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Liebeslieder aus Malta
1. Wie schlank und schmächtig du bist!
Du kommst mir vor
wie eine Nadel in
einem Etui.
Alles, was du anziehst,
steht dir, –
die Uhrkette mit
inbegriffen.
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2. Wie schlank und zierlich du bist, –
wie die Wage eines Juweliers!
Gib
acht, dass unsere Liebe
nicht bekannt wird.
Leugne nur immer,
und ich will
auch nichts zugeben!
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3. Du, mit der breiten Brust!
Anderthalbe Elle brauchst du
zur Weste.
Deine Augen bilden den Schmuck
deines Gesichts;
Knöpfe bilden den Schmuck
der Weste.
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4. Wie mir deine Stärke gefällt!
Deine beiden Arme
sind Leuchterarme oder
Säulen.
Bitte – Edelstein meines Herzens –
ich beschwöre dich bei Gott:
warum willst du mich töten?
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5. Du Schönste auf der Welt!
Was für Augen du hast!
Dein Mund ist zierlich
und voller Zärtlichkeit.
Sei nicht traurig,
du Edelstein meines Herzens!
Deinetwegen wachse ich ja auf!
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6. Du mit dem Gesichte
wie eine Rose,
weiss und rot!
Und die Lilie,
wie
gut passt sie in die Mitte!
Wer eine verheiratete Frau liebt,
(der ist)
wie der Dieb,
wenn er stehlen geht!
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7. Einen Zauber will ich dir befestigen
auf der Spitze deines Hutes.
Ich
werde dich dazu bestimmen,
mich allein zu lieben
und die anderen Liebsten
zu vergessen.
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8. Ein weisses Kleid
will ich dir machen
und eine Schürze dazu,
rot wie
Feuer.
Ich nehme dich nicht mit
zum Feuerwerke;
denn du hast ja Angst vorm
Knallen.
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9. Ein weisses Kleid
hast du beständig an.
Aber was ziehst du eigentlich
Sonntags an?
Braut bist du das ganze Jahr,
aber zur Hochzeit kommt es doch
niemals.
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10. Mein Liebster da
hat sich schwarz gekleidet,
als sei ihm ein Freund
gestorben.
Nein, seine teure Mutter
ist ihm gestorben,
die ihn mit ihrer
Milch aufzog.
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11. Stiefeletten, weisse Strümpfe,
strohgelbe
Handschuhe
an den Händen!
Könnte ich heute nacht
eine Taube werden,
so
käme ich zu dir hinauf
und bliebe zwei Stunden bei dir.
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12. Du mit der Zigarette im Munde, –
gib acht, dass du dir deine Lippen
nicht verbrennst!
Denn von den Lippen kommt's dann
ins Gesicht und
verbrennt dir noch
deine hübschen Augen!
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13. Die Schlange kroch mir in den Ärmel,
zeigte mir die Zähne
und biss
mich.
Mach' die Augen auf
und schau' mich an:
sieh', wohin mich die Liebe
gebracht hat!
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14. Ich fühle mich krank
und dem Tode nahe.
Herr Doktor, was verordnest du
mir?
Verordne mir ein hübsches Mädchen
und lass sie immer um mich
herumspazieren!
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15. Mein Herz ist ein Diamantring
im Schaufenster eines Juweliers.
Die
Liebe, mit der ich dich liebe,
mein Edelstein, –
niemand kann sie mir
erklären!
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16. Zwei Wunden habe ich im Herzen.
Die eine heilt,
die andere
verschlimmert sich.
Durch dich,
Edelstein meines Herzens,
ist es dahin
gekommen,
dass ich von den Leuten
über mich reden höre.
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17. Zwei Vögel sitzen in einem Käfig.
Sie geben einander guten Rat.
Der
eine spricht:
"Wo kann ich entkommen?"
Der andere spricht:
"Wo soll ich hinausfliegen?"
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18. Lege deine Hand
in meine Hände!
Drücke mich und ich will
dich drücken!
Bald wird jene Stunde kommen,
in der du mich erfreuen wirst,
und ich dich.
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19. Leg' deine Hand
in meine Hände,
wie versiegelte Briefe!
Du, die du das
Gewicht
meines Körpers getragen hast, –
weh' dir, dass du ihm jetzt
Leiden
verursachst!
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20. Liebste, ich muss verreisen
und zwischen zwei und drei Uhr
aufbrechen.
Liebste, ich bitte dich
um eine Gefälligkeit:
bis ich komme,
musst du
ruhig bleiben!
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21. Wo ist mein Liebster?
Wo ist er?
Wer weiss,
wo er jetzt zu finden ist?
Er ist zu finden
zwischen Himmel und Wasser
und schlägt sich mit den
Matrosen herum.
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22. Pezzolato starb auf vier Raviuoli.
Seine Mutter beweinte ihn,
und sein Vater streichelte ihn.
Das Meer hat seine hübschen Fische,
die Landschaft ihr hübsches Grün,
die Frau hat ihren hübschen Mann,
Und das Mädchen muss ein Verhältnis haben.
Herz meines Herzens, Giosomina,
ich will dein Gärtner sein!
Ich will mich gern abarbeiten und Wasser giessen, –
mir genügt es, wenn ich mich an
deinen Blumen erfreuen darf.
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28. Das junge Mädchen
guckte zum Fenster heraus
und wärmte sich ein wenig
im Sonnenscheine.
Als sie mich sah,
zog sie sich wieder ins Zimmer zurück.
Wie könnt ihr von mir verlangen,
dass ich nicht verende?
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29. Mein Herz ist
eine Felsplatte mitten im Meere;
die Strömung schlägt
beständig
gegen sie.
Kein junges Mädchen gibt's je
hier auf der Welt,
das
ihren Liebhaber nicht gern hätte.
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Aus: Maltesische Märchen Gedichte und Rätsel
in deutscher Übersetzung
von Dr. Hans Stumme [1864-1936]
Leipzig J. C. Hinrichs'sche Buchhandlung 1904 (S. 95-100)
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