Liebeslyrik - Miniaturen

Gedichte und Gedicht-Zitate (Stichwort: zärtlich / Zärtlichkeit)
 


Franz Marc (1880-1916)
Liebespaar


 



 

Stichwort: zärtlich / Zärtlichkeit

16./17. Jh.      18. Jh.      19/20. Jh.

 

16./17. Jh.
(keine Beispiele)
 

 

18. Jh.

 

  • Susanne von Bandemer (1751-1828)

    Der Fusstritt des Geliebten

    Ha! hör' ich recht? sind dies die leisen Tritte
    Des Einzigen, dem dieses Herz sich weiht? -
    Er kömmt! beflügelt sind die sanften Schritte
    Von Sehnsucht und von
    Zärtlichkeit.

    Er kömmt! ich fühl's an diesen starken Schlägen
    Des armen Herzens, dem er alles ist.
    Es klopft entzückt dem Augenblick entgegen,
    Wo er die heisse Thräne küsst;

    Die Thräne, die sich von der Wange schleichet,
    Und halb beschämt auf einen Busen stiehlt,
    Der, ach! von seinem holden Blick erweichet,
    Nicht mehr sich unempfindlich fühlt.

    Nein, mein Gefühl wird mit dem Daseyn enden;
    Ich bin von neuer Lebensglut beseelt;
    Und dankbar nehm' ich aus der Liebe Händen
    Den Liebling, den sie mir gewählt.
    _____


     

  • Louise Brachmann (1777-1822)

    Das Eigenthum

    Was Du lobst und liebst an mir,
    Dank' ich's Dir denn nicht?
    Alles Höh're kommt von Dir,
    Meines Herzens Licht!

    Leuchtend steigt die Blum' im Thal
    Aus der Erde Nacht;
    Dankt sie nicht dem Sonnenstrahl
    Ihrer Farben Pracht?

    So auch hobst Du meinen Sinn
    Licht zu Dir empor,
    Jede beßre Kraft darin
    Rief Dein Strahl hervor.

    Meines Lebens Sonn', o Du,
    Meines Herzens Glück!
    Was ich Edles fühl' und thu',
    Strahlt von Dir zurück!

    Eins nur ist, was mein gehört,
    Was ich Dir geweiht,
    Blume, die kein Sturm zerstört:
    Meine
    Zärtlichkeit.
    _____


     

  • Philippine Engelhard (geb. Gatterer) (1756-1831)

    Ich sah den Ulmbaum sich zur Rebe neigen,
    Sie hülfloß blühn;
    Er schloß sich an – sie schlang mit zarten Zweigen
    Sich fest um ihn.
    Jetzt, dacht ich, gleichen sie dem besten Paare
    An
    Zärtlichkeit:
    So lieb ich Mylon in dem Lenz der Jahre,
    Der sich so lang mir nur allein geweiht.
    _____


     

  • Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

    Dich sah ich, und die milde Freude
    Floß von dem süßen Blick auf mich;
    Ganz war mein Herz an deiner Seite
    Und jeder Atemzug für dich.
    Ein rosenfarbnes Frühlingswetter
    Umgab das liebliche Gesicht,
    Und
    Zärtlichkeit für mich - ihr Götter!
    Ich hofft es, ich verdient es nicht!
    _____


    Soll dich kein heilig Band umgeben,
    O Jüngling, schränke selbst dich ein.
    Man kann in wahrer Freiheit leben
    Und doch nicht ungebunden sein.
    Laß nur für eine dich entzünden,
    Und ist ihr Herz von Liebe voll,
    So laß die
    Zärtlichkeit dich binden,
    Wenn dich die Pflicht nicht binden soll.
    _____


    Triumph der Tugend

    Von stiller Wollust eingeladen
    Drang in den Tempel der Dryaden
    Mit seinem Mädchen Daphnis ein,
    Um
    zärtlich ohnbemerkt zu sein.
    Des Taxus Nacht umgab den Fuß der Eichen,
    Nur Vögel hüpften auf den Zweigen,
    Rings um sie her lag feierliches Schweigen,
    Als wären sie auf dieser Welt allein.

    Sie saßen tändelnd in dem Kühlen.
    Allein, dem Herzen nah, das uns so
    zärtlich liebt -
    Wem Amor solch ein Glücke gibt,
    Wird der nicht mehr als sonsten fühlen?
    Und unser Paar fing bald an mehr zu fühlen.

    Des Mädchens
    zärtlich Herz lag ganz in ihrem Blicke,
    Halblächelnd nennt sie ihn ihr bestes größtes Glücke.
    Sein Herz, von heißem Blut erfüllt,
    Drückt sich an ihrs, läßt nach, drückt wieder;
    Und wenn das Blut einmal von Liebe schwillt,
    Reißt es gar leicht der Ehrfurcht Grenzen nieder.

    Konnt Daphnis wohl dem Reiz des Busens widerstehn?
    Bei jedem Kuß durchglüht ihn neues Feuer,
    Bei jedem Kusse ward er freier
    Und sie - und sie - ließ es geschehn.
    Der Schäfer fühlt ein taumelndes Entzücken,
    Und da sie schweigt, da jetzt in ihren Blicken
    Anstatt der Munterkeit ein sanfter Kummer liegt,
    Glaubt er sie auf dem Grad von feurigem Entzücken,
    Wo man die Mädchen leicht besiegt.

    Sie war an seine Brust gesunken,
    Und er, zuletzt von Wollust trunken,
    Erbat sich, Amor, Sieg von dir.
    Doch schnell entriß sie sich den Armen,
    Die sie umfaßten : Aus Erbarmen,
    Rief sie, komm, eile weg von hier.
    Bestürzt und zitternd folgt er ihr.

    Da sprach sie
    zärtlich: Laß nicht mehr
    Dich die Gelegenheit verführen;
    O Freund, ich liebe dich zu sehr,
    Um dich unwürdig zu verlieren.
    _____


     

  • Friedrich von Hagedorn (1708-1754)

    Die erste Liebe

    O wie viel Leben, wie viel Zeit
    Hab ich, als kaum beseelt, verlohren,
    Eh mich die Gunst der
    Zärtlichkeit
    Begeistert und für dich erkohren!
    Nun mich dein süßer Kuß erfreut,
    O nun belebt sich meine Zeit!
    Nun bin ich erst gebohren!
    _____


     

  • Daniel Schiebeler (1741-1771)

    An Daphne

    Wenn ich an deiner Seite bin,
    Wie flüchtig fliehen sie dahin,
    Die angenehmen Stunden!
    Was sich in stillen Wünschen oft
    Mein Geist gemahlt, doch nie gehofft,
    Hab' ich in dir gefunden.

