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Annamitische Liebeslieder
Ihr, Ebbe und Flut,
Und du, ragend Gebirge,
Wer kann euch sehen.
Wer kann euch hören.
Die Harmonien,
Die euch umhallen,
Und nicht gedenken
An seine Liebe?
Und nicht vergiessen
Rinnende Zähren?
O dass sie schwänden,
All' meine Leiden,
Und meines Kummers
Farbe erblasste!
Niemals, o weite
Erde, und nimmer,
Endloser Himmel,
Lasset ihn niemals,
Ihn, den Geliebten,
Unglücklich werden.
(S. 243-244)
_____
"Wie lange habe ich ihn erwartet!
Weit besser will es mir erscheinen,
Ich hätte niemals ihn gesehn.
Dann brauchte ich jetzt nicht zu weinen.
Kaum dass wir flüchtig uns erblickten,
Da war er mir auch schon geraubt.
Ich bleibe einsam und verlassen
Und du, o Himmel, hast's erlaubt.
Kaum dass wir noch ein Wort gewechselt! -
Du junger Held, ich liebe dich.
Und ewig werde ich dich lieben,
O, welche Sehnsucht foltert mich!
Ein Meister in der Wissenschaft,
Warst du, mein Freund, und auch im Streite,
Im Kriegsgetümmel unerreicht,
Wer stellte sich dir wohl zur Seite.
Ich wein' um ihn, des tiefes Wissen,
Ihm Ruhm und Ehre viel verhiess,
Kaum vierundzwanzig Jahre zählt er,
Als er dies Erdenthal verliess. -
Ach, wie ein schattenhaftes Irrlicht,
Das schnell verlischt, so starb er hin!
Ich wein' um ihn, dass er geschieden,
Eh' ihm der Ruhm geletzt den Sinn.
Sein Feuergeist ist nun verglommen,
Sein Ruhm verwelkt und weh' mir, nie
Vereint man uns, nicht beugen Kinder
An unserm Grab dereinst die Knie.
(S. 246-247)
_____
Sehnsucht
Ach die Saite ist zerrissen und die Laute tönt nicht mehr
Hell wie einst zu der Guitarre. Einsam weilt der wilde Schwan.
Der Geliebten, ach, entrissen, die er nicht vergessen kann,
Höre ich das Heimchen zirpen, muss ich weinen und mein Herz
Füllt sich stets mit heissem Sehnen. Und als wie ein Perlenbach
Strömen Thränen aus den Augen, häng' ich meiner Sehnsucht nach.
Immer, immer muss ich denken, wie so fern sie von mir ist,
Sie, die sonst so gern hier weilte. Trauer schwellt die wunde Brust,
Denk' ich jener schönen Tage, wo ich sie umfing voll Lust.
Oft umklammert mein Gedanke sehnsuchtsvoll dein holdes Bild.
Ach, dann rinnt die stille Thräne, und ein namenloser Schmerz,
Seh' ich dich in meinen Träumen, quält mein kummervolles Herz.
(S. 249-250)
_____
Gattenliebe
Wer seinen Gatten von Herzen liebt,
Muss auch mit ihm weinen können,
Mit ihm des Schicksals Bitternis tragen
Und nach des Pfades Rauheit nicht fragen.
(S. 250)
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übersetzt von August Seidel (1863-1916)
Aus: Beiträge zur Volks- und Völkerkunde
Siebenter Band: Anthologie aus der
asiatischen Volkslitteratur
Herausgegeben von August Seidel
Weimar Verlag von Emil Felber 1898
Die Geschichte von Luc-Van-Tiên
Beim Scheine der Lampen lasst uns eine Geschichte erzählen, die sich
tief in unsere Seele eingegraben hat. Sie regt uns zum Nachdenken an und
belustigt uns gleicherweise. Ihr Grundzug ist Liebe. Haltet den Atem an,
beobachtet Schweigen, damit ihr höret. Schenkt mir die grösste
Aufmerksamkeit und ihr werdet von den darin enthaltenen Lehren Nutzen
ziehen. Ein seinen Eltern treu ergebener Jüngling macht den Anfang; dann
kommt ein bescheidenes und sittsames, mit allen moralischen Reizen
geschmücktes Mädchen.
