Maria Scholz (Ps. Maria Stona) (1861-1944) - Liebesgedichte




Maria Scholz (Ps. Maria Stona)
(1861-1944)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:

 

 




Aphrodite

Mir ist, als wär dem Meergrund ich entstiegen
Aus dunkler Muschel enger Kerkerhaft,
Um froh im Strom der Liebe mich zu wiegen,
Umstürmt von deiner kühnen Leidenschaft.

Als zögen Genien dienend mich zu grüßen
Im Wellenspiele winkend ihre Bahn,
Und Vögel locken mich mit flötensüßen
Gesängen überm schwanken Ozean.

Ich aber hör' nur dich, dein wildes Raunen,
Und seh nur dich im lichten Wogeschein
Und zieh beglückt mit seligem Erstaunen
In deiner Liebeswelt Mysterium ein.
(S. 55)
_____



Sang der Houri

Ich weiß, daß eine Süße in mir ist,
Die keiner je vergißt.
Wen meine lichte Seele umspann,
Wen ich erkoren mir zum Mann,
Der Väter Erde kennt er nicht mehr
Und sieben Himmel dünken ihm leer.

Wie weiße Nelken duftet mein Hauch,
Meine Brüste blühen wie Rosen am Strauch,
Mein Blick ist wie die Sonne klar,
In meinen Rhythmen atmet der Aar . . .
Ich weiß, daß eine Süße in mir ist,
Die keiner je vergißt.

Meiner Jugend Gespiele sind welk und alt,
Verstummt ihre Herzen, grabeskalt,
Ich nur, ich brenne mit lockender Glut,
Wild stürmt mein heißes, mein jauchzendes Blut -
Ich weiß, daß eine Süße in mir ist,
Die keiner vergißt.
(S. 56)
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Sang der Juno

I.
Ich liebe den göttlich reinen Hauch,
Der Jünglingsherzen entströmt,
Bringt mir Jünglingsherzen nach altem Brauch,
Von ihrem wallenden Flammenhauch
Wird mein steinern Herz erwärmt.

Es gibt keinen Brand, der heiliger flammt,
Kein Feuer lodert so hell,
Meine göttliche Seele wogt und verdammt
Des Greises Opfer schnell, - -
Doch ein Jünglingsherz, das für mich brennt,
Wieg' ich in besonderer Hut,
Kein Zagen, kein Zögern, kein Zucken kennt
Des Jünglings heiliger Mut.

Legt Jünglingsherzen auf meinen Altar,
Ich will in Feuern glühn,
Ihr Lohen umschwingt mich wunderbar,
In ihrer flackernden Purpurschar
Soll mein dunkles Leid versprühn.


II.
Ich hab' in meines Tempels Heiligtume
Jahrtausende gelebt in stolzer Kraft
Und war erfüllt von meinem Götterruhme
Und hielt mich hehr in freierwählter Haft.

Mir blieben fern der Erde leere Laute,
Ich wußte längst mich lust- und leidgefeit,
Geheimnis meine kalte Stirn umgraute,
Mein Lächeln spielte mit Verächtlichkeit.

Da kam mir jüngst ein seltsam fremdes Winken,
Viel Waller sah ich meinem Throne nahn
Und betend in den Staub des Tempels sinken -
Ich blickte spottend hin auf ihren Wahn.

Doch weh! in stummverblühter Abendstunde
Gewahrt' ich dich in meiner Beter Schar,
Ein Zittern faßte mich, wie eine wunde
Verhüllte Scham, die mir geschehen war.

Du sahst mich an, als wärst du scheu geblendet,
Und wichst zurück und beugtest doch das Knie,
Mir war, als hätte dich ein Gott entsendet,
Als bötst du mir der Liebe Poesie.

Und meines Tempels Raum durchzog ein Gluten,
Ein Duften schwellte die verzückte Luft,
Ich fühlte die versteinten Adern bluten:
Mich auferstehn aus schwerverhängter Kluft.