    Wie rein, wie
    zärtlich lieb' ich dich!
    Dein Bild allein begeistert mich
    Mit himmlischem Entzücken.
    Dir eilt mein Herz beständig zu,
    Nur, wo du bist, genießt es Ruh,
    Es lebt von deinen Blicken.

    Den Wanderer in Wüsteneyn
    Kann so die Quelle nicht erfreun,
    Die seine Zunge kühlet,
    Als mich ein süsser Kuß von dir,
    Ein Balsamtropfen, den in mir
    Die ganze Seele fühlet!

    Nichts ist, das meinem Glücke fehlt,
    Zum Freunde hast du mich gewählt,
    Ich darf dich Freundinn nennen.
    O! meines Lebens Seligkeit!
    Laß keinen Zufall, keine Zeit,
    Dies sanfte Band zertrennen!
    _____


     

  • Christian Friedrich Daniel Schubart (1739-1791)

    Die
    Zärtlichkeit
    An Luise

    Goldne Zierde sanfter Seelen,
    Himmelsgrazie, mit dir
    Will ich ewig mich vermählen;
    O, wie lieblich strahlst du mir
    Aus Luisens sanftem Blick
    Deine Herrlichkeit zurück.

    Einfalt mit dem Silberschleier,
    Unschuld mit dem Rosenflor
    Wandern dir in stiller Feier
    Als zwei liebe Schwestern vor.
    Engel Gottes freuen sich
    Ueber dir, und küssen dich.

    Als die Schönheit und die Güte
    Einst im Garten Gottes stand,
    Und der erste Vater glühte,
    Da sich Eva ihm entwand;
    Blicktest du das erstemal
    Aus des Weibes Augenstrahl.

    Göttin - doch, so schön und milde
    Hat dich nie ein Aug' erkannt,
    Als ich in Luisens Bilde
    Dich zum erstenmal empfand.
    Still und groß und himmlisch mild
    Warst du in Luisens Bild.

    Ihrer Augen Zährenhelle,
    Ihrer Wangen Purpurschein,
    Ach, in Edens lichtem Quelle
    Wuschen sie die Engel rein.
    Ihrer Stimme süßer Ton,
    Wie ein Himmelspantalon;

    Blitzt' und drang in meine Seele,
    Herz und Busen wurden weit,
    Und aus meiner Augenhöhle
    Schimmerte die
    Zärtlichkeit.
    Liebeschauernd schlug mein Herz,
    Bald vor Wonne, bald vor Schmerz.

    Sterben möcht' ich nun vor Liebe,
    Seh' ich diese Zauberin;
    Aber wird ihr Auge trübe,
    O, wie trübt sich dann mein Sinn!
    Jeden Zug der Sympathie
    Fühlt mein armes Herz durch sie.
    Bruderliebe zu den Brüdern,
    Mitgefühl bei jeder Noth;
    Jedes Lächeln zu erwiedern;
    Jede Angst bei fremdem Tod;
    Demuth, Kinderfreundlichkeit
    Lehrte mich die
    Zärtlichkeit.

    Aber nur aus deinen Blicken,
    O Luise! lernt' ich sie;
    Ewig soll mich nun entzücken
    Diese Seelensympathie;
    Diese süße
    Zärtlichkeit,
    Die uns Cherubsschwingen leiht.

    Wenn ich rede, wenn ich schweige;
    Wenn, in deinen Reiz verschwemmt,
    Manche Thrän', der Liebe Zeuge,
    Mir die süße Rede hemmt;
    O so denke: tief, wie dich,
    Rührt die
    Zärtlichkeit auch mich!
    _____


    Liebe mich, du wirst empfinden
    Wie durch
    Zärtlichkeit und Treu',
    Wenn zwei Seelen sich verbinden,
    Himmlisch süß die Liebe sei.
    O da wird uns manche Stunde
    Unter Kuß und Druck entfliehn,
    Wenn wir Beide Mund auf Munde
    Neues Feu'r zur Liebe ziehn.
    _____


     

  • Christian Felix Weisse (1726-1804)

    Klagen

    Ach! an dem Ufer dieser Quelle
    Hab' ich Damöten oft gesehn.
    Wie sanft floss sie mir da, wie helle!
    Und ach! wie war Damöt so schön! -
    Wie? seufz' ich? geb' ich deinen Schmerzen,
    O Liebe, noch Gehör?
    Schweig,
    zärtlichstes von allen Herzen!
    Du liebst ihn ja nicht mehr.

    Fand ich sein Auge sanft geschlossen,
    Wie hab' ich ihn nicht oft erschreckt,
    Und ihn mit Bluhmen übergossen,
    Und dann mit Küssen aufgeweckt! -
    Wie? seufz' ich? geb' ich deinen Schmerzen,
    O Liebe, noch Gehör?
    Schweig,
    zärtlichstes von allen Herzen!
    Du liebst ihn ja nicht mehr.

    Oft, eh die Lerche noch erwachte,
    Strich ich schon einsam durch die Au,
    Und pflückte, bis sein Blick mir lachte,
    Für ihn schon Veilchen voller Thau! -
    Wie? seufz' ich? geb' ich deinen Schmerzen,
    O Liebe, noch Gehör?
    Schweig,
    zärtlichstes von allen Herzen!
    Du liebst ihn ja nicht mehr.

    Dann glänzte mir aus seinen Blicken
    Der Liebe süsse Trunkenheit,
    Und jeder Ausdruck war Entzücken,
    Und jeder Kuss war Seligkeit! -
    Wie? seufz' ich? geb' ich deinen Schmerzen,
    O Liebe, noch Gehör?
    Schweig,
    zärtlichstes von allen Herzen!
    Du liebst ihn ja nicht mehr.

    Einst wollt' ich zornig von ihm fliehen:
    Er bat mit schönem Ungestüm,
    Und eh er bat, ward ihm verziehen,
    Und fast vor Lust starb ich mit ihm! -
    Wie? seufz' ich? geb' ich deinen Schmerzen,
    O Liebe, noch Gehör?
    Schweig,
    zärtlichstes von allen Herzen!
    Du liebst ihn ja nicht mehr.

