Frieda Jung (1865-1929) - Liebesgedichte



Frieda Jung
(1865-1929)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 





Heimliche Liebe

Wie würde die Welt verwundert sein,
Könnte sie in das Herz mir blicken,
Doch weiß nur der liebe Gott allein
Von meinem stummen Entzücken.

Und der hat mir gesagt in dunkler Nacht,
Als die Sternlein Küsse tauschten,
Als getrieben von heiliger Liebesmacht
Zum Strome die Bäche rauschten;

Und der hat mir gesagt im Lenzeswehn,
Als die Vöglein jauchzten zu Zweien,
Daß ein Mädchenherz er kann verstehn,
Und sein Lieben und Sehnen verzeihen.

Doch ist es gut, daß der Herrgott und ich
Dies Geheimnis nur wissen alleine. -
Und doch - nun weine ich bitterlich:
Ach, wüßt's doch der Eine - der Eine!

Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 3)

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In Blüte

Braucht die Rose wochenlang
Tau und Licht und Pflege,
Glöcklein in dem schnee'gen Hag
Braucht nur einen Sonnentag,
Daß zum Blüh'n sich's rege.
Daß zum Blüh'n sich's rege.

Schneller als das Glöcklein noch
Zwang mich Gottes Güte;
Traf mich nur ein sel'ger Blick,
Gab ich selig ihn zurück:
Steht mein Herz in Blüte!
Steht mein Herz in Blüte!


Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 4)

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Einst

Ich wollt', daß ich heute sterben müßt',
Dann würd' ich's den Engeln sagen,
Daß du mich hast auf den Mund geküßt
Und in deinen Armen getragen.

Dann sprächen zum Herrgott die Engelein:
Laß sie uns're Gefährtin werden,
Sie versteht sich gut auf das Seligsein -
Was soll sie noch länger auf Erden?

Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 5)

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Ich hab' gewagt

Ich habe den Mond gefragt,
Ob Liebe Sünde ist -
Der hat mir kein Wort gesagt
Und heimlich ein Sternlein geküßt.

Ich neigte lauschend mein Ohr
Zu der roten Rose hin,
Die jauchzte zum Falter empor
Und nannte sich Königin.

Ich habe gefragt den Nord,
Ob er mir zur Liebe riet,
Der brauste in vollem Akkord
Der Tanne ein Minnelied.

Ich bin in meinem Harm
Gegangen zum Bache traut,
Der hielt die Wiese im Arm -
Sie waren Bräut'gam und Braut.

Da hab' ich nicht weiter gefragt,
Da ließ ich die Liebe ein,
Und bebend hab' ich's gewagt,
Übermenschlich glücklich zu sein.


Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 6)

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Gottesdienst der Liebe

An jenem Tage, da du mich geküßt,
Bin heimlich hin zur Kirche ich gegangen.
Es kam mir plötzlich, daß ich beten müßt',
Weil einen Gruß vom Himmel ich empfangen.

Dort in der alten, weißen Kirchenbank
Hab' auf den Knieen ich vor Gott gelegen.
Ein Schluchzen sich aus meiner Seele rang
Gleich wie nach Winterfrost ein Frühlingsregen.

Ob wirklich ich gebetet? Ob von dir
Ich nur gestammelt hab' und meinem Lieben?
Ich weiß es nicht - doch hat der Himmel mir
Als Gottesdienst die Stunde angeschrieben.

Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 7)

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Frühling

O strömt hervor aus innerster Brust
Ihr jubelnden Klänge der Frühlingslust
Und schallt in die sonnige Ferne.
Vereint euer Lied mit der Vöglein Chor
Und singt es den Menschen so lange vor,
Bis jeder es fasse und lerne!

Der Frühling, der goldene Frühling ist da.
Schon kündet's die Erde fern und nah
Mit neuem, grünendem Leben.
Er hat sie umschlungen innig und stark,
Da ist sie erzittert bis in das Mark
Vor seligem Liebesbeben.

Und nun sind nach wonniger Maiennacht
Die holden Frühlingsblumen erwacht,
Die Lerche singt ihre Lieder.
Und es jauchzt bei jedem Sonnenblick
Von schwellenden Knospen, von Lust und Glück
In Vogel und Quelle und Flieder.

So strömt denn hervor auch aus meiner Brust,
Ihr jubelnden Klänge der Frühlingslust,
Und eint euch zu vollsten Akkorden.
Auch mir hat die ewige Gottesmacht
Den Frühling ins sehnende Herz gebracht:
Ich bin Braut - ich bin Braut geworden.

Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 8)

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Wie ich dich liebe

Ich lieb' dich mit der tiefen Innigkeit,
Mit der ein fromm' Gebet der Brust entquillt,
Ich lieb' dich mit der scheuen Heftigkeit,
Mit der den klaren Waldstrom liebt das Wild.

Ich liebe dich, so wie die Blume liebt,
Die lange, lang des Frühlings hat geharrt
Ich liebe dich, so wie das Weib sich gibt,
Das alle seine Liebe aufgespart.

Ich liebe dich, so wie der Herbstestag
Den Sonnenstrahl, der durch die Wolken bricht
Doch ob ich dir's in tausend Bildern sag' -
Wie ich dich liebe, ahnst du dennoch nicht.


Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 9)

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Bitte

O streife nie den Blütenschmelz
Von unserm Seelenbunde.
Laß uns're Liebe heilig sein
Wie eine Himmelskunde;

Und lind wie eine Mutterhand,
Die ihren Liebling segnet,
Und lauter, wie wenn Maientau
Auf weiße Lilien regnet.

Laß deine Küsse süß und warm
Auf meinen Lippen brennen,
Doch möcht' ich stets in deinem Arm
Geliebter, beten können!


Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 10)

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Das erste Du

Als du zum allerersten Mal
Mich heimlich Du genannt,
Da war's, als ob ein Sonnenstrahl
In meine Seele fand;
Da war's, als ob dem dürren Baum
Ein Maienregen wird,
Als ob vom Himmel her ein Gruß
Zur Erde sich verirrt.

Als du zum allerersten Mal
Mich heimlich Du genannt,
Wie haben meine Wangen da
In Purpurglut gebrannt.
Wie jauchzten meine Lippen dir
Das Echo selig zu,
Wie schlug so ungestüm das Herz
Bei diesem ersten Du. -

Seitdem geht Jahr um Jahr dahin
In träumerischem Glück,
Doch denk' ich bis in Ewigkeit
An jenen Augenblick,
Da deine stolze Seele sich
Zu meiner Seele fand.
Und du zum allerersten Mal
Mich heimlich Du genannt.


Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 11)

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Ewiges Gedenken

Ich träume von Dir! Es ist Frühlingszeit,
Die ganze Natur ist mit Blüten bestreut,
Die Quellen rieseln und rauschen.
Die Nachtigall schlägt in dem Fliederbaum,
Die Blumen träumen den Maientraum -
Ich träume von Dir - von Dir.

Ich träume von Dir! Es ist Sommerszeit,
Rings Fülle des Lebens, weit und breit
Ein Reifen und Sprühen und Glühen.
Wie flüsterndes Werben rauscht es im Ried,
Als sänge die Erde ihr Hochzeitslied -
Ich träume von Dir - von Dir.

Ich träume von Dir! Es ist Herbsteszeit,
Nun trägt die Erde ein fahles Kleid,
Die Stürme brausen und wehen.
Ich aber, ich hör' aus dem Sturmgebraus
Nur ein herzberauschend Erinnern heraus -
Ich träume von Dir - von Dir.

Ich träume von Dir! Es ist Winterszeit,
Die Erde liegt nun wie eingeschneit,
Und bald ist das Jahr zu Ende.
Doch nie geht zu Ende mein Lebenstraum,
Bald, bald steh' ich unter dem Fliederbaum
Und träume von Dir - von Dir.

Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 12)

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Meine Gäste

Ich bin in Gesellschaft den ganzen Tag,
In herziger, seelentrauter.
Früh Morgens schon pocht's an mein Kämmerlein zag,
Dann lauter und immer lauter.

Und ruf' ich mit leiser Stimme: Herein!
Dann gibt es ein Kichern und Necken,
Denn jeder möchte der Erste sein,
Den Kopf durch die Spalte zu stecken.

Ich aber blinzle schläfrig ins Licht,
Einen wonnigen Traum noch im Hirne,
Bis einer der Gäste, ein loser Wicht,
Mich küßt auf Augen und Stirne.

Dann lauf' ich beseligt den ganzen Tag
Durch Garten und Küche und Zimmer -
Doch wohin ich mich drehen und wenden mag,
Die Schelme folgen mir immer.

Sie flüstern und raunen mir in das Ohr
Gar wunderselige Dinge;
Dann streck' ich die Arme zum Himmel empor
Und jauchze und singe und singe.

Und abends erst, wenn ich zur Ruhe mich leg'
Im Kämmerlein, warm und geborgen,
Dann ziehen sie lächelnd ihren Weg
Und trösten noch leise: Auf morgen!

Doch fragst du nun, wer meine Gäste sind,
Und weisest mich ernst in die Schranken -
Um Gott, mein Schatz, das errät doch ein Kind:
Meine seligen Liebesgedanken!


Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 13-14)

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An das Glück

Die Menschen schalten dich, du goldnes Glück,
Daß du so langsam kommst, so eilig fliehst,
Daß du nur einen flücht'gen Augenblick
Wie Sonnenlicht durch unsre Seele ziehst;
Ein einzig Mal mit deinem Schwingenpaar
Das Menschenherz der Erde nur entrückst,
Ein einzig Mal nur in das Lockenhaar
Den roten Rosenkranz der Liebe drückst.

So hört' ich schelten dich, du goldnes Glück,
Und nimmer konnt dein Wesen ich verstehn.
- - Da kam auch mir der eine Augenblick:
Ich habe dich von Angesicht gesehn!
Nun weiß ich, daß du von dem Himmel bist,
Daß der, dem je du in die Seele flammst,
Durch die Erinn'rung ewig glücklich ist.

Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 15)

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Für dich

Wenn ich für dich beten will,
Muß ich erst die Stirne senken
Und ein Viertelstündchen still
Und mit Andacht dein gedenken;

An den goldnen Sonnenstrahl,
Der mein dunkles Herz getroffen.
Dann seh' ich mit einem Mal
Über mir den Himmel offen.

Und mein Geist schwingt sich empor,
Vor den Vater hinzutreten,
Spricht ihm doch die Liebe vor
Was er bitten soll und beten;

Spricht und flüstert ohne Ruh',
Bis das Beten wird zum Raunen,
Und die Engel hören zu,
Wie in seligem Erstaunen;

Fliegen dann des Abends sacht
Zu dir nieder ohne Säumen,
Und du darfst die ganze Nacht
Von der fernen Liebsten träumen.

Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 14)

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Sonntagmorgen im Frühling

'S ist Sonntag! Hallendes Geläute,
Es zieht durch Wald und Tal und Feld,
Es ist, als ob der Herrgott heute
Mit eig'ner Hand geschmückt die Welt.

Die jungen, schlanken Birken beben
In ihrem ersten Frühlingstraum;
Aus dunkelen Kastanien streben
Die Blüten nach dem Himmelsraum.

Maiglöckchen schmiegt das holde Köpfchen
An die Narzisse unbewußt,
Die Tulpe trägt ein Perlentröpfchen
Als Festschmuck auf der jungen Brust.

