Otto Julius Bierbaum (1865-1910) - Liebesgedichte

Otto Julius Bierbaum

 

Otto Julius Bierbaum
(1865-1910)

 

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 

 

Liebeslied im Herbste

Ach, mein Herz ist bange,
Bange nach meiner Geliebten.
Sehnsucht hält die Schatten-
Flügel über mir.

Wolken fliehn im Winde;
In vergilbenden Wipfeln
Stöhnt es: meine Seele
Singt und stöhnt nach ihr.

Du und unsre Liebe,
Du und dein Herz voller Güte! ...
O mein Glück, mein Leben:
Einsam bin ich hier.

Doch ich will nicht klagen.
Über die grauen Weiten
Spannt sich ein Liebesbogen
Hoch von mir zu dir.

Was die Liebe bindet,
Trennen nicht Berg und Meere.
Schließe die Augen: siehe! -:
Sieh, ich bin bei dir.

Aus: Der neubestellte Irrgarten der Liebe.
Um etliche Gaenge und Lauben vermehrt.
Verliebte, launenhafte, moralische und andere Lieder,
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1905
von Otto Julius Bierbaum Insel Verlag Leipzig im Herbst 1906 (S. 56-57)
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Glück im Traum

Ach, was sah ich im Traum:
Du hast die Hand mir gegeben,
Und stumm sprach mir dein Mund:
Ja, ich fühle wie du.

Tief im Walde geschahs;
Es sangen um uns die Vögel,
Sonne küßte das Moos
Und deinen seidenen Schuh.

Nahe warst du mir so,
Daß deinen Atem ich fühlte,
Und ich sah dir ins Aug,
Und ich weinte vor Glück.

Mädchen, was mir der Tag
An Kümmernissen mag bringen:
Lächelnd denk ich des Traums,
Selig denk ich an dich.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 36)
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Menuett

Ach, wie wird mir wohl und weh,
Süße Dame, süße Dame,
Wenn ich Ihre Augen seh,
Die der reine Zunder sind,
Und den Busen, weiß wie Schnee.

Und die kleinen Füße – oh!
Süße Dame, süße Dame,
Seh ich sie, so wird mir so -
Ach, ich weiß nicht, wie mir wird:
Halb und halb, halb bang, halb froh.

Und die Wädchen und das Knie,
Süße Dame, süße Dame,
Hände, Locken, Lippen … nie
Sah ich, was mich so entzückt, -
Ach mein Gott: ich liebe Sie!

Was so um sie fliegt und weht,
Süße Dame, süße Dame,
Tanzt und auf und nieder geht:
Spitzen, Schleifen, Seide, Samt,
Ach, es macht mich ganz verdreht.

Dürft ich nur der Höschen Rand,
Süße Dame, süße Dame,
Küssen und das Sammetband
Streicheln über Ihrem Knie,
Selig wäre Mund und Hand.

Oder sind Sie grausam? Nein!
Süße Dame, süße Dame,
Schönheit kann nicht grausam sein,
Wenn sie Liebe leiden sieht:
Phillis läßt den Schäfer ein.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 36-37)
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Meine Sonne a. D.

Als es Winter war, hatt ich nur einen
Sonnenschein, - dich,
Und du warst mir eine ferne Sonne mit seltenen Strahlen.
Aber wie waren sie warm und freundlich,
Und wie war ich glücklich!

Nun ist es Frühling geworden über die Erde,
Und die Vögel rufen sich von schwanken Knospenzweigen,
Und der Himmel ist blau wie Erfüllung aller Seligkeit.

Aber wo ist denn meine Sonne?

Schau da, wie schön: von chinagelber Seide
Das Kleid, burgunderrot der Gürtelreif,
Und alle Blumen des Frühlings auf dem weißen Hute,
Geht meine Sonne dort auf
Vor dem römischen Rot der Arkaden.

Sonnensieg! Die gelbe Seide
Surrt mit falbelndem Saum
Ueber den roten Fließ,
Und jeder ihrer Schritte ist ein Kuß der beglückten Erde.
Das ist meine Sonne?

Ach, wie sie doch im Winter so weich
Und fraulich war und lieb.
Nun ist sie stolz geworden, und wie ein Komet
Zieht sie einen zitternden Schweif von Verehrern nach und läßt
Die dümmsten Monde in ihre Nähe, wenn sie von Silber sind.

Sonne, dein Sieg gefällt mir nicht.
Halloh!
Ich geh auf die Sternensuche!

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 158-159)
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Pandora
Als ich heute früh im schönen Parke,
Der voll lauter Birken steht, spazierte,
Sah ich (nun, ihr brauchts ja nicht zu glauben)
Eine nackte Dame auf mich zugehn.

- Sag, wer bist du, sprach ich, nackte Dame?
Reizend scheinst du mir und liebenswürdig,
Eine auserlesne Augenweide.
Selten sah ich noch so schöne Beine
Und so wohlgefügte volle Brüste,
Selten noch so schöne Haut: atlassen
Glänzend und vom Blut des frohsten Lebens
So von innen her erwärmt, durchleuchtet.
O wie schön (laß mich dich nah betrachten!),
O wie schön sind deiner weißen Brüste
Blasse Rosen, holder Frühlingsgarten.
Ach, und welch Entzücken darf ich fühlen,
Sieht mein Aug den Glanz der blonden Haare,
Wie sie von der Stirn im schönsten Bogen,
Aber wellig, hintenüber fallen
Und hinab den Rücken fließen bis zum
Wohlig rundlichen Geschwisterpaare
Zweier ganz vollkommnen Hemigloben.
Diese Grübchenhände! Diese Füßchen!
Jedes Glied ein tadellos Gebilde,
Jedes Nägelchen ein Schild der Schönheit,
Und der Mund: des Eros goldner Bogen.

Denn aus Gold sind deine Lippen, - seltsam,
Bernsteingoldig deine Augen, - seltsam,
Und dein Nabel eine weiße Perle.
Ei, was trägst du da in deinen Händen?
Solch ein kostbar Kästchen sah ich niemals:
Mattes Gold, durchsetzt mit Glutrubinen,
Die, ein Rosenkranz von Licht und Farbe,
Ringsherum wie trunkne Augen leuchten.

Also sprach ich und sank in die Knie,
Küßte ihrer Füße Lilienblätter
Und ließ meine Lippen an den Füßen,
Wünschend, daß ich ewig liegen dürfte
In so selig klarer, voller Andacht.

Da umflossen mich die gelben Haare
Wie ein Strom von allen Wohlgerüchen:
Rosen, Veilchen, Lilien und Narzissen,
Alle eins geworden, alle Düfte
Frühlings und des Sommers eins geworden:
Höchsten Lebens Atem, stark und lieblich.

Und die Schöne sprach zu meinen Häupten:
Weil du gläubig bist und immer wieder
Deine Hände, Adorant der Schönheit,
Betend, hoffend hebst ins Licht der Sonne,
Unbeirrt ein Jünger der Bejahung
Und der Künste allertreuster Diener,
Bin ich Nackte vor dich hingetreten,
Ich: Pandora, des Hephaistos Bildwerk.
Ich entstamme nicht der Kraft der Lenden,
Mich erschuf die Kunst des Feuergottes;
Nicht geboren ward ich: ward gedichtet.
Darum sind von Golde meine Lippen
Und von Bernstein meine großen Augen,
Und es leuchtet mir an Nabels Stelle
Eine Perle wie ein blindes Auge.
Andern heiße ich nur Schein des Lebens,
Spuk und Blendwerk, Spiel verzückter Sinne,
Doch dem Künstler bin ich höchstes Leben.
Ihm allein bin ich die Allbegabte,
Ihm allein gehören die Geschenke
Meines goldenen, verkleinodierten
Schreines, der des Daseins holdste Gaben
Alle in sich birgt. Willst du sie nehmen?