    Nun scheint er Chloen nachzugehen
    Und meinen Blick beschämt zu fliehn.
    Nun mag er um Verzeihung flehen:
    Umsonst! diess wird ihm nicht verziehn! -
    Wie? seufz' ich? geb' ich deinen Schmerzen,
    O Liebe, noch Gehör?
    Ja,
    zärtlichstes von allen Herzen,
    Du liebst ihn noch zu sehr!
    _____


     

19./20. Jh.
 

  • Charlotte von Ahlefeld (1781-1849)

    Bei Übersendung eines Vergißmeinnicht

    Diese Blume, deren blaue Blüthe
    Deutungsvoll der schönste Nahme schmückt,
    Der als Wunsch mir längst im Herzen glühte,
    Hab' ich einsam heut' im Thal gepflückt.

    Süß umschwebt von Deinem theuern Bilde,
    Schien sie würdig zur Gesandtin mir;
    Hin in ferne, trennende Gefilde,
    Bringe sie den Gruß der Freundschaft Dir.

    Ehe sie Dir naht wird sie verbleichen -
    Schnell verlöschet ihrer Farbe Licht,
    Doch die Bitte möge Dich erreichen,
    Die ihr Nahme
    zärtlich zu Dir spricht.
    _____


     

  • Gabriele von Baumberg (1768-1839)

    Liebe? – Liebe darf ich dir nicht schenken:
    Ach! das strenge Schicksal will es nicht;
    Meiden muss ich dich – dies wird dich kränken;
    Aber dich vergessen werd' ich nicht; -

    Ach! Die Zeit wird deine Triebe lenken,
    Folge guter Jüngling deiner Pflicht,
    Ewig werth macht mir dein Angedenken,
    Was für mich in deinem Herzen spricht.

    Ein Gefühl, geläuterter als Liebe,
    Gränzenlos wie deine
    Zärtlichkeit,
    Freundschaft, wie vielleicht kein Mann sie beuth,

    Sey Ersatz für hoffnungslose Liebe,
    Sey der Dank für die besiegten Triebe,
    Und der Lohn für deine Redlichkeit!
    _____


     

  • Ernst Blass (1890-1939)

    Offen kündend und doch schweigend,
    Deine Augen sind wie Flammen.
    Innig waren wir zusammen,
    Ahnungsvoll und süss uns neigend.

    Zärtlichkeiten, ganz geständig,
    Strömten zu wie Melodein.
    Sieh, es trat der Gott lebendig
    Und voll Sehnsucht in dich ein.
    _____


     

  • Udo Brachvogel (1835-1913)

    Schmähung

    Ich zürne Dir, weil ich Dich lieben muß,
    Ich schmähe Deinen Reiz, der mich vernichtet,
    Den Lippen fluche ich, nach deren Kuß
    In wilder Gluth sich all' mein Trachten richtet.

    Du bist an meinem Himmel der Komet,
    Der das entsetzte Herz in Winternächten
    Um Rast und Schlaf betrügt, mein Geist vergeht
    Anheimgefallen Deinen Circemächten.

    Du bist mein Vampyr, nimm das Letzte mir,
    (So plündern einen Bettler wohl noch Diebe),
    Du bist, - o Gott! Du bist und bleibest mir
    Das schöne Weib, das ich so
    zärtlich liebe!
    _____


     

  • Georg Busse-Palma (1876-1915)

    Nun freue ich mich meines Leibes,
    Weil ihn mein Freund so
    zärtlich liebt!
    O köstliches Geschick des Weibes,
    Das reich wird, wenn es alles gibt!

    Ich streichel' glücklich meine Brüste!
    Heut weiß ich, daß sie lieblich sind!
    Bevor mein Freund sie selig küßte,
    War ich für ihre Schönheit blind.

    Ach! Alles, was ich scheu verborgen,
    Ward heiß erweckt durch seinen Kuß
    Und schritt in einen neuen Morgen
    Wie aus dem Grab einst Lazarus!
    _____


     

  • Carmen Sylva (1843-1916)

    Räthsel

    Im Mondenschein,
    Im Rosenhain
    Ein
    zärtliches Viertelstündchen!
    Wie macht Natur
    So künstlich nur
    Einfältige Rosenmündchen?

    Am Waldesrain
    Zu Zwein allein,
    Man findet sich ohne Säumniß!
    Wie macht Natur
    So einfach nur
    Der mächtigen Lieb Geheimniß?

    Man hat am Stein
    In zartem Schrein
    Ein drittes dann aufgelesen -
    Wie macht Natur
    So vielfach nur
    Die stets sich ähnlichen Wesen?
    _____


     

  • Max Dauthendey (1867-1918)

    In meinem Ohr wohnt nur dein Name

    Das Rot deiner Wange ist ein Bett für mein Auge,
    Mein Zimmer wird feierlich von der Pracht deiner Haare,
    Jede Stunde bei dir ist ein Baum voll
    zärtlicher Blumen.

    Wenn ich von dir singe,
    Füllt der Himmel heiter meine Scheiben,
    Und die Wolken ziehn zufrieden ihren Weg.

    Wenn ich dich vermisse,
    Zerrt mein Herz an meiner Kette.
    In meinem Ohr wohnt nur dein Name,
    Wie ein Vogel im Bauer.
    _____


    Dein Haar ist mein
    zärtlichstes Kissen

    Und schmückt dein Haar meine Kissen,
    Wie wird die Welt mir so gut;
    Deinem Haar verschrieb ich mein Blut,
    Deinem Haar, das im Dunkel noch lacht,
    Und das der Leidenschaft Geste
    Stumm wie das Feuer nachmacht.

    Dein Haar schreibt viel brennende Zeilen,
    Dein Bett ist der heißeste Brief;
    Dein Haar ist mein
    zärtlichstes Kissen,
    Auf dem meine Sehnsucht entschlief.
    _____


     

  • Demeter Dudumi (um 1856)

    Das Fenster vergittert,
    Verriegelt die Thür,
    Bin einsam, allein ich,
    Im Geist doch mit dir!

