Anna Löhn-Siegel (1830-1912) - Liebesgedichte

Anna Löhn-Siegel

 

Anna Löhn-Siegel
(1830-1912)



Der Veilchenpflücker


Sie sprach: "Ich möcht 'nen Veilchenstrauß,
Gepflückt von deiner Hand!"
Da ritt ich flugs in's Feld hinaus,
Bis daß ich Veilchen fand.
Mein Rößlein band ich an den Baum
Und bückte mich in's Gras,
Doch wie ich dort im Liebestraum

Recht emsig pflückend saß -
Da riß mein Pferd sich plötzlich los
Und nahm mit Hast Reißaus.
Ich fügte still mich in mein Los
Und sprach: 's gilt ihrem Strauß!
Der Lohn ist süß, der meiner harrt,
Sie küßt die Veilchen gar,
Dann droht sie mir nach Schelmenart
Und reicht den Mund mir dar.

Dem Rosse folgt' ich lange Zeit,
Und rief und lockte sehr.
Durch Wald und Wiesen lief ich weit,
Doch sah ich's nimmermehr.
Und finster ward's, ich kam nach Haus
Nach manchem Sprung und Sturz -
Was sagte sie zu meinem Strauß?
"Die Stiele sind zu kurz!"

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Gedicht aus: Unsere Frauen in einer Auswahl aus ihren Dichtungen
Poesie-Album zeitgenössischer Dichterinnen
Von Karl Schrattenthal
Mit zwölf Porträts in Lichtdruck
Stuttgart 1888 (S. 285)


Biographie:

Löhn-Siegel, Frau Maria Anna, früheres Ps. Lork Alban, Willibert von Herrigau, Dresden, Moltkeplatz 5, ist am 30. November 1830 zu Naundorf bei Freiberg in Sachsen als Tochter eines lutherischen Geistlichen geboren. Der sehr gelehrte Vater gab ihr eine gründliche, ja eine klassische Bildung. Schon mit fünfzehn Jahren dichtete sie in den Versmassen des Agamemnon des Aeschylus ein Drama: Odysseus auf Ogyia.
Ihre Neigung für dramatische Poesie veranlasste sie, Schauspielerin zu werden. Sie wirkte als solche auf verschiedenen Bühnen und gehörte zuletzt 21 1/2 Jahre der Dresdener Hofbühne an.
Im Jahre 1872 verheiratete sie sich mit dem ihrem langjährigen litterarischen Freunde, dem Chefredakteur der Dresdener Konstitutionellen Zeitung Dr. Franz Siegel, an dessen Blatt sie bereits zehn Jahre mitgewirkt hatte und entsagte der Bühne. Die glückliche Ehe fand durch den im Jahre 1877 erfolgten Tod ihres Gatten ein frühzeitiges Ende.
Seitdem lebt die Dichterin nur in ihren geistigen Interessen und poetischen Arbeiten und wirkt mit Eifer für den von ihr im Jahre 1870 ins Leben gerufenen Ersten Dresdener Frauenbildungsverein.

aus: Lexikon deutscher Frauen der Feder.
Eine Zusammenstellung der seit dem Jahre 1840 erschienene Werke weiblicher Autoren, nebst Biographieen der lebenden und einem Verzeichnis der Pseudonyme. Hrsg. von Sophie Pataky
Berlin 1898

siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Anna_Löhn-Siegel


 

 


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