Bebend griff ich nach dem goldnen Kästchen,
Das mir nun die Wunderbare reichte,
Und ich sprach, mit Schleiern vor den Blicken:
Gib! Ich weiß, die Gaben der Pandora
Heißen Übel, und die Weisen fliehn sie,
Murmelnd, daß sie Gift und Wahnsinn seien,
Nebelgüter, die das Licht der Wahrheit,
Scheinbar hold, doch trügerisch verhängen.
Ach, die Weisen mit den blinden Augen!
Ach, die Weisen mit den Tranlaternchen!
Mögen sie die graue Wahrheit suchen
Und die Schönheit als ein Trugbild schelten:
Ich will lieber deiner Hände Gaben
Fromm empfangen, ob sie auch vergehen
Und nur schöne Formen sind und Farben.
Seiens Gifte, nebelnde Gespinste:
Ich will lieber alle Gaben missen,
Die die andern wahre Güter nennen,
Und in ihrem Netze selig sterben.

Sprach die Göttin: Schilt mir nicht die Weisen!
Irre sind sie auf gewundnen Wegen,
Wunderlich Beseßne, doch sie suchen
Mich auf ihre Art. Der Götter Träume
Sind unendlich vielgestalt; die Weisen
Sind der Götterträume Nebelbilder,
Und sie selber träumen Nebelhaftes.
Denn ein jeder träumt nur, was er selber
In der Götter Traum ist: Blumen - Blumen,
Sterne - Sterne, Menschen - Menschen, und die Dichter
Sind, weil sie wie Götter schaffend träumen,
In der Götter Traum die hellsten Träume,
Denn sie wissen einzig, daß sie Traum sind.
Freue dich! Es gibt nicht höhre Gabe.
Selig, wer es fühlt, daß er geträumt wird,
Selig, wer ein guter, stiller Traum ist,
Selig, wer so stark ist, so zu träumen,
Daß Gestalten wie im Traum der Götter
Aus ihm gehen: tiefsten Lebens Zeugnis. -
Willst du, daß ich nun das Kästchen öffne?
Es ist leer, dein Herz ist viel, viel reicher.
Nur ein Klang ist in ihm. Lausche, Lieber,
Und laß nie aus Ohr und Herz dir schwinden
Dieses Klanges tiefe Offenbarung.

Lauschend legte ich mein Ohr ans Kästchen,
Und es schwoll wie von entfernten Harfen
Ein Gesang ins Herz mir: diese Worte:

Liebe ist des Traums der ewigen Götter
Einziger Sinn, wer Liebe träumt, den lieben
Sie als ihren schönsten Traum. O träume
Liebe, Dichter, sei kein Alp der Götter!

Leis verklang das Singen in dem Kästchen,
Brausen regte sich im Birkenwäldchen,
Lautlos schwand die Herrliche. Ich sah sie
Eine Kußhand noch herübersenden
Und ein Lächeln mit dem goldnen Munde.
Weiße Wölkchen stiegen aus den Birken
Und zerwehten schnell wie seidne Flocken
Zart am blaßblau klaren Morgenhimmel.

Harfen haben mich nach Haus begleitet,
Harfen klingen durch mein ganzes Leben,
Seit Pandoren ich gesehn. Die goldnen
Lippen meiner Lieben Frau vom Traume
Leuchten mir durch alle meine Tage.

Aus: Der neubestellte Irrgarten der Liebe.
Um etliche Gaenge und Lauben vermehrt.
Verliebte, launenhafte, moralische und andere Lieder,
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1905
von Otto Julius Bierbaum Insel Verlag Leipzig im Herbst 1906 (S. 64-68)
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Mädchenlied

Auf einem jungen Rosenblatt
Mein Liebster mir geblasen hat
Wohl eine Melodei.
Es gab mir viele Dinge kund
Das Rosenblatt am roten Mund
Und war kein Wort dabei.

Und als das Blatt zerblasen war,
Da gab ich meinen Mund ihm dar
Und küßt an ihm mich satt.
Und viel mehr Dinge that noch kund
Der rote Mund am roten Mund,
Selbst als das Rosenblatt.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 18)
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Charlotte

Charlotte, lotte, lotte,
Heißt meine Wäscherin,
Sie bringt mir selbst die Wäsche,
Weil ich ihr Liebster bin.

Und hat sie nichts zu bringen,
So kommt sie ohne was,
Kein Tag geht ohne Lotte,
Auf Lotte ist Verlaß.

Kommt ohne Hut und Schleier
Und hat auch kein Korsett;
Weil ich kein Sopha habe,
So setzt sie sich aufs Bett.

Ihr ahnt nicht, wie viel Schönes
Die kleine Lotte hat;
Ich habs schon oft gesehen
Und seh mich doch nicht satt.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 45)
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Dämmerung

Dämmerung mit den milden, grauen Augen
Schreitet über die Erde.
Kühl weht ihr Atem,
Weich und kühl,
Milde wie ruhiger Atemzug
Eines schlummergeküßten,
Backenroten Kindes.
An lauschender Ferne ruhendem Rund
Ein goldenes Glänzen, matt verscheidend,
Zerrinnend in zarten, grauen Duft …
Oh Ruhe! Ruhe! Gabe der Seligkeit,
Die du auf Flügeln der Dämmerung linde
Vom Himmel niederschwebst, gelinde
Das Herz mit warmem Hauche,
Sorgenscheuchend, rührst;
Oh Ruhe, Frieden, Fülle des Seins!
Heut aus grauen Dämmeraugen
Blickst du mich liebreich an und verheißend,
Und mein Dank schwillt auf im Herzen,
Wie im Auge der seligen Braut
Warme, lachende Thränenflut, -
Aber mein Herz muß an verklungene
Tage höheren Glückes denken,
Da ihm friedevolle Liebe
Gütig fromm entgegenleuchtete
Aus zwei braunen Mädchenaugen,
Sonnen der Liebe.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 106-107)
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Letzter Wunsch

Daß deine Hand auf meiner Stirne liegt,
Wenn mich das Sterben in der Wiege wiegt,
Die leis hinüber ins Vergessen schaukelt,
Von schwarzen Schmetterlingen schwer umgaukelt.
Ein letzter Blick in deine braunen Sonnen:
Vorüber strömen alle unsre Wonnen
In einer bitter-süßen Letztsekunde;
Ein letzter Kuß von deinem warmen Munde,
Ein letztes Wort von dir, so liebeweich:
Dann hab ich, eh ich tot, das Himmelreich,
Und tauche selig in den großen Frieden:
Der Erde Holdestes war mir beschieden.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 284)
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Ernste Mahnung

Deine lachenden Augen ruhen auf mir
Sonnenscheinwarm und trösten mein Herz;
Dein kleines Grübchen der rechten Wange
Macht lustig mein Herz, denk ich blos seiner;
Dein rascher Schritt belebt mein Auge
Und spendet Flügel meinen Gedanken;
Dein Schelmenkinn dünkt mich so witzig
Wie zehn französische Komödien
Und dreißigtausend urgermanische;
Deiner Lippen geschwungener Liebesbogen
Jagt Kußwild auf in meinem Herzen
(Ich denke du findest das Bildchen zierlich!)
Und wenn du sprichst, schwillt auf mein Fühlen;
Dann bin ich selig ganz, ganz selig,
Die Engel im Himmel dann hör ich ja singen!
Aber nur eins, mein Mauserl, bitte,
Eins vermeide - es macht nervös mich -,
Sprich mir nicht das Hauptwort »Heirat«.
Dieses Hauptwort klingt so ledern,
Wie ein ganzer Leitartikel,
Und ich hasse sehr dergleichen.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 150-151)
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Meine Frau unterm Ölbaum

Der Ölbaum: ein zarter Strauß, ...
Wie aus grauen Seidenspitzen, ...
Wie Silberschmiedarbeit sieht er aus,
Auf der schwarzblaue Edelsteine blitzen.