Es war einmal ein Mann, der in der Provinz Quaudong-thauh wohnte, human,
mitleidig und voller Tugenden. Es wurde ihm zuerst ein Kindlein geboren,
das man Luc-Van-Tiên nannte. Als er 16 Jahre alt war, widmete er sich
gänzlich dem Studium und folgte dem Unterricht seines Lehrers um zu einer
vollkommenen Kenntnis der Wissenschaften zu gelangen. Er arbeitete ohne
Unterlass und zählte nicht Tage noch Monde. In der Litteratur stieg er
ruhmreich empor, wie der Phönix. Alles wollte er wissen und sogar in
den drei militärischen Wissenschaften und den besonderen militärischen
Künsten that es ihm niemand zuvor.
Nun geschah, dass Prüfungen abgehalten werden sollten. Van-Tiên begab sich
zu seinem Lehrer, ehe er ihn verliess, um seine Familie wieder
aufzusuchen, und sprach ihm seinen Dank aus, für die lange Zeit, die er
auf der Schwelle des heiligen Thores (der Studien) zugebracht hatte.
Der geistreiche und geradsinnige Jüngling war bereite voller Freude wie
der Drache, wenn er auf Wolken trifft. Er gehörte nicht zu denen, die sich
keine Stellung in der Welt erringen wollen; sein Ehrgeiz brannte danach,
sein Ziel zu erreichen. Er sagte sich: »Ich wünsche, dass mein Ruhm
erstrahle, und der Name meines Lehrers weithin bekannt werde.« Er wollte
ein Mensch sein und unter Menschen Wurzel schlagen. Aber vor Allem ehrte
er seine Eltern, und das Suchen seines eigenen Ruhmes kam erst in zweiter
Linie.
Sein Lehrer sprach aufrichtig zu ihm: »Ich glaube, sagte er zu ihm, dass
dein Schicksal dich noch vom Gelingen fern hält. Indessen wage ich es
nicht, dir die Geheimnisse des Himmels zu entschleiern. Dein Geschick
bewegt mich in meinem Herzen und flösst mir ein starkes Mitgefühl ein.
Aber damit du später sicher das Trübe vom Klaren (das Böse vom Guten) zu
unterscheiden vermagst, so muss ich jetzt einen Zauber machen, damit deine
Person geschützt sei. Jetzt mein Sohn steige hinab an den Ort, wo sich die
Menge drängt (= die Welt)«. Darauf teilte der Lehrer seinem Schüler zwei
Zauberworte mit, die ihn überall schützen sollten, wenn etwa eine Gefahr
ihn bedrohen würde. Auf dem Grund eines Flusses, inmitten der See, und auf
dem Gipfel eines Berges hatte er nichts mehr zu fürchten.
Darauf zog sich der Lehrer zurück. Van-Tiên war verstört und fühlte seine
Zweifel wachsen; er wusste nicht mehr, was er thun sollte. Der Lehrer
hatte ihm gesagt, dass das Gelingen des Examens noch in weiter Ferne
stehe. Lag das etwa daran, dass er durch Familienangelegenheiten gefesselt
war? Oder besass er nicht genug Tugenden? Oder war sein Wissen
unzulänglich? »Wie lange,« sprach er, »widme ich alle meine Kräfte dem
Studium der Wissenschaften? Wenn es mir diesmal nicht gelingt, wann soll
es mir sonst gelingen? Was soll ich thun? Wozu mich entschliessen? Ist es
nicht am besten noch einmal mit dem Lehrer zu sprechen?« In derselben
Nacht noch begehrte er bestimmte Erklärungen. Danach sollen ihn tausende
von Meilen nicht schrecken; er wird stark genug sein, seinen Frieden in
sich zu tragen.
Der Lehrer sass und sann. Als er um sich schaute, erblickte er seinen
Jünger, der zurückkam. Er sprach zu ihm: »Du hast einen langen Weg zu
durchlaufen, warum hast du dein Bündel noch nicht auf dem Rücken? Warum
bist du umgekehrt? Zweifelst du an mir? Oder ist das Wort daran schuld,
das ich zu dir gesprochen habe, dass das Gelingen noch fern sei?«
Van-Tiên hörte zu und antwortete sogleich: »Ich bin noch sehr jung und
kenne nicht den Lauf der Dinge dieser Welt. Meine Eltern sind wohlbetagt.
