Alfred Meißner (1822-1885)  - Liebesgedichte

Alfred Meißner



Alfred Meißner
(1822-1885)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 

 

Die todte Geliebte

Die Geister alter schöner Zeit beschwören
In meiner Brust die Herrlichste der Todten,
Und wie gewohnt im Trotze gen Despoten,
Fühl' ich mein Herz sich gegen Gott empören:

Und ihm zuruf' ich's, daß er's möge hören:
Von den Gedanken, die im Geist dir lohten,
War sie der schönste! Uns war sie geboten,
Wie durftest du das holde Bild zerstören?

Ob Sterben das Gesetz des Weltenrundes -
Was kümmert's mich! Mir bringt es nicht Versöhnung,
Ich werd' um sie doch ewig mit dir streiten.

Schon daß der kleinste Schönheitszug des Mundes
Verloren ging, ist gräßliche Verhöhnung,
Denn was so schön, ist werth Unsterblichkeiten.


aus: Gedichte von Alfred Meißner
Zweite stark vermehrte Auflage
Leipzig Friedrich Ludwig Herbig 1846 (S. 225-226)
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An Eine

Die Lilje in der Gruft
Geheimnißdunkler Haine,
Sie hat für ihren Duft
Den Wald im Mondenscheine!

Die holde Nachtigall
Fern, fern von Menschensteigen,
Sie hat für ihren Schall
Die Nacht mit ihrem Schweigen.

So hab auch ich, die bang
Klagende Philomele
Für meinen tiefsten Sang
Eine noch tiefere Seele.

Ob's Herz mir brechen will,
Wohin ich irr' und gehe,
Ich fühle ihre still
Beseligende Nähe.

Der Zauber, den sie zieht,
Gleicht auch dem Mondenscheine,
Sie hört auch dieses Lied
Und weiß, daß ich sie meine!


aus: Gedichte von Alfred Meißner
Zweite stark vermehrte Auflage
Leipzig Friedrich Ludwig Herbig 1846 (S. 267-268)
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Seufzer

Du bist so schön! Dürft' ich dir sagen
Wie tief mein wundes Herz dich liebt,
Wie es mit Klagen und Verzagen
Sich schmerzlich dir zu eigen giebt!

Es ruht im Schatten der Gedanken
Mein dunkler Geist, ein tiefer See -
Blickst du wie Mondlicht ob dem Kranken,
Entführt, entführt ist alles Weh.

Wie aus dem See ein Zug von Schwänen
Aufrauscht aus meiner Brust das Lied -
Du bist das Land, zu dem ein Sehnen
Es über weite Meere zieht!

Fahr wohl, fahr wohl! Vom Bann der Schmerzen
Bleib' ich für immer unterjocht,
Daß ich dich sah, und dir im Herzen
Gefühl zu wecken nicht vermocht.

aus: Gedichte von Alfred Meißner
Zweite stark vermehrte Auflage
Leipzig Friedrich Ludwig Herbig 1846 (S. 265-266)
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Trauriger Gang

Du schöner, friedvoller Abend,
Du strömest dich aus in Licht
Die Herzen alle erlabend,
Nur meines, nur meines nicht.

Der Strom mit den tausend hellen
Goldlichtern rauschet so süß,
Es ist als gingen die Wellen
Noch heute in's Paradies!

Ich aber wandle trübe
Am Strande und finde nicht Ruh,
O Geist unglücklicher Liebe
Was wühlet und quälet wie du!

Ich frage: und ahnt sie die Qualen
Nicht deiner schlaflosen Nacht,
Und weißt sie nicht wie die Strahlen
Ihres Auges dich elend gemacht!

Sie sieht doch die Seele jammern
In deinem brechenden Blick,
Die zagende Hoffnung sich klammern
An ein versinkend Geschick!

Was stößt sie dich, armen Schwimmer
Nicht stumm in die Flut und still,
Wenn sie an ihr Herz dich nimmer
Und nimmer dich retten will? -

Aufrauschet das schwarze Gewässer,
Es ruft mich zu sich herein,
Ein rasches Sterben wär' besser
Als solche bangende Pein!


aus: Gedichte von Alfred Meißner
Zweite stark vermehrte Auflage
Leipzig Friedrich Ludwig Herbig 1846 (S. 274-276)
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An meine Rose

Du, meine schöne junge Rose,
Die mir an's Herz das Schicksal warf,
Daß nun das Herz, das hoffnungslose,
Nicht mehr in sich verzagen darf,

Du bringst mir meinen Frühling wieder,
In frische Purpurglut getaucht,
Es ist dein Duft, der diese Lieder
Mit neuer Ahnung süß durchhaucht.