Stehst du darunter in dem Blumenkleide
Aus Indiens buddhabunter Seide,
Dann ist der ganze Garten ein Geschmeide.
Und, träume ich denn, was ich da seh?
Wen seh ich dort in Signor Bardis Haus
Vor seiner Staffelei im Türgevierte sitzen? -
Frate Giovanni da Fiesole!

Der weißen Kutte weite Ärmel sind
Den mageren Arm hinaufgeschlagen,
Und seine frommen braunen Augen fragen
Just seine Farbentiegel, ob für dich, mein Kind,
Sie auch genug der reinen Farben tragen.

Steh still, steh still! Und blicke klar und froh,
Gradaus, mich an! Aus deinen Augen lesen
Soll ferne Zeit noch, wie du gut und klar,
Wie schön und lauter du, wie treu und wahr
Dein starkes, liebevolles Herz gewesen!

Drum malt dich Fra Angelico.

(Fiesole 1904.)
(Im Garten der Villa Bardi.)

Aus: Der neubestellte Irrgarten der Liebe.
Um etliche Gaenge und Lauben vermehrt.
Verliebte, launenhafte, moralische und andere Lieder,
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1905
von Otto Julius Bierbaum Insel Verlag Leipzig im Herbst 1906 (S. 61-62)
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Komm her und laß dich küssen

Die Luft ist wie voll Geigen,
Von allen Blütenzweigen
Das weiße Wunder schneit;
Der Frühling tobt im Blute,
Zu allem Uebermute
Ist jetzt die allerbeste Zeit.

Komm her und laß dich küssen!
Du wirst es dulden müssen,
Daß dich mein Arm umschlingt.
Es geht durch alles Leben
Ein Pochen und ein Beben:
Das rote Blut, es singt, es singt.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 51-52)
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Der Vogel

Ein Vogel singt gottlobesam,
Ein Vogel tief in meiner Brust;

Der Vogel ist die Liebe,
Die Liebe.

Leis ist die Stimme, die er hat,
Und seine Weise ist ganz schlicht,
Doch fröhlich ist sein Singen,
Sein Singen.

Gottlobesames leises Lied,
Du fröhlich Lied in meiner Brust,
Du bist mir Trost und Glaube,
Und Glaube.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 60-61)
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Waldvögel

Ein wohlbestelltes Mieder,
Die Backen rot gesund,
Den Schnabel voller Lieder
Und vorn und hinten rund.

Zwei Augen glutend blaue
Und eine kleine Hand,
Wohl mir, waldwilde Fraue,
Daß ich dich einsten fand.

Es war im tiefen Walde
Und Sommer war die Zeit,
In einem Wipfel balde
Nesthockten wir zu zweit

Und niemand hat gesehen
Das sondre Vogelpaar,
Das hoch im Windewehen
Vor Glücke schwindlig war.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 44-45)
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Liebe

Es ist ein Glück zu wissen, daß du bist,
Von dir zu träumen hohe Wonne ist,
Nach dir sich sehnen macht zum Traum die Zeit,
Bei dir zu sein, ist ganze Seligkeit.

Aus: Der neubestellte Irrgarten der Liebe.
Um etliche Gaenge und Lauben vermehrt.
Verliebte, launenhafte, moralische und andere Lieder,
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1905
von Otto Julius Bierbaum Insel Verlag Leipzig im Herbst 1906 (S. 55)
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Trennung
(M.M.)

Es liegt in mir wie eine Wolke
Der düstre Abend, der uns schied.
Es stand kein Stern am grauen Himmel
Und von den Zweigen klang kein Lied.

Verdrossene Menschen gingen eilig
Im feuchten Dunkel uns vorbei.
Auf nasser Bank verschlungen saßen
Wortlos und herzensbang wir zwei.

Es sah der Mond durch dürre Aeste.
Auf deinem Antlitz lag sein Schein
So düster-tot, - mein heimgegangnes
Glück hüllte er in Strahlen ein.

Und wenn dein Blick, dein seelenvoller,
Sich zu mir hob, in Schmerzen mild,
Aus bleichem Mondenstrahlenglanze,
Da sah ich meines Schicksals Bild:

Das Schöne, das ich still erdichtet
Und rein im Herzen aufgestellt,
Wie es vor meinem heißen Wünschen
Fliehend in Schmerz zusammenfällt.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 159-160)
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"Frauenhaar"

"Frauenhaar" trag ich am Hute,
Wie Flachs so weich, wie Seide so fein,
Flirrfädelnd spinnt's im Sonnenschein,
Flott flattert's in den Wind hinein,
Ich trag es mit fröhlichem Mute
Und denke dein,
Mein Seidenhaar,
Die meine Sonne, mein Sehnen war,
Mein Leben im bebenden Blute,
Du Weiche, du Feine, du Gute.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 15)
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Gigerlette

Fräulein Gigerlette
Lud mich ein zum Thee.
Ihre Toilette
War gestimmt auf Schnee;
Ganz wie Pierrette
War sie angethan.
Selbst ein Mönch, ich wette,
Sähe Gigerlette
Wohlgefällig an.

War ein rotes Zimmer,
Drin sie mich empfing,
Gelber Kerzenschimmer
In dem Raume hing.
Und sie war wie immer
Leben und Esprit.
Nie vergeß ichs, nimmer:
Weinrot war das Zimmer,
Blütenweiß war sie.

Und im Trab mit Vieren
Fuhren wir zu zweit
In das Land spazieren,
Das heißt Heiterkeit.
Daß wir nicht verlieren
Zügel, Ziel und Lauf,
Saß bei dem Kutschieren
Mit den heißen Vieren
Amor hinten auf.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 47-48)
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Gebet zwischen blühenden Kastanien

Frühling, oh du süßer Junge!

Deine Beine sind so zärtlich
Schlank und deine schmalen Lippen
Feucht.

Wie du schreitest! Wie die Locken fliegen
Und das blaue Band im blonden Haare!
Wie es duftet, wo dein Mantel wehte!

Frühling, süßer, fastbenedeiter
Sieger-Knabe mit den Mädchenbrüsten,
Hauch mich an mit deinem Blumenatem,
Der ich dich jetzt tiefer kenn und liebe,
Deiner Brünste voller bin als ehmals.

Neig dich mir, oh süßer Knabe, süßres
Mädchen! Ich vergehe sonst vor Sehnsucht,
Dich zu fühlen.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 103-104)
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Unschuld

Gieb, schönes Kind, mir deine Hand
Und sieh mich an,
Den Reisenden aus Wehmutland
Und ärmsten Mann.

Schlag deine Augen nieder nicht;
Sie sind so hold;
Noch nicht voll Glut, doch voller Licht
Und Unschuldsgold.

Das hat so innig milden Schein,
Oh süßes Kind,
Dass alle Kümmernisse mein
Verflogen sind.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 15-16)
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Ketzerküsse

Grün deine Federn am Hut, mein Kind,
Blau deine Augen im Kopfe sind:
Wie kannst du so was wagen!?
Grün paßt nicht zu blau,
Wird dir prompt und genau
Ein jeder Professor sagen.

Was? Dir ist das ganz einerlei?
Du sagst, daß es dir - schnuppe sei,
Was Professoren sagen?
Mein Kind, mein Kind, dein Sinn ist schlimm
Ich aber will ad interim
Es dennoch mit dir wagen.

Verwegen zwar, ich fühl es, ist
Mein Thun, doch wenn du gnädig bist,
Wird mirs zum Heil ausschlagen.