Ich bitte dich, Meister, gieb mir ein Mittel, in der Zukunft zu lesen.«
Der Meister hört diese Worte und empfindet Mitleid mit seinem Schüler. Er
ergreift ihn bei der Hand, führt ihn vor sein Haus, zeigt ihm den Mond und
spricht nach einer Weile des Nachdenkens: »Das Menschenleben gleicht dem
Lauf dieses Gestirnes am Himmel. Obwohl sein Glanz überallhin erstrahlt,
hat es doch seine Phasen, bald ist es dunkel, bald hell, bald voll und
bald um die Hälfte vermindert. Wenn du klar davon überzeugt bist, so du
wirst mich nicht zum zweiten Male fragen. Dein Schicksal ist in diesen
beiden Worten enthalten: ›Examen, Gelingen.‹«
Inzwischen war der Stern Dan aufgegangen. Sein Glanz gesellt sich zu dem
des herauf ziehenden Tages und immer noch plaudern sie zusammen. Die Sonne
ist ihrem Aufgange nahe; der Hahn kräht. Da sprach der Meister: »Wenn
du auf deinem Wege eine Ratte finden wirst, dann wird die Stunde deines
Ruhmes schlagen. Aber selbst wenn du zum höchsten Ruhme gelangst, so mögen
diese Worte deines Lehrers nie für dich verloren sein. Erinnere dich stets
dessen, was ich dir sage: Nach den Thränen die Freude; wache über dich,
mein Sohn, dass dein Gewissen rein sei und du wirst nichts zu fürchten
haben.«
Van-Tiên dankt ihm mit Inbrunst. Diese weisen Lehren werden ihm stets im
Gedächtnis bleiben, und nicht das geringste Wort davon wird er je
vernachlässigen.
Die Sonne ist aufgegangen. Van-Tiên macht sich traurig auf den Weg, indem
er einen wehmutsvollen Blick auf die Stätte der Ruhe und des Lernens
wirft. Ein Seufzer entringt sich ihm bei dem Gedanken an die neuen Länder,
die er durchziehen wird.
Der Meister seinerseits ist bei dem Anblick seines betrübten Schülers,
dieses dem Winde und Wetter einsam ausgesetzten Jünglings, von Mitleid
bewegt.
Wie einst der Weise Nhan-huyên, so ist Van-Tiên unterwegs, sein Bündel auf
dem Rücken. Bei sich trägt er das Buch Tu-lô und einen Flaschenkürbis mit
frischem Wasser. Er sprach bei sich: »Wie den Fisch nach Wasser verlangt,
so verlangt mich nach Ruhm und Ehren. Indessen stets will ich
Gerechtigkeit beobachten. Aber wie lange dauert es, bis es dahin kommt.
Ich bin traurig und verzagt, wenn ich an die langen Tage denke, die ich
vor mir habe. Der Weg ist weit und das Ziel ist sehr fern. Wo soll ich
eintreten? Welches ist die nächste Wohnung? Ich will mir erst ein
freundliches Gesicht suchen und dann daran denken, meine Füsse
auszuruhen.«
Aber woher kommen diese Thränen? Warum diese Klagen? Alle fliehen dem
Walde und den Bergen zu. Van-Tiên ruft ihnen zu: »Wohin eilt ihr mit euren
Kindern? Warum entflieht ihr so eilends?« Sie aber antworten: »Was ist das
für ein Jüngling? Ist es einer von den Räubern, der uns bis in die
Berge verfolgen will?« »Ich bin,« spricht Van-Tiên, »der Bewohner eines
fernen Landes und bitte euch, mir mit kurzen Worten die Ursache euerer
Furcht zu erklären.« Wie sie diese Worte Van-Tiêns hören, erscheinen sie
ihnen aufrichtig. Sie rufen einander zu, halten ein in der Flucht und
sagen: »Siehe, Räuber, deren Führer Phong-laï ist, haben sich zu einer
Bande zusammen gethan und bewohnen das Chon-daï-Gebirge. Ihre Macht ist
gross und wir fürchten sie sehr. Jetzt sind sie von ihren Bergen
herabgekommen, uns zu berauben. Zwei junge hübsche Mädchen, die unterwegs