Mild ward die Stirn, die feuchten Blicke neigten
Sich deinem Flehn und deine Schönheit stieg,
Ein Flammenlicht, zu mir empor, es beugten
Sich meine Sinne deinem lichten Sieg . . .

Dem ich der Götter Kraft verliehen habe,
Du Hirtensohn, du sprengtest meinen Stein
Und trankst mein Herzblut - Dir zu Füßen, Knabe,
Zerbrach zu Stücken jäh mein Göttersein!
(S. 57-59)
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Des Weibes Lied

Ich bin ihm verfallen mit Geist und Leib
Und bin doch das überseligste Weib.

Er ist mein Herr, mein Gott, mein Genoß,
Ihm dient meine Seele, ihm dient mein Schoß.

Er trägt der Leben urewigen Keim
Und ist immer einsam und immer geheim.

In seines Wesens Felsen und Schlucht
Mein bebendes Ahnen zu folgen sucht.

Seiner Tiefe Wunder hab' ich erkannt,
Einen Stärkern als mich ich zum ersten Mal fand.

Vor dem mein Purpur im Staube verblich -

Er legt beide Hände über mich.
(S. 60)
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Die Bäume meiner Gärten

Die Bäume meiner Gärten
Rauschen in Melodie,
Sie tragen auf grünen Armen
Viel goldene Poesie.

Und ihre Wurzeln trinken
Den dunklen Erdengrund,
Sie trinken und sie sinken
Tiefer mit jeder Stund.

So sinkt in deine Seele
Meiner Liebe rauschender Baum,
Und deine stillen Augen
Umspielt mein singender Traum.
(S. 61)
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Meine Hände

Seit ich dich liebe, weisen meine Hände
Versehnter Tränen Müde wie noch nie,
Sie schimmern bleich, als zögen ohne Ende
Viel blasse Träume taumelnd über sie.

Und meine schwachen Finger sehn versonnen,
Als webten heimlich sie an einem Kranz
Von roten Küssen und von dunklen Wonnen,
Auf ihren Spitzen ruht der Liebe Glanz.

Und der in schmalen Händen weiß zu lesen
Ein Schicksal, blickt erstaunt auf meine hin, -
Was ich genossen und was ich gewesen
Erkennt er und erfaßt es, wer ich bin.
(S. 62)
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Der Ring

Und darf ich deinen Ring am Tag nicht tragen,
Schließ ich des Nachts ihn an mein krankes Herz,
Das hört er beben, hört es raunend klagen,
Sein sanftes Gold umklammert meinen Schmerz.

Was ich gelitten, mag er dir erzählen,
Wann meine Seele einst an deiner ruht,
Wann wir in heißen Küssen uns vermählen,
In deine Glut hinflutet meine Glut.

Dann flammt der Reif rotbrennend, wie aus scheuer
Verborgner Haft fliehn Funken über ihn,
Als trüg' er meiner Nächte einsam Feuer
Demütig, stolz zu deiner Liebe hin!
(S. 63)
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Das rote Band

Als ich von dir schied, als ich von dir schied,
Legt' ich eine Rose in deine Hand,
So lange sie blüht, so lange sie blüht,
Eint uns beide ein rotes Band.

Eh' die Rose verwelkt, eh' die Rose verblüht,
Bin ich wieder, mein Schatz, bei dir,
Und das rote Band, das rotrote Band
Knüpfen von Lippe zu Lippe wir.
(S. 64)
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Der Brief

Mir ist, als ob eine Stimme
Mich in der Ferne rief . . .
Schon nahst du mir durch die Weiten,
Du blasser, heimlicher Brief.

Schon jauchz' ich dir entgegen
Mit flammender Ungeduld,
Und meine Lippe zittert
Von meiner seligen Schuld.

O komm, du wegmüder Bote,
Du sollst mir willkommen sein,
Du legst in meine Hände
Den allerheiligsten Schrein.