Komm, gieb mir deinen roten Mund
Und laß uns küssen und lachen und
Kein' Menschen darum fragen.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 146)
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Im Garten des Herrn

Heut sieht die Welt mir lustig aus,
Ein hell und bunter Blumenstrauß,
Mir ist so froh zu Mute.
Wer hat das gethan? Ein roter Mund,
Zwei volle Arme und Brüste rund,
An denen ich nächten ruhte.

Aus Liebe hat die Welt gemacht
Der liebe Gott bei Tag und Nacht
In einer Wochenrunde.
Drum folge deines Gottes Spur
Und lieb auch du, o Kreatur,
Zu jeder guten Stunde.

Dann ist die Welt dir wie ein Strauß,
Sieht hell und bunt und fröhlich aus
Und du wirst selber blühen
Im Garten der Gottseligkeit,
Wo in des Himmels Licht gedeiht
Das Blümlein Glück-ohn-Mühen.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 46-47)
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Entzückung

Hier mein Herz, Welt, hier mein ganzes Leben!
Dich umfaß ich, Gott; was du gegeben,
Ström ich wieder in Entzückung her.
Hat mein Herz der Leiden viel getragen,
Darf es wieder nun in Wonnen schlagen,
Und von Müdigkeit weiß es nichts mehr.

Nehmt es hin! Wie selig ist das Schenken!
Liebe ist mein Fühlen und mein Denken,
Und mein innerlichstes Glück ist Kraft.
Nehmet hin und freut euch! Seht, mein Leben
Will ich freudig an die Freude geben.
Süß ist diese Frucht und voller Saft.

Aus: Der neubestellte Irrgarten der Liebe.
Um etliche Gaenge und Lauben vermehrt.
Verliebte, launenhafte, moralische und andere Lieder,
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1905
von Otto Julius Bierbaum Insel Verlag Leipzig im Herbst 1906 (S. 56)
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Glück

Ich bin so voll von Liebe,
Wie die Traube ist voll von Süße,
Mein Herz ist wie im Sommer
Der volle Apfelbaum.

Ich gehe stille Wege
Mit ruhigem Gemüte,
Der hohe blaue Himmel
Ist mir kein leerer Raum.

Ich bin mit allem Leben
Verwurzelt und verwachsen,
Die Sonne ist meine Mutter,
Gott ist mein schönster Traum.

Aus: Der neubestellte Irrgarten der Liebe.
Um etliche Gaenge und Lauben vermehrt.
Verliebte, launenhafte, moralische und andere Lieder,
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1905
von Otto Julius Bierbaum Insel Verlag Leipzig im Herbst 1906 (S. 54)
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Morgenständchen

Ich blase meine Flöte
Im Glanz der Morgenröte,
Der Garten liegt voll Tau.
Die Morgenwolken blühen
Am Himmel auf und glühen
Dir ihren Gruß ins weiße Bett,
Vielliebe, liebe Frau!

Hör aus der Morgenkühle,
Was ich im Herzen fühle,
Was meine Sehnsucht singt.
Du sollst noch nicht erwachen,
Dir soll im Traume lachen,
Was in der Morgenröte Glanz
Aus meiner Seele klingt.

Ich blase meine Flöte
Im Glanz der Morgenröte
Und bin voll Morgenrot.
Die Bäume und Blumen im Garten,
Ich und die Vögel warten,
Bescheer dich uns, o Herrin, gieb
Uns unser täglich Brot!

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 29)
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Liebeslied

Ich nehme dich und küsse dich
Und lasse dich nicht von mir,
Ein blinder Bettler wäre ich,
Wär nicht mein Herz bei dir.

Seele, Sinne, alles Meine,
Es ist deine
Jederstund;
Laß mich küssen, laß mich küssen
Deine Hände, deine Stirne,
Deine Augen und den Mund.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 5)
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Adoration

Ich strecke meine Hände aus nach dir,
Wie Beterhände sich zum Antlitz strecken
Der gnadenreichen Mutter, die im Arm
Das liebevolle ernste Kind umfängt.

So, o Madonna, möcht ich, daß mein Herz
Umfangen wär von deinem Herzen; so,
So, o Madonna, möcht ich, daß dein Blick
Der heitere mich überstrahlte. Sieh,
Madonna, sieh, wie ich voll Glaubens bin,
Versunken ganz in deine Güte, ganz,
Ganz fromm und selig, wie ein armes Herz,
Das schon gestorben war in Graus und Gram
Und zur Madonna seine Zuflucht nahm
Und stark in Liebe ward, neu lebend, frei,
Daß es vor Glücke zuckt und bebt und bangt
Und nichts mehr, nichts von dieser Welt verlangt,
Als daß es stets im Glanz Mariens sei.

Aus: Der neubestellte Irrgarten der Liebe.
Um etliche Gaenge und Lauben vermehrt.
Verliebte, launenhafte, moralische und andere Lieder,
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1905
von Otto Julius Bierbaum Insel Verlag Leipzig im Herbst 1906 (S. 52-53)
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Josephine

I.
Ihr Kleidchen ist von Tarlatan,
Ihr Herzchen ist von Golde;
Ich bete, ich bete das Mädel an,
Ihre Guckaugen haben mir's angethan,
Josephine, Sephine, du Holde!


II.
Wenn sie lacht, wenn sie lacht,
Ist der Himmel erwacht,
Gottvater singt selbst zum Lobe
Ein Lied, das er selber gemacht:
Seffi,
Ach stelle mich nicht auf die Probe.

Sonst werd ich frivol,
Daß der Teufel mich hol,
Und mache mich, dir zum Preise,
Wie Zeus auf die Lumpenreise.
Gottvater singt's im tiefsten Baß,
Ihm werden beide Backen naß
Vor lauter Liebesthränen.
Sie aber streicht die Backen mir,
Sie aber kraut den Nacken mir
Und thut sich an mich lehnen.
Seffi!


III.
Der Himmel ist blau, das Wetter ist schön,
Madame, wir wollen spazieren gehn!
Da ist sie dabei!
In den blühenden Mai
Aussegeln wie Frühlingsregatten wir Zwei.
Wie Blütenschnee ihr Kleid so klar,
Ein Blumengarten ihr Strohhut war,
Ein moosgrün Band vom Hute hing,
Wie Wimpelwurf im Winde ging.
Recht wie ein schwarzer Würdebär
Ging neben der Fee mein Leibrock her.

Wie wunderbar
Der Maitag war!
So frisch, so hell, so kühn, so jung,
Wie Kinderglückserinnerung,
Und so voll Liebe und Heiligkeit;
Ach, kranke Welt, wie bist du weit,
Weit von uns fern mit deiner Gier,
Mit deinem Haß, mit deinem Streich, -
Wir seligen, seligen Kinder wir!


IV.
Und es senkt sich die Nacht.
Kühle Winde, blasse Sterne.
"Du, hast du mich gerne?"
Und sie küßt mich und lacht.

Und wir gehen nach Haus.
Alle Menschen schon schlafen.
Die Fregatten im Hafen …
Und die Lampe löscht aus.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 49-51)
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Ihr Mund

Ihr Mund ist schön. Nicht vieles auf der Welt
Ist schön wie dieser Mund, so völlig schön,
Daß ich ergriffen bin, denk ich daran.

Ihr Mund ist schön. Aus diesem Munde kann
Kein schlechtes Wort, kein böses Lachen wehn;
Von diesem Mund zu träumen ist schon Glück.

Ich werd ihn wiedersehn. Dann bin ich froh,
Wie nach dem Winter, wenn es Frühling ist:
Oh Leben, allerseligstes Geschenk!

Reinheit und Güte sind auf ihm gepaart,
Dort hat die kleinste Lüge keine Statt;
Mein höchster Eid ist Schwur bei ihrem Mund.