Daß leuchtend meine Stirne werde,
Blickst du mich an, du milder Trost -
Dein Lächeln ist ein Kind der Erde,
Das mit den Engeln Gottes kos't!

Daß ich in's große Loblied stimme,
Hebt mich dein Wort an's Licht empor -
Wie an der Blume hängt die Imme,
An deinen Lippen hängt mein Ohr.

Mit deinem blühenden Gewinde
O deck' mein wundes Herze zu,
Daß sich's in Rosenglut entzünde,
So jung und schön, so rein wie du!


aus: Gedichte von Alfred Meißner
Zweite stark vermehrte Auflage
Leipzig Friedrich Ludwig Herbig 1846 (S. 19-20)
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Begegnen
(An H.)

Eine Silberlichtspur folgt dem Kahn
In der stillen Nacht auf seiner Bahn -
So ließ dein Erscheinen eine helle
Spur in meines Lebens dunkler Welle.

Jene Spur, die in den Wassern ruht,
Wird verschwinden mit der nächsten Fluth,
Doch die schöne Lichtspur im Gemüthe,
Tilgt für's Leben keines Sturms Gewüthe.


aus: Gedichte von Alfred Meißner
Zweite stark vermehrte Auflage
Leipzig Friedrich Ludwig Herbig 1846 (S. 264)
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Abschied

Gebrochnes Herz, zerriss'nes Leben,
Gefallner Engel, stumm und blaß,
Dem ich an Rosen wollte geben,
Was eine junge Brust besaß;
Geliebtes Unglück schöner Tage,
Geknickte Lilje, irrer Geist,
Der heute ohne Wort der Klage
Sich von dem treu'sten Herzen reißt -

Ich hab' kein Recht, mit dir zu grollen,
Und hab' für dich kein zürnend Wort,
Trugst du der Brust, der stürmevollen,
Auch ihren letzten Frieden fort.
Du hast's gewollt! Wohlan, wir scheiden,
Ich hab' für dich noch ein Gebet -
Ein Wort nennt alle unsre Leiden:
Wir fanden uns zu spät, zu spät!

Daß ich dich damals nicht getroffen,
Als sie vom Frost noch nichts gewußt,
Die keinen zweiten Lenz darf hoffen,
Die Blume: Herz der Menschenbrust;
Daß dich ich damals nicht gefunden
Im Märchenwald der Poesie,
Als du noch rein und ohne Wunden,
Verzeih' ich meinem Schicksal nie.

So aber war vom Wetterschlage
Zu früh dein schönes Herz geknickt,
Und nichts, als herbstlich-kurze Tage
Hat unsre Liebe uns geschickt.
Wie heiß auch meine Sonnen lohten,
Sie weckten späte Rosen nur,
Von deinem Lenz, dem kurzen, todten,
Sind sie die letzte blut'ge Spur.

Auf deiner Stirne mußt' ich's lesen,
Als du mir stumm im Arm geruht,
Daß all' dein Lieben nichts gewesen,
Als Wiederschein von meiner Glut.
Erwacht beim jungen Morgenrothe,
Fand ich dich kalt und abgehärmt,
Und sah, daß ich nur eine Todte
Für kurze Zeit an mir erwärmt.

Dem Flüchtling gleich, dem Mann des Wehes,
Der, müd' gehetzt, mit wundem Fuß,
Sein schönes Kind im Reich des Schnee's
Halb Leiche schon verlassen muß -
So lass' auch ich auf meinem Gange
Dich qualvoll, mit gebrochnem Blick,
Erstarrend und mit bleicher Wange,
Unrettbar hier dem Frost zurück.

