Ite Liebenthal (1895-1941) - Liebesgedichte

 




Ite Liebenthal
(1895-1941)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:

 




Geht der Wind um dein Haus, fürchte dich nicht:
Ich bin im Winde.
Und wenn des Dunkels sausende Stille spricht,
sing ich gelinde.

Mit meines Herzens ruhig lebendigem Schlag
bin ich im Liede:
Warte ein wenig, bald kommt der Feiertag,
bald kommt der Friede.
(S. 5)
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Von mir erbittest du entbehrte Ruhe.
Ich beuge mich und löse dir die Schuhe,
die von der Mühsal langer Fahrten reden
und frage nichts. Mir sagen stumme Zeichen
von Kämpfen, die die Stirn des Mannes bleichen.
Dein Antlitz sehe ich und weiß um jeden.

Ich kann die Stempel der durchlittnen Tage,
die tiefen Furchen niemals lauter Klage
nicht mit dem Finger von den Zügen wischen,
doch sorgen, daß sich müde Glieder strecken
und deinen Schlaf bewachen und dich wecken,
wenn Tränen sich in deine Träume mischen.
(S. 6)
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Ich weiß noch Wälder, in denen Gott wohnt.
Da geht er groß und gelassen im Schweigen
heiliger Bäume, die sich schützend verzweigen,
auf Wegen, die noch jeder Fuß verschont.

Und um ihn her sind nur die unschuldigen
Tiere, die träumend im Moose ruhn,
und die mit ihren stillen, geduldigen
Augen einander nichts Böses tun;

die dicht am Rand seines Kleides spielen
und doch nicht wissen, wem sie nahe sind.
Aber die Gräser und Blumen auf hohen Stielen
beugen sich ihm entgegen im singenden Wind.

Wer, du mein Freund, weist uns den Weg ins Gehege.
Ob wir in Ewigkeit wandern, wir finden ihn nie.
Und doch wartet Gott auf einen, der an sein Knie
kindlich gelehnt das Haupt in den Schoß ihm lege ...
(S. 8)
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Nicht immer, wenn dein heiliger Name
von fremden Lippen fällt, ist eine Schale
so wie mein Herz bereit ihn aufzufangen.
Auf Straßen liegt er achtlos übergangen.
Oft las ich ihn wie eine wundersame
Bergblüte auf im dunsterfüllten Tale.

Und meine Tränen lösten ihn vom Staube.
Ich flüchtete wie mit geweihtem Raube
zur Höhe, wo die reine Sonne schien
auf frommen Bodens unversehrte Scholle,
und kniend hob ich in die andachtvolle
Stille vor Gottes Antlitz ihn.
(S. 13)
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Wüßt ich, daß ich nur zu sterben brauchte
und mein Herz, in Silber dann gefaßt,
einen Talisman für dich bedeute:
Ach, ich tötete mich heute!
Würfe gern die lang getragne Last
unfruchtbarer Freude, die verrauchte,
hin und hätte alles Glück der Welt.

Doch mir bleibt nur, daß ich weiter lebe
und geduldig wachse in mein Los,
bis es endlich sich von selbst enthülle:
daß es sich für dich erfülle!
Bis am Ende feierlich und groß
meine Stunde sich für dich erhebe.
still gereift in allem Schmerz der Welt.
(S. 14)
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Wenn ich endlich die Wüste, in die ich zu lange schon sehe,
vor dir öffne und sage: dies muß ich in Zukunft durchschreiten, -
wird mir dann, du mein Freund, deine Seele die Zuflucht bereiten,
die ich nur noch für den einsamen Tag des Abschieds erflehe?

Nimmst du einmal mein Herz in deine sanften Hände,
läßt es im vollen Licht deiner gütigen Augen blühen?
Was wäre mehr zu wünschen, als daß es vergänglich im frühen
und doch letzten Wunder sich ganz erschließend vollende.
(S. 15)
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Ich hab meine Füße wund gegangen,
weißt du, um wen?
Und konnte doch nicht bis zu dir gelangen.
Ich hab dich nicht einmal von fern gesehn.

Ich hab meine Hände müd gerungen,
weißt du, warum?
Nicht Rufes Hauch ist bis zu dir gedrungen.
Die Welt ist allzuweit, und du bliebst stumm.

Ich hab meine Augen blind geweint,
frage nicht, wann.
Ich weiß schon lang nicht mehr, ob Sonne scheint,
der Tag sich wendete und Nacht begann.
(S. 16)
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Nur bei dir schweigt meiner Tage Angst, und gelinde
löst sich des Leides Druck in glücklicher Wehmut,
wenn ich auf deiner Stirn vertrauendes Lächeln finde
und dich geschwisterlich grüße mit Stolz und Demut.

Aber der Stunden sind viele, da blind ich in Dunkel greife,
wankend in wirbelnde Leere, - und warte vergebens
auf deiner alles erleuchtenden Liebe Erscheinung und streife
kaum mit der Hand den Schatten vergleitenden Lebens.