Wie glücklich bin ich! Stößt mich Gram und Leid,
So denk ich, wie sie schön ist, wie ihr Mund
Klar lächeln kann, und alles ist verscheucht.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 302-303)
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Amor-Vampyr

Im hellen Herbstwald auf buntem Laub
Waren wir wie Kinder und küßten uns
Unschuldig in linder Liebe.

Bubenmädel, Bubenmädel,
Wie lachten deine Augen, die hellen, braunen,
Wie lag dein liebes Köpfchen so leicht auf dem Laube,
Und leicht auch lagen meine Lippen auf deinen.

Aber die Nacht kam auf Katzenpfoten,
Die schwarze, schwere, schweigende Nacht,
Und schwül wars im Zimmer.
Das gelbe Licht der schwebenden Lampe lag
Wie leuchtender, feuchter Nebel über dem Raum,
Und deine Augen fragten ängstlich aus dem gelben Dämmer.

Braune, brütende, unselige Augen.
In ihnen braute, tief unten, tief,
Brodelnder giftiger Gischt.

Oh du, du, du!

Und über dich hin warf mich die Wut der Liebe.

Und unsre Lippen lasteten aufeinander,
Wie alle schmerzlichen, sehnsuchtschmachtenden Sünden zweier Sterne,
Die sich im wirbelnden Weltall treffen
Und klagegellend sich umklammern.

Oh du, du, du!

Und meine Augen gruben sich in deine,
Und meine Arme wanden sich um deinen Leib wie Raubtierpranken;
Und es stöhnte deine Brust,
Und deine Augen irrten wie verflogene Tauben.

Sie suchten den hellen Herbstwald
Und die Kindheit unsrer Liebe
Im bunten Laube.

Und fanden nicht und wurden schmerzenstarr
Und höllebrünstig heiß und hackten in mein Herz
Wie schwarze Adlerschnäbel.

Oh du!

Oh du!

Matt sank mein Haupt dir in den Schooß.
Du bebtest.

Dann sprachst du leise wirre Worte und weintest.

Und deine Augen wurden wieder hell.

Weißt du es wohl, was zwischen uns geschehn?

Der Haß hat uns gepaart in wildem Kampf,
Der Haß von Mann zu Weib und Weib zu Mann,
Die heiße Gier, sich einzusaugen das fremde Herz
Und jeden Tropfen Blutes und jeden Atemzug.

Mein Herz und dein Herz haben sich geschaut im Kampfe,
Und kämpfend sich durchdringend sind sie in Eins geflossen.

Du bist nun ich, doppelt ist meine Seele.

Wird sie je leben
Können ohne dich?

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 272-275)
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Pulchra ut sol, clara ut lux

In einer Kirche sah ich goldne Statuen
Von Engeln, die auf ihrer Schultern Macht und Pracht
Das Chorgewölbe trugen. Wie aus Griechenland,
Mit klarem Antlitz, rosenkranzgeschmückt,
Goldlockig, edel standen sie und lächelten.

Vier Engel warens, und von goldnen Lettern schien
Aus dämmerigem Dunkel leuchtend dieser Satz:
Pulchra ut sol, clara ut lux.
Ich träumte oft
Von diesen Engeln, und voll Andacht war mein Herz,
Wenn ich die Augen schloß und mir das holde Bild
In seiner strengen Schönheit hell aufsteigen ließ
Und ganz umfaßte. Aber niemals wagt ich es,
An sie zu glauben, ja, ein großes Trauern war
In meiner Seele, daß aus Gold nur oder Stein
Der Künstler solche Schönheit selig bilden kann,
Indes Natur sie ewig strenge uns versagt.

Jetzt ist es anders. Heiter, aller Gnaden voll
Geh ich umher und bin ein selig Wissender,
Und, schließe ich die Augen, denk ich jetzt nicht mehr
An jene goldnen Vier in Kirchendämmerung.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 298-299)
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Rosenopfer

Kind, das Bette ist bereit,
Lege dich nun nieder
Und thu ab dein schwarzes Kleid,
Rock und Hemd und Mieder.

Eva, Eva, Evalein,
Lasse dich beschauen!
Ist das wirklich Alles mein?
Darf ich michs getrauen?

Pst! Sie spielt die Schläferin.
Leise und verstohlen
Schleich ich mich zur Vase hin,
Rosen herzuholen.

Und ich überschütte sie,
Brust und Leib und Lenden,
Und ich sinke in die Knie
Mit erhobnen Händen.

Der noch nie ich am Altar
Eines Gottes kniete,
Meine Rosen bring ich dar
Dir, oh Aphrodite.
Gottlos lief ich kreuz und quer
Mit beschwerten Sinnen
Hinter leeren Schatten her,
»Wahrheit« zu gewinnen.

Nichts gewann ich und verlor
Meine besten Tage,
Denn sie raunten mir ins Ohr
Immer neue Frage.

Oh die Schatten! Hin und her!
Die verwünschten Spinnen:
Doch ich folge nun nicht mehr
Diesen Fragerinnen.

Dir, die keine Fragen weiß,
Die nur lacht: ich gebe!,
Dir strömt meine Andacht heiß:
Schönheit, sieh, ich lebe!

Liebliche, oh nimm mich hin,
Daß ich neu erwarme;
Aphrodite, Schenkerin,
Nimm mich in die Arme.

Und mein süßes Mädchen lacht
Rosendüftetrunken.
In der schönsten Brüste Pracht
Bin ich hingesunken.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 162-163)
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Letzte Bitte

Laß mich noch einmal dir ins schwarze Auge sehn,
Laß mich noch einmal tief ins heiße Dunkel senken
Den trunkenen Blick, dann will ich weitergehn
Und dich vergessen … Nur in harter Zeit,
Wenn sich der Sehnsucht Augen rückwärts lenken,
Wenn meine Seele nach Vergangenem schreit,
Dann will ich jenes einen Blicks gedenken,
Des liebeheißen, gütereichen Blicks,
Der mir im Bann versagenden Geschicks
Das Herz zu einem schmerzentiefen Glück geweiht.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 52)
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Gefunden

Laue Sommernacht; am Himmel
Stand kein Stern; im weiten Walde

Suchten wir uns tief im Dunkel,
Und wir fanden uns.

Fanden uns im weiten Walde
In der Nacht, der sternenlosen,
Hielten staunend uns im Arme
In der dunklen Nacht.

War nicht unser ganzes Leben
So ein Tappen, so ein Suchen?
Da: In seine Finsternisse,
Liebe, fiel Dein Licht.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 28)
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Leere

Meine Seele ist krank, ich weiß nicht, nach wem,
Meiner Träume Gestalten sind Schleier und Nebel,
Die Stimmen, die ich höre, sind fern und verweht.

Ach, schweifende Sehnsucht ohne Ziel!
Irrflug der Seele!

Ich stehe einsam, seelenverlassen, arm
In weiter Wüste, starre Wolken nach,
Leeren Gebilden der Winde, die ich liebe,
Weil sie wie meine Seele ziellos sind,
Wechselgestaltige, sonnenangeglühte,
Hochfliegende, die immer wieder
Zur Erde müssen.

Und ist doch um mich rings das Leben voll Gestalten,
Das blutgetriebene, blühende, voll von Früchten,
Und manchmal klingen Laute an mein Ohr,
Und im Vorübergehen streift mich manche Hand,
Und heiße Augen seh ich, rote Lippen, leuchtendes Haar,
Gewänder, die von schönen Gliedern hold bewegt sind, -:
Muß ich denn einsam sein?

Ich habe Freunde, die ich neidlos liebe;
Die kahle Not entfloh aus meinem Hause;
Was Große bildeten, darf ich genießen,
Dankbar, nicht mäkelnd, hingegeben, ruhig;
Und, wohl bewußt der Kraft, die mir geworden,
Nicht hastig frech ins Uebermäßige schweifend,
Selbstsicher im Bereiche meiner Kunst,
Füg ich fast mühelos mir zum Genuß
Gebilde an Gebild.