Leb' wohl! Du warst mein ganzes Leben,
Den besten Segen auf dein Haupt!
Mag dir der Himmel mild vergeben,
Daß du an Liebe noch geglaubt.
Ich sag' in dir mit tausend Schmerzen
Der Zukunft und der Seligkeit
Und dem Vertrau'n auf Menschenherzen
Ein Lebewohl für alle Zeit.

aus: Gedichte von Alfred Meißner
Zweite stark vermehrte Auflage
Leipzig Friedrich Ludwig Herbig 1846 (S. 15-18)
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Der Seelenkranke

Ich träumte lang und war der Schmerzen Beute
Ich bin erwacht und fühle mich genesen,
Ich harre dein – wann kommst du süßes Wesen?
Schon hallt von Dom das stille Nachtgeläute.

Sieh wie mein Stübchen prangt! heut Morgens streute
Ich Bänder bunt und Blumen auserlesen
Hin auf mein Bett, wie ich gewohnt gewesen,
Wenn du verschämt versprachst: ich komme heute.

Du kommst heut nicht, und ich, ich soll dich hassen!
Du gingst von mir, weil ich ein Sohn der Noth,
Weil meine Wangen täglich mehr erblassen.

Du hast dich zwischen Spät- und Morgenroth
Von einem andern Buhlen küssen lassen
Die fremden Menschen nennen ihn: den Tod.

aus: Gedichte von Alfred Meißner
Zweite stark vermehrte Auflage
Leipzig Friedrich Ludwig Herbig 1846 (S. 223-224)
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Ein Traum

Ich war ertrunken in des Todes Wogen
Und wieder auferwacht im ew'gen Lichte,
Rings um uns stand die Wahrheit der Gedichte -
Ich sah mit dir herab vom Himmelsbogen.

Da in der Tiefe kam ein Stern gezogen,
Ein Stern, zertrümmert bei dem Weltgerichte;
Du sah'st ihn nah'n mit irrem Angesichte,
Von des Entsetzens Blässe überflogen.

Ich sah, wie dir die blasse Rosen-Wange
Zwei helle Thränen still herniederglitten,
Und leise sprachst du, aber todesschaurig:

Siehst du den Irrstern dort auf seinem Gange?
Die Erde ist's, wo wir so viel gelitten -
Sie macht mein Herz selbst hier im Himmel traurig.

aus: Gedichte von Alfred Meißner
Zweite stark vermehrte Auflage
Leipzig Friedrich Ludwig Herbig 1846 (S. 215-216)
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Komm fort mit mir

Komm fort mit mir und werde mein,
Ich weiß ein fernes stilles Thal.
Dort sarge deine Toten ein,
Dort ruhe aus von deiner Qual.

Steh' auf in deines Bahrtuchs Zier,
Steh' auf in deiner Todesruh',
Steh' auf, sei stark und folge mir,
Ich küss' dir deine Wunden zu.

Du bist erstarrt – ich habe Glut,
Du bist ein Kind – ich bin ein Mann,
Du trägst nur Dornen, feucht von Blut:
Nimm meine jungen Rosen an!

Verschmähst du mich, du Heil'genbild,
So welkst du hin in Frost und Nacht,
Ich aber falle ohne Schild,
Mit Zorn und Fluch in wilde Schlacht.

Du brauchst den Arm, im Kampfe fest,
Den Mund mit heißlebend'gen Hauch,
Die Brust, an der sich's schlummern läßt,
Und ich, mein Kind, bedarf dein auch.

Sei du der Geist, der für mich fleht,
Mein Sinn ist finster – sei mein Licht,
Ich bin nicht fromm – sei mein Gebet,
Ich schwiege gern – sei mein Gedicht!

aus: Gedichte von Alfred Meißner
Zweite stark vermehrte Auflage
Leipzig Friedrich Ludwig Herbig 1846 (S. 9-10)
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Nachtwache der Liebe

Nachtwache der Liebe, du Sabbat im Herzen,
Du singende, herzenverjüngende Zeit,
Du Weihnacht bei duftigen, luftigen Kerzen,
Sei ewig und ewig gebenedeit!

Ein Wandeln im Schatten wildrauschender Palmen,
Ein Schaukeln im Kahne in träumender Ruh,
Ein Beten im Dome bei hallenden Palmen,
Nachtwache des liebenden Herzens, bist du!

Sie schloß mich an sich mit den blühenden Armen,
Sie haucht' mir in's Ohr ein unsterbliches Wort -
Ich kniete und flehte: o habe Erbarmen,
Und küss' mir die zagende Seele nicht fort!

