich doch
die Schmiegung deines schönen Hauptes noch!
Dies Glas, das eingereiht im Schranke steht,
du trankst daraus. Welch
heiliges
Gerät!
Du hieltest dieses Buch in deinen Händen.
Nur zitternd kann ich seine Seiten wenden.
Durch jene Türe tratst du schüchtern ein.
Der Spiegel fing dein Bild. O blieb' es mein!
Dort saßest du und dort. - Ich fass' es kaum:
Altäre standen im vertrauten Raum.
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Ida von Hahn-Hahn
(1805-1880)
"Dein Bild allein" hebt ewig unverloren
Sich aus des Busens
Heiligthum
empor,
Und gleich dem Phönix, den der Glanz geboren,
So geht es aus dem Flammenmeer hervor,
Wenn alle Schmerzen, welche mich durchdringen,
Vor seinem Nah'n in Harmonie verklingen.
_____
Adolf Hain (1825-1854)
Da sah ich dich, du feine zarte Blume!
Und Sonnenlicht drang in die kranke Brust
Aus deiner frommen Augen
Heiligthume,
Dein Mund, er lächelte mir neue Lust:
So gut, so rein, nicht eitel, fern von Ruhme:
Da ward ich jener Wahrheit mir bewußt,
Daß keine Wahrheit in der Lust der Sinne,
Daß Seelenliebe nur das Glück gewinne.
_____
Friedrich Hebbel
(1813-1863)
Das
Heiligste
Wenn zwei sich in
einander still versenken,
Nicht durch ein schnödes Feuer aufgewiegelt,
Nein, keusch in Liebe, die die Unschuld spiegelt,
Und schamhaft zitternd, während sie sich tränken;
Dann müssen beide Welten sich verschränken,
Dann wird die Tiefe der Natur entriegelt,
Und aus dem Schöpfungsborn, im Ich entsiegelt,
Springt eine Welle, die die Sterne lenken.
Was in dem Geist des Mannes, ungestaltet,
Und in der Brust des Weibes, kaum empfunden,
Als Schönstes dämmerte, das muß sich mischen;
Gott aber tut, die eben sich entfaltet,
Die lichten Bilder seiner jüngsten Stunden
Hinzu, die unverkörperten und frischen.
_____
Alfred Walter Heymel
(1878-1914)
Gelöbnis
Mir soll die Freundschaft
heilig
sein,
die Liebe ein Gebet.
Euch süßen Frauen will ich ein
getreuer Knecht und Liebling sein,
solang mein Atem geht.
Ich trete in den Tempel ein,
hoch, stolz und leicht erbaut.
Dir, Aphrodite, ganz allein
will ich ein frommer Priester sein,
bis schwarzes Haar ergraut.
Muß endlich dann gestorben sein,
bringt mir das letzte Mahl,
bringt Lichter, Rosen, klaren Wein,
mein Leben soll genommen sein
von Lippen fein und schmal.
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Friedrich Hölderlin
(1770-1843)
DIOTIMA
Du schweigst und duldest, und sie verstehn dich nicht,
Du
heilig
Leben! welkest hinweg und schweigst,
Denn ach, vergebens bei Barbaren
Suchst du die Deinen im Sonnenlichte,
Die zärtlichgroßen Seelen, die nimmer sind!
Doch eilt die Zeit. Noch siehet mein sterblich Lied
Den Tag, der, Diotima! nächst den
Göttern mit Helden dich nennt, und dir gleicht.
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ABBITTE
Heilig
Wesen! gestört hab ich die goldene
Götterruhe dir oft, und der geheimeren,
Tiefern Schmerzen des Lebens
Hast du manche gelernt von mir.
O vergiß es, vergib! gleich dem Gewölke dort
Vor dem friedlichen Mond, geh ich dahin, und du
Ruhst und glänzest in deiner
Schöne wieder, du süßes Licht!
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MENSCHENBEIFALL
Ist nicht
heilig
mein Herz, schöneren Lebens voll,
Seit ich liebe? warum achtetet ihr mich mehr,
Da ich stolzer und wilder,
Wortereicher und leerer war?
Ach! der Menge gefällt, was auf den Marktplatz taugt,
Und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen;
An das Göttliche glauben
Die allein, die es selber sind.
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Diotima! edles Leben!
Schwester,
heilig
mir verwandt!
Eh ich dir die Hand gegeben,
Hab ich ferne dich gekannt.
Damals schon, da ich in Träumen,
Mir entlockt vom heitern Tag,
Unter meines Gartens Bäumen,
Ein zufriedner Knabe, lag,
Da in leiser Lust und Schöne
Meiner Seele Mai begann,
Säuselte, wie Zephirstöne,
Göttliche! dein Geist mich an.
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Ludwig Jacobowski
(1868-1900)
Bekehrt
Hab' immer höhnisch aufgelacht,
Wenn ihr von Frauenwürde spracht,
Von einer reinen Weibesseele,
Die voller Unschuld, ohne Fehle,
Von mancher keuschen Mädchenblüte,
Die warmen Herzens, voller Güte.
