Julie von Großmann (1790-1860) - Liebesgedichte

 


 

Julie von Großmann
(1790-1860)



Die weiße Rose

Das Leben war ihm aufgegangen
In ihres Auges Himmelsstrahl;
Doch keine Wünsche, kein Verlangen
Verwandelten das Glück in Qual:
Er war der heil'gen Kirche Priester;
Der ird'schen Liebe süßes Glück,
Der Herzensstimme still Geflüster
Wies er mit Ernst und Kraft zurück.

Laurent, so hieß der Gottgeweihte,
Und Agnes hieß sein Engelsbild;
Auf Erden schon Gebenedeite
Durch ihren Wandel fromm und mild
Des Vaters Glück, der ohne Söhne,
Die Tochter stolz sein Kleinod pries,
Und deren wunderbare Schöne
Kein Auge ungerühret ließ.

Der Priester sah die holde Blüthe,
Sah, als sie rosig sich erschloß,
Der Anmuth Reiz, die Engelgüte,
Die überirdisch sie umfloß;
Und unsichtbare Liebesbande
Umwanden beide unbewußt;
Nur wenn sie Freund ihn leise nannte,
Da schlug ihr Herz in Weh und Lust.

Und er - nur wenn er sie nicht sahe,
Da fühlte er ein tiefes Leid;
Doch war die holde Freundin nahe,
Da schlug sein Herz voll Seligkeit,
Der Himmel strahlt aus seinen Blicken
Wie ihre Seele hell und rein.
Ach, seine Sehnsucht, sein Entzücken,
Sie sollten harte Prüfung sein.

Es bleichten plötzlich ihre Wangen,
Es starb des holden Auges Blick,
Das Herz erfüllte Heimathbangen,
Der Himmel nahm sein Kind zurück.
Laurent erfährt der Krankheit Kunde,
Die niederschmetternd ihn berührt,
Und das Gefühl der Liebeswunde
Erst jetzt in sein Bewußtsein führt.

Er nahte ihrer Leidensstätte,
Er nahte und zog sich zurück;
Er kniete trostlos im Gebete,
Er haderte mit dem Geschick
Sein Herz verlangte sie zu sehen
Noch einmal, eh' ihr Auge brach,
Und Liebe heiß ihr zu gestehen,
Wie streng die Pflicht dagegen sprach.

Doch unter diesen bittern Klagen
Und der Verzweiflung Finsterniß,
Da hatten Engel sanft getragen
Die Sterbende in's Paradies.
Der Freundlichste vernahm ihr Flehen,
Als sie berührt des Todes Kuß:
"Laß mich den Freund dort wiedersehen,
Und bring' ihm meinen Abschiedsgruß!"

Laurent sank an dem Sarge nieder
Vernichtet, kraftlos, todesmatt!
"O, reiner Engel, hebe wieder
Den Sünder auf, an Gottesstatt!
Erhelle meine Nachtgedanken,
O! laß mich in Verzweiflung nicht
Wie ein Verirrter ruhlos wanken
Vom Wege meiner heil'gen Pflicht!"

So fleht er und erhob die Blicke
Zu dem beweinten Himmelsbild,
Eh' es die Erde ihm entrücke;
Und sieh! es lächelte so mild,
Als sei's schmerzlos dahingeschieden,
Vom Todeskusse unverletzt,
Beseligt in des Himmels Frieden
Aus süßem Traume still versetzt.

Die engelschöne Körperhülle
Umwob ein weißes Sterbekleid,
Und an dem Busen, der so stille
Empfunden Schmerz und Seligkeit,
Da blühte eine weiße Rose,
Der Trauerliebe schönes Bild,
Die für die Reine, Makellose
Den weißen Kelch mit Duft erfüllt.

Da fühlt' Laurent sich neu erhoben;
Ein andrer Geist kam über ihn:
"Du weilst im Lichte - sprach er - droben,
Du wirst mich liebend nach dir zieh'n!
Ich will getrost empor mich richten,
Mein Herz ist von der Angst befreit,
Auf's Strengste sei nur meinen Pflichten
Mein ganzes Dasein jetzt geweiht!"

