Emil Rittershaus (1834-1897)  - Liebesgedichte

Emil Rittershaus



Emil Rittershaus
(1834-1897)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 

 



Knospe und Blüthe

Bin ich, Liebste, Dir zur Seite,
Bist Du froh und wohlgemuth;
Bin ich Dir, o Liebste, ferne,
Strömet Deine Thränenfluth.
Nicht die Sehnsucht nur alleine
Wandelt durch des Busens Raum,
Nein, Du denkst an den vergangnen,
Ausgeträumten Kindertraum.

Hör' mir zu! Ich will erzählen
Von den Blumen auf dem Feld.
Niederfließt der Strahl der Sonne,
Wenn der Lenz die Knospe schwellt.
Von dem blauen Aether nieder
Mild der Strahl der Sonne fließt,
Bis die Knospe wird zur Blüthe,
Bis die Blüthe sich erschließt.

In des Kelch's geheimste Tiefen
Taucht hinein der Sonnenstrahl;
Leise, wonnebebend küßt er
Jedes Blättchen tausendmal.
Und beseligt hat die Blume
Zu der Sonne aufgeschaut,
Doch am Abend ist die Thräne
In den Blumenkelch gethaut.

An die Sonne denkt die Blüthe
Und sie weint in stillem Leid,
Weinet um die nun verlorne,
Nun vergangne Knospenzeit.
War doch ihres Blühens Wonne
Ihres Knospenlebens Grab!
O, sie grollt dem Strahl der Sonne,
Der den Kuß dem Kelche gab.

Sieh, da steigt die Sonne wieder!
Purpurn glüht das Wolkenheer;
Jubelnd klingen Lerchenlieder
Und die Blume weint nicht mehr.
Alle Thränen schwinden müssen
Vor dem Sonnenschein geschwind. -
Laß mich Deine Thränen küssen
Von den Wimpern, liebes Kind!
(S. 391-392)
 
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Deingedenken

Dein gedenkend bin ich froh.
Denk' ich, daß mein eigen Du,
Hab' ich Frieden, Lebensmuth,
Hab' ich alles: Glück und Ruh'!

Traurig werd' ich, denk' ich Dein!
Wenn ich denke, daß ich nie
Solch' ein Glück Dir geben kann,
Wie's Dir gern mein Herz verlieh;

Solch ein ungetrübtes Glück,
Fern von aller Stürme Wehn,
Wo der Freude Engel nur
Segnend rings am Wege stehn. -

Dein gedenkend bin ich froh
Und muß dennoch traurig sein. -
Dein gedenkend wach' ich auf,
Dein gedenkend schlaf' ich ein.
(S. 430)
 
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Deine süßen, rothen Lippen

Deine süßen, rothen Lippen,
Holdes, braunes Mädel, sprich:
Haben mehr sie noch als Lächeln,
Haben Küsse sie für mich?

Deine wunderbaren Augen,
Holdes, braunes Mädel Du!
Sind's die Sonnen meines Glückes,
Sind's die Gräber meiner Ruh'?

Lass' mich länger nicht, du Schönste,
Zwischen Höll' und Himmel sein!
Sei die Meine, sei's für ewig,
Holdes, braunes Mägdelein!
(S. 378)
 
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O komm, mein Lieb!

Der Abend naht mit süßer Labe,
Es stirbt der Sonne letzter Strahl.
Schon prangt auf ihrem Wolkengrabe
Ein flammendes Gedächtnißmal.
Nun schweigt das Lied der Lerchenkehle,
Die Wachtel schläft im Garbenfeld,
Und nur der Duft, die Blumenseele,
Schweift einsam durch die Frühlingswelt.

O komm, mein Lieb! In Waldesräumen,
Wie ist's so still und friedlich nun!
In Deinen Armen laß mich träumen,
An Deinem Busen laß mich ruhn!
In Deine Augen laß mich schauen,
In Deine Seele laß mich sehn,
Daß wieder Hoffnung und Vertrauen
Im Herzen möge auferstehn!

Vertraun und Hoffnung? Sel'ge Stunden,
Wo mich des Wahnes Flügel trug,
Wo ich in jeder Brust gefunden
Ein Herz, das heiß in Liebe schlug,
Wo noch das Ohr im Zeitgewühle
Die trübe Kunde nicht erlauscht,
Daß man die heiligsten Gefühle
In dieser Welt wie Münzen tauscht!

In Deine Augen schau' ich gerne
Jetzt, wo der Wahn dem Herzen fern.
Mir lacht in Deinem Augensterne
Der Liebe und der Hoffnung Stern!
O komm, daß sich mein Herz erfreue
Nach Stunden, schmerzensreich und trüb!
In meiner Welt ist Lieb' und Treue,
Denn meine Welt bist Du, mein Lieb'!
(S. 408-409)
 
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Sie schläft

Der Nachtwind rauscht im Blüthenbaume
Und alles ruht in tiefster Ruh'.
Nun schließt zum Schlaf, zu sanftem Traume
Mein süßes Lieb die Augen zu.

Der Mondschein in der nächt'gen Stunde
Durch ihre kleine Kammer geht
Und küßt von ihrem rothen Munde
Den letzten Laut vom Nachtgebet.
(S. 397)
 
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Zwei Blumen

I.
Der weißen Lilie, rein und licht,
Der möcht' ich, Mädchen, Dich vergleichen!
Sah'st Du im Geist mit Lilien nicht
Die Engel in der Sel'gen Reichen?

Ich wünsche Dir, du bleiches Kind,
Daß, bis die letzten Stunden schlagen,
Dich Gottes Engel sanft und lind
Auf ihren heil'gen Händen tragen.


II.
Zwei Wangen roth, zwei Lippen roth
Und Aeuglein hell wie Morgensterne! -
O, ewig bleib' des Lebens Noth
Von Dir, du rothe Rose, ferne

Zwei Wangen roth, zwei Lippen roth
Und Aeuglein hell wie Morgensterne! -
Ich wär' im Leben wie im Tod
Bei Dir, du rothe Rose, gerne!
(S. 379-380)
 
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Für Dich!

Dich lieb' ich heiß, wie ich auf Erden
Noch nimmermehr ein Weib geliebt,
Und nimmer kann mir Frieden werden,
Wenn nicht Dein Herz mir Frieden giebt.
Darf ich auf Deine Liebe hoffen?
Ist mein Dein Herz? O Liebste, sprich!
Des Himmels Pforten sprengt' ich offen
Für Dich!

Dein Bildniß schaut in meine Träume,
Wenn leis die Nacht den Schleier webt,
Wenn durch des Aethers blaue Räume
Die Legion der Sterne schwebt.
Dein Bildniß seh' ich mich umschweben
Auch dann noch, wenn die Nacht verstrich. -
Mein ganzes Sein, mein ganzes Leben
Für Dich!
(S. 383)
 
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Herz und Geist

I.
Die Blume wünsch' ich nie zu werden,
Die nur für Dich die Düfte hat;
Ich such' noch mehr auf dieser Erden
Als stiller Freuden Blumenblatt.
Ich ruh' nicht an des Ufers Borden;
Ich stürz' mich in den Strom hinein.
Beseligt ist mein Herz geworden,
Doch auch der Geist will selig sein!

Den Geist, den treibt's zu kühnen Flügen,
Den Geist, dem Leben Streben heißt!
Dem Herzen kann ein Herz genügen,
Doch tausend Herzen will der Geist.
Nicht steh' ich fern dem Zeitenreigen;
Ein heißer Drang den Busen schwellt. -
Mein Herz ist ewiglich Dein eigen,
Allein mein Geist gehört der Welt!