Und erst des Weibes
Heiligkeit
Die prieset ihr gar lang und breit;
Ich lachte bitter fort und fort,
Und glaubte euch kein einzig Wort,
Und dacht' dabei an manches Weib,
Mit frechen Augen, schönem Leib,
Das im Genusse selig lacht,
Die Nächte sich zu Tagen macht,
Mit reichem Schmucke schwer behangen,
Mit vollen rotgeschminkten Wangen,
Das lachend lockt und fröhlich tollt,
Bis es das Leben überrollt,
Das selig lebt und dann verdirbt,
Im Kusse lebt, im Wasser stirbt.
Da sah ich nun dein Angesicht,
Was mir geschah, ich weiß es nicht.
Ich hab' wohl mancherlei gedacht,
Doch höhnisch hab' ich nicht gelacht,
Und immer wieder, wenn ich seh
Die stillen Augen in der Näh',
Stirbt alle sündige Begehr,
Und weiß kein unrein Scheltwort mehr,
Und bitte dir im stillen ab,
Was ich für böse Worte gab,
Und hab' Gedanken fromm und gut,
Als wie so junges, junges Blut.
Und alles, was mich dazu zwang,
Ist selig blöder Liebesdrang.
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Maria Janitschek
(1859-1927)
Zu spät
Seine Seele steht in Flammen!
Als die schmachtenden Blumenlippen empfingen
Den Tropfen Tau, als auf Silberschwingen
Mondlicht flog an der Erde Brust,
Und beide sich küßten in heimlicher Lust,
In der
heiligen
Juninacht
Ist seine Seele erwacht.
Die Stirne im Staube lag er vor mir,
Er lag vor mir, er lag vor mir.
Seine Hände umschlangen meinen Leib,
Seine Lippen flehten: Sei mein Weib!
In der
heiligen
Juninacht
Ist mein Elend erwacht. - - - -
Ich bin gefesselt in erzenen Banden,
Die Ewigkeit hat dabei gestanden,
Als ich gegeben mein laut Versprechen,
Selbst ein Gott vermag sein Wort nicht zu brechen. - - -
Heilige
Juninacht!
Wie hast du mich stark gemacht!
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Eleonore Kalkowska
(1883-1937)
Die Liebende spricht:
O mein Geliebter, wie ein edles Wild,
Das seinen Herrn erkannt — leg ich mich leis
Zu Füßen dir — und wart auf dein Geheiß.
Denn in der Seele
heiligstem
Gefild
Ruht mir dein Antlitz, und — ein roter Schild —
Umrauschts mein Blut, und blühend Reis um Reis
Steigt draus empor, umgibt dich wie der Kreis
Von Lilien auf Botticellis Bild.
O Liebster, sieh, wie hoch die Blumen ragen!
Wie soll ich all die Seligkeit nur tragen?
Könnt ich doch, Liebster, etwas für dich wagen,
O, etwas tun, mein Glück mir zu erwerben,
Könnt ich vergehen, könnte ich verderben
Für dich — o mein Geliebter, könnt ich sterben. ...
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Minna Kleeberg
(1841-1878)
Dir
geheiligt
"O sei mir
geheiligt!"
- so klang dein Wort
In der Trauung geweihter Stunde;
Nun bin ich
geheiligt
dir fort und fort,
Dein eigen im
heiligsten
Bunde.
Die Augen sind dein,
geheiligt
dir -
O daß ihre Demuth es künde! -
Es deckt sie der Wimper keusches Visir
Vor dem flammenden Blicke der Sünde.
Dein ist die Hand, die des Ringes Schmuck,
Deine liebliche Kette, will hegen;
Sie schlingt nur für dich sich zum Händedruck,
Sie wirkt und sie schafft dir zum Segen.
Die Lippe ist dein, - ihr Wort ist dein
In der Liebe heißem Ergusse;
Die Lippe soll dir
geheiligt
sein
Zu der Liebe innigem Kusse.
Und dir
geheiligt
sind Geist und Herz,
Meiner Träume Gestalten verweh'ten;
Für dich will ich leben in Lust und Schmerz,
Für dich will ich denken und beten.
O sei mir
geheiligt!
- so klang dein Wort
In der Trauung geweihter Stunde;
Nun bin ich
geheiligt
dir fort und fort,
Dein eigen im
heiligsten
Bunde!
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Heilig
Geliebter du!
Es thront ein Bild im
Heil'genschrein
Und schirmt des Hauses Ruh',
So thronst du tief im Herzen mein,
Heilig
Geliebter du!
Wohl brandet an der Seele Port
Versuchung sonder Ruh',
Du schirmst mich treu, mein Schutz und Hort,
Heilig
Geliebter du!
Und in die bange Seele kehrt
Auf's Neue Glück und Ruh',
So bin ich dein und deiner werth,
Heilig
Geliebter du!
