Thekla Lingen (1866-1931) - Liebesgedichte

Thekla Lingen

 

Thekla Lingen
(1866-1931)

 

Erfüllung

Kamst du, mein Frühling?
Stunde meines Herzens, hast du geschlagen?
Bist du mein, den ich gekannt,
Noch eh' mein Auge dich gesehn,
Den ich gesucht in hoffnungsheissem Bangen
Auf meines Lebens wirren Wanderwegen?

Wie lag mein Herz in schwerem Dämmerschlummer,
Bedeckt vom Staub der schalen Alltagsliebe,
Bis du mir kamst -
Dahin ist nun mein Kummer,
Mein Herz erglüht in deinen Liebesstrahlen,
Die süss befruchtend du in mich gesenkt,
Erblüht zu einer lichten Wunderblume,
Die duftend Wünsche dir entgegenströmt ...
O komm, o komm, auf dass sie dich erfülle
Mit ihrem Duft und deinem sich vermähle.
O komm, o komm, dass ich dich zehrend küsse,
Und lass in stillem Kuss uns ruhen
Und schliess die Augen ...

Lass uns schweigend lauschen,
Wie tief in uns des Lebens Quellen rauschen,
In seligem Erkennen still sich grüssen
Und überströmend ineinander fliessen

O Stunde der Erfüllung,
Heilige Stunde,
Sieh mich in Andacht, da ich dich empfange
Aus meines Schicksals rätselschwerer Hand ...
_____

 

Hilf mir!

Du musst mich küssen, wie die Sonne glüht,
Hoch wie das Meer muss deine Liebe rauschen,
Wie Orgelbrausen durch die Kirche zieht,
Wie Glockenklang so stark und hehr zu lauschen.

Ich hab in dich mein ganzes Sein gesenkt,
Und wie die Erde musst du Kraft mir geben,
Zu tragen, was mir das Geschick verhängt,
In meiner eigenen Sonne Licht zu leben.

Dann findet mich der Spott der Menge nicht,
Dann lass sie schmähen und mein Thun verhöhnen -
Was ihres Alltags kalte Stimme spricht,
Soll unserer Liebe Jauchzen übertönen.
_____



Sieh mich nicht an -

Sieh mich nicht an mit diesen Augen,
Sie dringen mir bis an das Mark,
Sieh mich nicht an mit diesen Augen,
Du siehst es doch, ich bin nicht stark.

Umschling mich nicht mit diesen Blicken,
Sie sind viel stärker als dein Arm,
Umschling mich nicht mit diesen Blicken,
Sie ziehn mich an dein Herz so warm.

Sprich nicht zu mir mit diesen Lippen,
Wie Wein so süss, so heiss, so rot,
Sprich nicht zu mir mit diesen Lippen,
Ich küss' dich dann, und wär's mein Tod.
_____



Hohe Liebe

Nicht, wie die andern sollst du mich lieben,
Nicht mir zu Füssen will ich dich sehn,
Bleib mir zur Seite erhobenen Hauptes,
Dass ich an deine Schulter mich lehn'!

Nicht wie die andern zehrenden Kusses
Sollst du mir küssen Augen und Mund,
Nur meine Stirne will ich dir neigen
Zu unserer Seelen lauterem Bund.

Nur mit den Blicken sollst du umfangen,
Was ich dir gebe in meinem Blick,
Alles Begehren, alles Verlangen
Sinke zum heiligen Born zurück.

Nimmer versiegen wird dann die Quellen
Seliger Sehnsucht in unserer Brust,
Nimmer verglühen wird dann die Flamme,
Ewig geschüret in keuscher Lust.
_____



Stumme Bitte

Er nimmt mir meine beiden Hände
Und hält sie fest mit langem Kuss,
Bis ich mich bebend von ihm wende
Und sage, dass er gehen muss.

Da leuchtet tief in seinen Blicken
Der heisse Glanz, der mich erschreckt -
Es wagt sein Auge auszudrücken,
Was ich erschauernd längst entdeckt.

Es zwingt mich dieses stumme Flehen,
Ich geb mich hin dem starken Blick
Und fühl mich langsam untergehen
In wunderseligem Liebesglück.

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von Thekla Lingen




Biographie:
Sie wurde in Goldingen in Kurland geboren. 14jährig ging sie nach Petersburg, um sich als Schauspielerin auszubilden. Nach ihrer frühen Verheiratung gab sie ihre schauspielerische Tätigkeit auf und verkehrte in deutschen Kreisen der Petersburger Gesellschaft. Ihr erster Gedichtband, der 1898 in Berlin erschien, wurde stark beachtet und zwei Jahre später erneut aufgelegt. Kurz darauf gab sie noch eine zweite Lyriksammlung und einen Novellenband heraus. Dann verstummte sie als Schriftstellerin. Über ihr weiteres Leben ist nichts bekannt. Sie starb 1931 in Eittenau im Irrenhaus.
Aus:  http://sophie.byu.edu/literature/index.php?p=text.php&textid=1979

 

 


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