II.
Das Eine möcht' ich gern erringen,
Vor allem andern gar zu gern:
"Für Dich der Freude Rosenschwingen!
Für Dich des Glückes hellsten Stern!"
Das Eine möcht ich gern erwerben, -
Und dazu gieb, o Gott, mir Kraft,
Daß ich Dir sagen darf im Sterben:
"O Weib, ich hab' Dein Glück geschafft!"

Und daß ich darf das Zeugniß geben
Mir selbst in meiner letzten Stund':
"Mein Leben war ein ernstes Streben
Mit ganzer Kraft, von Herzensgrund.
Für's Edle hat mein Herz geschlagen
Und für das Edle nur allein!" -
O, dürft' ich das mir sterbend sagen,
Wie wollt' ich dann so selig sein!
(S. 426-427)
 
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Die Liebe

Die Lieb' ist ewig wie das Sonnenlicht,
Und nur die Blumen sterben, die sie weckt.
O, liebe, liebe, bis das Auge bricht,
Bis deinen Leib der grüne Rasen deckt!

Du stehst allein; da faßt mit einem Mal
Die Liebe dich in voller Jugendkraft,
Und in dem Herzen weckt der Sonnenstrahl
Die rothe Frühlingsrose Leidenschaft.

Die Rose welkt. Verfluch' nicht das Geschick,
Denn wisse: Welken ist der Blumen Loos,
Und neue Blumen weckt der Sonnenblick
Der Liebe auf in deines Busens Schooß.

Und hat der Lenz die Rosen auch allein,
Und werden schnell auch alle Rosen bleich;
Noch Blumen zeugt der Sommersonnenschein,
Zwar minder schön, doch minder dornenreich.

Ein jedes Kind, deß Aeuglein, hell und klar,
Begrüßend dich, dir froh entgegenlacht,
Ist eine Blume, die die Lieb' gebar,
Ist eine Blüthe, die die Lieb' gebracht.

Dem schlimmsten Feinde wünsch' ich nicht den Fluch,
Daß, wenn sein Aug' in letzter Thräne schwimmt,
Ein fremdes Ohr den letzten Athemzug,
Das letzte Wort von seinem Mund vernimmt! -

O, liebe, liebe, bis das Auge bricht,
Bis deinen Leib der grüne Rasen deckt!
Die Lieb' ist ewig wie das Sonnenlicht,
Und nur die Blumen sterben, die sie weckt.
(S. 28-29)
 
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Haß und Liebe

Die Liebe gleicht dem Winde,
Der mit der Rose kost;
Es gleicht der Haß dem Sturme,
Der wildverheerend tost.

Die Rose hat entblättert
Des Zephyr's leiser Hauch;
Es hat der Sturm gebrochen
Den armen Rosenstrauch.

Der Zephyr ward zum Sturme
In einer einz'gen Nacht;
Die Liebe ward zum Hasse,
Noch eh' du es gedacht.
(S. 87)
 
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Dieselbe Gluth, die früh mich weihte

Dieselbe Gluth, die früh mich weihte
Zu eines Sängers heil'gem Amt,
Die mir ins Herz die Lieder streute,
Sie hat auch Deine Brust entflammt.
Die Gluth, in der ich längst erglühte,
Sie flammt durch Deinen Busen hell;
Du liebst wie ich der Künste Blüthe,
Wie ich der Schönheit Zauberquell!

Weh, wenn ein Herz, voll hohen Strebens,
In Lieb' sich einem andern eint,
Dem, was ihm Zweck und Ziel des Lebens,
Als leerer, eitler Tand erscheint!
Dann wird die Rose bald zur Nessel
Und bald die Lust zu bittrer Pein! -
Wie anders Du! Du wirst nicht Fessel
Für des Geliebten Streben sein.

Wie anders Du! Was mich entzücket,
Die Kunst, der all' mein Streben gilt,
Sie ist's, die auch Dein Herz beglücket,
Aus der auch Dir die Labung quillt.
Vereinigt laben wir zusammen
Uns an der Schönheit Wunderborn. -
O, schür' sie stets, der Dichtung Flammen,
Sei immer meines Strebens Sporn!
(S. 410-411)
 
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Die Sonne meines Lebens

Du bist die Sonne meines Lebens
Und lieben hast Du mich gelehrt,
Ich aber bin die Sonnenblume,
Die sich nach Dir, o Sonne, kehrt!

Mein Lebensglück, es kann ersprießen
Bei Dir, du Holde, nur allein!
Die Sonnenblume kann nur blühen
Im lichten, lieben Sonnenschein.
(S. 377)
 
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Trennung

Du bist mir fern und doch nicht ferne;
Im Geiste darf ich bei Dir stehn.
Mich läßt in Deiner Augen Sterne
Der Liebe guter Engel sehn.

Ich fühle Deines Odems Fächeln;
Ich seh' die Aeuglein, hell und klar,
Und Deine Lippen seh' ich lächeln,
Das süße, liebe Lippenpaar.

Ich schau' der Wangen Rosenschimmer,
Und Freude zieht zum Herzen leis,
Denn froh und glücklich bin ich immer,
Wenn ich Dich froh und glücklich weiß!
(S. 386)
 
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Ein Menschenherz

Ein Menschenherz ist wie die Blume,
Die blühend auf dem Felde steht,
Die heute lustig prangt und duftet,
Die morgen schon der Wind verweht.

Die Blumen waren einstens Sterne
Und flammten hell in heil'ger Pracht,
Drum weinen auch die Blumen alle
In sternenheller Sommernacht.

Ein Menschenherz ist ein vom Himmel
Herabgesunk'ner, lichter Stern,
Drum fühlt das Herz ein tiefes Sehnen
Nach einer Heimath, die ihm fern.
(S. 80)
 
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Wahre Liebe

Eines Weibes wahre Liebe, Lieb', die nur beglücken kann,
Ist des eignen Ichs Verleugnung für den lieben, theuren Mann,
Ist ein gottgesandter Engel, der des Friedens Palmen hält,
Ist das Seligste der Erde, ist das Heiligste der Welt!

"Wahrhaft lieben" heißt beim Weibe: dem Geliebten ganz vertrau'n,
Heißt: das eigne Glück nur immer in dem Glück des Liebsten schau'n,
Heißt: das Leben bis zur Bahre einzig dem Geliebten weih'n,
Heißt: im tiefsten Grund der Seele eins mit dem Geliebten sein! - - -

Daß in Deinen Augen, Liebste, diese Liebe mir gelacht,
Hat mich fröhlich, hat mich selig, unaussprechlich reich gemacht!
Das ist meines Lebens Wonne, das ist Trost in jedem Schmerz! -
Treulich soll mein Herz vergelten Dir die Lieb', geliebtes Herz!
(S. 439-440)
 
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Trübe Ahnung

Er hat mich noch wie sonst umfangen;
Er hat mich noch wie sonst geküßt,
Und doch, mich faßt ein trübes Bangen.
Mir ist, als ob ich weinen müßt'!
Er sah so oft zu Boden nieder
Und immer blieb sein Auge trüb,
Und immer fragt' er, immer wieder:
"Hast du mich noch wie sonst so lieb?"