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Ernst Lissauer
(1882-1937)
Wo wir geweilt zu zwein
Wo wir geweilt zu zwein,
Wo wir auch nur rasche Stunde
Rasteten zu kurzer Runde,
Hold umgrenzt
Alle Orte tragen einen
Heiligenschein,
Überglänzt
Von beglückter Luft aus Licht und Wein.
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Alfred Meißner
(1822-1885)
Nachtwache der Liebe, du Hoffen und Wähnen,
Du Sabbat im Herzen, du
heilige
Zeit,
Du Seligkeit nächtig verrinnender Thränen,
Sei ewig und ewig gebenedeit!
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Frei und
heilig
Wie ein Märchen
spinnt die Lust
Mich in ihre goldnen Fäden -
Stürze warm an meine Brust,
Du mein Traum aus fernem Eden!
Du bist mein, und daß du's bist,
Ahnt kein Herz im Weltgetriebe,
Ohne Schwur und Fessel ist
Frei und
heilig
unsre Liebe!
Frei und
heilig!
wunderbar
Küßt dies Wort die Seele offen -
So hat einst das erste Paar
Sich im Paradies getroffen.
Ohne Schwur und Fessel mein,
Mein nur durch der Geister Walten,
Und so mein' ich, daß ich rein
Dich aus Gottes Hand erhalten.
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Stephan Milow (1836-1915)
Hohe Liebe
Sieh mir ins Auge, schlinge den Arm um mich
Und laß uns selig, schwelgend im Hochgefühl
Der schönsten Wonne und Vollendung,
Über der Welt in Verklärung schweben.
Kein Wort von Treue! Schwüre begehr' ich nicht,
Du schmähtest so nur
heiliger
Liebe Glut;
Aufblüh' uns segnend diese Stunde,
Gänzlich gesättigt in sich und sorglos.
Es liegt im Kusse, welchem der Gegenkuß
Gespendet, schön und herrlich geschlossen schon
Ein ganzes Schicksal, ganzes Leben;
Bliebe den Liebenden noch ein Sehnen?
Sei frei! und dies nur höre zu deinem Schutz:
Erkalt' ich jemals, bann' ich mich selbst von dir;
Nie soll mein Mund, dich schnöd entweihend,
Ohne Verzücken den deinen streifen.
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Christian Morgenstern
(1871-1914)
In stillster Nacht
in tief geheimnisvoller Stunde
kam es zu mir auf leisen Engelsfüßen.
Aus allen Tiefen, allen Höhn
umschwoll es mich wie klagendes Getön,
wie einer tiefen Sehnsucht Grüßen.
In stillster Nacht
in tief geheimnisvoller Stunde
da hab ich mich für alle Zeit
aus
heilig
heitrem Herzensgrunde
der Schönheit Sonnenreligion geweiht.
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Getrennter Liebender Gebet zueinander
Komm auch heute zu mir
bleibe auch heute bei mir.
Begleite jeden meiner Schritte
heilige
mir jeden Schritt.
Hilf mir, daß ich nicht in Stricke
falle noch strauchle.
Hilf mir stark und schön bleiben,
bis ich dich nächsten Morgen
so wieder bitte.
Durchdringe mich ganz mit dem Licht,
das du bist.
Wohne in mir wie das Licht in der Luft.
Auf daß ich ganz dein sei -
Auf daß du ganz mein seist
auch diesen Tag.
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Erich Mühsam (1878-1934)
Willst du mich höhnen, daß in meiner Qual
ich zu dir floh?
O wüßt' ich doch, ob irgendwo
ich weinen - weinen könnt' einmal!
Nennst du es Liebe, daß in rohen Nächten
du deine Arme um mich schlangst?
Den Hals mir würgtest in den wilden Flechten -
und mir medusengeile Lieder sangst? -
Wenn du mich liebst, gib mir dein Herz
und nicht den weißen, satten Leib;
und laß mich meinen
heiligen
Schmerz
in deine Seele weinen, Weib!
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Doch manchmal weiß ich meine Augen schön,
weiß einen weichen Klang in meiner Stimme.
Dann seh' ich dicht vor meinem Blick die Höh'n,
zu denen ich in seltenen Träumen klimme.
Dann tasten meine Hände, weiß und schlank,
zu Quellen, die aus Schaum und Silber steigen,
und meine Lippen neigen
in
heiligem
Kusse sich dem reinsten Trank.
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Ich bin dir treu. - Treu wie der Tod das Leben
bewacht, beweint, zu neuem Sein erweckt,
will ich mit meiner Liebe dich umgeben,
bis mich die Treue selbst zu Boden streckt.
Ich will dir fern sein. - Wie das Sonnenfeuer
aus fremden Welten uns erwärmt, erhellt,
will ich dich leiten; fern und um so treuer,
bis deine Seele selbst sich mir gesellt.
Ich will nicht werben, nicht um Blicke bitten, -
ich will dich lieben mit der
heiligen
Scheu
der Abendsterne, - und mit leisen Schritten
will ich dir Rosen streun. - Ich bin dir treu.