Aus blauen, duftenden Syringen
Ertönt der Nachtigallenschlag,
Und tausend junge Lerchen singen
Ihr Morgenlied am Feiertag.

Geheimnisvoll, um Liebe werbend,
So webt der Lenzgeist durch die Welt,
Er hat auch mir die Wangen färbend
Des Glückes Flammengruß bestellt.

Ich fühle meine Brust sich weiten
Beim Glockenklang im Frühlingswind,
Still will ich durch die Felder schreiten,
Ein überselig Menschenkind.


Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 17)

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Ihr Gärtchen

Und ist ihr Gärtchen noch so klein,
Platz hat darin der Sonnenschein
Und Platz der Maienregen,
Ein Rosenstock, ein Lilienreis
Und Tausendschönchen, rot und weiß
Und Veilchen allerwegen.

Und ist ihr Gärtchen noch so klein,
Es zwitschern doch die Vögelein
Drin ihre Frühlingslieder;
Auch hat es reichlich Platz genug
Für Bienen- und für Falterflug
Rings um den blauen Flieder.

Und ist ihr Gärtchen noch so klein,
Der Hans, der findet doch hinein
Zu seiner treuen Liese;
Und wenn sie ihm entgegenfliegt,
Meint er, das kleine Gärtchen liegt
Direkt am Paradiese.

Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 18)

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Vor Tau und Tage

In fahles Grau gehüllt ist die Natur;
Es rüstet langsam sich die Nacht zum Scheiden,
Der Wind hält leise Zwiesprach' mit den Weiden,
Und wie ein Schauern geht es durch die Flur;
Erwartungsvoll in selig banger Frage
Blickt sie zum Himmel auf vor Tau und Tage.

Ob heute wohl die Sonne kommen wird,
In flüss'ges Gold die weite Erde hüllend,
Mit Liebeswonne jeden Vogel füllend
Und jedes Mücklein, das im Luftmeer schwirrt,
Und jeden Rosenstrauch im wilden Hage?
Wer kann es wissen denn - vor Tau und Tage?

Vielleicht, daß hinter düstrer Wolkenschicht
Sie heute bleibt den ganzen Tag verborgen.
Vielleicht, daß auf den sehnsuchtsvollen Morgen
Nichts weiter folgt, als trübes, düstr'res Licht,
Hindämmernd nur wie eine graue Sage!
Wer kann es wissen denn - vor Tau und Tage?

Wer kann es wissen? Bleichen Angesichts
Sprech' ich es zitternd nach in tiefem Sehnen.
Werd' jauchzend ich im Arm der Liebe lehnen?
Bringt dieser Lenz an Glück mir wieder nichts?
Zum Himmel blick' auch ich in banger Frage,
Ein harrend Menschenkind - vor Tau und Tage.

Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 19)

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Ich wünsch' mir eine Mondennacht

Ich wünsch' mir eine Mondennacht,
Süß heimlich und verschwiegen.
Die Erde müßt', ein schlafend Kind,
Im Arm des Himmels liegen.
Durch Wald und Täler müßte wehn
Ein zitternd Glückserwarten,
Und ich in sel'gem Traume stehn
Mit dir allein im Garten.

Ich wünsch' mir eine Mondennacht
Voll duftender Syringen,
Im Rosenstrauche müßt' ein Lied
Der Nachtigall erklingen;
Und bei dem Liede müßten sich
Die blassen Rosen färben - - -
Ich werde ohne Mondennacht
Und ohne Rosen sterben.


Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 20)

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Unmodern

Ich weiß, ich liebe nicht modern,
Nach Art der hohen Frauengeister,
Ich liebe dich als meinen Herrn,
Ich liebe dich als meinen Meister.

Ich lieb' dich als mein Ideal
Und kniee selig vor dir nieder,
Und weist du fort mich tausendmal,
So kehre tausendmal ich wieder.

Nicht gleichberechtigt will ich sein.
Hat gleiches Recht denn Baum und Veilchen?
Ich bin zufrieden, wenn du mein
Gedenkest nur ein kleines Weilchen.

Wenn du aus Arbeit, Glanz und Ruhm
Ein Stündlein willst zu mir dich retten,
Um in der Liebe Heiligtum
Dein Haupt an meine Brust zu betten.

Ja, selig preis' ich mein Geschlecht,
Was auch der Zeitgeist tadelnd schriebe;
Mir dünkt als höchstes Frauenrecht
Die alte unmoderne Liebe.

Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 21)

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O gehe nicht vorüber

O gehe nicht vorüber,
Als sähest du mich nicht!
Ich habe dich ja lieber
Als wie mein Augenlicht.

O gehe nicht vorüber,
Lockt auch die Welt so weit -
Ich habe dich ja lieber
Als meine Seligkeit!

Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 22)

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Demut der Liebe

Daß du mich lieben solltest,
So töricht, wie ich bin,
Das kommt mir nicht im Traume
Einmal in meinen Sinn.

Nur wie man aus Erbarmen
Ein Wandervöglein wärmt,
Das sich im starren Winter
Um eine Heimat härmt,

Wie man ein einsam Blümlein,
Das halb verdorrt ist, tränkt,
Und einem Waisenkinde
Ein warmes Tüchlein schenkt,

Nur so sollst du dich neigen
Zu mir aus deiner Höh' -
Weil mir in meinem Herzen
So weh, so sterbensweh.

Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 23)

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Es ist mir gleich

Ich habe mich hergeschlichen
Noch einmal an dein Haus
Und drücke mich an die Mauer
Und weine still mich aus.

Es glüht und flackert und leuchtet
Da oben dein rotes Licht. -
Mir treibt der Wind die Flocken
Ins heiße Angesicht.

Und wandern werd' ich, wandern,
Es ist mir gleich, wohin. - -
Ich geh' so arm von dannen
Wie ich gekommen bin.

Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 24)

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Verklungen

Ich lehne mein Haupt an den Lindenbaum;
Wohl steht er kahl und bereift;
Ich aber fühle und merke es kaum
Und träume noch immer den seligen Traum,
Daß die Liebe mein Herz gestreift.

Ich lehne mein Haupt an den Lindenbaum,
Und es weht im Winde mein Haar;
Ich aber fühle und merke es kaum
Und träume noch immer - noch immer den Traum,
Daß auch ich einmal glücklich war.

Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 25)

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Vorbei

Die Sonne schimmerte golden
In tausend Blumen bunt.
Die Veilchen und Fliederdolden,
Sie boten ihr küssend den Mund.

Die Primeln und Anemonen,
Sie lachten zum Himmel empor,
Und hoch aus den Buchenkronen
Erschallte ein Finkenchor.

Da hab' ich mit ihm gesessen
Am grünenden Bergeshang,
Ich hatte den Winter vergessen,
Ich jauchzte und sang und sang. - -

Wie dann alles so anders gekommen,
Ich weiß es selber kaum.
Der Sturm hat die Veilchen genommen,
Das Leben den Liebestraum.

In den schattigen Buchenkronen,
Da stehen die Nestlein leer.
Verblüht sind die Anemonen
Und ich - ich singe nicht mehr. - -

Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 26)

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Die rote Rose

Du legtest bittend mir die volle Rose
In meine Hand.
Und ich, die Glück- und Heimatlose
Stand wie gebannt.

Und schaute auf die rote Blume
Gesenkten Blick's;
Als führte sie zum Heiligtume
Zukünft'gen Glück's;

Als löschte sie mit ihrem Schimmer
Mein Sehnen aus,
Als wär' ich nun für immer - immer
Bei dir zu Haus.

Du aber sprachst in leisem Zagen
Mit weichem Laut:
"Willst du die rote Rose tragen
Zu meiner Braut?"

Ich hört' es bebend, wie im Traume.
""Gewiß, ich will!""
Da sank das letzte Blatt vom Baume - -
Nun ist es still.

Die Rose legt' ich dann der Andern
In ihren Schoß.
Ich aber - ich werd' weiter wandern,
Glück-, heimatlos.

Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 27)

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Sehnen

Ich trag' in meinem Herzen
Eine Flamme, brennend heiß,
Sie ist hineingekommen,
Daß ich es selbst nicht weiß.

Erst heimlich, wie das Mondlicht,
Wenn es die Knospe streift,
Die unbewußt und träumend
Dem Lenz entgegenreift.

Dann zuckte sie auflohend,
Als schlüg' der Blitz hinein -
Und glänzte drauf verheißend
Wie goldner Sonnenschein.

Nun flackert sie als Irrlicht
Vor meinem trüben Sinn;
Ich folg' ihr wie im Traume,
Und weiß doch nicht - wohin!

Und wie im Traume wünscht' ich,
Die Flamme dunkelrot
Schlüg' über mir zusammen
Und brächte mir den Tod.


Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 28)

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Die Verlassene

Du glaubst, mein Mütterlein, ich sei krank,
Weil im Fieber glüht mein Blick?
Ach, liebste Mutter, ich bin nicht krank:
Ich träum' von versunkenem Glück!

Du klagst, du ertrügst meine Phantasien
Und mein Flüstern und Raunen nicht -:
Ach, Mutter, ich weine um ihn, um ihn,
Und dann kommt's, daß die Stimme mir bricht.

Du reichst mir die bittere Arzenei,
Daß ich bleibe bei dir auf der Erd' - -
O Mutter umsonst! Mein Herz ist entzwei,
Und ich fühl', daß ich sterben werd'!


Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 29)

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Zu spät

Wär' mein Liebster gekommen zur Zeit, zur Zeit,
Gewiß, ich hätt' keinen andern gefreit,
Ich hätt ihn genommen so gerne.
Ich hätt' ihn geliebt, bis das Auge bricht,
Ich hätte - - o, Gott, was hätte ich nicht? - -
Doch damals, ach, blieb er mir ferne.

Ich habe gewartet, ich habe geweint,
Ich habe vor Jammer zu sterben gemeint
Bei dem öden, trostlosen Wandern.
Doch als mir dann nahe die blasse Not,
Die kranke Mutter zu fluchen gedroht:
Da nahm ich endlich - - den Andern.
- - - - - - - - - - - - - - - -
Nun dringt mir ein jubelnder Gruß in das Ohr.
Mein Liebster, mein Liebster steht draußen am Tor
Heimkehrend, in hoffendem Werben.
Zieh weiter - jetzt ist es zu spät - zu spät!
Mein Herz ist verdorrt, meine Blüte verweht,
Und ich habe nur Kraft noch zu sterben.

Aus: Gedichte von Frieda Jung
Siebente Auflage Königsberg i. Pr. 1908
Verlag von Gräfe und Unger (S. 30)

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Du und ich

In mir ist ein Ton erwacht,
Der nimmt mir die Ruh'.
Der packt mich wie Sturmesmacht.
Der Ton heißt: Du!

Der hebt mich mit Allgewalt
Empor über mich.
In seinem Brausen verhallt
Der Herzschlag: Ich.

Aus: Neue Gedichte von Frieda Jung
Fünfte Auflage Mit dem Bildnis der Dichterin
Königsberg i. Pr. Verlag von Gräfe & Unzer o. J. [1916] (S. 3)

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Heimliche Liebe

O sieh, wie meine Seele um dich wirbt
Tagaus, tagein!
Wie alles Leben rings für sie erstirbt!
O sieh, wie meine Seele um dich wirbt —
Und dich allein!

Wie sie schlafwandelnd dir entgegengeht
In Lenzeszier,
Wie zögernd, zaudernd still sie steht,
Dann wie im Traume weiter — weiter geht
Zu dir! Zu dir!