Drin ruht mit dunklen Zügen
Seine Liebe auf weißem Grund,
Und ich presse auf ihre Seele
Meinen heißen dürstenden Mund!
(S. 65)
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Letzter Wunsch

Ich möchte sterben, ehe deine Liebe
Verloschen ist an einem düstern Tag,
Daß mir dein stolzes Herz ergeben bliebe
Bis zu des meinen allerletztem Schlag.

Ich möchte sterben, wenn im stillen Zimmer
Dein müdes Haupt ausruht an meiner Brust
Und meines Blickes nimmersatter Flimmer
Dein Antlitz küßt in süßberauschter Lust.

Ich möchte sterben, wann in meine Seele
Hinabgeströmt die deine, mir geweiht, -
Daß ich raubgierig ihre Schönheit stehle
Und mit mir trage in die Ewigkeit!
(S. 66)
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O Liebe!

So kehr' ich heim mit gelöstem Haar,
Mit müde gebrochenem Flügelpaar,
Die Lippen zerküßt, das Herz so weh
Und auf den Wangen des Leides Schnee -
So kehr' ich heim . . .

O Liebe, was hast du mir wohl getan,
O Liebe, wie faßtest du hart mich an -
Für jedes Glück, das ich genoß,
Mich tausendfaches Leid umschloß . . .
O Liebe!

Was hast du für seltsam grausame Art,
Wie streichelst du sanft und wie beißest du hart,
O Liebe, was gibst du für furchtbare Not -
Du tötest im Kuß - du beseligst im Tod.
O Liebe!
(S. 67)
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Maria

- Wir müssen zusammenkommen,
Und gält es den blassen Tod! -
Maria rief es beklommen
Ins fahle Morgenrot.

Sie hatte auf weichen Kissen
Die schwerumhängte Nacht
Von Sehnsuchtsqual zerrissen
Um Rizio durchwacht.

Sie warf die seidenen Decken
Von sich und reckte sich lang:
- Was soll ich die Schönheit verstecken -
Sie macht mich weh und krank!

Du sollst meine Blumen genießen,
Sie sprießen, wohin ich seh,
Du sollst sie alle genießen,
Die Blumen, so weiß wie Schnee.

Und die roten wilden Korallen,
Meiner Lippen züngelnde Brut,
Sie wollen nur dir gefallen,
Nur dir entflammen das Blut.

Ich sah auf deinem Nacken
Flattern das schwarze Haar,
Nun will ich den Nacken dir packen
Mit meiner Finger Schar -

Die Zähne will ich pressen
Auf den rosigen Fleck hinterm Ohr
Und Himmel und Höllen vergessen
Und dich selber, du törichter Tor!

Deine dunkelfliegenden Locken
Soll'n ruhn an meinem Haupt,
Die mir mit ihrem Locken
Ruhe und Rast geraubt.

Du junger Knabe sollst gluten
An meinem purpurnen Mund,
Zergluten und verbluten,
Ich küsse dich in den Grund!

Wir müssen zusammenkommen,
Rief ich auch den Tod heran! - -
Maria hat es gesprochen
Und Rizio starb daran.
(S. 71-72)
_____



Trinke, Geliebter!

Aus meinem Herzen tropft der Wein deines Lebens,
Trinke, Geliebter,
Laß den roten Strom durch deinen Odem rollen,
Der Flammenwein ist köstlicher als Falerner,
Alle Weine Spaniens glühen nicht seine Glut.

Mein Wein ist gereift an dem Leid des Lebens,
Mein Wein ist mild von der Süße der Liebe,
Mein Wein ist stark von Kraft der Gedanken,
Er durchströmt deine Seele wie flüssige Feuer.

O trinke den Purpurwein, Geliebter,
Laß den roten Strom durch deinen Odem rollen,
Der Rausch, der dich den Göttern gleichgesellt,
Ist heilig - -
(S. 73)
_____



Sie träumt

Dein Lockenduft durchquillt mein müdes Haar,
Auf meinen Lippen blüht die rote Blume
Der Liebe und mein Herz erfüllt
Gleich einem Heiligtume
Dein Götterbild . . .