    Doch tröste dich, Liebchen,
    Auch einsam, allein
    Weiß
    zärtliche Liebe
    Noch glücklich zu sein!
    _____


     

  • Reinhold Eichacker (1886-1931)

    Ich wette, die Nymphe hat
    zärtlich gelacht,
    und der Mond hat verzückte Gesichter gemacht,
    als er durch die Zweige des Fliederstrauchs sah,
    was unten im Moose so Süßes geschah:
    in Büschen von Rüschen
    ein Hälschen so fein,
    zwei Halbkugeln prangend wie Marmelstein,
    ein Kußfrätzchen, glühend vom seligsten Kuß —
    der weicheste, zierlichste Hüftenschluß —
    zwei Füßchen, zwei Kniechen, und sonst allerlei — — —
    und ich nur, und ich nur —
    und ich nur dabei!

    Juchu! schreit die Flöte,
    trata, dröhnt das Horn,
    die Pauke zerpoltert die Takte im Zorn,
    die Geige verhauchte — ihr
    zärtlichster Schrei
    schwang auf sich zum Himmel
    — und mit ihm wir zwei!
    _____


     

  • Gisela Etzel (1880-1918)

    Ich möchte wohl solch eines reinen Knaben
    Verschwendend ersten Liebesjubel haben
    Und seine glückgeschwellten Lippen küssen,
    Die noch von Frauenmund und -Leib nichts wissen.

    Behutsam hielte ich die volle Schale
    All seiner
    Zärtlichkeit in scheuer Seele,
    Daß nicht zu früh und nicht mit einem Male
    Um seinen Reichtum ihn mein Herz bestehle.

    Nur leise wollte ich von seinem Wissen,
    Das unbewußt sein Sinnenfühlen leitet,
    Die Schleier lösen, bis sie fallen müssen,
    Und er aus Traum ins heiße Leben gleitet.

    Doch dann, doch dann / ihr Ströme von Entzücken,
    Wie würdet niederstürzend ihr beglücken,
    Aus ewigen Quellen solche Wonnen schenken,
    Daß wild zwei Seelen nur noch, ›Sterben‹ denken!
    _____


    Mein Tag ist so von Liebe ganz beladen,
    Daß ich erschauernd wie durch Wonnen gehe,
    Vor Traum nichts Wirkliches mehr sehe,
    Nur selig fühle heilig starke Gnaden.

    O so in lindem Regen sich zu baden
    Von
    Zärtlichkeiten, Tag um Tag genossen,
    Und von Erinnern völlig eingeschlossen
    Hinwandeln an der Liebe Lustgestaden /

    Das ist ein Glück, als ob mit jungen Händen
    Ein Gott vom Lebensbaum mir Früchte bricht,
    Sie stumm und ragend reicht im Sonnenlicht,
    Das uns mit tausend emsigen Strahlenbränden
    / Zwei fremde Blüten, die sich nie sonst fänden /
    In Schicksalslaune eng zusammenflicht.
    _____


    Gleich Glockenläuten branden auf in mir
    Die tausend Wogen deiner
    Zärtlichkeiten,
    Mit denen du mich gestern überschüttet.
    Heut ist es Alltag, und ich gehe hin
    Mit Kleidern angetan vor aller Blicken /
    Und fühlte nie doch meinen Leib so nackt,
    So heißbelebt und jäh durchpulst von Glück!
    Wie strahlt mein Blick, der nichts als Eines sieht:
    Ein Antlitz über mir, das in Verzückung
    Dies hingegebne wehe Lächeln formt,
    Das wilder lockt als lauter Wollustschrei.
    Wie glüht mein Mund / der nichts als Eines fühlt:
    Den reinen Duft von lauter roten Rosen,
    Die kühlen Tau in meine Lippen pressen.
    Wie lauscht mein Ohr / und hört doch nur ein Kosen,
    Als rieselten aus roten Rosen Worte
    Voll fremder Glut mir über Hals und Nacken.
    Wie fassen meine Hände
    So liebreich heute alle Dinge an,
    Als glitten sie an sanft geschwelltem Bogen
    Von Hüften hin, die hart in meine Lenden
    Den tiefsten Rausch, den Gott uns gab, vollenden.
    _____


    O heilige Wollust, heilig du auf Erden!
    Wer ganz in dir ist, der ist gottvollkommen,
    Und übermütig wach sind seine Kräfte.
    Sein Blick ist küssender Mund,
    Sein küssender Mund erglühender Schoß,
    Sein Lächeln sagt von allen
    Zärtlichkeiten.
    Sein Leib ist Glut und Glanz,
    Und Glut und Glanz strömt aus von ihm,
    Der mehr an Liebe trägt, als er behalten kann.
    _____


     

  • Gustav Falke (1853-1916)

    Schamhafte Liebe

    Du schläfst, und meine blöde Liebe
    darf sich auch ihrem Winkel wagen
    und über dich ihr
    zärtlich Nachtgebet
    mit leisem Mund und lautem Herzschlag sagen.

    Dem hellen Tag ist sie ein schreckhaft Kind
    und liebt Verstecke, hüllt sich gern in Schweigen,
    verschüchtert leicht, wo andre lärmend sind.
    Du schläfst, und ihre stillen Sterne steigen.
    Weit öffnet sich ihr Herz, und in verschämter Pracht
    erglüht die keusche Königin der Nacht.
    _____


     

  • Felix Grafe (1888-1942)

    Menuett

    Wer fühlt die Zeit mit holden Händen rühren
    an seiner Seele bunten Herbst? Tritt vor,
    zärtliche Anmut! In den seligen Chor
    zierlichster Freude will ich dich entführen.

    Getreten kaum durch die erhellten Türen,
    fühlst du, was einst dein Kinderherz verlor.
    Reizender Wechsel zwingt dich stark empor
    zu jenem Geist, den nur Beglückte spüren.

    O Herz! O Tage, rätselhaft und reich!
    Wie dämpft sich klingend, was zwiespältig brannte,
    zu einem Lied, im tiefsten Wesen gleich.

    Und Lust, die nie dein Herz sein eigen nannte,
    wird kindlich zögernd wach und atmet weich
    dahingeschmiegt ins
    zärtliche Andante.
    _____


    Nacht im Garten

    Schön ist es wohl,
    wenn über dem blühenden Dill
    Segler ihre gestreiften Flüge ziehen,
    aber tiefer zittert das Geheimnis,
    wenn seine funkelnden Kreise hinflutet
    zärtliches Gestirn der Liebenden
    über Nachtschatten und Jasmin.
    Sieh, schon zog sie herauf,
    die glühende Dämmerung.
    Ängstlicher schmiegst du
    an den Geliebten dich an,
    aufblickend mit verdunkelten Augen
    in das wolkenlose Tal.
    Hingezogen in schimmernde Welle
    weckt dir der Hauch des Windes
    Erinnerung an Gärten der Kindheit.
    Wie fern dies alles, fern und hingespült
    mit unsichtbaren Händen aus dem Herzen.
    Freundlicher wird schon der Abend,
    später Sonne errötender Hauch
    führt dem Liebenden schreibende Finger.
    _____


    Die Liebende spricht

    O bunte Lippen
    zärtlicher als Flöten,
    Herabgebogen wie Gebüsch zur Winterszeit!
    Ihr habt mich aus dem Staub der Morgenröten
    Vorausgeschleudert in die Ewigkeit.