Aus: Neue Gedichte von Frieda Jung
Fünfte Auflage Mit dem Bildnis der Dichterin
Königsberg i. Pr. Verlag von Gräfe & Unzer o. J. [1916] (S. 4)

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Briefe

Ein Wörtlein! Schaut so klein sich an,
Daß es mein Mund bedecken kann,
Mein heißer, roter Mund.
Und birgt doch eine Welt für mich!
O Gott! Er schreibt: „Ich liebe dich!"
Das macht mein Herz gesund.

Ein Wörtlein! Sieht so winzig aus!
Und wankt um mich doch rings das Haus
Bei jedem Federstrich!
Und fliegt und bebt mir doch die Hand,
Als hielt' ich einen Feuerbrand!
""Ach, du! Und ich ..! Und ich ..!""

Aus: Neue Gedichte von Frieda Jung
Fünfte Auflage Mit dem Bildnis der Dichterin
Königsberg i. Pr. Verlag von Gräfe & Unzer o. J. [1916] (S. 5)

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Allein

Oft, wenn ich mutterseelenallein,
Sprech' ich stundenlang zu dem Liebsten mein,
Kommt Wort um Wort mir in raschem Lauf,
Schließ' ihm dann mein ganzes Leben auf.
Und er ist doch nicht da!
Nur meiner Seele so nah, so nah,
Daß der närrische Glaube ins Herz mir schlich:
Er hörte mich!

Da schwatz' ich und plaudere auf ihn ein
Wie ein rieselndes Frühlingswässerlein.
Aus der Zeit, da die Mutter mich noch umfing,
Ich noch im Kinderkleidchen ging
Mit bloßen Füßchen und offnem Haar,
Und wie alles war
Daheim, im niederen Häuslein, daheim!
Wie ich den ersten holden Reim
Im Grase liegend mir ersann.
Und wie ich im Winter spann:
"Schnurre, schnurre, dreh' dich, mein Rädchen!
Surre, surre, mein Silberfädchen!
Fängt Mägdlein früh zu spinnen an,
Kommt ihm bald der Freiersmann!"

So sprech' ich — mutterseelenallein —
Oft lange, lang' zu dem Liebsten mein!
Gesteh' ihm auch leise in bräutlicher Scham,
Wie die Liebe kam;
Wie ich mich gewehrt und gewehrt dagegen,
Bis ich nicht mehr konnte die Hände regen
Und willenlos
Ihr sank in den Schoß
Und nun nach Gottes Rat und Beschluß
Ihm ewig folgen und dienen muß. —
Und alles sag' ich dem Liebsten leise,
Ganz leise.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Doch wenn er dann wirklich bei mir ist
Und mich küßt - - :
Wird mir im Herzen so selig schwül,
Bin dann nichts, als ein einziges großes Gefühl!
Kein Wörtlein kommt mir in den Sinn,
Vergesse sogar, wer ich bin,
Denk' immer, ich wär' eine Königin!

Ist mir, als ob ich auf Bergeshöh'
Mit ihm in purpurnem Lichte steh' —
Weltentrückt.
Wolken wogen in schimmerndem Meer
Über dem, was da war und was sein wird, her,
Wogen und wallen und steigen.
Meine Seele zittert, von Licht geschwellt,
Und über uns und der ganzen Welt
Liegt Schweigen — seliges Schweigen!

Aus: Neue Gedichte von Frieda Jung
Fünfte Auflage Mit dem Bildnis der Dichterin
Königsberg i. Pr. Verlag von Gräfe & Unzer o. J. [1916] (S. 7-8)

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Freie Fahrt

Fragten die weißen Lilien,
Ob meine Liebe rein!
Ich zeigt' ihnen fromm und fröhlich
Meine Lieder als Bürgeschein.

Schwatzten von meiner Liebe
Die Vöglein dies und das.
Ich hielt ihnen frei entgegen
Meine Lieder als Reisepaß.

Nun lassen es die Lilien,
Die Vöglein still geschehn:
Ich darf mit meiner Liebe
Durch Erd' und Himmel gehn.

Aus: Neue Gedichte von Frieda Jung
Fünfte Auflage Mit dem Bildnis der Dichterin
Königsberg i. Pr. Verlag von Gräfe & Unzer o. J. [1916] (S. 9)

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So kommt's

Wie ich zu Liedern komme, teurer Mann?
Du küssest mich und sprichst ein Liebeswort:
Da fängt in meiner Brust zu läuten an
Und klingt und klingt und tönt in einem fort.

Und wie ein Vöglein in der Morgenfrüh,
So schlägt mein Lied die Augen glänzend auf
Und jauchzt zu deinem Kuß die Melodie
Und schwingt sich jubelnd in den Tag hinauf.

Aus: Neue Gedichte von Frieda Jung
Fünfte Auflage Mit dem Bildnis der Dichterin
Königsberg i. Pr. Verlag von Gräfe & Unzer o. J. [1916] (S. 10)

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Nur du!

Mit deiner Liebe hältst du mich umfaßt
In meinem tiefsten Sein. Daß alles Leben
Und alle Farbe mir davor erblaßt!
Woher ich komm'? Ich schau' nicht mehr zurück!
Wohin ich geh'? Ich halt' den Atem an
Und seh' nur dich an meines Schiffleins Mast,
Und seh' nur dich! Die weißen Segel wehn!
Und so, in der Gewißheit stolzer Ruh',
Seh' ich mein Schifflein weiter, weiter gehn,
Jetzt bräutlich zögernd, jetzt in sel'ger Hast
Der stillen Insel uns'rer Träume zu.