Wie sprang ich ihm so froh entgegen!
Wie sprang ich ihn so liebend an,
Als ich ihn auf den Wiesenwegen
Am Abend sah der Hütte nahn.
Nicht hört' ich da wie sonst ihn fragen
In Lieb', was mir der Tag gebracht;
Er wußt' mir gestern nur zu sagen,
Wie müde ihn der Gang gemacht.

Ich hab' sein Lieblingslied gesungen.
So oft des Liedes Ton erschallt',
Dann hat er glühend mich umschlungen,
Dann hat sein Herz in Lust gewallt!
Kein Kuß, kein lieber Blick, nicht einer,
War gestern des Gesanges Lohn;
Er fragte nur: "War heller, reiner
Nicht früher deiner Stimme Ton?" -

Am Fenster steht in einem Scherben
Ein Myrthenstrauch, an Knospen reich.
Ich sah im Traum den Strauch verderben,
Sah knospenlos den Myrthenzweig.
Ich weiß, es ist ein Nichts, ein Schimmer,
Ein bloßer Schemen ist ein Traum,
Und dennoch denk' ich immer, immer
An meinen armen Myrthenbaum! -

Schon früh sah ich den Liebsten scheiden;
Die Nacht war kalt, der Weg ist weit!
Nun trag' ich einsam meine Leiden,
Des Herzens tiefe Traurigkeit.
O, wär's doch Abend! Wär' verglommen
Doch jetzt, schon jetzt der Sonne Strahl!
Doch wird er denn am Abend kommen! -
Er kam vielleicht zum letzten Mal!
(S. 136-137)
 
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Wiedersehen

Es kann mein Lied Dir nimmer sagen,
Was ich gefühlt, was ich empfand,
Als nach der Trennung langen Tagen
Auf's Neue Dich mein Arm umspannt.

An Deinem Busen sank ich nieder.
Wie war ich so entzückt, beglückt,
Als ich auf Deine Lippen wieder
Beseligt meinen Mund gedrückt!

O, eine Wonne, nicht zu nennen,
Ist da im Herzen aufgewacht,
Und da erst lernt' ich's recht erkennen,
Wie Deine Lieb' mich glücklich macht.
(S. 387)
 
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Nach der Nacht

Es rauscht der Wald in leisem Psalme,
Wenn Morgenroth die Wipfel säumt,
Und es erzählen sich die Halme,
Was sie in dunkler Nacht geträumt.

Wenn kaum der letzte Stern verschwunden,
Dann jubeln Vöglein fern und nah,
Daß nach den sonnenlosen Stunden
Auf's Neu' der Glanz des Morgens da. -

Ich aber möchte gern verzichten
Auf Morgenglanz und Sonnenpracht,
Und gäbe gern den Tag, den lichten,
Für eine süße Stund' der Nacht!
(S. 421)
 
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Es war am schwülen Sommertag

Es war am schwülen Sommertag;
Die Fenster waren dicht verhangen
Du bargst, in tiefen Schlaf versunken,
An meiner Brust die heißen Wangen.

Kein Lüftchen durch die Zweige ging;
Kein Wolkenstreif den Himmel säumte.
Es hing in ihres Rades Mitte
Die Spinne still, als ob sie träumte.

Am Weg verwelkt die Blume stand,
Bedeckt von Staub, dem gelben, falben,
Erklang ein Ton noch in den Lüften,
So war's der Schrei der flücht'gen Schwalben.

Auch in dem Zimmer war's so still,
Daß nichts ringsum die Ruhe störte,
Daß ich die leisen Athemzüge
Und jeder Fliege Summen hörte.

Da hört' ich Dich, o Lieb, im Traum
Auf einmal meinen Namen nennen,
Sah um den Mund ein Lächeln spielen
Und heißer Deine Wangen brennen.

Und sah dich fester als zuvor
Dein Haupt an meinen Busen schmiegen.
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Mir war's, als wär' der ganze Himmel
In meine Brust herabgestiegen!
(S. 422-423)
 
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Es wiegt sich Blüth' an Blüthe

Es wiegt sich Blüth' an Blüthe
Im Herzen mein,
Und, seit für Dich es glühte,
Sind alle Blüthen Dein.
Manch' Liederfalter
Sich auf den Blumen wiegt,
Doch frag' nicht, was darunter
Begraben liegt!

Der Falschheit Schlangen hausen
Im Busen nicht,
Und keiner Stürme Brausen
Mir meine Blüthen bricht.
Der Liebe Geister haben
Besiegt der Schmerzen Gluth,
Doch frag' nicht, was begraben
Im Herzen ruht.

Wer in's Gewirr des Lebens
Zu tief geschaut,
In seiner Brust vergebens
Den Glaubenstempel baut.
O kindliches Vertrauen,
Das jedem traute gern,
Du bist – ich fühl's mit Grauen! -
Auf ewig fern!

Die Lüge webt die Netze,
Die Sünderin,
Und raubt die schönsten Schätze
Dem frommen Kindersinn.
Mein Tempel stürzte nieder;
Er stürzte, ach, zu schnell.
Wohl nimmer steigst du wieder,
Du Stern so hell! -

O Liebste, Deine Liebe
Versüßt mein Leid!
Des Herzens Blüthentriebe
Sind Dein in Ewigkeit.
Dich soll die Blume laben,
Die sich im Busen wiegt,
Doch frag' nicht, was begraben
Im Herzen liegt!
(S. 424-425)
 
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Frage nicht

Frag' nicht, warum ich still betrübt
So oftmals vor Dir stehe! -
Die ich am meisten einst geliebt,
Thaten so oft mir wehe.
Ich schloß den Schmerz im Busen ein,
Ich hielt den Gram in Banden.
Die mir am nächsten sollten sein,
Haben mich nicht verstanden!

Sie meinten's treu, sie meinten's gut.
Ich wollt' den Schmerz nicht künden;
Mir quoll vom Aug' die Thränenfluth
Einsam in Waldesgründen.
Sie theilten still ihr frommes Glück
In traulichem Vereine,
Mein Glück zog in sich selbst zurück,
Weinete, weil's alleine!

Du kannst des Sängers Herz verstehn,
Du, meines Herzens Wonne!
In Wolken nur, nicht untergehn
Sah ich die Jugendsonne.
Du kennst des Dichters mächt'gen Trieb,
Kennst diese Brust, voll Lieder!
Du treues Weib, Du herzig' Lieb,
Giebst mir die Jugend wieder.
(S. 437-438)
 
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Auf dem Rhein

Ich fahr' hinunter
Den grünen Rhein!
Am Ufer singen
Die Vögelein.
Die Berge glänzen
In Frühlingspracht
Und alles jubelt
Und alles lacht.

O, wärst Du bei mir,
Mein Schätzlein schön,
Und sähst, wie herrlich
Die sonn'gen Höh'n,
Und hörtest singen
Die Vögelein:
Du stimmtest freudig
In's Lied mit ein!

Dann schaut' ich froher
Auf Strom und Feld,
Dann wär' mir schöner
Die ganze Welt!
Dann jauchzt ich trunken
In sel'ger Lust
In Deinen Armen,
An Deiner Brust!
(S. 398-399)
 
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Glaube, Liebe, Hoffnung

Ich glaub' an Dich! Ob tausend riefen:
Ein Sturm der Liebe Bau zerschlägt,
Ich weiß, in Deines Busen Tiefen
Hat sich mein Bildniß eingeprägt.
Den Glauben wahr' ich, daß ihn raube
Kein Zweifel mir bei Tag und Nacht.
Ich glaub' an Dich, und dieser Glaube
Hat selig mich und froh gemacht!