Mir ist, als schwand ich längst dahin
Und mir entwuchsest du, ähnlich dem Baume
Aus dunkler Erde Schacht,
Sie deckt im Traume
Die keuschen Wurzeln zu
Mit fruchtbar stummer Nacht . . .
(S. 74)
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Sie klagt

Meine müde Hand zerbricht fast
Unter ihrer schweren Lichtlast,
Jeder Finger blickt so bleich,
Sehnt sich still nach deinem Reich,
Sehnt sich mild nach seinem Herrn -
Doch du weilst mir weltenfern.

Nur dein Seufzer ruft mich leise
Und dein Blut zieht Feuerkreise . . .
Ach, auch deine Hand ist krank,
Sie verlangt so schmerzensbang
Nach der meinen leichtem Schmiegen -
Wollen beide beisammen liegen.
(S. 75)
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O senke dich auf meine Augen, Schlaf . . .

O senke dich auf meine Augen, Schlaf,
Was soll die Qual der einsam toten Nächte,
Die Zeit ist fern, da mich sein Herzschlag traf,
Und keine gibt's, die mir Erlösung brächte.

Bald kommt der Tag und zieht im Grau vorbei
Und wieder einer - endet so mein Leben,
Hab' ich an ein verwünschtes Einerlei
Der Jugend Lust für immer hingegeben?

Der Katze Wollustschrei durchbricht die Nacht,
Die Kreatur versteht es, zu genießen,
Indessen wir ein Glück, das uns erwacht,
Mit einer Kette dunklen Leids umschließen.
(S. 76)
_____



Es schluchzt die Nachtigall . . .

Es schluchzt die Nachtigall von ihren Gluten,
Doch schöner noch will ich von Liebe singen,
Es soll mein Liebeshauch dich ganz durchdringen,
Mit meiner Sehnsucht will ich dich umfluten.

Und wie des Vogels Herz von Liebeswonnen
Schnell überquillt zu jähen Todesnöten,
Will ich versprühen meines Blutes Bronnen
Von sanften Blässen zu des Purpurs Röten.

Und so soll dich mein Lustgesang erschüttern
Und meiner Wollust Seufzer dich umzittern,
Daß Flammen sich auf deinem Antlitz malen,
Als stündest du in Ätnas Feuerstrahlen.
(S. 77)
_____

Mein mohnroter Flammenmund

Mein mohnroter Flammenmund
Dürstet nach deinen Küssen,
In meiner Tiefe Grund
Dunkelt's von Purpurnissen.

Toll wogt mein Odem empor
Und zuckt in scheuer
Lust an ein rotes Tor
Die züngelnden Feuer . . .

Kommt wahnverlangend dein Hauch
Mit meiner Glut zusammen,
Stehst du, Verlorner, auch
In Flackerflammen.

Aufjubelnd umschling' ich dich,
Zu lohenden Fackel geworden,
Und jauchzend umschwing' ich dich
Mit Feuerstromakkorden!
(S. 78)
_____



Lass uns lodern, Geliebter!

Der Liebe Feuer durchbrennen
Deine Jünglingsseele wie rote Flammen,
Ich sehe sie von deinen Lippen lodern,
Ich höre in deinen Seufzern ihre knisternde Glut, -
Rette mich! fleht dein versengter Mund.

Wie soll ich dich retten, Geliebter,
Haben doch die gleichen Feuer mich erfaßt . . .
Eine einzige Flamme flackre auch ich,
Meine Augen sind Fackeln geworden
Über leergebrannten Welten,
Meine Seele ward ein lohender Abgrund.
Und in den Tiefen meiner Flammen
Versinkt dein seliger Hauch - - -

Laß uns lodern, Geliebter,
Sieh, wie viele Seelen frieren,
Wie wenige kaum einen Funken
Des göttlichen Feuers verspüren . . .
Und verbrennt es uns beide zu Qualen und Tod -
Laß uns lodern, Geliebter!
(S. 79)
_____



Liebeslust

Hinter mir erhob sich purpurn
Eines Teppichs weicher Flaus,
Und ich breitete die Arme,
Meine nackten Arme aus.