waren, sind von ihnen entführt worden; aber wer in unserem Dorfe möchte es
wagen, ein Wort zu sagen. Und doch sind wir voller Mitleid mit dem
Geschick dieser beiden unglücklichen Jungfrauen. Die eine ist eine Perle,
sie gleicht dem reinsten Golde. Ihre Wangen sind rot wie Äpfel, ihre
Augenbrauen lang wie Bogen. Sie ist schön, ihre Gestalt zierlich und
schlank. Ihr Äusseres atmet Wohlanständigkeit. Aber diese wilden
Verbrecher haben die Jungfrauen davongeschleppt, deren Natur der ihrigen
in kleiner Weise gleicht. O weh! Wir wagen nicht länger zu reden.« Damit
entflohen sie voller Hast und Furcht, dass die Räuber sich ihrer
bemächtigen könnten. Van-Tiên entbrannte von Zorn bei ihren Worten. Er
erkundigt sich, wo die Bande haust. »Ich will die grössten Anstrengungen
machen,« ruft er aus, »Anstrengungen eines Helden. Ich will die Jungfrauen
aus dem Elende und dem Unglück befreien, darein sie geraten sind.« Man
antwortet ihm: »Die Bande ist hier in der Nähe. Wir sehen an deinen Augen,
wie tapfer du bist, aber wir fürchten, dass du nicht stark genug bist, um
diesen Grausamen zu widerstehen. Wenn dir niemand zu Hilfe kommt, so wirst
du sicher gezwungen werden, dich zu ergeben und wirst so selbst in ihren
schrecklichen Schlupfwinkel geraten.« –
Van-Tiên nimmt darauf einen starken Knüttel, geht der Räuberbande zu
Leibe und schlägt sie in die Flucht. Ihr Anführer Phong-laï wird
erschlagen. In einem Wagen entdeckt er die beiden Entführten. Sie
erzählen ihm auf seine Frage, dass sie auf dem Wege zu Tay-xuyên, den
Gouverneur zu Hake, dem Vater der einen, gewesen seien, als man sie
überfiel. Sie bitten ihn, sie zu begleiten, um ihn reich zu belohnen, was
er aber ausschlägt, weil er das Gute um des Guten willen thun wolle.
Tay-xuyêns Tochter bietet ihm darauf eine Stecknadel alsUnterpfand ihrer
Treue.
Van-Tiên wendet sein Antlitz ab, um nicht zu sehen. Nguyet-nga blickt ihn
verstohlen an und errötet schamhaft. »Dies Geschenk ist freilich sehr
gering,« spricht sie, »ich rede mit dir und du siehst mich nicht an. Was
ich dir darbiete, ist wertlos, aber dein Herz möge es nicht verachten.
Wende dein Gesicht nicht länger ab.« Van-Tiên kann kaum noch an sich
halten. Schon liegt er in der Liebe Banden und in den Fesseln der
Leidenschaft. »Wo man geschickt ist,« antwortet er, »hat man die
Herausforderung für sich. Dein Dank ist mir wertvoll genug. Die Stecknadel
ist zu schön als Geschenk. Hat ein Wort von dir, die Erinnerung an dieses
glückliche Zusammentreffen nicht den Wert von tausend Kleinodien? Deine
Zuneigung ist es, nach der ich mich sehne. Hab und Gut verachte ich. Was
sollte ich auch damit thun, wenn ich sie annähme?« Sie antwortet: »Ein
junges Geschöpf wie ich kennt noch nicht die Lüge, die das Herz
verdunkelt; wer könnte denken, dass ein mutiger Held um eine Stecknadel
soviel Aufhebens machen würde. Ich erröte für sie und weine, denn, ach,
sie ist nur eine arme Stecknadel und hässlich genug. Wer wollte ihrer
begehren? Wenn ich sie dir anbiete, so wendest du den Kopf ab. So bitte
ich dich, ein Dankgedicht annehmen zu wollen.« –
Sie wechseln darauf Verse aus und trennen sich dann, die Liebe zu einander
im Herzen tragend. Bei ihrem Vater angelangt, bittet ihn Nguyet-nga, den
Jüngling holen zu lassen und ihn zu belohnen, was er ihr auch verspricht.
