Angelika von Michalowska (1830-?) - Liebesgedichte

 

 

Angelika von Michalowska
(1830-?)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:






Verstand und Herz

Des ew'gen Zwistes endlich müde,
Schloß eines Tages der Verstand
Ein Freundschaftsbündnis mit dem Herzen,
Und beide gingen Hand in Hand.

Und als sie gar nicht weit gegangen,
Da trat heran ein armes Kind,
Das bat um eine kleine Gabe -
"Da hast du", rief das Herz geschwind.

Doch der Verstand hielt schnell die Gabe,
Griff nach dem Herzen eisig hin
Und sprach: "Wir sind jetzt eng verbunden,
Du handelst nicht nach deinem Sinn.

Erst mußt du dich mit mir beraten,
Und wenn wir beide einig sind,
Dann magst du deine milde Gabe
Darreichen diesem armen Kind."

Das Herz lauscht traurig solchen Worten,
Doch war es selber daran schuld,
Der Bund, er war einmal geschlossen,
D'rum mußt sich's fügen in Geduld.

Verstand fing an zu überlegen,
Was wohl dem Kinde nützlich sei,
Und ob man selbst nicht Unrecht thäte,
Ständ' man dem Bettelvolke bei.

Und wie er hin und her so dachte,
Das Herz mit neuem Bitten naht,
Dem armen Kinde nun zu gönnen
Die Spende doch, um die es bat -

Da gab er endlich nach mit Grollen,
Nahm selbst ein hartes Stücklein Brot,
Und trat mit vielen Mahnungsworten
Zum Kinde hin - das Kind war tot.

aus: Unsere Frauen in einer Auswahl aus ihren Dichtungen
Poesie-Album zeitgenössischer Dichterinnen
Von Karl Schrattenthal
Mit zwölf Porträts in Lichtdruck
Stuttgart 1888 (S. 320-321)
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Weil sie nicht sterben kann

O komm zurück, mein Leben,
O komm zu mir zurück!
Ich will dir alles geben -
Herz, Seele, Leben, Glück!

Und einsam will ich sterben;
Nur meine Lieb nimm an!
Die will ich nicht begraben,
Weil sie nicht sterben kann!

aus: Unsere Frauen in einer Auswahl aus ihren Dichtungen
Poesie-Album zeitgenössischer Dichterinnen
Von Karl Schrattenthal
Mit zwölf Porträts in Lichtdruck
Stuttgart 1888 (S. 321)
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Freia, die nordische Göttin der Liebe
Nach ihrem Bilde im neuen Museum zu Berlin

Auf dem Götterwagen* ziehet
Freia durch die Welt einher -
Thränenlos ihr Antlitz glühet
Bang in Schmerz und sorgenschwer.

Mit dem Schmuck der Perlenkrone**
Und der Glockenblume Kranz,***
Ihrem Unglück wie zum Hohne,
Schmückt sie ew'ger Schönheit Glanz.

Reizumstrahlt im herbsten Kummer,
Jugendlich im lichten Schein -
Ohne Ruh und ohne Schlummer
Eilt sie durch die Welt allein.

Sehnend hebt sie ihre Arme
Nach verlornem Lebensglück,
Und mit bitt'rem tiefem Harme
Irrt der trostlos bange Blick.

Schönheit konnt' sie nicht beschützen
Vor Verrath und herbem Schmerz.
Treue Liebe zu besitzen,
Wähnt so bald ein Frauenherz.

Ach, und wird so bald verlaßen -
Männertreu verweht der Wind.
Was sie liebend auch umfaßen,
Ist vergeßen gar geschwind.

Denn nur in den Frauenherzen
Findet Lieb' ihr Heimatland -
Treu gewährt mit tausend Schmerzen,
Als ein göttlich Unterpfand.

Arme Freia, ach dein Gatte
Odur, mit dem leichten Sinn,
Deine Liebe, die er hatte,
Warf er leicht und lächelnd hin.

Und wenn Liebe ist gestorben,
Wird sie nimmer wieder wach!
Leicht verloren - schwer erworben,
Schick ihr deine Seufzer nach.

Aber Freia eilt noch immer -
Ewig sonder Rast noch Ruh,
Ohne einen Hoffnungsschimmer
Eilt sie dem Verhängnis zu.

Sehnend treibt sie ein Verlangen
Nach dem ungetreuen Mann -
Ach, der Liebe Schmerz und Bangen
Kein Beglückter faßen kann.

Wirf, o Göttin, ab dein Leiden!
Liebe winkt ja überall;
Liebe winkt mit tausend Freuden
Dir in jedem Sonnenstrahl.

Und sie lispelt leis mit Beben:
Fremdling, nein, ich laß' ihn nicht -
Meine Liebe ist mein Leben,
Wenn das Herz auch drüber bricht.

* Von Katzen, dem Sinnbilde der Zärtlichkeit, gezogen.
** Der kostbare Schmuck Breising, im Werk der Zwerge.
*** Schneeglöckchen, von denen in der nordischen
Vorzeit die Brautkränze geflochten wurde.

aus: Weibliches Leben von der Wiege bis zum Grabe
Im Munde deutscher Dichter
alter und neuer Zeit.
Eine Blütenlese heimatlicher Dichtungen
aus den Quellen für das Haus und die Schule
gesammelt und stufenmäßig geordnet
von Robert Koenig
Oldenburg 1860 (S. 501)
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Biographie:

Michalowska, Angelika von, geboren am 25. Juli 1830 zu Königsberg in Preussen.

- Der Hirtenkasper. Eine Dorfgeschichte Berlin 1864
- Ein deutscher Soldat im Frieden. Erzählung 1872
- Nach Gottes Rat. Gedichte Berlin 1863
- Schwarz und Weiss. Bilder aus dem Leben Ebda. 1860
- Was den Frauen gefällt. Gedichte 4. Auflage 1868

aus: Lexikon deutscher Frauen der Feder.
Eine Zusammenstellung der seit dem Jahre 1840 erschienene Werke weiblicher Autoren, nebst Biographieen der lebenden und einem Verzeichnis der Pseudonyme. Hrsg. von Sophie Pataky
Berlin 1898
 

 


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