Rief ich im Rausch: "Für meine Liebe
Siehst du mich gekreuzigt hier -"
Und dich küßten meine Blicke,
Meine Lippen lachten dir.

Doch in deiner Augen Funkeln
Stand ein jähes Graun zu sehn,
Ach! als wäre dir ein dunkler
Fürchterlicher Gram geschehn -

Und du griffst nach meinen Armen,
Und ich ward zum Kreuze dir - -
Und an meinem roten Herzen
Hingst du selbst als Heiland mir.
(S. 80)
_____



Er fragt

Du hast mich vom Tode aufgeschreckt,
Ich fühle mein Herz verbluten,
Du hast mir die furchtbare Liebe geweckt,
Du mußt mich mit Glück überfluten.

Ich frage dich, meine Seele weint,
Du sollst mir Antwort sagen,
Bleibst du für immer mit mir vereint,
In allen Leidenstagen?

Wirst du mir immer nur Liebes tun,
Gibst du mir ewige Stätte,
Werden wir immer beisammen ruhn
In einem einzigen Bette?

Werden wir träumen Brust an Brust,
Atem in Atem verloren?
Wird uns aus seliger Götterlust
Ein neues Leben geboren?

Du hast mich vom Tode aufgeschreckt,
Ich fühle mein Herz verbluten,
Du hast mich zur furchtbaren Liebe geweckt -
Du mußt mich mit Glück überfluten!
(S. 81)
_____



Im Winter

Durch weißumhüllte Wälder
Schritt einsam ich dahin,
Wo ich vor wenig Tagen
Mit dir gegangen bin.

Da sah ich unsre Spuren,
Das Herz ward mir so weh -
Die großen wie die zarten,
Sie küßten sich im Schnee.

Sie lagen aneinander
So zärtlich und so dicht,
Und über ihnen bebte
Der Sonne bleiches Licht.

Noch hing wohl an den Ästen
Verglitzernd unser Hauch,
Und unsre Seufzer schweben
In Sternen am Winterstrauch . . .
(S. 87)
_____



Im Schmerze

I.
Ich wollt', ich könnte versinken
In ein schwarzes fließendes Meer,
Ich ließe die Seele trinken,
Wo es am bittersten wär'.

Die finstern Fluten legten
Sich dicht um mein gelbes Haar,
In ihren Nächten verlöschte
Mein feuchtes Augenpaar.

Die schwarzen, murmelnden Wasser
Zogen mich schwer zum Grund,
Umwogten die müden Finger,
Umwallten meinen Mund

Und drängten ihre Gewalten
In meines Herzens Schlag -
Da vergäß' ich endlich für immer
Den bleichen Schmerzenstag.


II.
Ich wollte, viel schwarze Schleier
Sänken vom Himmel herab
Und schlössen um meine Seele
Ein finsteres Grab.

Drin läg' ich so dunkel behütet,
Wie du in deiner Gruft,
Und keiner Menschen Laute
Durchquälten mir die Luft.

Ich träumte heilige Träume,
Wie du, mein Liebster, sie träumst,
Da du des Grabes Nächte
Mit deinem Licht umsäumst . . .


III.
Mir tut die rote Farbe weh,
Reißt alle Mohnblüten aus dem Grund,
Sie locken wie Küsse von rotem Mund -
Ich sehne mich nach der Blüten Schnee . . .

Ich mag nur Blumen um mich sehn
So gelb wie Wachs, so licht wie Eis,
Woran sie mich mahnen - ich weiß - ich weiß -
Ich kann ihr Todeslied verstehn . . .