Inzwischen giebt sie sich sehnsüchtigen Träumereien hin:
Ihr, Ebbe und Flut,
Und du, ragend Gebirge,
Wer kann euch sehen,
Wer kann euch hören,
Die Harmonien,
Die euch umhallen,
Und nicht gedenken
An seine Liebe?
Und nicht vergiessen,
Rinnende Zähren?
O dass sie schwänden,
All' meine Leiden,
Und meines Kummers
Farbe erblasste!
Niemals, o weite
Erde, und nimmer,
Endloser Himmel,
Lasset ihn niemals,
Ihn, den Geliebten,
Unglücklich werden.
Inzwischen hat Van-Tiên seinen Weg fortgesetzt, trifft unterwegs einen
Jüngling, namens Anminh, der sich gleichfalls zum Examen begiebt und
schliesst mit ihm Freundschaft. Während Anminh sich direkt auf den Weg zur
Akademie macht, unterbricht Van-Tiên seine Reise, als er sein Heimatsdorf
erreicht, um seine Eltern zu begrüssen. Seine Eltern gehen ihm für die
Weiterreise einen jungen Diener mit. Er begiebt sich zurück nach Han-giang
zu dem Mandarin Vô-cong, mit dessen Tochter Vô-phi-lan er bereits seit
langer Zeit von seinen Eltern verlobt worden ist. Sein zukünftiger
Schwiegervater macht ihn mit Tu-truc bekannt, einem jungen Gelehrten, den
Van-Tiên im poetischen Wettkampfe besiegt. Am anderen Morgen, als er
wieder aufbricht, begrüsst ihn seine Braut Vô-phi-lan und bittet ihn, ihr
seine Zuneigung zu bewahren. Tu-truc gesellt sich als Reisegefährte zu
ihm. In der Hauptstadt angelangt, nehmen sie in einer Herberge Wohnung, um
das Examen abzuwarten. Als die Zeit da ist und Van-Tiên sich bereits auf
den Weg zur Akademie gemacht hat erhält er plötzlich einen Brief, der ihm
den Tod seiner Mutter meldet, wodurch ihm für den Augenblick die Ablegung
des Examens zu seinem tiefen Schmerze unmöglich gemacht wird. Sofort lässt
er sich Trauerkleider besorgen und macht sich auf den Rückweg, traurigen
Herzens des Ausspruchs gedenkend, den ihm sein Meister beim Abschied auf
den Weg gegeben hatte. Unterwegs erkrankt Van-Tiên vor Kummer und
Aufregung und wird von seinem Diener mit Aufopferung gepflegt. Ergötzlich
ist der Arzt geschildert, den er zur Bekämpfung von Van-Tiêns Krankheit
herbeiruft. Die betreffenden Scenen erinnern lebhaft an Molières Malade
imaginaire. Endlich rafft sich Van-Tiên auf und beide schleppen sich,
entblösst von allen Mitteln, mühsam weiter. Auf dem Wege wird er von einer
Schaar junger Gelehrter eingeholt, die vom Examen kommen und sich zur
Unterstützung anbieten. Aber einer von ihnen, Hâm, der einen Hass gegen Van-Tiên gefasst hat, lockt dessen Diener in den Wald und bindet ihn an
einen Baum. Seinem Herrn sagt er, ein Tiger habe ihn zerrissen. Tief
betrübt schliesst sich Van-Tiên den jungen Gelehrten an.
Inzwischen wird sein Diener besonders durch die Vorstellung gequält, dass
sein Herr jetzt hilflos und verlassen sei. Als die Nacht anbricht, naht
sich ein Tiger, zernagt die Stricke, während der Diener schläft, und
entfernt sich wieder, ohne ihm ein Leid zu thun. Am anderen Morgen macht
sich der Diener auf, um seinen Herrn zu suchen.