Was seh ich Wolken nach? Was schweifst du irr
Ins ziellos Weite, sehnsuchtkrank, oh Seele?

Ich weiß es wohl, was mich so einsam macht.
Dies alles, das ich habe, ist ein Tand,
Nicht wert, dafür des Morgens aufzustehn.

Du hast die Liebe nicht. Das Wort trifft mich.

Drum bin ich in des Lebens Fülle fremd,
Starr, wurzellos und blicke Wolken nach,
Verwehenden Gebilden ohne Sinn.
Die große Leere und das größte Leid:
Liebloses Leben, kalte Einsamkeit.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 355-356)
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Du, mein Glück

Meine Seele, eine Taube,
Lang verflogen und verirrt,
Regt nun zwischen lauter Blüten
Auf dem schönsten Frühlingsbaume
Ihre Flügel leis vor Glück.

Du mein Baum voll lauter Blüten!
Du mein Glück! Du meine Ruh!
Meiner Sehnsucht weiße Taube
Regt die Flügel, regt die Flügel
Dir im Schoße. Süße! Süße!
Welch ein Wunder: Ich und du!

Aus: Der neubestellte Irrgarten der Liebe.
Um etliche Gaenge und Lauben vermehrt.
Verliebte, launenhafte, moralische und andere Lieder,
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1905
von Otto Julius Bierbaum Insel Verlag Leipzig im Herbst 1906 (S. 54)
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Ein Menuett

Nestwarmweiche Lagerstätte,
Himmelblaues Himmelbette,
Seidenkissen, Spitzenzier,
Rosawolken, mullgebauschte,
Hinter denen Amor lauschte,
Unsrer Liebe, dir und mir,
Kräuselte der Tapezier.

Aus der Ampel quillt in hellen
Morgenrötenrosenwellen
Schmeichelweiches Liebeslicht.
Wie in einem Rosenhaine,
Rose selber, ruht die Meine,
Und von Rosen ein Gedicht
Ihres Busens Heben spricht.

Leise, leise, ihren roten
Lippen Morgengruß geboten.
Augen auf. Bon jour Madam'!
Zweier Sonnen hell Erwachen,
Zweier Sonnen selig Lachen ...
Als ich in den Arm sie nahm,
Amor aus der Wolke kam.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 155-156)
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Freundliche Vision

Nicht im Schlafe hab ich das geträumt,
Hell am Tag sah ichs schön vor mir:
Eine Wiese voller Margeritten;
Tief ein weißes Haus in grünen Büschen;
Götterbilder leuchten aus dem Laube.
Und ich geh mit Einer, die mich lieb hat
Ruhigen Gemütes in die Kühle
Dieses weißen Hauses, in den Frieden,
Der voll Schönheit wartet, daß wir kommen.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 177)
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Fröhliche Zuversicht

Nun ist die Blütenzeit vorbei,
Die grüne Wiese gilbt sich schon.
Vergangen ist der Mai.

Im Busch ein kleiner Vogel singt
Ein lautes Lied vom Glück, vom Glück,
Das nun der Sommer bringt:

Die Blütenfrucht, die junge Brut,
Das stille Reifen überall,
Des Segens schwere Flut.

Vom Nachbarbusch antwortet fein
Das Weibchen seinem Glücksgesang;
Nun singen sie zu Zwein.

Zu Zwein zu Zwein! Das war im Mai,
Da mir das Glück zu Zwein bescheert.
Schnell ging das Glück vorbei.

Es schwand im Blütenüberschwang,
Es hallte leise, leise aus,
Wie ferner Mädchensang.

In meinem Herzen lind und warm
Verglimmt's wie Abendsonnenschein;
Mein Herz ist ohne Harm.

Mit Lachen flog mir fort das Glück,
Ich aber weiß: im nächsten Mai
Kehrt's lachend mir zurück.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 58-59)
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Reichtum

Perlen gleiten durch meine Hand -:
Das war Wasser, das verschwand;
Gold kam über mich hergelaufen -:
Wolkenberge, Wolkenhaufen;
Nichts ist mehr in meiner Hand,
Und ich kann mir garnichts kaufen,
Und mir blieb nur, was ich fand:
Ein Herz für mich, ein Glück für mich,
Zwei Augen, die leuchten: Ich liebe dich,
Und eine Wärme innerlich:
Du, du und ich ...

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 288)
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Devotionale

Schöne du, Erbarmerin,
Weil mir deine Augen lachen:
Nimm mein Lied in Gnaden hin -
Schöne du, Erbarmerin.

Nimm mein Herz in deine Hand,
Wieg mein Lied in Trost und Träume,
Schöne, himmelhergesandt,
Nimm mein Herz in deine Hand.

Alles wird dann ruhig sein,
Denn die Heimat ist gefunden,
Kehrt mein Herz in deinem ein,
Alles wird dann ruhig sein.

Aus: Der neubestellte Irrgarten der Liebe.
Um etliche Gaenge und Lauben vermehrt.
Verliebte, launenhafte, moralische und andere Lieder,
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1905
von Otto Julius Bierbaum Insel Verlag Leipzig im Herbst 1906 (S. 53)
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Flieder
(Erinnerungsblatt an M. M.)

Stille, träumende Frühlingsnacht …
Die Sterne am Himmel blinzelten mild,
Breit stand der Mond wie ein silberner Schild,
In den Zweigen rauschte es sacht.
Arm in Arm und wie in Träumen
Unter duftenden Blütenbäumen
Gingen wir durch die Frühlingsnacht.

Der Flieder duftet berauschend weich;
Ich küsse den Mund dir liebeheiß,
Dicht überhäupten uns blau und weiß
Schimmern die Blüten reich.
Blüten brachst du uns zum Strauße,
Langsam gingen wir nach Hause,
Der Flieder duftete liebeweich …

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 48-49)
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Zwei Liebesbriefe

1.
Über die Ferne hin,
Täler hin, Berge hin,
Durch alle Tage und Nächte hin,
Sing ich zu dir, o Geliebte.
Hörst du mich?

Lausche dem Rauschen der Bäume im Regen,
Lausche dem Winde, der über die Halme
Mit dem zärtlichen Fittiche hinstreift,
Lausche dem holden Munde der Nacht;
Lausche in dich.

Lausche geschlossenen Auges, höre,
Höre dein Herz, das rauschende, höre,
Höre dein Blut: es trägt meine Stimme,
Trägt meine Liebe durch all dein Leben:
Zu dir, um dich
Tönt mein Rufen,
Tönt meine sehnsuchtsvolle Seele,
Die dich sucht.

Über die Ferne hin,
Berge hin, Täler hin,
Durch alle Tage und Nächte hin
Sing ich zu dir, o Geliebte,
Singt meine Seele zu dir.


2.
Wenn mein Herz auch müde ist,
Müde von zu vielen Schmerzen,
Ist dies müdeste der Herzen
Doch zu dir in Glut entbrannt.

Ach, daß du mir ferne bist.

Doch mein Herz ist deiner Güte,
Wie dem Himmelslicht die Blüte,
Sonnenstrahlenzugewandt.

Und so wird durch deine Strahlen
Aller Schmerzen, aller Qualen
Bald mein Herz entladen sein,
Denn der Liebe Licht heilt schnelle.
Sende, spende deine Helle,
Du mein lieber Sonnenschein.