Ich liebe Dich! Du hast's empfunden,
Wenn liebend Dich mein Arm umfing,
Wenn in der Liebe Weihestunden
Mein Mund an Deinen Lippen hing.
Dein gluthentflammtes Herz, ich preis' es!
Es gab dem meinen Himmelsruh'.
Ich hab' Dich lieb, und keiner weiß es,
Wie theuer meinem Herzen Du!

Ich hoff' auf Dich! Mein ganzes Hoffen
Hab' ich auf Dich, auf Dich gebaut!
Mein Auge sieht den Himmel offen,
Wenn's Dir, mein Kind, in's Auge schaut.
Es kommt ein Tag, da wirst Du werden
Auf ewig mein, auf ewig mein,
Und beide wollen wir auf Erden

Im Arm der Liebe selig sein! (S. 384-385)
 
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An Hedwig

Ich möcht' mit Dir im ew'gen Bunde
Mir meines Glückes Tempel bau'n;
In froher und in trüber Stunde
Möcht' ich in Deine Augen schaun!

Ich hab' gespäht nach allen Orten;
Ich stürmte in die Lebenbahn.
Des Friedensreiches gold'ne Pforten
Hat mir Dein Lieben aufgethan.

Von Deinem weißen Arm umwunden,
Mein Haupt an Deine Brust gelehnt,
Hab' jenen Frieden ich gefunden,
Wonach ich mich so lang' gesehnt.

Ich habe Dir mich ganz ergeben
Und jeder Schlag des Herzens spricht:
"Ich lass' die Welt, ich lass' das Leben,
Doch meine Liebe lass' ich nicht!"
(S. 402)
 
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Ich saß wohl sonst im Zecherkreise

Ich saß wohl sonst im Zecherkreise
Und sang so manche lust'ge Weise;
Nun lockt mich weder Spiel noch Wein;
Nun sitz' ich lieber ganz allein.
Verwundert drein die Freunde schaun,
Daß ich so seltsam bin. -
Zwei Aeuglein braun, zwei Aeuglein braun,
Die liegen mir im Sinn!

Schau' ich zu tief 'mal in den Becher
In früh'rer Zeit im Kreis der Zecher,
Verdroß am andern Tag mich baß
Die Lust beim weingefüllten Glas.
Doch euch, ihr Aeuglein, stets zu schaun,
Wär' seliger Gewinn!
Zwei Aeuglein braun, zwei Aeuglein braun,
Die liegen mir im Sinn!

Zu allen Stunden schaut' ich gerne
Die holden, lieben Augensterne.
Sie weckten in der tiefsten Brust
Der Liebe Pein, der Liebe Lust!
Vom Morgen bis zum Abendgraun
Sing' leis ich vor mich hin:
Zwei Aeuglein braun, zwei Aeuglein braun,
Die liegen mir im Sinn!
(S. 375-376)
 
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Ich sprach zur Sonne

Ich sprach zur Sonne: "Sprich, was ist die Liebe?"
Sie gab nicht Antwort, gab nur goldnes Licht.
Ich sprach zur Blume: "Sprich, was ist die Liebe?"
Sie gab mir Düfte, doch die Antwort nicht.

Ich sprach zum Ew'gen: "Sprich, was ist die Liebe?"
Ist's heil'ger Ernst? Ist's süße Tändelei?
Da gab mir Gott ein Weib, ein treues, liebes,
Und nimmer fragt' ich, was die Liebe sei!
(S. 414)
 
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Sei mein!

Ich weiß, ich bin der Einz'ge nicht,
Der Dich um Deine Liebe bat,
Das aber weiß ich, daß ein Licht
Du bist auf meinem Lebenspfad!
Wenn nicht Dein Herz mich glücklich macht,
Dein Herz nicht sieht, was allzu licht,
So weiß ich, daß in trüber Nacht
Ein junges Herz in Qualen bricht!

Ich kenn' des Lebens Lust und Leid;
Mich hat schon mancher Traum bethört.
Es hat der Sturm, der Sturm der Zeit,
Schon manche Blüthe mir zerstört;
Doch, wie um Dich die Seele bebt,
Das kannt' ich nimmer! Nimmer, nein!
Mein ganzes Herz, es lebt und webt
Und glüht und blüht für Dich allein!

Der Blume nimm die Sonne Du,
Die milde Strahlen niedergießt,
Und sieh', ob nicht die Krone zu
Alsbald die arme Blume schließt.
O, meinem Busen, liebgeschwellt,
Bist Du der holde Sonnenstrahl!
Mit Dir, wie ist so schön die Welt!
Doch ohne Dich, wie schaal und kahl!

Dich hab' ich lieb; Dich lieb' ich heiß,
Denn Du bist meiner Wünsche Ziel!
Gar manche nächt'ge Stunde weiß
Von heißen Sehnsuchtsthränen viel.
Der Liebe wilde Flamme sprüht
Im Busen mein, im Herzen mein.
O, dieses Herz, es glüht und blüht
Und lebt und webt für Dich allein!
(S. 381-382)
 
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Im Mai

Im schönen Mai, im schönen Mai
Der Vöglein Lieder schallen.
O Zeit der Lust und Blüthenpracht!
Es klingt die Nacht, die ganze Nacht,
Das Lied der Nachtigallen!

Im Liebesmai, im Liebesmai
Durchzieht die Brust ein Klingen,
Ein Frühling licht im Herzen lacht.
Ich möcht' die Nacht, die ganze Nacht,
Von sel'ger Liebe singen!

Doch, wär ich wie die Nachtigall
In grünen Waldesräumen,
Ich hätt' kein einzig' Lied erdacht!
Ich wollt' die Nacht, die ganze Nacht
Im Arm der Liebe träumen!
(S. 403)
 
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Der hat noch alles, dem die Lieb' geblieben!

In weichen Mutterarmen liegt das Kind;
Die Mutter schaut ihm in das Aug', das klare.
Sie hüllt es ein, daß sie vor Frost und Wind,
Vor jedem Hauch des Lieblings Leben wahre.
O Kind, dir ist das Mutterherz die Welt!
Dich schützt ein heilig, schützt ein selig Lieben!
Dich schützt die Mutter, die im Arm dich hält. -
O, der hat alles, dem die Lieb' geblieben!

Sieh' dort den Mann! Er schlingt den kräft'gen Arm
Um seines Weibes Nacken, um den vollen.
Sie küßt den Mund, da darf in seinem Harm
Mit seinem Schicksal nicht der Gatte grollen.
Sie küßt die Stirn und von der Stirne weicht
Das schwarze Wort, das Noth und Gram geschrieben;
Der Freude Engel ihm den Becher reicht. -
Der hat noch alles, dem die Lieb' geblieben!

Ein Sterbehaus. Der Greis im Sarge ruht;
Zur Seite sitzt die Gattin gramgefangen.
Aus ihren Augen stürzt die Thränenfluth
Auf ihre bleichen, furchenreichen Wangen.
Da nahn die Enkel, drücken ihr die Hand;
Die Greisin spricht, vom frommen Dank getrieben,
Die nassen Augen himmelwärts gewandt:
"Der hat noch alles, dem die Lieb' geblieben!"
(S. 35-36)
 
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Laß mich in Deinen dunklen Augen lesen!