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Liebesweisheit
Jeden packt einmal die dicke Liebe,
packt einmal die feiste Leidenschaft;
und sie dauert, bis zu dem Betriebe
eines Tags der
heilige
Fleiß erschlafft.
Mit der Tatkraft schwindet die Begeistrung,
Schwer- und Weh- und Übermut entschwebt,
trotz der schämigen Gefühlsverkleistrung,
welcher die Gewohnheit sich bestrebt.
Kritisiert wird, wo man sonst geschmachtet;
die Figur, der Zuschnitt des Gewands
wird mit nörgelndem Verdruß betrachtet -
des bislang geliebten Gegenstands.
Auch der Spendeneifer ist geschwunden:
Früher war ein liebreiches Geschenk
mit entzücktem Opferstolz verbunden;
heute schmerzt es nur im Handgelenk.
Und die Hand, die sonst in weichen Wellen
glättend hinfuhr, wo sich zeigt ein Weh,
legt sich neuerdings in solchen Fällen
schwer und wuchtig auf das Portemonnaie.
Freund, hat dich gepackt die dicke Liebe,
und erfüllt dich feiste Leidenschaft, - -
prüfe wohl, wann dir zu dem Betriebe
eines Tags der
heilige
Fleiß erschlafft.
Denn das ist die gottgewollte Stunde,
abzuschließen mit entschlossenem Schnitt,
wo als neuer Mensch zum ewigen Bunde
mit der Frau man zum Altare tritt.
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Clara Müller-Jahnke
(1860-1905)
Johannisnacht
Umwogt von weißen Nebelschleiern
von blühenden Rispen überdacht -
komm mit ins Korn! Wir wollen feiern
die
heilige
Johannisnacht.
Da treibt aus taugetränktem Grunde
in alle Halme hoch der Saft,
da wirkt in klarer Vollmondstunde
uralter Gottheit Wunderkraft.
Wir fühlen tief das
heilige
Reifen
und - eins im andern fromm bereit -
stillsegnend unsre Stirnen streifen
den Blütenhauch der Ewigkeit.
_____
Betty Paoli (1814-1894)
Zwei Führer
Es ist in diesem Weltgetriebe
Nichts süß und
heilig
als die Liebe.
Der Schmerz nur wesenhaft und wahr.
Drum hab' ich, frei mit mir zu schalten,
Den beiden, göttlichen Gewalten
Mich hingegeben ganz und gar!
Vermag ich es des Lebens Höhen
Und seine Tiefen zu verstehen,
So dank ich's ihnen nur allein.
Sie führten, wie Virgil den Dante,
Mein Herz, das still und tief entbrannte;
Zur Hölle und zum Himmel ein! -
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Frage
Kein Schmerz ist, den ich nicht verschuldet,
Kein Trost, den du mir nicht gewährt;
Kein Jammer, den ich nicht erduldet,
Kein Leid, das du mir nicht verklärt!
Du Hoher! Milder!
heilig
Reiner!
Den meine Dankeszähre preis't,
Bist du der Staubgebornen Einer?
Bist du der ew'gen Liebe Geist? -
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Luise von Ploennies
(1803-1872)
In's
Allerheiligste
von meinem Herzen,
Hab' ich dein Bild gerettet vor der Welt;
Dort hab' ich es in wundersel'gen Schmerzen,
Umweht von süßen Schauern, aufgestellt;
Dort brennen hell der Liebe ew'ge Kerzen,
D'ran jeder meiner Tage sich erhellt,
Und meiner Sehnsucht Thränen, klar und rein,
Erglänzen drauf statt Perl' und Edelstein.
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Hermione von Preuschen
(1854-1918)
Oriflammen
Nun du mich voll erkannt,
laß voll uns wiederfinden,
laß unsrer Liebe Land
uns selig tief ergründen.
Laß uns in
heiliger
Glut
schmelzen in eins zusammen,
Seele verlohn und Blut
in tiefen Oriflammen!
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Robert Prutz (1816-1872)
Heiligung
Das ich mit
Seufzern lang' vermißt,
Des innern Friedens selig Glück,
Wie kehrt' es mir so schnell zurück,
Seit du die Meine wieder bist!
Wohin ich blicke, allerwärts
Seh' ich der Gottheit milden Gang,
Und das noch jüngst in Zweifeln rang,
Beruhigt klopft das wilde Herz.
Du bist sein fester Ankergrund,
Die Sonne bist du, die es nährt,
Der Schild, der allen Schrecken wehrt,
Und bist sein Balsam, wenn es wund.
Und schelten sie mich glaubenlos,
Was kümmert mich ihr plumper Spott?
In dir, Geliebte, lieb' ich Gott
Und lieb' in dir, was gut und groß!
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Die einst mir als schüchterne Knospe gelacht
Aus halb erschlossenem Laube,
Nun leuchtest du mir in üppiger Pracht,
Du reife, du goldene Traube!
