Angelika von Hörmann (1843-1921) - Liebesgedichte

Angelika von Hörmann

 


Angelika von Hörmann
(1843-1921)

 

Wie hast du selig mich gemacht
Du milde, dunkle Sommernacht!
Es war so still in weiter Rund',
Da lag verstummt auch Mund an Mund -
Mein Liebster hat mich geküßt!

Ich träum' es Nachts in süßer Ruh',
Im Traum ist's, was am Tag ich thu',
Weiß nicht, ob Sturm ob Sonnenschein,
Muß lächeln nur in mich hinein:
Mein Liebster hat mich geküßt!

O dürft' ich künden, was mich drängt,
Was pochend fast die Brust mir sprengt,
Auf daß die Welt, die nichts vergönnt,
Den ganzen Himmel fassen könnt':
Mein Liebster hat mich geküßt!

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Spät war's, wohl mitternächt'ge Stunde,
Und dunkel, rings kein Licht entfacht,
Im Scheidekuß hing Mund am Munde,
Vier Lippen flüsterten: "Gut' Nacht!"

Dann schlich ich still auf leisen Sohlen
Mit meinem Glück ins Schlafgemach,
Ich wagte kaum das Atemholen,
Als rief' ich arge Räuber wach,

Die meinen Schatz, den wundersamen,
Mir raubten aus des Herzens Schrein.
Kein Laut, kein Licht, nur deinen Namen
Als Nachtgebet – so schlief ich ein.

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Ob schüchtern auch dein Mund verhehle,
Was jeder Schlag des Herzens ruft,
In deinem Auge liegt die Seele
Wie auf dem Blumenkelch der Duft.

Sei wie du willst, sei ernst und schweigsam,
Sei kalt wie die Novembernacht,
Dämm' der Gefühle Flut unbeugsam
Zurück in deines Herzens Schacht -

Was frommt's, die Fenster zu verdunkeln
Des Saals, erhellt vom Lichterglanz,
Die kleinste Ritze sagt's mit Funkeln,
Daß drinnen wogt des Festes Glanz.

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Der Schönste bist du, Liebster, unter Allen,
Mag auch dein Aug' kein Adlerauge sein,
So stolz und blitzend, auch nicht marmorfein
Die Züge, und dein Mund nicht wie Korallen.

Wem wäre nie der Zauber aufgefallen,
Den oftmals webt der Abendsonnenschein
Um ein Stück Heide oder Felsgestein.
Dran achtlos wir am Tag vorüberwallen?

Das ist dein Bild. Gleichgültig scheinst du, arm
An Worten, bis ein Fühlen, tief und warm,
Die sonst verschloss'ne Brust begeisternd schwellt:

Dann leuchtet auf dein stilles Angesicht,
Als fiel' darauf mit wunderbarem Licht
Ein Strahl aus deiner reichen innern Welt.

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von Angelika von Hörmann

 