Aus: Neue Gedichte von Frieda Jung
Fünfte Auflage Mit dem Bildnis der Dichterin
Königsberg i. Pr. Verlag von Gräfe & Unzer o. J. [1916] (S. 11)

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Dein

Ich will nicht von dir lassen,
Und gält' es Not und Tod,
Und käm's, daß auf den Gassen
Auch Hohn und Spott mir droht,
Und wär's um Frost und Flammenpein -
Herzliebster, Liebster, ich bin dein!
Ich will nicht von dir lassen,
Und gält' es Not und Tod!

Ich blieb' mit dir verbunden
Für alle Ewigkeit!
In hellen Sonnenstunden,
In dunklem Herzeleid!
In deine Arme schließ' ich mich,
Mit meinen Armen halt' ich dich -
Ich bleib' mit dir verbunden
Für alle Ewigkeit!

O sieh', die Rosen blühen
In purpurroter Pracht!
Die Sonnwendfeuer glühen
Hin durch die Juninacht.
Der Himmel flammt in Blitzesschein -
Herzliebster, Liebster, ich bin dein!
O sieh', die Rosen blühen
In purpurroter Pracht!

Aus: Neue Gedichte von Frieda Jung
Fünfte Auflage Mit dem Bildnis der Dichterin
Königsberg i. Pr. Verlag von Gräfe & Unzer o. J. [1916] (S. 12)

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Gebet

In frommem Schauer zittert unser Herz.
O Leben, gib aus deinen ew'gen Bronnen
Uns deine reinsten, wundertiefsten Wonnen!
O Leben, gib!

Zwei Büsche sind wir, jung und maiengrün!
Laß uns aus tausend, tausend Kelchen blüh'n!
Zwei Ströme! Gib, daß wir im Meer uns finden!
Zwei Glocken! Wollst uns zum Geläut verbinden
In Glück und Not!
Zum Hochzeitsgeläut: „Du mein — ich dein!"
Zum Weihegeläut in Gott hinein,
Ins Sonnenrot!


Aus: Neue Gedichte von Frieda Jung
Fünfte Auflage Mit dem Bildnis der Dichterin
Königsberg i. Pr. Verlag von Gräfe & Unzer o. J. [1916] (S. 13)

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Zu spät

I.
Wie hatt' ich mich auf den Herbst gefreut! -
Auf Erntefeuer und Festgeläut,
Auf reife Ähren und klare Luft,
Auf feinen, späten Resedenduft!
Wie hatt' ich mich gefreut!

Nun, da der Herbst vor meinem Haus,
Nun schau ich so blaß und verwirrt hinaus.
Die Erntewagen wollen ins Tor,
Ich schöbe am liebsten den Riegel vor —
Und weine.

Und träume von einem Blütenfeld:
Der Frühling wandelt über die Welt!
Rings weiche, wogende Dämmerung!
Und jeder Kelch, so jung, so jung!
Und die Amseln schlagen!


II.
Wie Flüsterwort im Winde wird's verwehn!
Wie Flammen ohne Scheite wird's vergehn!
Was ringst du, Herz?
Der müde Tag vor deiner Kammertür,
Die blassen Malven draußen — gleichen dir
Und deinem Schmerz.

Mir ist: sie lachten! Und mir ist: das klingt,
Wie wenn bei scharfem Stoß ein Glas zerspringt
Voll Arzenei!
Zu Rosen war's bestimmt, zu goldnem Wein,
Doch bittern Trank nur goß man mir hinein:
Da brach's entzwei!


III.
Ich hab' ein Spieglein an der Wand,
Nicht größer, nicht kleiner als meine Hand.
Wenn in das Spieglein mein Bildnis fällt,
Nichts bringt mir so bitteres Leid auf der Welt!

Dann fühl' ich's im Auge wie brennendes Naß:
Ihr Züge, wie seid ihr so scharf, so blaß!
O wärt ihr in frühem Frost nicht gebleicht!
Ich hab ihn so lieb, so lieb! Vielleicht ... !

Vielleicht — meine Stirne neigt sich schwer —
Vielleicht käm' das Glück von den Sternen her
Und drückte aufs Haupt mir ein Kränzlein fein,
Das müßte von blühender Myrte sein!

Doch der Spiegel: Schließe die Augen zu!
Die drüben im knospenden Walde,
Die drüben auf sonniger Halde
Ist tausendmal schöner als du! - -

Ich hab' ein Spieglein an der Wand,
Nicht größer, nicht kleiner als meine Hand.
Wenn in das Spieglein mein Bildnis fällt,
Nichts bringt mir so bitteres Leid auf der Welt!


IV.
Hat meine Seele in stiller Nacht
Einen süßen, seligen Traum erdacht
Für uns beide.

Wir hatten uns von der Welt gewandt
Und schritten schweigend Hand in Hand
Über die Heide.

Nichts gingen uns mehr die Menschen an.
Nur leise nannten wir dann und wann
Unsere Namen.

Am Himmel war purpurn die Sonne verloht,
Die Heideblumen schimmerten rot.
Die Sterne kamen.

Da ward ich frei von Leid und Spott!
Nur du und ich! Und über uns Gott
Und die Sterne! - -

Ich drücke mein Haupt ins Kissen tief.
Mir ist, als ob eine Stimme rief
Ganz ferne - ganz ferne!


V.
Mir ist ein großes Leid geschehn! —
Vater im Himmel, du darfst es nicht sehn!
O wende, wende die Augen ab,
Bis ich es da drinnen verschlossen hab'!

Und sollt' es bis hoch in den Himmel schrei'n -
Laß Winde und Stürme noch lauter sein!
Verschließe dein Ohr mit Wolken dicht
Und hör' es nicht! Und hör' es nicht!

Erst später, wenn alles tot und still,
Ich's weinend mit dir besprechen will. —
Doch jetzt — jetzt lege abgewandt
Mir nur leise aufs zuckende Herz die Hand!