IV.
Ich hab' eine weiße Blume gesehn,
Keine zweite war je so morgenschön.

Sie regte sich nicht, sie ruhte sacht,
Sie träumte verschlossen in blasser Nacht.

Vor ihrer Milde seligem Prangen
Schwiegen die zitternden Lüfte befangen.

So blühte sie voll heiligem Licht
Auf meines Toten Angesicht . . .


V.
Ich weiß, warum die Toten seltsam leuchten,
Der Seelen ausgelöschte Qual
Schimmert ein allerletztes Mal
Von Stirnen, von nimmerfeuchten . . .

Ich weiß, warum die Toten seltsam lächeln.
Kein starres, festverschlossnes Weh
Schmiegt sich um ihrer Lippen Schnee -
Ein froher Seufzer scheint sie leicht zu fächeln.

Ich weiß, warum die Toten heilig sind:
Weil sie des Lebens Kreuzesweg durchschritten
Und sterbend unermeßlich schwer gelitten,
Ehe die Seelen forttrug stumm der Wind.
(S. 116-118)
_____



Der Bräutigam

Mir ist, als schritt ich meinem Glück entgegen,
Schon naht der Bräutigam im Festgewand,
Die Menge neigt sich ernst auf Frühlingswegen,
Und mancher Freund greift still nach meiner Hand.

Die Glocken klingen und die Fackeln sprühen,
Und Blumen blühn in unserm Hochzeitszug,
Das ist ein Palmenglanz, ein Rosenglühen,
So viele Kränze noch kein Freie trug!

Ich nahe bleich dem herrlichen Geleite,
Wie sich's geziemt der tiefbewegten Braut,
Der Schleier flattert mir im Wind zur Seite
Und hüllt mich ein, daß mich kein Auge schaut.

Schon harrt des Paars der Priester am Altare, -
Was zögerst du, mein Bräutigam, tritt vor,
Streife die Blumen weg aus deinem Haare,
Reg' doch die Hände, hebe dich empor - -

Sei nicht so still, laß deine Lippen lächeln,
Aus deinem Antlitz lösch' die Blässe fort,
Ich will mit weichen Fingern dich umfächeln,
Bist du nur erst bei mir . . . du sagst kein Wort -

Du hältst die Zähne und den Blick geschlossen, -
Mißfällt dir wohl mein schlichtes Hochzeitskleid,
Hat dich die schwarze Faltenflut verdrossen?
Scheint dir zu düster deiner Braut Geschmeid?

Der Priester murmelt - sieh, dem Silberkessel
Entsteigt ein Weihrauchduft im Glutenschein.
Sie singen laut. Gleich einer Himmelsfessel
Schließt ihr Gebet mit ernster Kraft uns ein . . .

Nun sind wir ganz vereint, die Hochzeitsgäste
Spür' ich so wenig, liebster Mann, wie du,
Laß sie enteilen . . . unserm Liebesfeste
Sehn stumm die dunklen Ewigkeiten zu.
(S. 120-121)
_____



Narzissen

Ich hab' mir die Brust mit Narden gewürzt,
O komm, mein Bräutigam, komme!
Ich hab' mir die Lippen zum Lachen geschürzt,
Daß perlende Lust dir fromme.

Ein Blumenhain duftet im Hochzeitsgemach,
Blaß winken die weißen Narzissen,
Blüten, die Schmerz und Sehnsucht brach,
Sind unser Wonnekissen.

Umschling' mir die Glieder und küsse mich wild,
Ich fleh dich nicht an um Gnade,
Ich bin kein kaltes Madonnenbild,
Ich bin der Liebe Mänade.

Vor Jahren, weißt noch? - Da wollt' ich verglühn
In tausend Ängsten und Bangen,
Da deine Kraft mich flammenkühn
Zum erstenmal umfangen.