Aus: Der neubestellte Irrgarten der Liebe.
Um etliche Gaenge und Lauben vermehrt.
Verliebte, launenhafte, moralische und andere Lieder,
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1905
von Otto Julius Bierbaum Insel Verlag Leipzig im Herbst 1906 (S. 57-58)
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Schlagende Herzen

Ueber Wiesen und Felder ein Knabe ging;
Kling-klang schlug ihm das Herz,
Es glänzt ihm am Finger von Golde ein Ring,
Kling-klang schlug ihm das Herz.
"Oh Wiesen, oh Felder,
Wie seid ihr schön!
Oh Berge, oh Wälder,
Wie seid ihr schön!
Wie bist du gut, wie bist du schön,
Du goldene Sonne in Himmelshöhn!"
Kling-klang schlug ihm das Herz.

Schnell eilte der Knabe mit fröhlichem Schritt,
Kling-klang schlug ihm das Herz.
Nahm manche lachende Blume mit.
Kling-klang schlug ihm das Herz.
"Ueber Wiesen und Felder
Weht Frühlingswind,
Ueber Berge und Wälder
Weht Frühlingswind.
Im Herzen mir innen weht Frühlingswind,
Der treibt zu dir mich leise, lind!"
Kling-klang schlug ihm das Herz.

Zwischen Wiesen und Feldern ein Mädel stand,
Kling-klang schlug ihr das Herz,
Hielt über die Augen zum Schauen die Hand,
Kling-klang schlug ihr das Herz.

"Ueber Wiesen und Felder
Schnell kommt er her.
Ueber Berge und Wälder
Schnell kommt er her.
Zu mir, zu mir schnell kommt er her!
Oh, wenn er bei mir nur, bei mir nur schon wär!"
Kling-klang schlug ihr das Herz.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 43-44)
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Das grüne Blatt

Vor meinem Fenster weht
Ein Blatt; - der grüne Schein
Soll meine Zuversicht
Und liebe Ruhe sein.

Vor meinem Fenster weht
Ein Blatt. Wir leben so
Im leisen Auf und Ab
Und sind des Schwebens froh.

Vor meinem Fenster weht
Ein Blatt. Mir ist so gut.
Komm an mein Herz, du Grün,
Das solche Wunder tut.

Aus: Der neubestellte Irrgarten der Liebe.
Um etliche Gaenge und Lauben vermehrt.
Verliebte, launenhafte, moralische und andere Lieder,
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1905
von Otto Julius Bierbaum Insel Verlag Leipzig im Herbst 1906 (S. 59)
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Jeanette

I.
Was ist mein Schatz? – Eine Plättmamsell.
Wo wohnt sie? – Unten am Gries.
Wo die Isar rauscht, wo die Brücke steht,
Wo die Wiese von flatternden Hemden weht:
Da liegt mein Paradies.

Im allerkleinsten Hause drin,
Mit den Fensterläden grün,
Da steht mein Schatz am Bügelbrett;
Hoiho, wie sie hurtig den Bügelstahl dreht,
Gott, wie die Backen glühn.

Im weißen Röckchen steht sie da,
Ihre Bluse ist blumig bunt;
Kein Mieder schnürt, was drunter sich regt,
Sich wellenwohlig weich bewegt,
Der Brüste knospendes Rund.

II.
Im alten Ton
Der Frühling kam, die Knospen sprangen,
Da bin ich auf die Wiese,
Ja Wiese,
Alleine hinausgegangen.
Ich ging allein
Und kam zu Zwein:
Mit einem holden Kinde;
Das hab ich geküßt auf den roten Mund
Wohl unter der grünenden Linde,
Dem hab ich den Blick in die Augen gesenkt,
Das hat mir seine Liebe geschenkt
Und hat mir gelacht
Zum Lohn bei der Nacht,
Zur Seite geschmiegt mir im Bette:
Ein Waschermadl ist mein Schatz,
Mein brauner, mein wilder, mein lustiger Schatz,
Und heißt Jeanette!


III.
In enger Kammer
Ein Bett, ein Stuhl, ein Tisch, ein Schrank,
Und mittendrin ein Mädel schlank,
Meine lustige, liebe Jeanette.
Braune Augen hat sie, wunderbar,
In wilden Ringeln hellbraunes Haar,
Kirschroter Lippen ein schwellend Paar, -
Jeanette! Jeanette!
Am Fensterbrett ein Epheu steht,
Durch grüne Geranke die Liebe späht,
Meine lustige, liebe Jeanette.
Thüre auf: da liegt mir am Hals das Kind.
Alleine wir beiden, es singt der Wind
Das Lied von Zweien, die selig sind, -
Jeanette! Jeanette!

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 40-42)
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Erwachen in den grellen Tag
(Ein Vorgesicht.)

Was war das für ein wunderreicher Traum!
Er hat mein Herz so innig warm beglückt ...

Er führte mich auf grüne Wiesen aus
Voll Frühlingsblumen, - jeder Blüte gab
Von Sonnengold er einen Glorienschein.
Hell war der Himmel und unendlich weit,
Leis wimpelte von säftevollen Zweigen,
Die glänzend überquollen in dem Licht
Des jungen Lenzen, unberührtes Grün.

Und alles war voll Glück, voll Glück auch ich;
Ein Sonnenstäubchen Glück: so fühlt ich mich.
Und durch die Welten wirbelte ich hin;
Licht war mein Herz, und meine Augen Glanz.

Die Wiese mit den Blumen ... Langsam schritt
Ich durch das grüne Rauschemeer, ich führte
Am Arm ein Mädchen, und an meiner Brust
Hört ich ein Klopfen, das wie Liebe klang,
So fragend zag und bittebang und tief;
Und zweier Augen heiße Seligkeit,
Ein Rosenhimmel, aller Gnaden voll,
Sah mir ins Herz und hellte mir ein Glück,
Das nie ich wußte, das mein Sehnen war
Durch lange, arme, liebeleere Zeit.

Das war die Liebe.

Leise wie ein Traum
Ist sie durch Seele mir und Sinn geweht,
Und ich war selig. Rosen sah ich rings,
Und Rosen deckten mir die ganze Welt,
Die Welt voll Gräuel, Traumesrosen deckten
Mit Blütenranken mir die Wahrheit zu.

Die Sonne sah ich nur: ich sah nur dich;
Die Augen gingen über mir vor Glanz,
Ergießen wollte sich das Herz vor Glück,
Bang überselig strömen in den Tod, -
Da wacht ich plötzlich unter Thränen auf.

Was ich als Sonne selig angesehn,
Als aller Liebe, aller Schönheit Herd -
Ein einziger Blick verriet mir blitzesgrell,
Daß eine Lüge meine Sonne war,
Ein schöner, böser, liebeleerer Stern.

Der Traum ist aus. Ich starre in mein Herz,
Ich weine in mein Herz: die Thräne fällt
In einen Krater, krustig ausgebrannt.
Der heiße Lavastrom der Liebe ward
Zu Stein.

Ich will die Tage nutzen. Kalt
Will deine Lüge ich einmeißeln ihm.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 282-284)
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Weißt du noch?

Weißt du noch: das kleine Haus
Zwischen Wald und See und Feld?
Eine alte Eiche hält
Wacht davor.

Weißt du noch: das Zimmerchen?
Wie ein Käfig war es klein,
Nur ein Tisch, ein Stuhl und ein
Kanapee.

Weißt du noch: die Dämmerung?
Glockenklang vom Kloster her …;
"Nun laß ich dich nimmermehr!"
Weißt du noch?

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 4)
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In einer dunklen Nacht

Wenn dieser Körper einst zerfallen ist,
Seele, du meine Seele,
Träumst du dir einen andern Leib?
Lebst du auf einem andern Stern?
Treibst du aus deinem Drange, der die Schönheit will,
Blumen, Bäume?

Oh meine Seele, wenn du nicht vergehst,
Dann bleib bei ihr, die mir das Leben lieber macht
Als alle Schönheit.

Umblühe sie,
Umhüte sie,
Laß alle Sterne, alle Seligkeit
Und bleibe bei ihr.