Ich aber, in
heiliger
Trunkenheit,
Ich halte den schäumenden Becher,
Und selbst der Wermuth vergangener Zeit
Wird Nektar dem seligen Zecher.
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Von allem, was da ist und lebt auf Erden,
Ist nichts so fromm und
heilig
im Gemüthe
Und nichts so keusch und lieblich von Geberden:
Als wie ein Weib in seiner Schönheit Blüte,
Daß sich dem Manne will zu eigen geben,
Aus Liebe halb und halb aus milder Güte.
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Anton Renk (1871-1906)
Dann kam die fliederduftdurchströmte Nacht
Und um die Lilien die Falter flogen
Und über uns der große Sternenbogen
Ließ niederträufen seiner Lichter Pracht,
Und es erklang das älteste der Lieder:
"Ich liebe dich" .. "Und ich .. ich lieb' dich wieder."
Ein stiller Kuß, so
heilig
wie Gebet,
Das feierlich durch alle Himmel weht,
Bei dessen Kommen sich die Engel neigen,
Und Gott sich hebt von seines Thrones Pracht
Und spricht: Es sind zwei Seelen sich zu eigen,
Es ist der Liebe Weltgesetz vollbracht.
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Hand in Hand geht man im Walde,
Du mein blondes Sommerkind;
Danken wir dem blauen Tage,
Daß wir so voll Sehnsucht sind.
Sommerhochamt: Lichterfunkeln,
Wälderweihrauch, Klängewehn,
Und den Kelch erhebt die Liebe
Gnadenspendend, ungesehn.
Laß dich küssen und dir schauen
Tiefbeseligt ins Gesicht. -
Und der Wald mit Orgeltönen
Heilig,
heilig,
heilig
spricht.
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Nun tönt der erste Grillensang
Vor meines Städtleins Toren,
Ein blondes Mädchen hab' ich mir
Zu meinem Schatz erkoren.
Am Sonnensonntag nachmittag
Da wandern wir ins Freie
Und Frühlingsblüten pflücken wir
Gar alle nach der Reihe:
Die Leberblumen rot weiß blau,
Die Lilaosterglocken -;
Was hat die Sonne denn zu tun
Mit meines Mädels Locken?
Sie nestelt dran und flirrefitzt
Und tut das Gold entfachen,
Als wollt' sie einen
Heiligenschein
Aus deinen Haaren machen.
Gib mir die Hand, mein Frühlingskind,
Keinen
Heiligen
ich beneide;
Denn wenn wir auch nicht
heilig
sind,
Sind wir doch selig beide.
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Seliger Tag – im stillen Garten
Die Rosen knospensprungbereit.
Sie mußten lange, lange warten
Und blühen auf zur rechten Zeit.
Seit Jahren ließ ich sie verblühen,
Ein liebearmer, stiller Mann.
Heut' weiß ich Locken, wo verglühen
Die allerschönste Rose kann.
In deine Haare Purpurflammen
Die allerschönste Rose gibt …
Der Herrgot gab uns doch zusammen,
Weil wir so
heilig
uns geliebt.
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Rainer Maria Rilke
(1875-1926)
Liebe auch läßt sich den Wellen vergleichen,
Sehnsucht wälzt ihre Wogen zum Ziele,
flüchtendes Nahen, nahendes Weichen,
heiligster
Ernst und doch schönstes der Spiele.
Dieses Erkämpfen mit Raunen und Rosen
schon mit der Venus den Wellen entstiegs,
süß vom verstohlenen Augenkosen
bis zu dem Kusse, dem Siegel des Siegs.
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Anna Ritter (1865-1921)
Heilige
Stunde
Ich denk so oft an jene Nacht,
Da's über uns herniederbrach,
So athemraubend, riesengroß,
Daß keiner von uns Beiden sprach.
Wir maßen uns, wie Feinde thun,
Es war ein Ringen bis aufs Blut
Und dann hat doch, besiegt und still,
Mein Haupt an deiner Brust geruht.
Es war kein Jubel zwischen uns,
Nur ein verhalten, wortlos Flehn:
"Gott, laß uns rein und stark und groß
Aus dieser Stunde Thoren gehn."
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Weihe
Ich liebe diese Form, die Dich entzückt:
Die weiße Brust, an der Dein Haupt gelegen,
Und diesen Nacken, den Dein Arm umschlang.
Seit Deines Kusses Wonne mich durchdrang,
Liegts über mir wie ein geheimer Segen,
Ein Frühlingsglanz, der meine Glieder schmückt.
Ich liebe dieser Augen lichten Schein,
Seit sie, zwei Sterne, über dir gestanden,
Und dieser Stimme warmen, vollen Klang,
Die deine Sehnsucht einst zur Ruhe sang!
Der Mund ist süß, den deine Lippen fanden,
Und diese Seele
heilig,
seit sie dein!