Und wie er ernst sich's vorgenommen,
So lebte er dem Worte nach.
Man nannte ihn den Hohen, Frommen,
Der wie ein Gottgesandter sprach;
Befolgte thätlich, was er lehrte;
Ein Hirt, der mit dem mächt'gen Stab
Sanft dem verirrten Sünder wehrte,
Sich selbst den Namen "Sünder" gab.

So waren Jahre ihm vergangen
Seit Agnes von der Erde schied,
Da fühlt er plötzlich von Verlangen,
Von Sehnsucht seine Brust durchglüht,
Den fernen Friedhof zu betreten,
In welchem ruhte ihr Gebein,
An ihrem Hügel still zu beten
Und eine Thräne ihr zu weih'n.

Er kann dem Wunsch nicht widerstehen,
Es forderte das Herz ihn ab.
Es war die Sehnsucht kein Vergehen,
Zu suchen der Geliebten Grab.
Von Rosen sieht er es umblühet,
Und ihre Düfte ihn umweh'n,
Ach, als im Schmerz er niederknieet,
Glaubt er sie selbst - sie selbst zu seh'n.

Er weint - die Kraft hat ihn verlassen;
In schmerzlicher Erinnerung
Möcht' er die Hülle noch umfassen,
Ihr weih'n des Herzens Huldigung.
"O Rosen - ruft er - euer Leben
Sog ihres Lebens Purpur ein;
Laßt mich dem Grabe euch entheben,
Ihr sollt mein einz'ger Trost jetzt sein!"

Und sorgsam ließ er aus sie graben,
Und andre dafür pflanzen ein,
Um mit den duft'gen Schmerzensgaben
Nun immerdar vereint zu sein.
Er ließ sie in sein Zimmer bringen,
Er fühlte seine Agnes nah,
Die mit den lichten Engelsschwingen
In Liebe zu ihm niedersah.

Sein Auge hatte sich geschlossen,
Denn nur das Nachtumhüllte sieht
Der Seele himmlische Genossen,
Die sichtbar zu ihr niederzieht
Die Macht, die aus des Herzens Sehnen
Den Faden des Vereines spinnt,
Der durch der Liebe heil'ge Thränen
Die ew'ge Haltbarkeit gewinnt.

"Du weinst um mich - sprach sie mit Lächeln -
Du kennst nicht meine Seligkeit!
O laß mich Trost in's Herz dir fächeln
Und enden deiner Liebe Leid!
Hier diese Rose wird dich führen
Still an des Himmels hohe Thür;
Du darfst sie nur damit berühren,
Sie öffnet sich - du bist bei mir!"

So reicht sie ihm die weiße Rose,
Die er an ihrer Brust erblickt,
Mit der die Reine, Makellose,
Im Sarge jungfräulich geschmückt
Als Engel ihm verklärt erschienen
Und sanft beschwichtigt seinen Schmerz.
Mit diesen holden Engelsmienen
Legt sie die Rose an sein Herz.

Und als sie leise ihm entschwunden,
Berührte er die Himmelsthür,
Und hatte Einlaß schnell gefunden;
Die Rose führte ihn zu ihr.
Noch frisch lag sie auf seinem Herzen,
Als man ihn still entschlummert fand,
Und seine Miene, ohne Schmerzen,
Den Tod der Liebe eingestand.

So starb er, und es geht die Sage
In Breslaus Dome, daß noch oft
Hier an dem heil'gen Laurenttage
Die Rose liege unverhofft
In einem Betstuhl, zu verkünden
Still des Besitzers nahen Tod; -
Daß wie Laurent er werde finden
Des ew'gen Friedens Morgenroth.
_____

 

Gedicht aus: Deutschlands Dichterinnen.
Blüthen deutscher Frauenpoesie
aus den Werken deutscher Dichterinnen der Vergangenheit und Gegenwart ausgewählt von Karl Wilhelm Bindewald
Osterwieck / Harz o. J. [1895] (S. 32-34)

Biographie:

Grossmann, Julie v., geb. Menzel, geboren 1790 zu Freistadt in Schlesien, gestorben den 20. Dezember 1860 in Dresden.

aus: Lexikon deutscher Frauen der Feder.
Eine Zusammenstellung der seit dem Jahre 1840 erschienene Werke weiblicher Autoren, nebst Biographieen der lebenden und einem Verzeichnis der Pseudonyme. Hrsg. von Sophie Pataky
Berlin 1898

 

 


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