Nun wandl' ich im Dämmerlicht blühender Bäume,
Ich fasse der Nachtigall Jubel und Schmerz,
Ich zähle die Sterne, ich wache und träume -
Ein schwebender Stern ist mein seliges Herz.

Nachtwache der Liebe, du Hoffen und Wähnen,
Du Sabbat im Herzen, du heilige Zeit,
Du Seligkeit nächtig verrinnender Thränen,
Sei ewig und ewig gebenedeit!


aus: Gedichte von Alfred Meißner
Zweite stark vermehrte Auflage
Leipzig Friedrich Ludwig Herbig 1846 (S. 22-23)
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Wunsch

O könnte doch an deinen Blicken,
Der Welt entrückt und ungesehn,
Des Dichters Seele in Entzücken
Wie ein Phantom der Nacht vergehn!

Und könnt' dies Herz mit seinen Gluten,
Mit seiner Qual und seinem Wahn,
Sich still und heiß in dir verbluten,
Wie dort die Sonn' im Ocean!


aus: Gedichte von Alfred Meißner
Zweite stark vermehrte Auflage
Leipzig Friedrich Ludwig Herbig 1846 (S. 21)
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O laß das Klagen

O laß das Klagen und Verzagen,
Blick nicht so bang zu mir hinan,
Ich kann dir, Arme, selbst nichts sagen
Von unsres Schiffes Ziel und Bahn.
Die See geht hoch. Trüb scheint die Ferne
Der Zukunft sich uns aufzuthun -
Laß du mich unter meinem Sterne
In meines Kummers Mantel ruhn.

Ich kann nicht lieben wie du foderst,
Das Leben hat mein Herz gekühlt,
Die Glut, in der du still verloderst
Ich Harter hab' sie nie gefühlt.
Mein Lieben ist Gewitterblitzen,
Ein Sturm ist meine Poesie -
Mein ganzes Herz willst du besitzen?
Mein ganzes Herz verschenk' ich nie!

Du bist nicht glücklich. Wonn' und Elend
Zerwühlen dir des Herzens Grund,
Und das Gewissen mahnt dich quälend,
Daß weltverdammt ist unser Bund.
Ein Elfengeist warst du hienieden,
Nur für ein stilles Glück gemacht,
Und findest nun beseelten Frieden
Auch nicht für eine kurze Nacht.

O daß aus deinem süßen Munde
Sich je das süße Wort verirrt,
Daß einst in dunkelselger Stunde
Dein schönes Herz noch brechen wird!
Nun bist du fest an mich gekettet,
Gekettet bis dein Auge bricht,
Und von dem düstern Freunde rettet
Selbst eines Kampfes Qual dich nicht!

Dein stilles Hüttlein unter Reben -
Es hat doch einst mein Herz gerührt -
Was hab' ich in ein stürmisch Leben
Unsel'ger, dich hinausgeführt?
Bei Donnerfall und wilden Wettern
Treibt's mich hinaus in Lust und Kraft
Bis an die Felsen uns zerschmettern
Die Wogen meiner Leidenschaft!


aus: Gedichte von Alfred Meißner
Zweite stark vermehrte Auflage
Leipzig Friedrich Ludwig Herbig 1846 (S. 67-69)
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Nur einmal noch!

O nicht zu nennen und zu tragen
Ist dieses Meiden und Entsagen
In jeder Stunde Qual und Beben,
Nicht sterben können und nicht leben!

Nur einmal noch möcht' ich sie sehen
Und dann für ewig untergehen,
Nur einmal noch an's Herz sie pressen,
Dann aber taumeln in's Vergessen.

Das braune Haar, die bleichen Wangen
Die Hände, die so sanft umfangen,
Die Stirn voll Wehmuth und Entzücken
An meine Brust noch einmal drücken.

Nur einmal noch möcht' ich es hören
Ihr heitres Flehn und Liebeschwören,
Nur einmal noch in sel'gen Peinen
An ihrem schönen Herzen weinen.

Armselig Herz, voll Blut und Wunden
Am harten Flammenpfahl gebunden.
O fleh den Herrn: auf deinen Steigen
Sie nur noch einmal dir zu zeigen.