    O Druck der Finger, Druck verschlungner Hände
    Auf dem erglühten Teppich meiner Haut!
    Von meinen Lippen lodern goldne Brände,
    Du bist der Herr. In Demut ich die Braut.

    Gewicht der Welt, das wir in Einfalt trugen,
    Hat sich gelöst zu leicht gefügter Last.
    Das Rad des Tags fiel knirschend aus den Fugen
    Und nur bei dir ist noch mein Leib zu Gast.

    Umarmend faßt die Flamme unsre Glieder,
    Das Nichts steht still. Die neue Welt beginnt.
    Aus dürrem Strauch auftönt ein roter Flieder,
    Der in den Blumenstrauß des Himmels rinnt.

    Gebirge steigt, von deiner Brust entzündet,
    Im Strahl der Glocken, die wir träumend sahn.
    Und blau Gewölb von Engelsmund verkündet
    Liegt ungebändigt vor uns aufgetan.
    _____


     

  • Heinrich Heine (1797-1856)

    Geträumtes Glück

    Als die junge Rose blühte
    Und die Nachtigall gesungen,
    Hast du mich geherzt, geküsset,
    Und mit
    Zärtlichkeit umschlungen.

    Nun der Herbst die Ros entblättert
    Und die Nachtigall vertrieben,
    Bist du auch davon geflogen
    Und ich bin allein geblieben.

    Lang und kalt sind schon die Nächte
    Sag wie lange wirst du säumen?
    Soll ich immer mich begnügen
    Nur vom alten Glück zu träumen?
    _____


    Als Sie mich umschlang mit zärtlichem Pressen,
    Da ist meine Seele gen Himmel geflogen!
    Ich ließ sie fliegen, und hab unterdessen
    Den Nektar von Ihren Lippen gesogen.
    _____


    Die blauen Frühlingsaugen
    Schaun aus dem Gras hervor;
    Das sind die lieben Veilchen,
    Die ich zum Strauß erkor.

    Ich pflücke sie und denke,
    Und die Gedanken all,
    Die mir im Herzen seufzen,
    Singt laut die Nachtigall.

    Ja, was ich denke, singt sie
    Lautschmetternd, daß es schallt;
    Mein
    zärtliches Geheimnis
    Weiß schon der ganze Wald.
    _____


    Du warst die Blume, du geliebtes Kind,
    An deinen Küssen mußt ich dich erkennen.
    So
    zärtlich keine Blumenlippen sind,
    So feurig keine Blumentränen brennen!
    _____


    Hab ich nicht dieselben Träume
    Schon geträumt von diesem Glücke?
    Warens nicht dieselben Bäume,
    Blumen, Küsse, Liebesblicke?

    Schien der Mond nicht durch die Blätter
    Unsrer Laube hier am Bache?
    Hielten nicht die Marmorgötter
    Vor dem Eingang stille Wache?

    Ach! ich weiß, wie sich verändern
    Diese allzuholden Träume,
    Wie mit kalten Schneegewändern
    Sich umhüllen Herz und Bäume;

    Wie wir selber dann erkühlen
    Und uns fliehen und vergessen,
    Wir, die jetzt so
    zärtlich fühlen,
    Herz an Herz so
    zärtlich pressen.
    _____


     

  • Max Herrmann-Neiße (1886-1941)

    Nun kommt dir Liebkosung von fremden Händen,
    Und deine Mutter sagt ein fernes Wort,
    Und irgendwer liest was aus mir verhaßten Bänden,
    Das führt dich von mir weit, weit von mir fort ...
    Und mir verblühen alle
    Zärtlichkeiten,
    Die ich nicht durfte auf dein Bett dir breiten.
    _____


    In diesen Tagen, da ich ohne dich soll sein,
    reift soviel
    Zärtlichkeit und wartet dein,
    und meine Liebe leuchtet wie ein Glas voll Wein,
    das dir den Willkommtrunk kredenzen will
    und dich an meines Gartens Grenzen still
    begrüßen und ganz ohne Worte sagen:
    "Kehr' wieder, bitte, bei mir ein
    und laß von meinem Herzen wieder dir die Stunden schlagen!"
    _____


    Erlösung

    Wie ich dich einst zum ersten Male sah,
    seitdem wir Liebenden uns nie verließen,
    bist du mir, eh sich meine Augen schließen,
    noch einmal über alle Jahre nah.

    Des alten Baches sanfte Wasser fließen,
    und es geschieht mit mir, was einst geschah:
    die Welt ist nur um deinetwillen da,
    und jede Welle will dein Bild genießen.

    Ich bin ein junges Grün am Uferrande
    von deiner weichen
    Zärtlichkeit gestreift,
    noch zweifelnd, ob ich je dich wiedersehe.

    Ein kleines Lächeln läßt du mir zum Pfande,
    und wie mein Schreck nach deinem Schleier greift,
    ist es: daß ich schon eins mit dir vergehe.
    _____


    Wir halten uns umschlungen. Was war, ist begraben.
    Wir hören nicht, was draußen lästert und lärmt.
    Je mehr der Abend sinkt, desto lieber müssen wir uns haben.
    Je älter wir werden, desto
    zärtlicher sind wir ineinander verschwärmt.
    _____


    Verlangen nach Liebe

    Laß mich noch einmal die Liebe erleben,
    die meine welkenden Jahre verjüngt,
    daß wir uns wieder dem Schwärmen ergeben,
    einer im andern sich
    zärtlich verjüngt,
    daß wir den Frühling im Blut uns erwecken,
    uns verwandeln im Liebesgespräch,
    taumelnd in Küssen die Ewigkeit schmecken,
    sterbend vereint sind im Abschiedsgespräch,
    wieder am Morgen zum Leben erwachen,
    wieder zur Liebe, zum frühen Tod,
    einem Tode in kindlichem Lachen,
    der nur ein Spiel ist vom wirklichen Tod,
    der uns den Glanz und die Stille wird geben,
    die unsre furchtsame Unrast verneint.
    Laß mich noch einmal die Liebe erleben,
    die meine welkenden Jahre verneint!
    _____


    Ich träume dir nach ...