Aus: Neue Gedichte von Frieda Jung
Fünfte Auflage Mit dem Bildnis der Dichterin
Königsberg i. Pr. Verlag von Gräfe & Unzer o. J. [1916] (S. 14-18)

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Einsam

Einsam gehen, immer einsam gehn?
Wenn im Dorfe hell die Fiedel klingt,
Wenn so rot die Abendröte winkt,
Wenn am Himmel goldne Sternlein stehn, —
Einsam gehen, immer einsam gehn?

Von den Bergen drüben kommt ein Traum
Nachts zu mir und küßt mich auf den Mund.
Tief aus meiner Seele tiefstem Grund
Steigt's dann wie ein weißer Blütenbaum!
Von den Bergen drüben kommt ein Traum!

Ach, mir tut das Herz so bitter weh'.
Lenz um Lenz schmückt sich mit holdem Glanz,
Dirn' und Dirnlein trägt den Myrtenkranz,
Lieb' und Lachen, wo ich geh' und steh'! —
Ach, mir tut das Herz so weh, so weh!

Aus: Neue Gedichte von Frieda Jung
Fünfte Auflage Mit dem Bildnis der Dichterin
Königsberg i. Pr. Verlag von Gräfe & Unzer o. J. [1916] (S. 19)

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Um den Liebsten

Mein armes Leben irrt
Einsame Gänge.
Wo ich geh' und steh',
Hör' ich Grabgesänge.

Wo ich geh' und steh',
Muß ich denken an Einen,
Der tief im Grabe ruht, -
Und weinen.
- - - - - - - - - - -
Die Totenglocken gingen,
Da stürzt' ich nach seinem Haus.
Ein Priester im Ornate
Trat just heraus.

Es huschten eilende Boten
Durch die Pforte hin und her.
Mein Haupt schlug gegen die Mauer -
Ich sah nichts mehr.
- - - - - - - - - - -
Und dann hat die dunkle Nacht
An meinem Lager gesessen
Und immer, immerfort
Mein Leid gemessen:

Ist doch auf seinen Grund
Nimmer gekommen.
Und dann hat der bleierne Tag
Ihr Amt übernommen.
- - - - - - - - - - - -
Durfte doch von meinem Weh
Kein Wörtlein sagen!
Habe nicht Trauerkleid,
Nicht Flor getragen.

Ging nur im Schwarme mit
Hinter dem Sarg,
Der meines Liebsten Leib
Und meine Seele barg.

Doch als dann alles still
Rings auf den Wegen,
Hab' ich auf seinem Grab
Jammernd gelegen.
- - - - - - - - - -
Mein armes Leben irrt
Einsame Gänge.
Wo ich geh' und steh',
Hör' ich Grabgesänge.

Wo ich geh' und steh',
Muß ich denken an Einen,
Der tief im Grabe ruht, -
Und weinen.


Aus: Neue Gedichte von Frieda Jung
Fünfte Auflage Mit dem Bildnis der Dichterin
Königsberg i. Pr. Verlag von Gräfe & Unzer o. J. [1916] (S. 23-24)

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Lieder einer jungen Frau

I.
O weckt mich nicht aus meinem Traum,
Berührt nicht Hand und Kleid!
Ich bin ja von des Liebsten Hauch,
Des Liebsten Kuß geweiht.

Noch wogt in mir geheimnisvoll
Ein wundersüßes Weh.
Mir ist, als ob ich durch ein Meer
Von blauem Lichte geh'.

O tragt nicht in mein hohes Lied
Mir fremden Klang hinein!
Laßt mich mit meiner Seligkeit
Und Gott allein!


II.
Ich bin im tiefsten Leben,
Mein Lieb, mit dir verwandt.
All uns're Gedanken geben
Sich träumerisch die Hand.

Das Sehnen deiner Seele
Nimmt meiner Seele Ruh'!
So strömen wir und fluten
Einander zu!


III.
Es liegt auf meinen Augen
Wie lichter Flor.
Die Welt kommt mir so seltsam
Verändert vor.

Mir ist so wundereigen
Im tiefsten Sinn,
Als ob ich Gottes Werkstatt
Geworden bin.

Und alles, was ich schaue,
Steht glanzumsäumt,
Seit unter meinem Herzen
Der Frühling träumt.


IV.
Mit großen Augen blick' ich in die Nacht.
Der Schmerz hält bei mir seine treue Wacht
Und schaut mich an in tiefer, heil'ger Ruh'.
Der Sommerwind trägt durch mein Fensterlein
Von reifen Ähren mir den Duft herein, —
Und unter Tränen lächle ich dazu.

Ein banger Seufzer zittert durch die Flur.
Mir ist, als sänge leise die Natur
Das Rätsellied vom Werden und vom Sein.
Geheimnisvoll weht es durch mein Gemach;
Ich singe träumend ein paar Töne nach, —
Und unter Tränen lächelnd schlaf' ich ein.


V.
O küsse mich, geliebter Mann,
Daß meine Seele erwachen kann, —
Meine Seele, die dunkle Weiten durchhastet,
Sich langsam wieder ins Leben tastet
Mit zögerndem, zärtlichem Flügelschlag. —
Ach Gott, es ist ja heller Tag!
Ich hör' deine Stimme, so voll und klar!
So ist alles wahr? So ist alles wahr - -?
Daß unser Glück so grenzenlos,
Daß unser Glück so weltengroß,
Daß ich Mutter bin?
- - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - -
Mir ist, ich ging durch ein dunkles Tal!
Dornbüsche streiften mich ohne Zahl!
Es war ein langer, weiter Weg,
Und die Stunden gingen so träg, so träg! —
Und du weintest! - -
Doch dann: ein Flüstern und Raunen um mich!
Ein Kindesschrei! Da lächelt' ich.
Waren alle Lichter der ganzen Welt
Auf einmal in meine Kammer gestellt,
Ein flimmerndes, schimmerndes Funkenspiel.
Ich schloß die Augen ... es war zu viel!
- - - - - - - - - - - - -
Nun aber ist vorbei die Nacht.
Meine Seele wacht! Meine Seele lacht!
Gott selber über die Erde schritt:
Die Erde blüht! Ich blühe mit!
Reich' mir das Kind!