Ob auch im Traum! Auf neuen Schwingen
Wird sich hinan die Seele ringen
Wie Märtyrer beim Palmenfächeln
Noch im Verscheiden wirst du lächeln.

aus: Gedichte von Alfred Meißner
Zweite stark vermehrte Auflage
Leipzig Friedrich Ludwig Herbig 1846 (S. 26-27)
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Nachwirkung

Sie ist gegangen, die Wonnen versanken,
Nun glühen die Wangen, nun rinnen die Thränen;
Es schwanken die kranken,
Die heißen Gedanken,
Es pocht das Herz in Wünschen und Sehnen.

Und hab ich den Tag mit Andacht begonnen,
Tagüber gelebt in stillem Entzücken,
So leb ich jetzt träumend
Die Arbeit versäumend
Von dem was sie schenkte in Worten und Blicken

So hängen noch lang nach dem Scheiden des Tages
In schweigender Nachtluft, beim säuselnden Winde
Die Bienlein wie trunken
Und wonneversunken
An zitternden Blüthen der duftigen Linde.


aus: Gedichte von Alfred Meißner
Zweite stark vermehrte Auflage
Leipzig Friedrich Ludwig Herbig 1846 (S. 277-278)
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Das Gespenst im Herzen

Unselig ist, wer liebt und nie besessen,
Unsel'ger noch, wer Liebe nie empfunden,
Den aber hält das ärgste Weh umwunden,
Wer nicht mehr liebt und doch nicht kann vergessen.

Mit altem Glück und Wonnen unermessen
Vorhöhnen ihn die Geister alter Stunden,
Und er, an der Erinn'rung Rad gebunden
Muß an's verwaiste Herz die Hände pressen.

Beim Festgelag, im Lenz, bei frohem Mahle
Tritt wie ein Geist vor ihm die todte Liebe,
Und klirrend fällt aus seiner Hand die Schale.

Er wankt hinaus ein starrer Mann der Schmerzen,
Kein Ort so grün, daß er dort heimisch bliebe -
Ach todte Lieb' ist ein Gespenst im Herzen.

aus: Gedichte von Alfred Meißner
Zweite stark vermehrte Auflage
Leipzig Friedrich Ludwig Herbig 1846 (S. 219-220)
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Entfremdung

Wenn sie, die weinend sich geweiht zur Deinen,
Sich nach gegeb'nen Eiden läßt verführen
Und treulos von dir geht – laß dich's nicht rühren,
Sie ist's nicht werth! ja laß dein Herz versteinen.

Doch wenn ein Weib, die Reinste bei den Reinen,
Allmälig blaß wird unter deinen Schwüren,
Bis kalt ihr Wort und kalt ihr Kuß zu spüren -
Dann, Einstgeliebter, darfst du weinen, weinen.

Sie geht von dir und doch ist's kein Verbrechen,
Die Liebe welkt, wie Wangen sich entfärben,
Sie wird dir treulos und du kannst's nicht rächen.

Ich, der's erlebt, will hier die Hand erheben!
Weil ich an solchem Schmerz nicht konnte sterben,
Will ich mit ihm bis an mein Ende leben.


aus: Gedichte von Alfred Meißner
Zweite stark vermehrte Auflage
Leipzig Friedrich Ludwig Herbig 1846 (S. 213-214)
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Frei und heilig

Wie ein Märchen spinnt die Lust
Mich in ihre goldnen Fäden -
Stürze warm an meine Brust,
Du mein Traum aus fernem Eden!

Du bist mein, und daß du's bist,
Ahnt kein Herz im Weltgetriebe,
Ohne Schwur und Fessel ist
Frei und heilig unsre Liebe!

Frei und heilig! wunderbar
Küßt dies Wort die Seele offen -
So hat einst das erste Paar
Sich im Paradies getroffen.

Ohne Schwur und Fessel mein,
Mein nur durch der Geister Walten,
Und so mein' ich, daß ich rein
Dich aus Gottes Hand erhalten.


aus: Gedichte von Alfred Meißner
Zweite stark vermehrte Auflage
Leipzig Friedrich Ludwig Herbig 1846 (S. 5-6)
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Erstes Erblicken

Ich hab' Dich immer nur gesehen
Von einem Schleier überwallt,
Der wie ein Duft mit leisem Wehen
Umspielte Deine Huldgestalt.