Du mir Schmerz! du mir des rufenden Glückes entweichende
einzige Stimme! mein Herz erhofft noch die Zeit,
da es durch dich geläutert, in dir erlöst das erbleichend
Dasein vertauscht mit erfüllender Ewigkeit.
(S. 17)
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Bald wird mein junges Herz ein alt Gesicht
im Spiegel sehn und wird es nicht begreifen,
daß wenig schnelle Jahre schon die Schicht
des weichen Schmelzes von den Zügen streifen.

Noch blühte nicht die Eine Liebe ab,
die ihre Aeste weit in mir verzweigte.
Die unbemerkte Zeit entwich. Ich gab
nicht acht darauf, daß sich die Sonne neigte.

Und also ist nun sanfter Niedergang,
was Aufgang schien, und alles liegt dazwischen?
O junges Herz! ein Blütenüberschwang,
um Morgenduft in Abendtraum zu mischen.
(S. 19)
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Was ich von dir nicht weiß und nicht erriet
aus Worten und Gebärden - die noch keiner
gedeutet hat wie ich! - weil ich vermied,
an dir zu rätseln und dich so viel reiner

begriff in deinem Abgeschlossensein,
brach über mich in einem Traum herein:
da sah ich, wie du bist, wenn du dich gibst.
Und deine sanfte Hoheit, wenn du liebst,

war still und spendend über mich geneigt.
Die Schale war ich, die empfängt und schweigt. -
Nun kenn ich dich! Was du mir nie gegeben,
nie geben wirst, ist doch in meinem Leben!

Und ist, - ich stahl nicht, hab es nicht erschlichen! -
als hätte ich's geraubt und wär entwichen,
und straft mich schwer, wie Heiliges ergrimmt,
das freche Hand von seiner Stätte nimmt.

Und ward mir doch gereicht und offenbart,
als meine Seele dalag unbewahrt
und ungewarnt, - und hilflos, tagvergessen
hinnahm, was ihrem Los nicht zugemessen.
(S. 31)
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Nun schlafen die Gärten; die Teiche schlafen.
Wetter verziehen; die Winde sind still.
Auf Wegen, wo unsere Spuren sich trafen,
liegt Schnee, der die Zeichen begraben will.

Am einsamen Fenster, von Blumen verdunkelt,
die frostiger Anhauch zum Blühen gebracht,
erwart ich den Stern, der allein mir noch funkelt
am ruhigen Himmel in schlafloser Nacht.

Doch heut ziehen Nebel, und Wolken umgleiten,
gespenstige Schiffe, den frierenden Mond,
verstoßne Gestalten, verlorener Zeiten,
die nun keines Lächelns Erinnerung lohnt.

Und wie von zerrissenen Segeln und Fahnen
fliehn zitternde Schatten vorüber der Welt.
Doch sieh, es öffnen die ferneren Bahnen
sich leuchtend vom einzigen Lichte erhellt.
(S. 33)
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Alle Abendwolken wandern
still hinab durchs goldne Tor.
Lächelnd tritt nun aus dem andern
die verhüllte Nacht hervor.

In den Falten ihres Kleides
komm ich zu dir, tief versteckt.
Alle Zeichen meines Leides
hat ihr Leuchten zugedeckt.

Und sie neigt sich auf dein Lager,
während sie dein Traum begrüßt.
Hab ich heimlich und mit zager
Liebe deine Hand geküßt?
(S. 41)
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Einmal, mein Freund, wirst du mich sehen,
wie Gott mich kennt, der mich erschuf:
An jenem Tage, da sein Ruf
mich heißt an dir vorbei zu ihm zu gehen.

Auf diesem Wege, dem du nicht das Ziel,
darf auch vor deinem Blick sich offenbaren,
was das Gewand verhüllte, das dann fiel.
Und du wirst wissen, wie die Schmerzen waren

und großen Freuden, die ich froh ergeben
an dir vorüber ihm entgegentrage,
der zu mir sprach durch dich und dieses Leben,
durch dich gesegnet bis zum letzten Tage.
(S. 46)
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Mehr als mich wirst du die Erinnerung lieben,
wenn das lebendige Bild hinter den Schleier entweicht,
wenn nur der schwebende Hauch verwehender Worte geblieben,
wenn dich der letzte Sinn versunkener Blicke erreicht.

Dann werd ich ganz dein alterndes Leben umschließen,
Einsamster unter den Menschen, daß nie deine Seele verdirbt.
All meine inneren Quellen, die heut noch verborgen dir fließen,
münden gestillt in dein Herz, und alles Leiden stirbt.
(S. 47)
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Aus: Ite Liebenthal Gedichte
Erich Lichtenstein Verlag Jena 1921
 


Biographie:

Ite Liebenthal geboren um 1895, gestorben nach 1941 im Konzentrationslager Theresienstadt. Studium der Germanistik und Philosophie in Berlin. Veröffentlichte 1914/15 Gedichte in der expressionistischen Zeitschrift Die Argonauten. Bekanntschaft mit Rainer Maria Rilke, der ihre Dichtung förderte. Blieb auch nach 1933 in Deutschland.
Bibliographie: Gedichte. Jena 1921;
Nachgelassene Gedichte. Jena 1947 (Privatdruck).




 

 


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