Die Liebe hebt mich über mich empor,
Daß ich mich selbst wie etwas Fremdes sehe,
Und meine Schönheit trage wie ein Kleid,
Wie einen Schmuck, der deinem Dienst geweiht:
Der Sonne gleich, lockt Deine liebe Nähe
Mich aus mir selber sehnsuchtsvoll hervor!
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Fata morgana
Mir ist, wir stünden Hand in Hand
Noch einmal an der lieben Stelle,
Da jener Traum uns aufgeblüht.
Vom Abendsonnenschein umglüht,
Liegt gar so still die Wiese dort,
In Blüthen steht die alte Linde,
Und grüßend wandert mit dem Winde
Ein ungesprochnes, süßes Wort.
Es sickert immer noch die Quelle
Leis raunend übern Brunnenstein -
Der alte Zauber spinnt mich ein …
Und wie die Pilger an der Schwelle
Des
Heiligsten
fromm niederknien,
So neig' ich mich in stillem Beten,
Denn dieses Stückchen Erdenland
Hat einst des Glückes Fuß betreten,
Und
heilig,
heilig
ist der Ort!
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Emil Rittershaus
(1834-1897)
Eines Weibes wahre Liebe, Lieb', die nur beglücken kann,
Ist des eignen Ichs Verleugnung für den lieben, theuren Mann,
Ist ein gottgesandter Engel, der des Friedens Palmen hält,
Ist das Seligste der Erde, ist das
Heiligste
der Welt!
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Hugo Salus (1866-1929)
Mit geschlossenen Lidern
Sonst, wenn mein Herz in Liebe sich verzehrte
Und ich die Lider schloß, ihr nah zu sein,
Sah ich die Liebste, mädchenhaft und rein,
Daß sich mein sündig Herz zur Buße kehrte.
Voll strenger Zucht erschien mir die Verklärte
So keusch, wie treu. Bis in den Schlaf hinein
Umstrahlte mich der Liebe
Heiligenschein,
Daß selbst dem Traum der Keuschheit Engel wehrte.
Auch jetzt schließ' ich die Lider: seliges Dämmern,
Draus schlank und weiß der schönste Körper lacht!
O warmer Marmor, drin die Pulse hämmern!
Die Lider preß ich zu. O Lichtgefunkel,
Hell strahlt ihr Leib und leuchtet durch die Nacht.
Und wär' ich blind, wär' selig doch mein Dunkel ...
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Georg Scherer (1828-1909)
Du kennst meines Liedes Weise;
Komm, öffne das Fenster sacht
Und flüster' ein Wörtlein leise
Mir zu in verschwiegener Nacht!
Ich nahe dir selig erschrocken;
O laß mich ins Antlitz dir sehn,
Und laß deine duftigen Locken
Um die heißen Schläfen mir wehn!
Dann löst, in dein Anschaun versunken,
Des Herzens Geheimnis der Mund,
Und die Lippen besiegeln trunken
Den
heiligen
Liebesbund.
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Wer,
heilige
Liebe, deinen Kelch getrunken
Und süßberauscht, ein überseliger Mann,
Dir einmal nur ans volle Herz gesunken,
Der ist verfallen deinem Zauberbann.
Fort glimmt's in ihm wie lichte Himmelsfunken;
Und ob er deinen Banden auch entrann -
Früh oder spät wird er mit frohem Bangen
Nach deiner holden Unruh' heim verlangen.
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René Schickele
(1883-1940)
Geistliches Trinklied
Hoch leben die
heiligen
Frauen,
die unsre himmlischen Geliebten sind!
Ihre Liebe ist groß und bedingungslos.
Sie lassen wie in nächtiger Blumen Schoß
ihren Blick auf unsre Herzen tauen,
ihr Lächeln ist Sterne säender Wind.
Sie öffnen den Himmel und gehn um die Erde mit sanftem Schritt,
sie beugen sich nieder und trösten den Armen, der Ängste litt
an Abenden ohne Vertrauen.
O Erfüllung, die von ihren lauen Hüften zur Erde sinkt!
O Mondhals! o weiße Brüste, an denen Sehnsucht trinkt!
o Freudenhäuser im Blauen ...
Hoch leben die
heiligen
Frauen!
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Ernst Schulze (1789-1817)
In der Madonna seelenvollen Zügen,
Im zarten Bild der jüngsten Huldgöttin,
In jedem Reiz, dem sich die Herzen schmiegen,
Erblick' ich dich und sinke vor dir hin.
Als
Heilige
wird dich mein Herz verehren,
Der sich zu nahn der Pilger nicht erkühnt,
Der er von fern nur mit der Inbrunst Zähren,
Nur mit dem Opfer frommer Seufzer dient.
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Reinhard Johannes Sorge
(1892-1916)
Liebe
Wer kann nennen,
Was sich nicht nennen läßt,
Wer bekennen,
Was unser Sinn nicht faßt,
Was göttlich in uns hallt,
Was sehnend uns durchwallt,
Die
heiligen
Triebe
Der allumfassenden Liebe,
Die du im Herzen hast?
