Valeska Gräfin Bethusy-Huc (1849-1926) - Liebesgedichte

Valeska Gräfin Bethusy-Huc

 


Valeska Gräfin Bethusy-Huc
(1849-1926)



Der Mazurek

Leise rauscht es in den Wipfeln,
Leise flüstern auf dem Weiher
Schilf und Rohr, - die Wiesen hüllen
Sich in weiße Nebenschleier.

Still ist's auf der Schloßterrasse,
Nur des wilden Weines Ranken
In dem Hauch' des Abendwindes
Leise auf und niederschwanken.

Aber drinnen in dem Saale
Klingen laute Festesweisen
Und der Tänzer frohe Paare
Sich im Reigen leicht umkreisen.

Und die Geigen lauter schwirren,
Laden zum Mazurek hell.
Locken fliegen, Sporen klirren
Und die Herzen schlagen schnell.

Loser Geister Chor beschwörend,
Die den hellen Saal durchzieh'n,
Klingen Herz und Sinn bethörend
Des Mazurek Melodien.

Kerzen strahlen, Augen glühen,
Welch ein Blinken, welch ein Schein,
Und in all dies Funkensprühen
Hell klingt der Mazurek drein.

Horch, da rauscht's auf der Terrasse,
Und nicht sind's des Weines Ranken
Jetzt allein nur, die im Hauch' der
Nachtluft auf und niederschwanken.

Auf den weißen Marmorfliesen
Knistern seid'ne Frau'ngewänder
Und des Schlosses junge Herrin
Lehnt am goldenen Geländer,

Lauscht, wie des Mazurek Töne
Ferne doppelt zaubrisch klingen,
Lauscht, wie in dem stillen Garten
Süß die Nachtigallen singen,

Sieht, wie trunk'ne Falter taumelnd
Sich am Blumenduft berauschen -
Und ein Mann steht ihr zur Seite,
Mitzusehen, mitzulauschen.

Und er beugt sich zu ihr nieder -
Hei, wie der Mazurek klingt,
Wie sein Locken, wie sein Werben
Bis hinaus zur Herrin dringt!

Und sein Werben findet Worte,
Worte von beredtem Mund.
Und sie kann ihn nicht verbannen,
Der so kühn ihr naht zur Stund,

Ihn, der nun so leise heiße,
Süße Worte zu ihr spricht -
Während ringsum zauberhafte
Runen webt das Mondenlicht.

Leise rauscht es in den Wipfeln
Und der Nachtigall Gesang
Redet von verborg'nen Küssen,
Redet wie der Geigen Klang.

Machtlos steht sie, senkt die Stirne,
Alles schwindet in der Rund',
Nur des Mannes Augen blitzen
Und es zuckt sein rother Mund.

Horch, da dringt auf der Terrasse
Aus dem Schloß' ein schwacher Laut -
Wie aus schwerem Traum erwachend
Schnell empor die Herrin schaut.

Ob sie alles rings vergessen,
Noch erkennt sie diesen Klang -
Das ist ihres Kindes Stimme,
Die zur Mutter rufend drang.

Und sie preßt die weißen Hände
Auf die Stirn' - "Hab Dank, mein Kind!"
Über der Terrasse Fliesen
Eilt ihr flücht'ger Fuß geschwind,

Eilt an ihres Kindes Seite
Und in seiner Wiege Kissen
Birgt sie schluchzend Stirn' und Wangen -
Und der Zauber ist zerrissen.

Still ists auf der Schloßterrasse,
Nur des wilden Weines Ranken
In der Nachtluft kühlem Hauche
Leise auf und niederschwanken.

Und es rauschet in den Wipfeln,
Leise flüstern auf dem Weiher
Schilf und Rohr, und Schloß und Garten
Bergen weiße Nebelschleier.

aus: Deutschlands Dichterinnen.
Blüthen deutscher Frauenpoesie
aus den Werken deutscher Dichterinnen
der Vergangenheit und Gegenwart
ausgewählt von Karl Wilhelm Bindewald
Osterwieck / Harz o. J. [1895] (S. 73-74)
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Nicht nur wenn unsre Pfade sich vereinen,
Bin ich bei Dir -
Auch wenn die Hand nicht ruhet in der Deinen,
Bei ich bei Dir.

Es geht ein leis geheimnisvolles Grüßen
Von mir zu Dir,
Daß Wind und Wolken Boten werden müssen
Von mir zu Dir.

aus: Deutsche Dichterin[n]en und Schriftstelerin[n]en
in Wort und Bild
Herausgegeben von Heinrich Groß
III. Band Berlin 1885 (S. 297)
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Biographie:

Bethusy-Huc, Frau Gräfin Valesca, geb. Freiin von Reisnitz, Ps. Mor. v. Reichenbach, Deschkowitz, Ober-Schlesien, wurde am 15. Juni 1849 auf dem Gute ihres Vaters, Kielbaschin, Kreis Rosenberg, O.-Schl., geboren. Ihre vortreffliche Erziehung erhielt sie teils im Elternhause, teils in Sagan und Berlin, und vollendete dieselbe autodidaktisch durch philosophische und naturwissenschaftliche Studien. Schon früh erwachte ihre dichterische Begabung und versuchte sie sich zuerst in Märchen, ehe sie sich an grössere Novellen wagte. Ihre ersten Sachen erschienen vor etwa zwanzig Jahren in "Über Land und Meer" und im "Daheim". Seitdem gab sie einige zwanzig Bände Romane und Novellen heraus und schrieb verschiedene Reisefeuilletons für grössere Zeitungen. Da sie am liebsten Menschen und Verhältnisse ihrer engeren in Gegensätzen reichen Heimat schildert, sucht sie sich durch ernste Lektüre und Verkehr mit Menschen verschiedener Kreise vor Einseitigkeit zu bewahren. Seit 1869 ist sie mit dem Grafen Bethusy-Huc auf Deschkowitz verheiratet.

aus: Lexikon deutscher Frauen der Feder.
Eine Zusammenstellung der seit dem Jahre 1840 erschienene Werke weiblicher Autoren, nebst Biographieen der lebenden und einem Verzeichnis der Pseudonyme. Hrsg. von Sophie Pataky
Berlin 1898

Ausführliche Biographie siehe:
http://www.sausenberg.eu/wendrin/valeska-von-bethusy-huc/01-vbh.html


 

 


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