Laß mich in Deinen dunklen Augen lesen
Das hohe Evangelium der Liebe!
Ja, Winter ist's in meiner Brust gewesen;
Nun kommt der Lenz mit seinem Blüthentriebe!

In meinem Herzen wogt es auf und nieder;
Durch alle Adern wallt es voll Entzücken,
Und stets auf's Neu und immer muß ich wieder
Dich, holdes Lieb, an meinen Busen drücken.

"Sind sie verliebt!" so sprechen die Philister,
Die in das Leben kühl und nüchtern schauen.
Wie hass' ich sie, die Weisen, die Magister!
Nicht kalt, nicht warm, sind sie die ewig Lauen!

Laß sie die Küsse zählen, wenn sie küssen!
Laß sie die Tropfen zählen, wenn sie trinken!
Wir schwelgen selig in den Hochgenüssen,
Im Meer der Liebe trunken zu versinken!
(S. 420)
 
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Liebespein

Mein Herz an Deinem Herzen hängt,
Dir blühen meiner Seele Triebe!
Zu Dir, zu Dir, o Liebste, drängt
Mich hin die Allgewalt der Liebe!
Ich irr' umher durch Wald und Flur,
Ein heimathloser Sohn der Musen.
O, meine Heimath find' ich nur
In Deinem Arm, an Deinem Busen!

Die Nacht, wie ist sie lind und kühl,
Und doch so schwül dem Liebeskranken!
Mich jagen auf vom weichen Pfühl
Bei Nacht die lodernden Gedanken.
An's offne Fenster trat ich hin
Und bot die Brust dem Wind, dem kalten,
Bis milder ward der wilde Sinn
Und ich die Hände fromm gefalten;

Bis der Gedanke kam in's Herz:
Sie läßt Dich nicht; sie ist Dein Eigen!
Sie läßt Dich nicht, drum darf der Schmerz,
Drum darf die bange Klage schweigen!
Ich dacht's und licht wie Sonnenschein
Fühlt' ich's in meinem Herzen werden. -
Sieh, ich bin Dein und Du bist mein,
Und trennen soll uns nichts auf Erden!
(S. 395-396)
 
_____

 

 
Auch ein Lied der Liebe

I.
Mild ist die Nacht, die Maiennacht;
Der Mond vom blauen Himmel lacht.

Die Sterne funkeln hell und klar. -
Im Walde sitzt ein Liebespaar.

Sie ruhen, Brust an Brust gepreßt;
Sie pressen Lipp' an Lippe fest.

Sie sehen nicht der Sterne Gang;
Sie hören nicht den Hochgesang

Der Nachtigall im grünen Baum:
Sie ruh'n in sel'gem Liebestraum!

Bei Lust und Kuß die Stunden fliehn;
Er schaut nur sie und sie nur ihn!

Doch Eins im Aug' des Anders schaut
Den schönsten Frühling, hold und traut,

Doch Eins schaut in des Andern Blick
Des Himmels Lust, des Himmels Glück. - -

Da spricht die Maid mit leisem Flehn:
"Geliebter, laß uns heimwärts gehn!

Helf' Gott mir, wenn die Mutter wüßt',
Daß ich, Geliebter, Dich geküßt!

Wie sprach so oft der Mutter Mund:
Nie schließen Reich und Arm den Bund!

O, meine Ehre! Gott erbarm'!
Sieh, du bist reich und ich bin arm!"

Der Jüngling hört's, der Jüngling schwört,
Daß er auf ewig ihr gehört.

"So wahr ich Dir ins Auge seh',
Ich lass' Dich nicht in Lust und Weh'!

Marie, noch sterbend schaut' ich gern
In Deines Auges Morgenstern!

Ich schwör's dir zu: ich laß dich nie!
Auf ewig bist Du mein, Marie!" - -


II.
Der Winter herrscht. Die Nacht ist kalt;
Im Mondenschimmer liegt der Wald.

Ein jeder Zweig, von Reif bekränzt,
Im hellen Schein des Mondes glänzt.

Kein Vogel singt, kein Blümlein sprießt;
Im Thal nicht mehr die Quelle fließt.

Verschwunden ist die letzte Spur
Des Sommers längst von Wald und Flur. -

Am Rand des Dorfes steht allein
Ein Bauernhüttchen, arm und klein.

Im Hüttlein auf der Lagerstatt,
Da ruht ein Weib, erschöpft und matt.

Das Antlitz kündet Gram und Harm;
Sie hält ein kleines Kind im Arm.

Am Bett des Weibes Mutter spinnt;
Sie spricht: "Schlaf ein, schlaf ein, mein Kind!" -

Horch, Fußtritt auf der Diele hallt
Und horch, ein "Guten Abend" schallt,

Und zu dem dürft'gen Pfühle dann
Mit sachtem Schritte geht ein Mann.

Wie den die junge Mutter schaut,
Da wimmert sie und seufzet laut.

Sie spricht und hebt empor das Haupt:
"Du hast mir Ehr' und Glück geraubt!

Was tratst Du helfend nicht herfür,
Als mir Dein Diener wies die Thür?

Wie ward's um's Herz mir heiß und kalt,
Als er mich "schlechte Dirne" schalt!

Dein Liebeswort, Dein heil'ger Schwur
War Lüge, alles Lüge nur!"

Die Augen mit der Hand bedeckt
Der junge Mann, und eilend steckt

Er in des Weibes Hand sodann
Ein Röllchen Geld. Dann geht der Mann.

Da kreischt empor das Weib im Schmerz:
"Ich armes Weib! Verrathnes Herz!

Du Falscher, sieh' die Qual, das Leid!
O, sei verflucht in Ewigkeit!

Ich gab mich nicht für Deinen Sold!"
Sie schreit's und wirft hinweg das Gold. - -


III.
Und wieder ist es Frühlingszeit
Und wieder singt von Liebesleid,

Von Liebeslust, von Liebesmacht
Die Nachtigall die ganze Nacht. -

Im Haus des reichen Kaufherrn heut'
Der Tod ob einem Haupte dräut.

Die Diener gehn mit leisem Gang;
Der junge Herr ist sterbenskrank.

Am Krankenbett' die Mutter sitzt;
Des Kranken Aug' im Fieber blitzt.

Es redet irr' des Kranken Mund;
Er spricht von sel'ger Liebesstund'.

Die Mutter spricht mit sanftem Ton:
"Schlaf ein, schlaf ein, geliebter Sohn!" -

"O Mutter, sieh' die Augen dort!
Die Augen fort, die Augen fort!

In tiefster Seele thut's mir weh,
Wenn ich die blauen Augen seh'."

Die Mutter wendet das Gesicht:
"Jetzt schaust Du, Kind, die Augen nicht!"

Sie weint und fleht mit bangem Ton:
"Hilf, Gott, hilf, Gott, dem kranken Sohn!

Vom Himmel gnädig niedersieh',
Du heil'ge Gottesmagd Marie!"

Da schreit der Sohn mit wildem Schrei:
"Im Herzen brennt's! Marie verzeih'!"

Die Mutter betet: "Niedersieh,
O Gott! O, bet' für uns, Marie!

An Dich, Gebenedeite, geht
Ja auch des Kranken Flehgebet!"

Der Kranke ruft auf's Neu' "Marie"
In wilder Fieberphantasie.

Die Mutter betet immerzu:
"O hilf, Du heil'ge Jungfrau, Du!"