Und wenn auch sie dann, wachgeküßt vom Tod,
Sich selbst in ihrer tiefsten Reinheit lebt,
Dann geh in sie und gieb dich selber hin,
Sei eins mit ihr.
Das ist die Seligkeit, die ich dir hoffe,
Meine Seele.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 287-288)
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Aus der Ferne in der Nacht

Wenn im braunen Hafen
Alle Schiffe schlafen,
Wach ich auf zu dir.
Stille in der Runde,
Heilig diese Stunde,
Denn sie bringt dich, atemhaltend, mir.

Stehst in Mondeshelle
Wartend an der Schwelle,
Und ich fühle dich;
Komm', daß ich dich halte,
Deine Seele walte
Ueber meinen Träumen mütterlich.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 6)
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Sehnsucht

Wie eine leise Glocke klingt
Die Sehnsucht in mir an;
Weiß nicht, woher, wohin sie singt,
Weil ich nicht lauschen kann.

Es treibt das Leben mich wild um,
Dröhnt um mich mit Gebraus,
Und mählich wird die Glocke stumm,
Und leise klingt sie aus.

Sie ist nur für den Feiertag
Gemacht und viel zu fein,
Als daß ihr bebebanger Schlag
Dräng in die Lärmluft ein.

Sie ist ein Ton von dorten her,
Wo alles Feier ist;
Ich wollte, daß ich dorten wär,
Wo man den Lärm vergißt.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 6-7)
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Gavotte des Verliebten

Wie ging ich durch mein Leben hin?
An einem roten Bande;
Dran führte mich meine Königin
Durch lauter selige Lande.
Bald auf, bald ab, bald quer, bald krumm,
Mal rechtsherum, mal linksherum,
Doch stets am Liebesbande.

So war ich Knecht mein Leben lang?
Der Knecht am roten Bande?
Oh nein: es war ein Königsgang
Durch unterworfene Lande;
Ein Königsgang, ein Königstanz,
In freier Kraft durch Glück und Glanz
Am roten Liebesbande.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 90)
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Metamorphosen

Winterkrank war meine Seele,
Und sie kroch wie eine faule Kröte
Zwischen kalten Steinen.

An den leeren Stunden klebte sie
Wie eine müde Fliege am angelaufenen,
Undurchsichtigen Fensterglas.

Sonst war meine Seele ein Schmetterling,
Ein leichter, feiner, blütenverliebter Schmetterling,
Der sich im Sonnenscheine von weichen Winden
Gerne tragen ließ, wie ein Blumenblatt;
Und er steckte sein Saugrüsselchen gerne in alle Süßigkeit,
Und er berauschte sich gerne am Tausendblumengeist,
Und im offenen, samenstaubduftigen Schoße üppiger,
Buttergelber Rosen schlief er gerne,
Der sorgenlose, leichtsinnige,
Frei schwebende Schmetterling meiner Seele.

Weißt du noch, meine Seele, wie du zum letztenmale
Schmetterling warst?

Das war ein heller, herber Tag,
Hell wie ein braunes Mädchenauge,
In dem der Spott lacht:
"Liebe, - was ist denn das?"

Solch ein Tag wars: Herbstbeginn.

Da flogst du, meine leichtgläubige Seele,
Durch die kalte Helligkeit und suchtest Blüten;
Aber fallende Raschelblätter,
Niederzitternd in zagender Schwäche,
Störten deinen Flug, und du wurdest verzagt
Und frorst in dieser leeren Helle.

Da wurdest du ein kriechendes Thier, meine Seele,
Und du hast dich verkrochen vor dem lieblosem Winter
Und dumpf geschlafen.

Ohne Seele,
Ohne Liebe,
Ohne Rausch und Taumel ging ich
Durch diesen Winter, ein verdrossener Krüppel,
Und sah ich die Sonne, so fragte mein Auge:
"Was soll diese blinde, angelaufene Scheibe?"

Ein einziges, großes Elend war mir dieser Winter.

Da, mitten in der Nacht,
Gestern,
Wachte meine Seele auf, und ich fühlte es hell:
Sie hob Flügel wieder, meine Seele,
Und sie ist wieder Schmetterling.

Und ich weiß: Zwei blaue, leuchtende Blumen
Sucht sie, und nie noch kostete sie solche
Süßigkeit, wie in diesen beiden
Blauen Blumen ist.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 127-129)
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Nachtgang

Wir gingen durch die dunkle, milde Nacht,
Dein Arm in meinem,
Dein Auge in meinem;
Der Mond goß silbernes Licht
Ueber dein Angesicht;
Wie auf Goldgrund ruhte dein schönes Haupt,
Und du erschienst mir wie eine Heilige: mild,
Mild und groß und seelenübervoll,
Gütig und rein wie die liebe Sonne.
Und in die Augen
Schwoll mir ein warmer Drang,
Wie Thränenahnung.
Fester faßt ich dich
Und küßte -
Küßte dich ganz leise, - meine Seele
Weinte.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 107-108)
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Einem schönen Mädchen unter sein Bildnis

Wo sah ich das doch schon einmal?
Dies zart und liebliche Oval,
Die großen Augen tief und klar,
Dies bogenfeine Lippenpaar
Und diesen Strudel Lockenhaar?

Wo, wo? Und plötzlich seh ichs licht:
In Form und Farben ein Gedicht,
Das Botticellis teure Hand
Gedichtet auf die Leinenwand.

Stand lange in Florenz davor,
Mich ganz in Schauens Lust verlor,
Andächtig zu der klaren Kraft,
Die uns in Schönheit Tröstung schafft.

Denn aller Schönheit höchste Huld
Ist Trost und Stille und Geduld.
Wer recht zu sehen weiß, der spürt
Sein Herz von Schwingen angerührt,
Die himmelher und heilig sind.
Ihr Wehen ist so lieb und lind
Wie Mutteratem über der Wiegen;
Du fühlst dich eingebettet liegen,
Liebeeingefriedet wie ein Kind.

Dem Meister, der so hohes gab,
Legt Dankbarkeit den Kranz aufs Grab;
Der Schönheit, die ins Leben blüht,
Naht sich mit Wünschen das Gemüt:

Sei nicht bloß Schenkerin -: Beschenkte auch!
Im eignen Innern wohne dir der Hauch,
Den Schönheit atmet: Friede sei dein Teil!
Du lieb Gesicht, halt deine Seele heil!

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 100-101)
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Alter Glückszettel

Zwischen Hetzen und Hasten,
In Lärmen und Lasten,
Von Zeit zu Zeit
Mag gerne ich rasten
In Nachdenklichkeit.

Fliege, fliege, mein Denken, zurück,
Suche, suche: in heimlichen Ecken
Dämmerbrauner Vergangenheit
Mag wohl von verklungenem Glück
Blinkend ein Blättchen stecken.

Und ich suche in meinem Andenkenkasten.
Zwischen Bändern und Briefen,
Die lange schliefen,
Aus trockenen Blumen und blassen Schleifen
Will ich mir was Liebes greifen.

Da fand einen Zettel ich, bleistiftbeschrieben,
Der hat mir die Wärme ins Herz getrieben.
Was stand denn da?
Von meiner Hand:
I mag Di gern leid'n; Du: Magst Du mi aa?,
In schmächtigen Zügen darunter stand:
Ja.

In Lärm und Last,
In zager Zeit
War mir ein Gast
Aus Glückseligkeit
Dies kleine Ja der Vergangenheit.

Aus: Otto Julius Bierbaum – Irrgarten der Liebe.
Verliebte launenhafte und moralische Lieder
Gedichte und Sprüche aus den Jahren 1885 bis 1900
Im Verlage der Insel bei Schuster und Loeffler Berlin und Leipzig 1901 (S. 142-143)
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Biographie:

http://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Julius_Bierbaum

 

 

 


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