    Und immer bin ich so von dir ergriffen
    im Allertiefsten und für alle Zeiten!
    Du gingst ... Ich träum' dir nach ... Mir glänzt dein Gleiten
    ganz nah, wie heimlich in mein Glas geschliffen.

    Ich sehe dich die weißen Glieder breiten
    wie Möwen ihr Gefiedert über Schiffen;
    und plötzlich hab ich meinem Hund gepfiffen
    und singe ihm von deinen
    Zärtlichkeiten.

    Von unten zuckt aus Zoten Biergekreische,
    und auf der Straße fließen zwei und zwei
    sich immer wieder in die fahlen Fleische.

    Verfänglich hinter Fenstern schaukeln Schemen,
    und Katzen schrillen Liebesraserei. -
    Ich träum' dir nach ... und sink' in Chrysanthemen ...
    _____


    Gib uns beiden, guter Gott, dies Glück:
    daß bescheiden uns das letzte Stück
    meines Weges sanft wird, kummerlos!
    Und ihr Herz sei mir bis in den Tod
    Heimat,
    Zärtlichkeit und Zebaoth!
    Und mein Sterben leicht in ihrem Schoß!
    _____


    Lockt mich auch des Lebens Abenteuer,
    fremder Frauen Duft und Rätselblick,
    sehnt mein Dichterwahn sich auch nach neuer
    fabelhaft vielfältiger Musik,

    will ich oft der eignen Pflicht entfliehen,
    jeder Form, die mich eindeutig bannt,
    und im Sturm von Zaubermelodien
    - nicht zu fangen - wehn von Land zu Land,

    immer neu geboren, neu geborgen,
    daß sich Blüte neu aus Blüte treibt,
    lockt mich auch ein immer neuer Morgen:

    Alles Chaos endet doch in deinen
    Zärtlichkeiten, und Erfüllung bleibt
    unsrer Herzen großes Sichvereinen.
    _____


    Engel der
    Zärtlichkeit

    Ich vernehme kein Echo des Ewigen mehr,
    zwischen mich und den Himmel ist Wüste geweht,
    aus meinen Blicken kriecht ekler Begehr
    und meine Lippen geifern Pamphlet.

    Durch deine Stimme nur spricht noch
    des Himmels
    Zärtlichkeit mit mir -
    warum verschließe ich mich doch
    so oft selbstmörderisch vor ihr?

    Sie führt mich aus der Städte Haft
    zum märchenweiten Ozean,
    in des Gebirgs Mondnachbarschaft
    aus schwüler Feste Fieberwahn.

    Der Sternenaufgang deiner tief
    enthüllten Augen hat erhellt
    die Fremde mir. Lächelnd entschlief
    in deinem Bild das Ährenfeld.

    Entschlief ich nicht selbst durch Gebete versöhnt,
    in die mich dein Herz hüllt zur ewigen Fahrt,
    war doch paradiesisch mein Abschied verschönt
    und durch dich hart am Abgrund vor Satan bewahrt.
    _____


    Für Leni

    Die du mein Leben bist,
    des Tages Glanz, des Abends sanfte Stille,
    der Traum der Nacht, des Morgens junger Wille,
    der dir ergeben ist,
    auch wenn du es nicht weißt:
    sein Gang durchs Feld, sein heimliches Verweilen,
    auf Straßen mit den Stadtgehetzten eilen,
    fern stummen Bergesgeist,
    hastender Bahn entlang,
    spricht er doch nur von deinen
    Zärtlichkeiten
    und läßt den Wind als dich neben sich schreiten,
    den schmalen Felsengang,
    in dem er sich entscheiden muß,
    wenn an der Biegung, wo ein Mensch nur Raum hat,
    dich oder sich zu opfern Angst sein Traum hat,
    sterbend aufzuerstehn in deinem Kuß!
    _____


     

  • Detlev von Liliencron (1844-1909)

    Mit ausgebreiteten Armen

    Weltvereinsamt und verlassen,
    Liebes Mädchen, sitz ich hier.
    Alle Menschen muß ich hassen,
    Kann mich selber nicht mehr fassen
    Komm, o komm zu mir!

    Blütenpracht und grüne Zweige
    Und die ganze Frühlingszier
    Sind mir holde Fingerzeige,
    Daß ich sanft zu dir mich neige:
    Komm, o komm zu mir!

    Tausend
    zärtliche Gedanken,
    Keusche Minne, Liebesgier,
    Die sich ewig in mir zanken -
    Hab Erbarmen mit dem Kranken:
    Komm, o komm zu mir!
    _____


     

  • Hermann Löns (1866-1914)

    Zärtlichkeit

    Der blaue und der weiße Flieder
    Umduftet unsere Laubenbucht,
    Goldregen pendelt auf uns nieder
    Der blütenschweren Zweige Wucht.

    Viele weiße Schmetterlinge fliegen,
    Der Spötter singt im Rosendorn,
    Ganz langsam sich die Zweige wiegen.
    Ein warmer Wind geht über das Korn.

    Die Sonne spielt auf deinen Händen,
    Die lässig ruhn auf deinem Kleid,
    Mein Blick will sich davon nicht wenden,
    Mein Herz denkt lauter
    Zärtlichkeit.
    _____


    Verbotene Liebe

    Weißt du wohl, als wie wir sind,
    Wie das Kornfeld und der Wind,
    Wie der Sturm und das wilde Meer,
    Das da wallet hin und her;
    Aug’ zu Auge
    zärtlich spricht,
    Aber uns lieben, das dürfen wir nicht.

    Wenn die Sonne geht zur Ruh,
    Denk ich dein und mein denkst du,
    Und bei Mond und Sternenschein
    Denk ich dein und du denkst mein;
    Herz zu Herzen
    zärtlich spricht,
    Aber uns lieben, das dürfen wir nicht.