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Carl Sternheim
(1878-1942)
Heilige
Stätte im Hain
Die Stätte, da du morgens sorgend fragtest
Um meinen Frieden und um meine Freuden,
Sie muß ein stummes
Heiligtum
bedeuten,
Ich will nicht wieder sie betreten.
Und erst wenn Jahre kamen, Jahre gingen,
Soll mir ein Enkelkind die Blumen grüßen,
Die still da überall Erinnerung sprießen
Und mir von ihnen Flüstergrüße bringen.
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Theodor Storm (1817-1888)
Die Ruhestörerin
Mein süßes Kind,
Wie ich dich liebe, frägst du oft,
Doch wie du meine Ruhe störst,
Das höre jetzt: Mein süßes Kind,
Wenn ich mein Aug zur
heil'gen
Jungfrau wende,
In frommer Andacht zu ihr wenden will,
So trägt die
Heil'ge,
die sich mir enthüllt,
Dein blaues Aug, dein hold Gesicht,
Dein glänzend Haar und deines Mundes Liebe,
Mein süßes Kind.
Will ich Gebete sprechen, eh der Schlaf mich faßt,
So ist's dein letzter Gruß,
Den meine Lippen lallen;
Und Andacht und Gebet ist hin;
Denn mächt'ger als die Andacht ist die Liebe,
Und mächt'ger als die
Heilige
bist du.
Dich denk ich nur, und dich nur bet ich an.
So steht's mit mir, und das hast du getan,
Du böses Kind!
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Karl Streckfuss
(1779-1844)
Der Kuss
Nie kann die Liebe ganz ihr Wesen sagen,
Und tief im Herzen glimmt die reinste Gluth.
Sich zu enthüllen wär' ihr höchstes Gut,
Doch kann sie nie in lichte Flammen schlagen.
Die Sprache kann das
Heiligste
nicht tragen,
Kann nicht entschleyern, was im Herzen ruht,
Doch treibt der Sehnsucht ungestümer Muth,
Selbst das Unmögliche mit Kraft zu wagen.
Vergebens - nach dem Mädchen hingewandt,
Fühlt sich der Liebende das Herz beklommen,
Und selbst der Sprache armen Trost entnommen;
Da öffnet sich der Arme Wechselband -
Da flieget Lipp' und Lippe heiß zusammen
Und beyde Seelen glühn in gleichen Flammen.
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Albert Traeger
(1830-1912)
Das Muttergottesbild
In der alten Mauerblende
Steht das Muttergottesbild,
Um den Mund, wie Segensspende,
Schwebt ein Lächeln stumm und mild.
Epheu webt mit frischen Ranken
Einen Rahmen auf den Stein,
D'rüber wilde Rosen schwanken,
Wie ein duft'ger
Heil'genschein.
Geh' vorüber ich, dann senken
Blick und Knie voll Andacht sich,
Doch im Beten muß ich denken,
Heißgeliebte, stets an Dich.
Unter Trümmern in der Wildniß,
Wie die Muttergottes hier,
Steht, Du
Heilige,
Dein Bildniß,
Tief versteckt im Herzen mir;
Frische, grünende Gedanken
Zauberst Du aus morschem Stein,
Und mit duft'gen Blüthenranken
Schließt mein wildes Lied Dich ein.
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Frank Wedekind
(1864-1918)
O, Ella, Ella, tausend Seligkeiten
In einen einz'gen Atemzug gedrängt;
Die Triebe aus der Menschheit frühsten Zeiten,
Von wonnekund'ger Götterhand gelenkt;
Der Kindheit ahnungsvolle, lose Spiele
Verwandelt in unendlichen Genuß;
O, Ella, alle himmlischen Gefühle
In einem einz'gen Liebeskuß -
Welch hohes Wort, das Menschengeist ersann,
Welch reicher Dank mag diese Stunde lohnen!
Laß ewig mich in deinem Garten wohnen,
Ist alles, was die Lippe stammeln kann.
In seiner Büsche stillem
Heiligtum
Nahm ich, als Balsam jeder Erdenqual,
Von deinem Mund das
heilige
Abendmahl
Zum großen Liebesevangelium.
_____
Lulu
Ich liebe nicht den Hundetrab
Alltäglichen Verkehres;
Ich liebe das wogende Auf und Ab
Des tosenden Weltenmeeres.
Ich liebe die Liebe, die ernste Kunst,
Urewige Wissenschaft ist,
Die Liebe, die
heilige
Himmelsgunst,
Die irdische Riesenkraft ist.
Mein ganzes Innre erfülle der Mann
Mit Wucht und mit seelischer Größe.
Aufjauchzend vor Stolz enthüll ich ihm dann,
Aufjauchzend vor Glück meine Blöße.
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Ernst von Wildenbruch
(1845-1909)
Guter Rat
Die Zeit vergeht, die Welt wird alt,
Das Haupt wird grau, das Herz wird kalt,
Ihr Menschen gedenket des Herzens.