In Phiên erfährt er, sein Herr sei gestorben. Verzweifelt begiebt er sich
zu dessen Grab und verbleibt daselbst. In der That hatte Hâm den Van-Tiên
hinterrücks ans dem Boot in den Fluss gestossen. Ein alter Fischer rettet
ihn jedoch, schildert ihm in lebhaften Farben sein friedliches und
selbstgenügsames Leben und fordert ihn auf, bei ihm zu bleiben. Dabei
erfährt Van-Tiên, dass er sich in der Nähe seines Schwiegervaters in spe,
Vô-cong, befindet. Auf seine Bitte zu letzterem geführt, findet er
gedrückte Aufnahme, da Vô-cong den Spott der Leute fürchtet. Auch Phi-lan,
seine Braut, wendet sich von ihm ab. »Wollt ihr eine Perle meiner Art mit
einem groben Bauer vergleichen? Lieber mein ganzes Leben allein bleiben.«
Man denkt vielmehr jetzt an eine Verbindung mit Tu-truc, der sein Examen
bestanden hat. Um sich Van-Tiêns zu entledigen, führt ihn Vô-cong in eine
tiefe, dunkle labyrinthartige Höhle, aus der er sich nicht wieder
herausfinden kann und überlässt ihn dort seinem Schicksal. Hier beginnt
Van-Tiên einzusehen, wie wenig man sich auf irdische Dinge verlassen darf.
In seiner höchsten Not erinnert er sich an drei Pillen, die ihm ein
Gastwirt in der Hauptstadt, der Gefallen an ihm fand, geschenkt hatte.
Hiermit stillte er seinen Durst. Endlich erbarmt sich seiner der Engel Du,
führt ihn aus der Höhle und bettet ihn unter einen grossen Baum mitten im
Walde. Dort findet ihn ein Holzhauer, dem er sein Unglück klagt, und der
ihn auf seinen Schultern bis in sein Haus trägt, da er völlig entkräftet
ist. Unterwegs treffen sie An-minh, Van-Tiêns Freund.
An-minh erzählt ihm, was ihm inzwischen begegnet ist; auch er ist vom
Unglück verfolgt worden. Beide beschliessen zunächst, zusammen zu bleiben.
Als Tu-truc in seine Heimat zurückkehrte, sagte man ihm, Van-Tiên
sei gestorben, und machte ihm den Vorschlag, die verlassene Braut zu
heiraten. Tu-truc lehnt indessen unter Hinweis auf sein
Freundschaftsverhältnis zu dem Verstorbenen ab und lässt sich von dieser
Haltung auch nicht durch die Koketterie Phi-lans abbringen. Aus Ärger
darüber stirbt Vô-cong nach kurzer Zeit.
Kehren wir nun zu Nguyet-nga zurück. Ihr Vater, der inzwischen Gouverneur
geworden war, erliess einen Aufruf, um Luc-Van-Tiên ausfindig zu machen.
Van-Tiêns Vater begiebt sich zum Gouverneur und teilt ihm mit, er habe
erfahren, dass sein Sohn unterwegs gestorben sei. Als Nguyet-nga dies
hörte, war ihr Schicksal gebrochen, wie eine Blume, die ins Wasser
gefallen ist und ans Ufer geworfen wird. Sie lässt den alten Luc zu sich
kommen und bejammert mit ihm das Schicksal seines zu früh
dahingeschiedenen Sohnes.
Ngnyet-nga war untröstlich:
»Wie lange habe ich ihn erwartet!
Weit besser will es mir erscheinen,
Ich hätte niemals ihn gesehn.
Dann brauchte ich jetzt nicht zu weinen.
Kaum dass wir flüchtig uns erblickten,
Da war er mir auch schon geraubt.
Ich bleibe einsam und verlassen
Und du, o Himmel, hast's erlaubt.
Kaum dass wir noch ein Wort gewechselt! –
Du junger Held, ich liebe dich.
Und ewig werde ich dich lieben,
O, welche Sehnsucht foltert mich!
Ein Meister in der Wissenschaft,
Warst du, mein Freund, und auch im Streite,
Im Kriegsgetümmel unerreicht,
Wer stellte sich dir wohl zur Seite.
Ich wein' um ihn, des tiefes Wissen,
Ihm Ruhm und Ehre viel verhiess,
Kaum vierundzwanzig Jahre zählt er,
Als er dies Erdenthal verliess. –
Ach, wie ein schattenhaftes Irrlicht,
Das schnell verlischt, so starb er hin!
Ich wein' um ihn, dass er geschieden,
Eh' ihm der Ruhm geletzt den Sinn.