Der Kranke ächzt. Ein leiser Schrei;
Ein Seufzer dann! Es ist vorbei. - - -

Drei Tage später, als die Nacht
Auf's Neu erwacht mit Sternenpracht,

Als süß von Lieb' mit hellem Schall
Im Walde sang die Nachtigall,

Da hat beim Nachtigallenlied
Ein Weib an einer Gruft gekniet.

Das hat geschluchzt in tiefem Schmerz:
"Dir ist verzieh'n, gebrochnes Herz!"
(S. 129-135)
 
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Gebet

Nicht fleh' ich um den Segen ew'gen Glückes,
Nicht fleh' ich um ein flüchtig' Erdengut.
Gieb, Ew'ger, nur in Stürmen des Geschickes
Dem Geiste Kraft und meinem Herzen Muth!
Den Pfad des Rechtes laß mich ruhig schreiten,
Ob still die Luft, ob wild die Stürme wehn,
Und eines gieb mir, Gott, zu allen Zeiten:
O, die ich liebe, laß mich glücklich sehn!

Nur der ist arm, der einsam zieht die Pfade,
Von dem hinweg der Liebe Engel fliehn.
Dir, Schicksal, Dank! Du hast in deiner Gnade
Der Lieb' und Freundschaft Segen mir verliehn.
O, alle, die mir Liebe je gespendet,
Auf Blumenauen laß sie ewig gehn,
Daß nie ihr Glück und ihre Wonne endet!
O, die ich liebe, laß mich glücklich sehn!

Sieh, ihre Freuden will ich jubelnd theilen,
Mich soll bewegen, was ihr Herz bewegt.
Ich weiß es, meine Wunden werden heilen,
So lang sie mild die Hand der Liebe pflegt!
An ihrer Freude soll mein Herz sich sonnen,
Wenn welkend meines Glückes Blumen stehn,
Und ihre Wonnen seien meine Wonnen. -
O, die ich liebe, laß mich glücklich sehn!
(S. 30-31)
 
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Im Frühling

"Nun grünt's und blüht's an allen Enden;
Die Welt im Arm der Frühling hält,
Und rings die Lerchenkehlen senden
Ein Lied des Danks zum Herrn der Welt
Und rings die Blumen Düfte geben
Und rings ist Frieden, Glück und Ruh'.
O Frühlingslust, o Frühlingsleben,
Zieh' auch in meinen Busen du!"

So sang ich einst, doch heute nimmer
Erklingt mein Lied in solchem Ton;
Es waltet Frühlingssonnenschimmer
Ja längst in meinem Busen schon.
Das trübe Lied, das Lied der Klagen,
Ich fand es schon so lang nicht mehr.
War in des Winters kalten Tagen
Doch meine Brust nicht blumenleer!

Zwei Augen sah ich Flammen sprühen,
Zwei Augen, draus die Liebe sprach!
Zwei Wangen sah ich glühn und blühen,
Als rings der Frost die Blumen brach!
Zu ihrem Dienst, dem selig süßen,
Hat mich die Liebe jetzt geweiht,
Drum darf ich heut' dich fröhlich grüßen,
Du wundersel'ge Frühlingszeit!

Nun mein' ich recht erst zu verstehen
Der Vögel Lied im Waldgebiet,
Das Gotteswort im Windeswehen,
Das fächelnd durch die Fluren zieht.
O Frühlingslust, o Frühlingssonne,
Wohl warst du stets dem Herzen werth,
Doch deines Segens ganze Wonne
Hat Liebe mich verstehn gelehrt!
(S. 406-407)
 
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Warum nicht ich?

Nur hie und da noch Lampenschein
In einem Schlafgemach;
Nur hier und da noch schleicht zum Frei'n
Ein Kätzlein über's Dach.
Im West statt rother Abendgluth
Erglänzt ein falber Strich;
Die Nacht ist still und alles ruht.
Warum nicht ich?

Auch Dir, mein Lieb, auf's Augenpaar
Des Traumes Schleier sinkt;
Auf Deines Fensters Scheiben klar
Der Schein des Mondes blinkt.
Der Mondschein und der Sternenschein
Umgaukeln kosend Dich;
Sie sind bei Dir im Kämmerlein.
Warum nicht ich?

Doch dürft' ich schleichen, liebes Kind,
Zu Dir nun ungesehn,
Ich fürchte fast, es wär' geschwind
Um Deine Ruh' gescheh'n!
Und dennoch gern, ach, gar zu gern
Zu Dir ich heute schlich.
Dich küßt der Mond, Dich küßt der Stern,
Warum nicht ich?
(S. 404-405)
 
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Im Herbste

O selig stille Abendstund',
Wo ich auf Deinen rothen Mund
Die Lippen durfte pressen!
Ich sah' Dich an; Du sahst mich an.
Der Himmel war uns aufgethan;
Die ganze Welt vergessen.

An Deiner vollen Brust ich lag,
Bis daß die späte Stunde sprach:
Du darfst nicht länger säumen!
Dann zog ich heim bei Sternenpracht,
Und durfte in der Sommernacht
Von Deinen Küssen träumen.

Nun wird es auf den Fluren kahl
Und blasser wird der Sonnenstrahl;
Die bunten Astern blühen.
Nun welkt und stirbt die Sommerlust.
Glückauf, daß noch in uns'rer Brust
Der Liebe Sterne glühen!

Ob auch der Sommer scheiden muß,
Wir tauschen liebend Kuß um Kuß;
Wir küssen und wir kosen.
Uns bleibt der Liebe Seligkeit,
Drum blüht für uns zur Winterzeit
Die holde Zeit der Rosen!
(S. 412-413)
 
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Auf der Reise

I.
O, daß ich ferne weilen muß!
Dürft' ich auf Deinen Mund
Nur drücken einen einz'gen Kuß.
So wär' mein Herz gesund!
Mich quält der Sehnsucht schlimme Pein,
Mich plagt der Schmerzen Gluth.
O, daß ich muß Dir ferne sein,
Mein Weib, das ist nicht gut!

Im Sonnenglanze liegt die Welt.
Der Himmel ist so blau,
Mir aber scheint das Himmelszelt
So trüb, so nebelgrau.
Ich hab' das Fröhlichsein verlernt.
Gebrochen ist der Muth.
O Weib, daß ich von Dir entfernt,
O Weib, das ist nicht gut!

Doch ruhig! Hieß die Sorg um Dich
Mich nicht zur Ferne gehn?
Und folgt nicht auf die Trennung, sprich,
Ein selig' Wiedersehn?
Noch eh' der Lenz die Knospen sprengt,
Mein Herz an Deinem ruht.
O Weib, wenn mich Dein Arm umfängt,
Ist alles, alles gut!


II.
Es singen die Genossen mein
Der Wanderlieder viel.
Ich stimm' nicht in die Lieder ein;
Mich freut nicht Tanz noch Spiel.

Mir wirft die Lust nicht in den Schooß
Den vollen Blüthenstrauß.
Die Wanderschaft ist freudenlos,
Läßt man das Herz zu Haus!


III.
War meine Stirne sorgenvoll, dann machtest Du sie hell,
Der Kummervolle ward durch Dich ein fröhlicher Gesell.
Und raubten Schmerzenswolken mir den Freudensonnenschein,
Dann trugst du treu die Schmerzen mit – ich trug sie nicht allein! -

O Weib, hätt' ich ein Königreich und eine güldne Kron',
Und ständen tausend tiefgebückt vor meinem Herrscherthron,
Doch Du, Du wärst die Meine nicht, dann hätt' ich Qual und Harm,
Dann hätt' ich Reichthum, Ruhm und Glück und wär doch bettelarm!