Aus: Neue Gedichte von Frieda Jung
Fünfte Auflage Mit dem Bildnis der Dichterin
Königsberg i. Pr. Verlag von Gräfe & Unzer o. J. [1916] (S. 25-30)

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Ohne Liebe

I.
Was wißt ihr, wie es tut,
Wenn einem die Myrte im Haare ruht
Und die Leute kommen einem entgegen
Und junge Tannen stehn an den Wegen,
Die Schwestern gehn überströmten Gesichts,
Vom Turme läuten die Glocken —
Und das Herz weiß von nichts!


II.
O Leben, rühre mich leise an,
Ich träume ja noch!
Mein Herz ist voll Licht und Waldesruh'!
Greif nicht so scharf, nicht so eisig zu,
Ich träume ja noch!

Ach sieh — so aus dem Licht in die Nacht,
Aus dem Lenz in den Schnee:
Das hat schon manchen blind gemacht!
Das tut so weh!

O, rühre mit deinem Flügelschlag
Mich leise an,
Daß erst allmählich in meiner Brust
Die Mädchenfreude, die Maienlust
Verdämmern kann ....


III.
Das ist das allerschwerste,
Das bittertiefste Weh,
Wenn man ein Leid muß tragen
In Lenz und Blütenschnee.

Der Frühling geht vorüber
An unserm kleinen Haus,
Ich halte mein dürres Kränzlein
Recht in den Glanz hinaus.

Er segnet Baum und Blüten
Auf seinem Siegerlauf, —
Aus meinem Kränzlein weckt er
Nicht eine Rose auf. - -

Ich will's in die Lade legen,
An die ich nimmer geh',
Und will den Schlüssel werfen
Hinaus in den Blütenklee.


IV.
Liegt über der Erde die Nacht!
Meine Seele zittert und wacht,
Wacht und weint.
Meine Jugend schaut mich an:
Was hab' ich dir getan? - -
Meine Seele zittert und weint!


V.
Er gab mir ohne Liebe
Das gold'ne Ringelein.
Ich nahm es ohne Liebe.
Gott mag's verzeih'n!

Nun wärmen im Maienlichte
Die Blüten sich lenzesfroh, —
Wir stehen in der Sonne
Und frieren so!

Gebeugt von goldenen Körnern
Nicken die Ähren im Wind, —
Da kommt's mir, wie wir beide
So hungrig sind!

Der Wintersturm rüttelt die Linde,
Die Lampe gibt traulichen Schein,
Wir sitzen am Herd beisammen:
Ist jedes allein! —


VI.
Wie soll ich glauben an Glück und Licht?
Mein Herz ist im Dunkel und kennt es nicht.

Mein Herz ist im Dunkel! Zuweilen nur
Seh' ich eines Sternleins flüchtige Spur.

Das fällt dann herab auf Nachbars Haus, —
Und ich steh' — und schau mir die Augen aus.


VII.
Ach Gott, wie müßte das sein:
Man war' mit sich selbst allein,
Ganz allein!
Oder, — du sehnendes Blut,
Man wäre einander gut! —
Ach Gott, wie müßte das sein!


VIII.
Tage gibt es, die sind zu lang,
Nächte gibt es, die sind zu bang,
Sommer, die sind zu schwül und heiß,
Winter, die sind zu kalt und weiß,
Ohne Liebe.

Wege, zu einsam und todesleer,
Dunkle Weiher, die locken zu sehr,
Berge, die tragen zu starres Gesicht,
Und, wie man sich müht, man erklimmt sie nicht
Ohne Liebe.

Heimatglocken, die rufen zu traut,
Nachtigallen, die schluchzen zu laut,
Ringe, die sind zu schwer und kalt,
Und Herzen gibt es, die brechen zu bald
Ohne Liebe.

Aus: Neue Gedichte von Frieda Jung
Fünfte Auflage Mit dem Bildnis der Dichterin
Königsberg i. Pr. Verlag von Gräfe & Unzer o. J. [1916] (S. 33-40)

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Tiefstes Leid

Was jedes andre junge Weib entzückt,
Mit Wonneschauern ihm durchbebt die Brust,
Als sel'ge Hoffnung aus dem Aug' ihm blickt
Und ihm die Hände faltet unbewußt,
Was jedes fühlt als göttliches Erbarmen, —
Was ist es mir, der Ungeliebten, Armen?

Wohl geht auch mir manchmal durchs Herz ein Traum.
Ich sehe still an meiner Seite liegen
Ein holdes Kind — zu atmen wag' ich kaum -,
Das darf ich halten, herzen, küssen, wiegen!
Doch jäh fahr' ich empor in heißem Weinen,
Weiß keinen Platz für dich, mein Kindlein, — keinen!

Du arme, zarte Knospe, die du bald
Entgegensprossen willst dem süßen Licht, —
Ach, Reif am Morgen ist so bitter kalt!
Wie ich dich wärmen soll, das weiß ich nicht.
Ich habe nichts, mein Kind, als meine Schmerzen! —-
O schlaf' noch, schlafe unter meinem Herzen!

Aus: Neue Gedichte von Frieda Jung
Fünfte Auflage Mit dem Bildnis der Dichterin
Königsberg i. Pr. Verlag von Gräfe & Unzer o. J. [1916] (S. 41)

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Biographie:

http://de.wikipedia.org/wiki/Frieda_Jung


 

 


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