Ob er der Anmut vollen Schimmer
Verhüllte, dennoch liebt' ich ihn,
Den Schleier, der ein Bild mir immer,
Jungfräulichkeit, von Dir erschien!

Ist's doch der Reiz der Mädchenseele,
Daß auch auf ihr ein Schleier liegt,
Nicht, daß er bergend etwas hehle,
Doch mildernd alles sanft umschmiegt.

Da - plötzlich im erhellten Saale
Seh' ich Dich stehn in Schmuck und Glanz
Und jetzt erst, jetzt zum ersten Male,
Wie schön Du bist, begreif' ich ganz!

Mein Herz erfaßt's mit holdem Beben,
Du bist wie schleierloses Glück!
Doch wär's auch besser - für mein Leben
Wünscht' ich den Schleier nicht zurück!

Und mit Gedanken, wonnig tötend,
Denk' ich: Wie wird einst jenem sein,
Vor dem den Schleier Du errötend
Senkst, Mädchen, von der Seele Dein!

aus: Deutsche Lyriker seit 1850
Mit einer litterar-historischen Einleitung
und biographisch-kritischen Notizen
Herausgegeben von Dr. Emil Kneschke
Siebente Auflage Leipzig Verlag von Th. Knaur 1887 (S. 536-537)
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An Agnes

In den Bildern von Watteau
Sehn wir auf beblümten Wiesen
Wandeln, jung und lebensfroh,
Kleine zierliche Marguisen.
Im Brokatkleid, hochtoupiert,
Wandeln sie im Abendscheine,
Mit dem Fächer kokettiert
Ihre Hand, die liebe kleine.
Fächelnd ihres Busens Schnee,
Lächelnd mit dem roten Mündchen,
Scherzen sie mit dem Abbé
Oder spielen mit dem Hündchen.
Solchem Bild, Du Zauberin,
Magst Du noch am meisten gleichen,
Könnte an das Leben hin
Je die Kunst des Pinsels reichen.
Solche Augen, grausam schön,
Wußte auch Watteau zu malen;
Lang', nachdem man sie gesehn,
Brennen noch ins Herz die Strahlen;
Auch dem Antlitz diesen Hauch
Gab er und den Engelsmienen -
Doch die Mängel hast Du auch,
Scheint mir, seiner Heroinen.
Ob das Auge auch von Lust
Spricht und Wonne paradiesisch -
Eitel Schnee scheint mir die Brust
Und Dein Herz fühlt ganz marquisisch!

aus: Deutsche Lyriker seit 1850
Mit einer litterar-historischen Einleitung
und biographisch-kritischen Notizen
Herausgegeben von Dr. Emil Kneschke
Siebente Auflage Leipzig Verlag von Th. Knaur 1887 (S. 539)
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Die Sterne

Die Nacht ist lau, die Nacht ist lind,
Der Wind bringt Grüße aus der Ferne -
Du sitzest stumm, mein schönes Kind,
Und blickst hinan, und zählst die Sterne.

O sprich ein Wort: Was deutet dein
Verklärter Blick aus jenen Sphären?
Glaubst du wie ich, es muß dies Sein
Noch jenseits dieser Erde währen?

Glaubst du, ein Volk von Sel'gen singt
Auf jenen Sternen Jubellieder!
Sind's schöne Engel, leichtbeschwingt?
Und du, von welchem stiegst du nieder?

Vom schönsten! Kühn ruf ich das Wort!
Doch wie die Flur auch grün und golden,
Es suchen Augen dich noch dort
Und denken deiner noch, der Holden.

Wie schön auch dort die Blumen blühn,
Es muß doch den verklärten Seelen
Zu vollem Glücke noch das Glühn,
Geliebte, deiner Augen fehlen!

Drum wende, wende ab den Blick
Vom Heimathland, das dich geboren,
Aus Furcht, man riefe dich zurück,
Dich Engel, den man dort verloren.