Daß ich Dich hab', das ist mein Glück und das ist meine Lust. -
O läg' ich doch, geliebtes Weib, auf's Neu' an Deiner Brust! -
Im tiefsten Herzen glüht und brennt der Trennung bittres Weh'.
O, wär' die schöne Stunde da, wo ich Dich wiederseh'!

Doch nun, mein Lied, verstumme du! Ich sing' nicht weiter fort.
Im Herzen flammt es glühend auf und kalt ist Lied und Wort.
Seh' ich Dich wieder, sag' ich Dir mit Küssen, flammendheiß,
Du treues Weib, was nie ein Lied, ein Wort zu künden weiß!
(S. 417-419)
 
_____


 

Nach trüber Zeit

I.
O, wären's nur um mich die Sorgen,
Ich hätt' begrüßt der Sonne Licht,
Begrüßet nicht so manchen Morgen
Mit kummervollem Angesicht.
Nicht schafft mir Sorg' um mich der Kummer;
Die hat mein Haupt noch nie gebeugt.
Die Sorg' um's Liebste hat den Schlummer
Von meinem Lager weggescheucht.

Mich hat ein schwer Geschick getroffen,
Hat manche Stund' mir herb vergällt.
Dich traf es mit, mein Lieben, Hoffen,
Mein Weib, mein Bestes in der Welt!
Schon war das Schifflein nah' dem Ziele
Des Glücks, da trieb's in's Meer zurück
Der Sturm des Schicksals. Auf dem Spiele
Stand unser ganzes Lebensglück!

Dein Glück und mein's! Die Noth, die Plage,
Sie kam heran, eh' wir's gedacht,
Und hat uns freudenlos die Tage,
Die Nächte schlummerlos gemacht.
Gält's mir allein, ich wollt' nicht singen
Ein Klagelied ob Gram und Weh. -
Zum Opfer will ich alles bringen,
Wenn ich nur, Weib, Dich glücklich seh'! -

Du klagtest nicht, bist still gewesen;
Hell blieb Dein Aug', die Stirne klar,
Doch hab' ich wohl im Blick gelesen,
Wie reich Dein Herz an Schmerzen war.
Wär' mir allein das Loos gefallen
Zu dulden, ich ertrug's in Ruh'.
Das war die schlimmste Qual von allen,
Daß Du gelitten, ach, auch Du!

Getrost, mein Weib! Durch Wolkenschichten
Bricht wieder jetzt der Sonne Strahl.
Das Haupt, wie wollens aufwärts richten
Nach Zeiten bittrer Sorgenqual.
Jetzt will ich wieder schaffen, ringen,
Daß Sorg' Dir nie die Stirn umzieht,
Und hilft mir Gott, so darf ich singen
Dir wieder bald ein fröhlich Lied!

Jetzt grüß' ich wieder froh die Sonne.
Noch strotzt der Arm von Jugendkraft.
Dem wird das Schaffen süße Wonne,
Wer für den Heerd, den eignen, schafft.
Du aber magst die Hände falten,
Daß Gottes Segen bei uns bleib',
Daß Er uns mag das Glück erhalten,
Mein treues, heißgeliebtes Weib!


II.
Wenn auf Deinen Lebenswegen
Dich das Unglück hart bedrängt,
Fühlst Du erst den ganzen Segen,
Den die treue Liebe schenkt.
Ist Dir schwer auch manche Stunde,
Glaub' es mir, ein einzig Wort
Aus dem lieben, theuren Munde
Scheuchet alles Sorgen fort.

Nicht ein schwächliches Verzagen
Dir die Seele dann erschlafft,
Unverzagt Dich durchzuschlagen
Fühlst Du Muth und fühlst Du Kraft.
Weil nicht nur dem eignen Herzen,
Auch dem Liebsten Böses droht,
Bist Du stärker als die Schmerzen,
Bist Du stärker als die Noth!

Und wenn dann des Glückes Sonne
Wieder Dir den Glanz gewährt,
Ist des Himmels reichste Wonne
Dir im Herzen eingekehrt.
Die zusammen Schmerz empfunden,
Die zusammen trugen Leid,
Sind in Lieb' sich treu verbunden
Bis in alle Ewigkeit.
(S. 433-436)
 
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Der Liebsten

Seit ich empfand der Liebe Segen,
Mein Auge ohne Sorgen schaut
Der dunkeln Zukunft still entgegen
Und froh das Herz auf Gott vertraut.
Ich weiß, wenn nichts auf Erden bliebe,
Mir schlüg' noch Deines Herzens Schlag.
Ich weiß, es bleibt mir Deine Liebe,
Es komme, was da kommen mag!

Wo seid ihr nun, ihr düstern Bilder,
Die ihr die Stirne sonst umkreist?
Wie bist Du ruhig nun, Du wilder,
Du sonst so sturmbewegter Geist!
Seit mir der Liebe Glück beschieden,
Verschwand der Träume finstre Macht,
O Liebste, Du, Du hast den Frieden,
Den Frieden meiner Brust gebracht!

Von tausend Wünschen nur noch einen,
Den einen Wunsch die Seele hegt,
Daß Dir der Freude Sonnen scheinen,
Bis man Dich einst zu Grabe legt;
Daß mich der Gott der Liebe lasse
An Deiner Seite immer gehn;
Daß Deine Hand ich liebend fasse
Und liebend darf Dich glücklich sehn.

Vereint, so woll'n wir beide schreiten,
Bis sich die Lebensfackel senkt;
Vereint, ob uns die Hand der Zeiten
Nun Rosen oder Dornen schenkt.
Komm, lass' Dich an den Busen pressen!
Wir wandeln Hand in Hand gefaßt,
Und nimmer soll mein Herz vergessen,
Daß Du sein Glück begründet hast.
(S. 431-432)
 
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Siehst im Lenz Du Rosen blühen

Siehst im Lenz Du Rosen blühen, frage nicht, wie viele blühn!
Laben Dich der Sonne Strahlen, frage nicht, wie heiß sie glühn!
Daß ich lieb' Dich heiß und innig, jeder meiner Küsse spricht,
Doch wie heiß, wie groß mein Lieben, süße Liebste, frag' es nicht!
(S. 429)
 
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Die Herzen

So leise weht ein Lüftchen kaum,
Daß nicht davon der Epheu schwanke,
Und doch, der Sturm bricht nur den Baum,
Doch selten eine Epheuranke.

Vom Frauenaug' die Thräne fährt,
Wenn du ein herbes Wort gesprochen -
Ein Frauenherz bleibt unversehrt,
Wo längst ein Männerherz gebrochen.
(S. 81)
 
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Vollkommenheit

Vollkomm'nes darf es nicht auf Erden geben!
Nur Unvollkommnes strebt und ringt zum Lichte.
Ein Herz ergänzt das andre nun im Leben,
Ein Volk das andre in der Weltgeschichte!

Gefühl der Schwäche hat geweckt die Liebe,
Daß sie das Erdendasein mild verkläre.
Es wäre fremd dem seligsten der Triebe
Das arme Herz, das ganz vollkommen wäre!
(S. 40)
 
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Ewig bei Dir

Wenn ich den Blick zum Himmel richte,
Wo windgejagt die Wolken ziehn,
Wenn zu der Sterne mildem Lichte
In trüber Stund' die Seufzer fliehn;
Dann klammert an der Wolken Flügel
Sich meiner Sehnsucht Arm geschwind.
Ich flög' ja über Thal und Hügel
So gern zu Dir, geliebtes Kind!