    Gestern um die Mitternacht
    Bin ich weinend aufgewacht,
    Denn mein allerschönster Traum
    War dahin, wie Wellenschaum;
    Mund zu Mund im Traume spricht,
    Aber uns lieben, das dürfen wir nicht.
    _____


     

  • Christian Morgenstern (1871-1914)

    Ich küsse dich auf deine Lebenslinie,
    da wo der Handschuh mir die Lücke läßt...
    Ich küsse dich auf deine Lebenslinie ...

    So zierlich ruht sie im gewählten Nest!
    Und wie mein Mund sich
    zärtlich auf sie preßt,
    da segnet er fromm mit ihr gleich auch den Rest, -
    dein ganzes Leben mit der lieben Linie ...
    _____


    Liebe, Liebste, in der Ferne,
    wie so sehr entbehr' ich Dich!
    Leuchteten mir milde Sterne,
    ach, wie bald ihr Glanz erblich!

    Wenn ich deine weichen Wangen
    leis in meine Hände nahm,
    und voll
    zärtlichem Verlangen
    Mund zu Mund zum Kusse kam;

    wenn ich deine Schläfen rührte
    durch der Haare duftig Netz,
    o, wie war, was uns verführte,
    beiden uns so süß Gesetz!

    Und nun gehst du fern und einsam.
    Ach, wie achtlos spielt das Glück!
    Bringt, was einmal uns gemeinsam,
    noch einmal sein Strom zurück?

    Liebe, Liebste, in der Ferne,
    wie so sehr entbehr' ich dich!
    Leuchteten uns milde Sterne,
    ach, wie schnell ihr Glanz erblich!
    _____


    Blütenduft erhasch ich und Mondenglanz,
    webe draus einen schimmernden Schleier dir,
    und um deine Gestalt, die keusche,
    lege ich
    zärtlich und leis ihn, Geliebte!
    _____


     

  • Novalis (Friedrich von Hardenberg) (1772-1801)

    [Vergiß mein nicht!]

    Vergiß mein nicht, wenn lockre kühle Erde
    Dies Herz einst deckt, das
    zärtlich für dich schlug.
    Denk, daß es dort vollkommner lieben werde,
    Als da voll Schwachheit ichs vielleicht voll Fehler trug.

    Dann soll mein freier Geist oft segnend dich umschweben
    Und deinem Geiste Trost und süße Ahndung geben.
    Denk, daß ichs sei, wenns sanft in deiner Seele spricht;
    Vergiß mein nicht! Vergiß mein nicht!
    _____


     

  • Hermione von Preuschen (1854-1918)

    Aus dem Nest gefallen

    Aus dem Nest bin ich gefallen,
    gehöre nun Keinem und Allen.
    Im Staube lieg ich hier -
    nimm mich auf, nimm mich auf zu dir.
    Will dirs ja lohnen, lohnen
    mit güldenen Lebenskronen;
    aller Wonnen
    Zärtlichkeiten
    schimmernd über dich breiten
    mit meinen sehnenden Armen.
    _____


     

  • Joachim Ringelnatz (1883-1934)

    Erinnerung an ein Erlebnis am Rhein

    Ja, ja! – Ich weiß. – Du weißt. –
    Vor neunundzwanzig Jahren –
    Wie
    zärtlich grün wir waren! –
    Damals. – Wie dankbar dreist! –
    Und brauchte gar nicht mal am Rhein –
    Es konnte irgend anderswo,
    Vor schwarzen Mauern und auf Stroh
    Gewesen sein. –
    Weil wir doch wir, und weil wir so –
    So waren. –
    Vor neunundzwanzig Jahren.

    Weil man nicht suchte, was man fand. –
    Nun klingt das rührsam hell
    Wie »Ade, du mein lieb Heimatland«
    Aus einem Karussell.
    _____


     

  • Friedrich Rückert (1788-1866)

    Darf ich meinen Blicken traun?
    Sie ist nah dran, aufzutaun.
    Milder seh' ich die Gebärden,
    Schmelzender die Stimme werden,
    Und aus ihrem Auge bricht
    Es wie Frühlingssonnenlicht.
    Ja so
    zärtlich wird ihr Kuß,
    Daß ich schon befürchten muß,
    Nächstens, will ich sie umschließen,
    Wird sie mir im Arm zerfließen.
    _____


     

  • Hugo Salus (1866-1929)

    Stilles Glück

    Wir sitzen am Tisch beim Lampenschein
    Und sehn in dasselbe Buch hinein;
    Und Wange an Wange und Hand in Hand,
    Eine stille
    Zärtlichkeit uns umspannt,
    Ich fühle ruhig dein Herzchen pochen:
    Eine Stunde schon hat keines gesprochen,
    Und keins dem andern ins Auge geblickt.
    Wir haben die Wünsche schlafen geschickt.
    ____


    Weh, daß ich dich treffen mußte,
    Du deiner Schönheit bewußte,
    Du, deiner Glieder und deines Ganges Künstlerin!
    Was ich all mein Leben lang
    An
    Zärtlichkeit im Busen trug,
    Was aus dem Knabenherzen bang
    Die ersten, irren Funken schlug,
    Der Jünglingsliebe süßen Trug,
    Der tollen Lust Sirenensang,
    Alle Sehnsucht, alle
    Zärtlichkeit wecktest du,
    Du Buhlerin du, kaltlockende Buhlerin,
    Und darum fluche ich dir,
    Darum bin ich so außer mir,
    Weil du mit deiner sündigen Schönheit Macht
    Mich so weit gebracht,
    Daß ich, mein Leben lang in der Schönheit Bann,
    Der Schönheit fluchen kann!
    _____


    Der Alternde

    Ich hatte jetzt nach liebesöder Zeit,
    Die mein Gemüt verdorren ließ zur Wüste,
    Ein Traumerlebnis voller
    Zärtlichkeit,
    Die mich mit aller Glut der Jugend grüßte.

    Ganz Weib, nur Weib, so standest du vor mir,
    Und ich vor dir, dir wortreich Treu zu schwören:
    Doch wortlos zogst du mich empor zu dir,
    Um mir, ganz hingegeben, zu gehören.