Ich hielt mich erschrocken von dir entfernt
In scheuen Schamesgluten - -
Doch Liebster, seither hab' ich küssen gelernt,
Heut will ich an dir verbluten!

O komm, du selig geliebter Mann,
Zerwühl' mir die flatternden Haare,
Zerküß' mir die Brust - was liegt daran,
Ist das Hochzeitsbett auch die Bahre!
(S. 122)
_____



Wie üppig sproßt das Grün . . .

Wie üppig sproßt das Grün auf deinem Grabe,
Ich mag's mit keinem kalten Steine decken,
Die Blumen hier sind deine letzte Habe
Und immer neue Blüten sollst du wecken.

Wie lastet schwer ein Stein, wie falterleicht
Schwingt sich ein Blättchen auf dem schwanken Stiele
Und neigt sich lispelnd zu mir - ach mir däucht,
Als ob ein Hauch von deinen Lippen fiele -

Die Gräser nicken und die Blumen lauschen -
Was sagtest du? weht dein Gruß zu mir?
Willst du der Treue Sehnsuchtswinke tauschen?
Mein Leben, Liebster, schwand hinab zu dir.

Ich steh an deinem Grabe wie die Linde,
Im Schweigen dir zu dienen neig' ich mich,
Und meiner Äste zärtliches Gewinde
Breit' ich im Blau des Himmels über dich!
(S. 126)
_____



Deine Sterne

Und Tag um Tag vergleitet still dahin,
Und Monde über deinen Hügel ziehn,
Und Sonnen segnen ihn mit Strahlenpracht -
Doch neben dir ruht todesmüde Nacht.

Eh' du gewesen, schwanden Ewigkeiten,
Äonen über deinen Hügel schreiten,
Mit ihrer stolzen Weltenmelodie,
Und du bist ausgelöscht, als warst du nie -

Doch sei getost - du lebtest nicht vergebens,
Aus deiner Liebe sproß der Kranz des Lebens,
Ihn trägt dein Kind zu seiner Kinder Ferne -
So leuchten durch die Zeiten deine Sterne!
(S. 127)
_____



Mondlieder

I.
Kühle hat die Nacht gebracht,
Stille, seidne Silberkühle,
Müde neig' ich, traumessacht,
Mich dem weichumhüllten Pfühle.

Einsam gleich der Winternacht
Ruht mein Haupt auf dunklen Kissen,
Sterne halten um mich Wacht
In den schweren Finsternissen . . .

Sieh, es winkt mit leiser Hand,
Streicht um mich wie Geisterfächeln,
Den Gestirnen zugewandt
Ahn' ich eines Freundes Lächeln.

Über der Gebirge Rand
Hebt ein Antlitz seine bleiche
Schönheit und ein goldner Brand
Sinkt in meiner Seele Reiche.


II.
Mit deinen stummen Augen
Weitsinnend blickst du mir zu,
Verlorener Weltenherrscher,
Einsam Gewaltiger du!

Der du in Ätherferne
Sonnenumleuchtet wohnst,
Im Reigen ewiger Sterne,
Ein toter König, thronst.

Du gleitest durch die Sphären
Schweigend, äonenumkreist,
In unermessne Leeren
Dein bleicher Zeiger weist . . .


III.
Du hast um mich geworben
Wohl jahrelang,
Mit deinem fernen leisen
Sphärengesang.

Dein silbernes Geheimnis
Umwob mich zart und licht,
Staunend blickt' ich zum Himmel
Und verstand dich nicht, -

Liebte törichte Herzen,
Lauschte trügendem Wort,
Doch deine schimmernden Träume
Umspannen mich fort und fort.

Der Menschen Liebe brachte
Gram und Enttäuschung mir,
Flehend breit' ich die Arme,
Du Ewiger, zu dir -

Der du das Kind umflossen
Mit deinem seligen Schein,
Hülle das sinkende Leben
In deine Schönheit ein!