Mein Schicksal ist bei dir, mein Kind,
Dein Leben ist noch nicht gemessen,
Mag dich der Himmel, mild gesinnt,
Noch eine Zeitlang hier vergessen!

aus: Blüthen und Perlen deutscher Dichtung
Für Frauen ausgewählt von Frauenhand
Hannover Carl Rümpler 1862 (S. 198-199)
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Neue Lieder
(An Lucile)

Wenn die Natur den armen Blinden
Auf deinem Wege sehend machte,
Daß er dich, wie du schön, betrachte,
Ich würde es begreiflich finden!

Ja, würde sich in Frühlingsschimmer
Der Winter kleiden, wo du nahtest,
Der Garten blühn, den du betratest,
Verwundern würde es mich nimmer!

Du bist so schön! Aus ihren Grenzen
Trat die Natur, als sie dich dachte,
Soll sich das Wunder nicht ergänzen,
Daß sie entzückt ihr Werk betrachte?

aus: Album österreichischer Dichter
Neue Folge Wien 1858 Verlag von Pfautsch & Voß (S. 398)
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Erst Abends pflegst du zu erscheinen
Auf dem Spazirgang. Aber ist
Es Abend auch? Es schwand die Sonne
Wohl nur, weil du erschienen bist.

Neugierig kommen alle Sterne
Hervor, sie flüstern durch das Blau:
Du bist so schön, sei unsre Sonne.
Du hohe, fremde, bleiche Frau!

aus: Album österreichischer Dichter
Neue Folge Wien 1858 Verlag von Pfautsch & Voß (S. 398)
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Am Tag, wo ich dich nicht gesehen,
Hab ich mich selber auch vermißt;
Wie kann die Sonne untergehen,
Da heut' kein Tag gewesen ist?

Noch stehen und warten? 's ist vergebens,
Ein dunkler Abend senkt sich jetzt.
Verloren ist ein Tag des Lebens,
Den keine Ewigkeit ersetzt!

Nach Haus! Die letzten Lichter schwanden,
So muß ein Bettler schlafen gehn,
Der, da er tagelang gestanden,
Geschlossen jede Hand gesehn!

aus: Album österreichischer Dichter
Neue Folge Wien 1858 Verlag von Pfautsch & Voß (S. 398-399)
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Vernahmst du nie, was fast mit Zähren
Mein Herz zu dir durch's Auge spricht:
Was du nicht willst, nicht kannst gewähren,
Du Holde, o versprich mir's nicht!

Schlimm ist's, dem armen Kranken sprechen
Vom nahen freudevollen Tag;
Enttäuschung wird das Herz ihm brechen
Eh' die Entsagung es vermag.

Trag' nicht mein Herz so hoch zu allen
Gestirnen auf von Glück und Licht,
Bedenk', daß, wenn du's lässest fallen,
Es auf dem Fels der Welt zerbricht.

aus: Album österreichischer Dichter
Neue Folge Wien 1858 Verlag von Pfautsch & Voß (S. 399)
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Erschrocken fühl' ich, daß ich blute,
Und weiß doch nicht, woher mir's kam.
Trüb, todestrüb ist mir zu Muthe
Und frag' mich selbst: woher mein Gram?

Braucht' ich nur eine Hand zu rühren
Nach einem Schatz, ich ließ es sein,
Und pocht' das Glück an meinen Thüren,
Dem Mund versagte das: Herein!

Weh mir! ich war so froh und scherzte
Und nur ein Wort fiel unbewußt,
Und Alles, was mich jemals schmerzte,
Wühlt krampfhaft nun durch meine Brust!

aus: Album österreichischer Dichter
Neue Folge Wien 1858 Verlag von Pfautsch & Voß (S. 399-400)
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Kein Mitleid! keins! - Behalt's zu eigen,
Schenk's jenem, der dich drum ersucht! -
Ich brauch' nur Einsamkeit und Schweigen
Und beides find' ich auf der Flucht.

Genesen werd' ich - dich verlassen
Scheint mir wie Tod jetzt. Doch - es sei!
Stumm will ich meine Schmerzen fassen
Und sie ersticken ohne Schrei!

Leb wohl! Vielleicht nach wenig Tagen
Frag' ich schon ruhig an: Wie geht's? - -
Ein Blitz hat in den See geschlagen,
Er wogt und stürmt - und übersteht's!

aus: Album österreichischer Dichter
Neue Folge Wien 1858 Verlag von Pfautsch & Voß (S. 400)
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Biographie:

http://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_Meißner

 

 


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