    O Seligkeit, mein Herz stand hell im Brand,
    O Glück der
    Zärtlichkeit, die nicht erkaltet!
    So lieg' ich da, erwacht, dankübermannt
    Und fromm die Hände auf der Brust gefaltet ...
    _____


     

  • Richard von Schaukal (1873-1942)

    Traurige Mär

    Ich gab mein Herz einem blonden Kind.
    Sie nahm's und lachte.
    Ich wußte nicht, wie Kinder sind,
    ich freute mich und dachte:
    "Nun legt sie's
    zärtlich in den Schrein
    und wird's verwahren."
    Sie aber warf's in den Tag hinein:
    der Stundenwagen fuhr polternd drein -
    da ward es überfahren.
    _____


     

  • Franz Stelzhamer (1802-1874)

    "Wo bist Du am weichsten?"
    Wo Du am härtesten bist:
    Am Kopf!
    "Wo bist Du denn am reichsten?"
    Wo Du am ärmsten bist:
    Im Herzen!
    "Wo bist Du denn am zähsten?"
    Wo Du am brechlichsten bist:
    Im Treusein!
    "Was thut Dir denn am wehsten?"
    Was Dir ein Spaß nur ist:
    Der Zank!
    "Wann ist Dein Herz am vollsten?"
    Wenn Dein's am leersten ist:
    Bei Dir;
    Denn immer treibst Du's am tollsten,
    Wie selbst Dein Ausspruch ist -
    Bei - mir!

    So zanken wir; doch unser Streit
    Nimmt stets dasselbe Ende:
    Gäh schlägt es um in
    Zärtlichkeit,
    Dann drücken sich zwei Hände.
    _____


     

  • Francisca Stoecklin (1894-1931)

    An den unsterblich Geliebten

    Meere sind zwischen uns und Länder und Tage.
    Aber ich weiß,
    Du wartest auf mich
    Jetzt und immer.
    Wissend und gut.
    Meere sind zwischen uns und Länder und Tage.

    Ich sehne mich nach dir,
    Nach deinen sanften Händen,
    Nach deiner frommen Schönheit,
    Nach deiner klugen Güte.
    O ich sehne mich nach dir.

    Alles, was ich habe, will ich dir schenken,
    Alles was ich denke, will ich dir denken,
    Ich will dich lieben in allen Dingen,
    Meine schönsten Worte will ich dir singen,
    All meine Schmerzen und Sünden will ich dir weinen.
    Meiner Seligkeit Sonnen werden dir scheinen.
    Was ich bin, will ich dir sein.

    Meine Träume sind voll deiner
    Zärtlichkeit.
    Mein Blut singt süß deine Unendlichkeit.
    Weiße Seele
    Unsterblich Geliebter.

    Du blühst sehr wunderbar
    Im Gestirn meiner Liebe,
    Im Schauer meiner Ängste,
    Im Lachen meines Glücks.

    Du blühst sehr wunderbar
    Im Gestirn meiner Liebe.
    _____


     

  • Kurt Tucholsky (1890-1935)

    Sie, zu ihm

    Ich hab dir alles hingegeben:
    mich, meine Seele, Zeit und Geld.
    Du bist ein Mann - du bist mein Leben,
    du meine kleine Unterwelt.
    Doch habe ich mein Glück gefunden,
    seh ich dir manchmal ins Gesicht:
    Ich kenn dich in so vielen Stunden -
    nein,
    zärtlich bist du nicht.

    Du küßt recht gut. Auf manche Weise
    zeigst du mir, was das ist: Genuß.
    Du hörst gern Klatsch. Du sagst mir leise,
    wann ich die Lippen nachziehn muß.
    Du bleibst sogar vor andern Frauen
    in gut gespieltem Gleichgewicht;
    man kann dir manchmal so gar trauen ...
    aber
    zärtlich bist du nicht.

    O wärst du
    zärtlich!
    Meinetwegen
    kannst du sogar gefühlvoll sein.
    Mensch, wie ein warmer Frühlingsregen
    so hüllte
    Zärtlichkeit mich ein!
    Wärst du der Weiche von uns beiden,
    wärst du der Dumme. Bube sticht.
    Denn wer mehr liebt, der muß mehr leiden.
    Nein,
    zärtlich bist du nicht.
    _____


     

  • Paul Wertheimer (1874-1937)

    Landschaft der Liebe

    Morgenwind. Blaßgoldne Weiten.
    Tief im Moose ruht das Kind.
    Von dem Baum der
    Zärtlichkeiten
    Wehen weiß im Frühlingswind

    Rosig zarte, leise Blüten,
    Und sie hangen dir im Haar,
    Und ich streife die erglühten
    Lippen halb - und sonderbar

    Fühl' ich heißer mich umschlossen.
    Deine sanfte Lippe loht.
    Auf den Mund sprang blutumflossen
    Eine Blüte purpurrot ...
    _____


     

  • Johanna Wolff (1858-1943)

    Lachende Seligkeit

    Ich trug in der Seele großes Weh
    und hätte verdrossen geschwiegen,
    da brach mich deine
    Zärtlichkeit,
    ich laß mich wieder wie befreit
    an deinem Herzen wiegen.

    Du meine Heimat, mein Paradies,
    das ich voll Rosen pflanze:
    Heut stichst du mir die Seele wund
    und morgen brichst du einen Bund
    von Blüten mir zum Kranze.

    O du gesegnete Unrast du,
    willst Glück wie Blumen pflücken!
    Und wär deine Bosheit abgrundweit,
    es soll meine lachende Seligkeit
    mit Rosen sie überdrücken!
    _____


     

  • Sidonie Grünwald-Zerkowitz (1852-1907)

    Sündige Stimmungen

    Wie's der Mond da boshaft meint,
    Der mir jetzt ... ins Stübchen scheint!
    Zärtlich läßt er seinen Strahl
    An mir hüpfen auf und nieder -
    ... Hüpften jetzt mir ohne Zahl
    Deine Küsse um die Glieder!
    _____


     

  • Stefan Zweig (1881-1942)

    Die
    Zärtlichkeiten

    Ich liebe jene bangen
    Zärtlichkeiten,
    Die halb noch Frage sind und halb schon Anvertraun,
    Weil hinter ihnen schon die wilden Stunden schreiten,
    Die sich wie Pfeiler wuchtend in das Leben baun.

    Ein Duft sind sie; des Blutes flüchtigste Berührung,
    Ein rascher Blick, ein Lächeln, eine leise Hand -
    Sie knistern schon wie rote Funken der Verführung
    Und stürzen Feuergarben in der Nächte Brand.

    Und sind doch seltsam süß, weil sie im Spiel gegeben
    Noch sanft und absichtslos und leise nur verwirrt,
    Wie Bäume, die dem Frühlingswind entgegenbeben,
    Der sie in seiner harten Faust zerbrechen wird.
    _____




     

 

 

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