IV.
O komm mit mir auf das stille Meer
Der blauen Einsamkeit,
Des Tages Ufer, schmal und leer,
Entschwinden wunderweit.

Kein Menschenwille bleibt uns nah,
Kein enges Erdenglück,
Was je mein Auge Trübes sah,
Weicht weltenfern zurück.

O komm mit mir auf das stille Meer
Der blauen Einsamkeit,
Und laß mich trinken, mich dürstet so sehr,
Vom Kelch der Ewigkeit.


V.
Du küssest meine Finger
Und küssest mein Angesicht,
Du zärtlicher Mond vom Himmel,
Umküß mich mit deinem Licht.

Ich bin deine blasse Liebste,
Du sollst mein Buhle sein,
Gieß tief in meine Seele
Den ruhevollen Schein -

Nimm meine bleichen Glieder
In deine sehnende Kraft
Und küsse das Herz, das kühle
Zu flammender Leidenschaft.

Die trunknen Wünsche fliehen
Auf Träumen zu dir hin, -
Du seliger Liebster, küß mich
Zur Mondeskönigin.


VI.
Erzähle mir von deiner toten Nacht,
Von deiner Qualen grauser Ewigkeit,
Wie du der Sterne Treiben rings verlacht
Und stolz dich aufhobst über eignem Leid.

Nicht immer warst du einsam, wie du's bist,
Durch Kampf und Liebe, Ungestüm und Haß
Jagtest du hin, und keine Macht ermißt,
Wie tief die Flamme deiner Qual sich fraß -

Ehe dein Blick zu jener Stille kam,
Die goldig durch den Äther niederglänzt, -
Und friedevoll dein längstverglühter Gram
Die Liebenden mit mildem Licht umkränzt . . .


VII.
Auch ich war eine Welt gleich dir,
Der Himmel Sonne holt' ich mir - -
Die gelben Sterne dort, sie wissen
Von meiner Gluten Raserei,
Ich küßte, wie nur Götter küssen -
Da sprang die wilde Lust entzwei.

Die Flamme, die so heiß gedroht,
Ist welk verhaucht, zu nichts verloht,
Nur meine leuchtenden Gedanken
Trag ich noch durch den Weltenraum
Und bin hoch über Erdenschranken
Gleich dir ein müder, toter Traum . . .


VIII.
So ziehn wir beide durch die Weiten,
Du dort, ich hier, - ein seltsam Paar,
Aus unsern weißen Händen gleiten
Viel Perlen blaß und wunderbar.

Du streust die deinen über Fluren -
Ich spiele mit der meinen Tand,
In deines Lichtes Silberspuren
Werf' ich sie weit ins fremde Land.

Sie fallen, schimmern und versinken,
Entschwinden hier, verleuchten dort,
Den deinen gleich - Mit mildem Blinken
Flimmert so manche leise fort . . .

Und wenn ein Liebender sie findet,
Der bang von seinem Glücke schied,
Hebt er sie zärtlich auf und windet
Aus Licht und Perlenglanz ein Lied.
(S. 163-170)
_____



Liebe

In Welten, die durch Jahrmyriaden gären,
Dient auch die Liebe dem Gesetz der Sphären.

In bleichen Nebeln ringt sich dämmernd los
Ein Feuerkern aus einer Urnacht Schoß.

Er bebt und strebt, flüssige Glut umkreist
Den neuen Stern, der nach den Sonnen weist.

Des Lebens Flammen sprühn aus ihm empor
Und ihn umsaust der Stürme wilder Chor.

Er schmückt sich mit erlesener Götterkraft,
Weich wogt die Schönheit, die sein Wille schafft . . .

Einst friert der Stern, bis er zu Frost erstarrt -
Der Eiszeit Graun erloschne Liebe narrt.
(S. 175)
_____


Aus: Flammen und Fluten
Neue Gedichte von Maria Stona
Dresden Verlag von Carl Reissner 1912

 

 

Biographie:

http://de.wikipedia.org/wiki/Maria_Scholz

 

 

 


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