Die Flamme, die es einst durchglüht,
Die Blume, die ihm einst erblüht,
Und es durchhaucht mit Seligkeit,
In der Zeit der Liebe, der Jugendzeit,
Bewahret, bewahrt sie im Herzen.
Nennt Torheit nicht, was ihr gefühlt,
Wenn Alter euren Busen kühlt;
Die zitternde, die junge Brust,
War reicher ja an
heiliger
Lust,
Als das alte, das richtende Herze.
Und das es einst so ganz erfüllt,
Das eine einz'ge süße Bild,
Das wie ein Spiegel in euch war,
So ohne Makel, rein und klar,
Bewahret es rein euch im Herzen.
Dann winkt es wie ein Himmelsstern
Euch lächelnd zu von fern, von fern,
Erinnerung alter, sel'ger Zeit,
Und winket Trost in letztem Leid
Dem alten, dem einsamen Herzen.
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Anton Wildgans
(1881-1932)
So lag ich lang, tief atmend das Arom
Des jungen Leibes und dies reiche Schweigen,
Und hörte deine Seele niedersteigen
Zu deines Schoßes ahnungsvollem Dom.
So klein bin ich, ein Mensch nur, ein Atom
Und ausgeschaltet aus dem ewigen Reigen,
Wenn nicht durch dich, was mir als Tiefstes eigen,
Einmünden darf in alles Lebens Strom ...
Der Abend kam, wir schritten in das Tal –
Nie war ein Tag so feierlich verklungen!
Wie Glockentöne, ernst und keusch verschlungen,
Sangen die Seelen innigsten Choral;
Da lauschten wir und nahmen tiefbezwungen
Der höchsten Liebe
heilig
Abendmahl.
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Bruno Wille (1860-1928)
Traum von heimlicher Hochzeit
So heimlich süß war unsre Hochzeitsfeier:
Wir lagen dicht
Beisammen, überwallt von einem Schleier;
Man sah uns nicht.
Wir hörten, wie die Leute nach uns fragten
Im gleichen Raum.
Wir unterm Flore blieben reglos, wagten
Zu atmen kaum.
Nur unsre Hände durften sacht sich drücken,
Wie küssend fand
Sich Hauch zu Hauch, mein Knie war mit Entzücken
An deins gebannt.
Mein glühend Auge, das im Dunkeln schaute,
Versank in deins;
Ich war in dir, du warst in mir, uns traute
Die
heilige
Eins.
Wohlan, was Edens Glut zusammenglühte,
Trennt keine Welt.
Hinweg denn, Angst, da uns die Hand der Güte
Geborgen hält.
Wir ruhn verhüllt; zum Baldachin, zum Himmel
Ward unser Flor.
Uns singt von Flügelköpfchen ein Gewimmel
Den Minnechor.
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Kathinka Zitz-Halein
(1801-1877)
Was wäre das Leben wenn Liebe drin fehlte?
Wo fände das Unglück erneuerten Muth?
Als gütig der Schöpfer den Menschen beseelte,
Gab er ihm den Funken zur
heiligen
Glut.
Die Lieb' ist stark
Wie Löwenmark,
Sie lehrt uns den Kummer ertragen,
Hat Balsam für Wunden und Klagen.
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Die Lieb' ist des Lebens
hochheiliger
Segen,
Sie flügelt die Seele zum Himmel empor;
Sie weckt unsre Kräfte die fröhlich sich regen,
Sie hilft uns erringen was Unmuth verlor.
Die Lieb' ist Glut,
Sie giebt uns Muth,
Und führet durch Kampfesgewühle,
Zum schönsten, zum herrlichsten Ziele.
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O,
heilig
ist die Frauenliebe,
Sie kann nicht sterben, nein, sie lebt,
Ob auch Verrath ihr treues Feuer
Mit seinem Hauch zu löschen strebt.
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Liebe ist von Ewigkeit
O saget nicht, daß Liebe sterben kann,
Sie stirbt nicht gleich den anderen Gefühlen,
Wenn hin das Leben stirbt, denn sie ist ewig.
Die andern Leidenschaften sind nur eitel,
Sie sind vergänglich wie die Dunstgebilde.
Die Ehrfurcht kann nicht in dem Himmel wohnen,
Der Geiz, der Stolz, nicht in dem Sitz des Lichts;
Aus ird'schem Stoff. gehören sie der Erde
Und sterben da, wo sie geboren wurden.
Die Liebe aber ist nicht zu zerstören,
Ihr
heiliges
Feuer brennt in Ewigkeit.
Sie stammt vom Himmel, darum kehrt sie wieder
Zum Himmel auch zurück. Sie ist hienieden
Ein oft verfolgter Gast, sie wird betrogen,
Mit falschem Schwur getäuscht, wird unterdrückt -
So wird sie hier geprüft und rein geläutert
Und hat im Himmel ihren steten Sitz.
Hier saet sie aus mit Kummer und mit Thränen,
Dort sammelt sie die reiche Ernte ein.
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