Sein Feuergeist ist nun verglommen,
Sein Ruhm verwelkt und weh' mir, nie
Vereint man uns, nicht beugen Kinder,
An unserm Grab dereinst die Knie.«
Während dieser Zeit bewarb sich ein hoher Würdenträger um Nguyet-ngas Hand
ward aber abgewiesen und sann auf Rache. Als daher ein Aufstand der O-qua
ausbrach, äusserte er im Kriegsrat, derselbe sei durch die Begierde der
O-qua nach den Töchtern des Landes veranlagst und werde sogleich aufhören,
wenn man ihnen eine schöne Jungfrau zuführe. Er schlage dafür Nguyet-nga
vor. Der König folgte diesem Rate. Nguyet-nga muss sich fügen, zwischen
Liebe zu Van-Tiên und dem Vaterlande hin- und herschwankend. Sie bedingt
sich aus, zuvor dem alten Luc einen Besuch machen zu dürfen, um sieben
Tage dem Andenken ihres verstorbenen Geliebten zu weihen. Dies wird ihr
gewährt. Nach Verlauf dieser Frist muss sie mit fünfzig anderen Jungfrauen
die Reise ins Land der O-qua antreten. Unterwegs stürzt sich Nguyet-nga
nachts ins Wasser, während ihre Wächter schlafen, und diese, in der
Befürchtung für ihre Nachlässigkeit bestraft zu werden, setzen Nguyet-ngas
Dienerin Kimliên heimlich an deren Stelle. Nguyet-nga wird von den Wellen
ans Land geworfen. Dort trifft sie mit einem Greise namens Buy zusammen,
dem sie vorspiegelt, sie sei mit ihrer Barke verunglückt. Buys Sohn, der
einige Tage darauf aus der Hauptstadt heimkehrt, verliebt sich sogleich in
die schöne Nguyet-nga und sucht vergebens ihren Entschluss, ehelos zu
bleiben, zu erschüttern. Auch der alte Buy drängt sie zur Heirat mit
seinem Sohne:
Klar ist der Mond,
Sanft säuselt der Wind;
Wirf aus den Anker,
Mein Boot, geschwind!
Bleib hier und denk,
Dass der Dichter singt:
»Ob wohl die Zukunft
Wieder Frühling bringt?«
Heut blüht die Blume,
Welk ist sie bald;
So macht das Herzleid
Schönheit schnell alt.
Ach, und die lange Nacht
Ruhst du allein,
Fröstelnd auf Kissen,
Golden und fein.
Um sich dem Drängen zu entziehen, bittet Nguyet-ngaum Bedenkzeit. In der
Nacht des dritten Tages entflieht sie heimlich und findet bei einer alten
Frau im Lande O-shao ein Unterkommen.
Inzwischen hat Van-Tiên, der nun sechs Jahre von seiner Heimat entfernt
war, durch eine Erscheinung Buddhas ermutigt, die Heimreise angetreten.
An-minh gab ihm einige Meilen weit das Geleite. Seine Ankunft in der
Heimat erregt allenthalben lebhafte Freude. Nachdem der erste Rausch
vorüber ist, fasst Van-Tiên den Entschluss, Nguyet-nga aufzusuchen, deren
Schicksal er vernommen hat. Zunächst begiebt er sich zu ihrem Vater und
liegt dort fleissig seinen Studien ob. Mit Glanz besteht er im
Rattenjahr sein Examen.
In O-qua bricht zu dieser Zeit ein Aufstand aus und Van-Tiên wird vom
Könige beauftragt, denselben zu unterdrücken. Als Begleiter erbittet er
sich An-minh. Beide schlagen den Feind und vollbringen dabei Heldenthaten.
Dabei verirrt sich Van-Tiên im Walde und findet daselbst seine Nguyet-nga.
Bald stösst auch An-minh mit dem Heere zu ihnen. Nachdem Nguyet-nga ihnen
ihre Schicksale berichtet hat, führen sie sie im Triumph zur Hauptstadt,
wo die gegen sie gesponnenen Intriguen aufgedeckt und bestraft werden.
Gleichzeitig findet sich auch Van-Tiêns Diener unversehrt wieder ein. Mit
der Heirat Nguyet-ngas und Van-Tiêns schliesst das Gedicht.
übersetzt von August Seidel (1863-1916)
Aus: Beiträge zur Volks- und Völkerkunde
Siebenter Band: Anthologie aus der
asiatischen Volkslitteratur
Herausgegeben von August Seidel
Weimar Verlag von Emil Felber 1898
(S. 238-249)
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