Wenn zu des Waldes kühlem Schatten
Ich Morgens oft den Schritt gelenkt,
Wenn ich gepflückt von grünen Matten
Die bunten Blumen, thaugetränkt;
Dann denk' ich: "Ging zu meiner Rechten
Doch sie, die meine Seele minnt!
Dürft' ich in Deine Locken flechten
Den Blumenkranz, geliebtes Kind!"

Wenn mir die Zeit ein Glück beschieden,
Mir einen süßen Wunsch gewährt,
Wenn nach den trüben Stunden Frieden
Und Lust zurück dem Herzen kehrt;
Dann möcht' zu Dir ich jauchzend eilen,
Daß doppelt Lust das Herz gewinnt,
Denn alle meine Freuden theilen
Will ich mit Dir, geliebtes Kind!

O, ewig die Gedanken schweben
Zu Dir, mein Lieb, durch Wald und Au'n!
An Deiner Seite will ich leben,
In Deine Augen will ich schaun!
Um Deine Liebe will ich werben,
Bis meines Lebens Hauch zerrinnt.
In Deinen Armen will ich sterben,
An Deiner Brust, geliebtes Kind!
(S. 400-401)
 
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Der Kranken Liebsten!

Wenn in dem Wald die Vögel singen,
Dann wollen wir in's Grüne gehn
Und sehen, wie die Knospen springen
Und Maienglöcklein auferstehn;
Und, wie die Welt in solchen Tagen
Das herbe Winterleid vergißt,
Vergißt Dein Herz auch wohl die Klagen,
Wenn alles rings so selig ist.

Wenn nun sich rings die Wiesen färben,
Die Quelle rauscht herab zum Grund,
Dann sprichst Du nicht von Tod und Sterben,
Dann wirst Du froh und wirst gesund;
Dann, statt zu weinen, wirst Du lachen,
Dann senkst Du nicht die Stirne matt,
Dann wird Dein Schmerz nicht traurig machen
Den, der so innig lieb Dich hat!

O sieh, wenn ich Dich leiden sehe,
Dann wird mir schwer und trüb zu Sinn,
Dann fühl' ich doppelt jedes Wehe,
Und alle meine Lust ist hin.
Mein Auge schickt sich schlecht zum Weinen,
Doch tief im Busen nagt die Pein;
Zum Trost Dir möcht' ich ruhig scheinen
Und kann ja doch nicht ruhig sein! -

Der Frühling kommt; Du wirst genesen.
Der Frühling nimmt die Schmerzen fort.
In Veilchenkelchen laß' uns lesen
Der Gottheit ew'ges Liebeswort.
Und, wenn im Wald die Vögel singen,
Dann wollen wir in's Grüne gehn
Und sehen, wie die Knospen springen,
Und Maienglöcklein auferstehn!
(S. 393-394)
 
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Treue

Wenn Liebe dir den Busen schwellt,
Wenn für ein Weib dein Herz entbrennt,
So frag' dein Herz in stillen Stunden,
Ob es der Liebe Pflichten kennt,
Ob es in stürmevollen Tagen
Der Treue festen Anker hält,
Daß, wenn die Stürme Wogen schlagen,
Dein Schifflein nicht in Trümmer fällt.

Und fühlst du nicht in dir die Kraft
Zu dulden, o, so eile fort.
Mach' nicht den alten Spruch zu Schanden:
"Ein Manneswort, ein heilig' Wort!"
Der wilde Rausch, die Gluth der Triebe
Entfliehn beim Nahn von Noth und Pein,
Und nur allein die wahre Liebe,
Sie kann in Leiden selig sein!
(S. 48)
 
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Wenn zwei von Herzen lieb sich haben

Wie jagt das Herz nach tausend Dingen,
Wenn's nicht der Liebe Geist beseelt,
Und mag es Kranz um Kranz erringen,
Der schönste Kranz doch ewig fehlt!
Es will am Kelch der Lust sich laben,
Doch schnell ist jeder Becher leer.
Wenn zwei von Herzen lieb sich haben,
Bedürfen sie der Welt nicht mehr!

Wenn zwei vereint durch's Leben wandern,
Dann wandert sich's durch's Leben schön,
Denn jeder sorgt nur, daß den Andern
Der Freude reichste Krone krön'.
Die Liebe giebt mit reichen Gaben,
Macht alle Schmerzen minder schwer.
Wenn zwei von Herzen lieb sich haben,
Bedürfen sie der Welt nicht mehr!

Den Kranz von Sternen giebt die Ehre.
Wohl hat der Stern ein funkelnd' Licht,
Doch ach, der Sternenkranz, der hehre,
O, glaub' es, er erwärmt Dich nicht!
Mit warmen Lebensflammen laben
Wird nimmer Dich der Kranz der Ehr'! -
Wenn zwei von Herzen lieb sich haben,
Bedürfen sie der Welt nicht mehr!
(S. 415-416)
 
_____


 

Frauengröße

Willst du das Weib in ganzer Größe sehn,
So sieh es nicht umstrahlt von Glückes Glänzen,
Wenn unumwölkt die Freudensterne stehn,
So sieh's, wenn Dornen seinen Pfad bekränzen;
So sieh das Weib, wenn aus des Glückes Schooß
Wenn von der Lust es hieß das Schicksal scheiden,
Denn, wie der Mann in That und Handeln groß,
So ist's das Weib im Dulden und im Leiden!

O, sieh das Weib in opferfreud'ger Pflicht!
Im Arm der Gattin ruht der Mann, der kranke.
Aus ihrem Aug' die treue Liebe spricht
Und ein Gebet ist jeglicher Gedanke.
Kein Stündlein, wo sie fern dem Liebsten blieb'!
Sie mag sich gern um ihn des Schlafs berauben.
O, sieh ein Weib, voll opferfreud'ger Lieb'!
Ein solches sieh und lern' an Engel glauben!

Ein krankes Weib, des Todes Beute halb;
Kaum trägt der Körper noch der Fuß, der matte,
Und dennoch spielet um die Lippen, falb,
Ein freundlich Lächeln, naht besorgt der Gatte.
Nur im Verborgnen still die Thräne fällt,
Daß sie dem Theuren ihren Schmerz verhehle. -
Als Königin in des Gemüthes Welt,
Der unerforschten, herrscht die Frauenseele.
(S. 37-38)
 
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Achtung und Liebe

Wollte einsam und verlassen
Lieber meines Weges gehn,
Als des Weibes Knie umfassen
Und im Staub um Liebe flehn.
Nur der Kraft gebühren Kränze!
Spott und Schande jedem Mann,
Der im sel'gen Liebeslenze
Seinen Werth vergessen kann!

Was mein stolzes Herz gefangen,
Was Dein Eigen mich gemacht,
War nicht Deiner Wangen Prangen,
War nicht Deiner Schönheit Pracht,
War Dein Herz, das nicht getrachtet
Nach dem Glück, das Schwachheit giebt,
War Dein Herz, das mich geachtet,
Und, mich achtend, hat geliebt!
(S. 428)
 
_____

 

Aus: Gedichte von Emil Rittershaus
Sechste Auflage Breslau 1880
 

Biographie:

http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Emil_Rittershaus

 

 

 


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