Biographie:
Zu Innsbruck in der schönen Maria Theresia-straße kam Angelika v. Hörmann am 28. April des Jahres 1843 zur Welt. Ihr Taufname war Emilie; den Namen Angelika führt die Dichterin erst seit ihrem Auftreten als Schriftstellerin. Sie war die einzige Tochter des Universitätsprofessors Dr. Matthias Geiger, eines echten Sohnes des tüchtigen, gesunden Tiroler Bauernvolkes, eines Gelehrten, der noch als Knabe auf den Bergen des Oberinntales die Ziegen seines Vaters hütete. Ihre Mutter war adeliger Herkunft: Baronesse Henriette Benz, die Tochter des Hofrates und Tiroler Landstandes Robert Benz Freiherr von Albkron. Schon mit dem sechsten Lebensjahre verlor das Mädchen seine Mutter. Der Erziehung des Kindes wandte der Vater größte Sorgfalt zu. Es wurde durch Privatlehrer in verschiedenen Wissenszweigen, auch in Musik, Zeichnen und modernen Sprachen unterrichtet. Aber die Jahre der Kindheit büßten von ihrem Morgenzauber viel dadurch ein, daß das mutterlose Mädchen allein war und fast nie mit Kindern zusammenkam, um die erste frische Lebensfröhlichkeit in Wort und Spiel mit anderen Kleinen zu genießen. Mit fünfzehn Jahren traf Angelika v. Hörmann das Unglück, auch des Vaters beraubt zu werden. Nun war sie ganz verwaist. Bei Verwandten untergebracht, war sie fast immer an das Zimmer gebannt. Ihre Abgeschlossenheit empfand sie oft schwer. Bettelkinder beneidete sie manchmal, die frei und froh über die Straße sprangen. Das eine Gute mögen jedoch die engen Verhältnisse ihrer lichtarmen Jugendjahre mit sich gebracht haben, daß Angelika v. Hörmann frühzeitig dazu veranlaßt wurde, in stiller Betrachtung über Leben und Welt sich eigene Gedanken zu bilden und sich in die Tiefe ihrer Seele zu versenken, auf deren Grunde die reichsten Keime dem erweckenden Frühlingshauche entgegenschlummerten. In ernster Einsamkeit blüht ja am schönsten und reinsten die Götterblume Poesie.
Angelika v. Hörmann war noch ein Mädchen, als sich schon die dichterischen Erstlinge einstellten. Jene poetischen Versuche schmückten teils eine geschriebene Modezeitung, die sie mit einer ziemlich gleichalterigen Kousine zusammensetzte und illustrierte, teils finden sie sich in einem Tagebuche vor, das im Jahre 1858 begonnen wurde.
An die breitere Öffentlichkeit trat die junge Dichterin zum ersten Male im Jahre 1863. Damals gab Dr. Ludwig v. Hörmann, der nunmehr weitbekannte, hochverdiente Kulturhistoriker, eine Sammlung Gedichte unter dem Titel "Frühblumen aus Tirol" heraus (Innsbruck 1863, Wagner). Diese "Frühblumen" enthielten Beiträge von Dr. v. Hörmann selbst, Hans v. Vintler, J.E. Waldfreund (Pseudonym für Peter Moser) und einer Dichterin "Angelica". Es war das Pseudonym für die geliebte Freundin des Herrn Dr. v. Hörmann, die er im Januar des Jahres 1865 glücklich als seine Frau heimführen konnte. An seiner Seite lebte die Dichterin in Innsbruck, Klagenfurt (1872-1873), Graz und seit 1877 wieder in der geliebten Tiroler Landeshauptstadt, von schmerzlichen Lebensereignissen, wie Verlust eines teuren Sohnes, nicht verschont. Trotz mancher Trübnisse aber, die ihr Seele und Gemüt beschwerten, bleib sie der Dichtkunst treu.
In den sechziger Jahren liefen in dem lebhaften dichterischen Schaffen Angelikas v. Hörmann lyrische und novelistische Arbeiten nebeneinander her. Von den Novellen erschien zuerst im Jahre 1865 die Erzählung "Das Nähmädchen" in der von J.Gg. Obrist zu Bruneck herausgegebenen "Dorflinde", einer Zeitschrift, zu der die besten Tiroler Schriftsteller jener Zeit Beiträge lieferten. "Das Nähmädchen" kam später in Buchform heraus. (2. Auflage, 1872, Glarus. J. Vogel). (…) Reicher entfaltete sich die Lyrik der Dichterin. Hier im Blumengarten der Lyrik wie auch in den späteren Versepen wurzelte ihre beste Kraft. Das weite, rauhere Feld der Prosa entsprach nich so gut ihrem Wesen.
Im Jahre 1869 schickte Angelika v. Hörmann ihre "Grüße aus Tirol" in die Welt (Gera 1869, Amthor; 2. Auflage 1898, Leipzig, G.H. Meyer). Es sind Grüße, wie sie dem schönen Alpenlande wohl anstehen. Die Tiefe und Reife späterer Gedichte birgt sich freilich noch nicht in dieser Gedichtsammlung. (…) Neben den an Zahl geringeren, unechten und halbechten Gedichten blühen aber doch schon reichlich Blumen selbstwüchsiger Eigenzucht. Es sind diejenigen, die entweder in engster Beziehung zur Natur des Tiroler Berglandes stehen oder ganz in der reinen, unverfälschten weiblichen Seele gründen. (…)
Von gleichem Dufte natürlicher Anmut, Herzlichkeit und Empfindungswärme sind ihre "Mädchenlieder" überhaucht, ein Zyklus in dem reichhaltigen Gedichtbuche "Neue Gedichte" (Leipzig, 1893, A.G. Liebeskind). (…)
Alle Gedanken, denen wir in den Gedichten Angelikas von Hörmann begegnen, wurzeln in einer Weltanschauung, die nur auf den Höhen reinen, geklärten, erkenntnistiefen Menschentums reift. Aber nicht allein in dem reichen Gedankengehalt, nicht nur in dem ethischen Edelmetalle beruht der Wert der Hörmannschen Poesie. Es kommt hinzu, daß sich die Gedanken nie in spruchartiger Nacktheit, spröder Aphoristik oder verstandeskalter Nüchternheit darstellen. Alles, was Angelika von Hörmann uns an erkenntnisentstammten Gedanken in ihren Gedichten darbietet, geht durch das Medium ihres Gefühles, ihrer Empfindung, ihres "innigen Gemütes". Das macht die poetische Kraft ihrer Verse aus. Und richten wir überdies unser Augenmerk auf das künstlerische Äußere der Dichtungen, auf ihre formale Gestaltung, so erleben wir gleiche Befriedigung. Auch der, der bei lyrischen Gedichten nicht nach einer Weltanschauung, nicht nach ethischem Werte fragt, der hauptsächlich auf das schöne Wie Gewicht legt, muß Angelika von Hörmann seine Anerkennung zuteil werden lassen. Die Dichterin ist eine ganz bedeutende Könnerin. Sie beherrscht Form und Ton mit seltener Meisterschaft. Selbst das für die deutsche Sprache mit ihrer verhältnismäßigen Armut an Reimworten gefährliche Ghasel erscheint bei ihr aller mühevollen Künstlichkeit entkleidet. (…)

Aus: Angelika von Hörmann
Eine deutsche Dichterin in Tirol
von Dr. Arnulf Sonntag
München 1906
J. Lindauersche Buchhandlung (Schöpping)


siehe auch: http://www.univie.ac.at/biografiA/daten/text/bio/hoermann_a.htm

 

 


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