Dorothea Eleonora von Rosenthal (17. Jh.) - Liebesgedichte

 


Dorothea Eleonora von Rosenthal
(17. Jh.)

 

ODE

1.

Ich fühle lauter Angst und Schmertzen
So offt ich nur an Ihn gedenck /
Mein liebster Schatz in meinem Hertzen
Er macht / daß ich mich stündlich kränck /
Ach! Ach mein Liebster / o mein Licht /
Er komme doch und seume nicht.
2.

Ich kan kaum mehr den Mund erheben /
Zu singen einen Lobgesang /
Der gantze Leib fäht an zu böben /
Das währt den gantzen Sommer lang.
Ach! ach mein Liebster / o mein Licht
Er komme doch und seume nicht.

3.

Wo Er kömmt und mich ergötzet
So muß ich sterben also bald /
Weil mir der Schmertz das Hertz verletzet /
bin schon vor großem trauren kalt.
Ach! ach mein Liebster / o mein Licht /
Er komme doch und seume nicht.

4.

Ist dann die Liebe gar vergangen
Die angelobte starcke Treu.
Ich warte seiner mit Verlangen /
kein schreiben hilfft und macht mich frey.
Ach! ach mein Liebster / o mein Licht
Er komme doch und seume nicht.

5.

So offt ich schlaff in meinem Bette /
Welchs doch gar selten kan geschehn /
So deucht mich als wenn Ihn ich hette
In meinen Armen angesehn.
Ach! ach mein Liebster / o mein Licht
Er komme doch und seume nicht.

6.

So offte seine rothen Wangen /
Der schöne Mund / das krause Haar /
Muß mehr- und nehren mein Verlangen
So offt wil ich verzweifflen gar.
Ach! ach mein Liebster / o mein Licht /
Er komme doch und seume nicht.

7.

Nun schweig‘ ich / kan nicht weiter singen /
der matte Mund bestehet mir /
Die Seufftzen muß ich laßen dringen
aus meines Hertzens Schloß erfür.
Ach! ach mein Liebster / o mein Licht /
Er komme doch und seume nicht.

 


Gedicht aus: Philipp von Zesen. Sämtliche Werke
unter Mitwirkung von Ulrich Mache und Volker Meid. Hrsg. von Ferdinand van Ingen. Band III/1 Walter de Gruyter Berlin New York 1993
(Textanhang: Dorotheen Eleonoren von Rosenthal
Poetische Gedancken
An einen der Deutschen Poesie sonderbahren Beförderern
Geschrieben in Breßlau im Jahr 1641) (S. 383-398)


Biographie:
Rosenthal, Dorothea Eleonora von. - Schriftstellerin der ersten Hälfte des 17. Jh.
An Opitz geschult u. von Zesen mit den modernen daktyl. u. anapästischen Versen bekannt gemacht, verfaßte die in Breslau oder seiner Umgebung lebende R. die Schäferdichtung Poetische Gedancken An Einen Der deutschen Poesie sonderbahren Beförderern (Breslau 1641). Handlungsort ist ein Vorwerk in der Umgebung von Breslau. Die Schrift nimmt zwischen Opitz Hercinie (1630) u. Zesens Poetischer Rosen-Wälder Vorschmack (1642), der sich huldigend auf R. bezieht, einen eigenen Platz ein. Die ältere Forschung hat in der Dichterin das Vorbild von Zesens Rosemund vermutet.
AUSGABEN: Ferdinand van Ingen: Philipp von Zesens zehnte Muse: D. E. v. R. ('Poetische Gedancken [...]' u. 'Poetischer Rosen-Wälder Vorschmack'; Textanhang). In: FS Hans Pörnbacher. Amsterd. 1990, S. 85-110 (Text S. 102-110).
Aus: Autoren- und Werklexikon: Rosenthal, Dorothea Eleonora von, S. 1. Digitale Bibliothek Band 9: Killy Literaturlexikon, S. 16556 (vgl. Killy Bd. 10, S. 20)

 

 


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