Alexander Rydenius (1800-1823) - Liebesgedichte

Alexander Rydenius



Alexander Rydenius
(1800-1823)


Inhaltsverzeichnis der Gedichte:
 

 



Ich denke Dein

Wenn Sonne sinkt
Ins wogende Meer hinab,
Wenn goldighell
Die Wolke, wie Purpur, glüht,
Heiliger Sternenchor
Funkelt am Himmelsplan,
Wenn die Natur schweigt,
Ruhe das All umfängt,
Nachtigall klagend mir
Flötet im Pappelhain,
Dann denk' ich Dein!

Wenn Sonne steigt
Aus rosiger Fluth empor -
Strahlendes Himmelsaug'
Segnend die Flur anlacht -
Ringsum das All erwacht -
Lerchen mit frohem Sang,
Singend dem Schöpfer Dank,
Steigen in milder Luft -
Freude und Jubel hoch
Waltet im Weltenkreis -
Liebe, so schön und rein
Schimmert wie Sternenschein -
Dann denk' ich Dein!
(S. 4-5)
_____



Wanderer und Liebender

Wanderer
Wandern und streifen
Die Welt entlang,
Liedchen zu pfeifen
Lustigen Klang,
Frohsinn in voller Brust,
Das ist mein' einz'ge Lust.
Leichter Sinn, rasches Blut,
Freiheitskraft, Jugendmuth,
Das ist mein einzig Gut.

Hab' ich zwar nirgend
Heimath und eignen Heerd,
Ist mir doch Größ'res
Schön'res bescheert.
Rings wo sein Lichtgezelt
Himmel hat ausgespannt,
Ueberall in weiter Welt
Blüht mir mein Heimathland.
Bald in des Reichen
Schimmerndem Prunkgemach,
Bald unter Landmann's
Aermlichem Halmendach
Freundlich hier, freundlich da
Bin ich willkommen nah.

Hab' ich auch nirgend
Liebchen, das rein wie Gold
Schön wie die Rose glüht
Keusch wie die Lilie blüht,
Mir nur treueigen hold;
Find' ich doch überall
Lustigen Minnesold.
Minne stets frisch und neu
Schmückt mir des Lebens Mai:
Fessellos, frank und frei
Liebe ich hier und dort
Lieb' ich an jedem Ort.
Darum, so will ich, so lang' es noch geht
Und mich die Frische der Jugend umweht,
Wandern und streifen mit lust'gem Gesang,
Wandern und streifen die Welt entlang.


Liebender
In die Weite, in die Ferne
Aus der Heimath engem Haus,
Trieb's mich mit gewalt'gen Mächten,
Zog's mich früher wohl hinaus.

Hinter jenen blauen Bergen,
Hinter jener weiten Fluth
Ahnete ich Zauberreiche,
Suchte ich des Lebens Gut.

Oft wenn ich voll trüber Stille
Schaute in den Nebelflor,
Der die Ferne mir verhüllte
Wie des Paradieses Thor;

Kamen holde Liebesklänge
Aus der Weite zu mir her,
Und sie sagten mir, was blühe
Hinter Berg und hinter Meer,

Sprachen mir von Zauberhallen
Und von ew'ger Lenzeslust,
Das sich hoch der Sehnsucht Wogen
Hoben in der vollen Brust.

Freudig hätt' ich da gegeben
Heimathheerd und Heimathstrand,
Hätt' ich mit den Wolken ziehen
Können in das Feenland.

Doch da sah ich Sie, die Eine,
Und in der bewegten Brust
Wich die Sehnsucht nach der Ferne
Plötzlich neuer Himmelslust.

Ganz in Lethe's dunkle Fluthen
Tauchte da das ferne Land,
Als das Schicksal, gütig waltend,
Mit der Holden mich verband,

Die in Edens seel'ge Reiche,
Stets umblüht von Lenzespracht,
Mir der Heimath Thäler wandelt,
Wenn ihr Aug' mir Liebe lacht.

Und jetzt möcht' ich nie verlassen,
Nie den lieben stillen Strand -
Wie der Baum, der mächtig wurzelt
Ewigkeit im Heimathland.

Denn in ihrer heitern Nähe
Und in ihrem Engelsblick
Kann ich jetzt allein nur finden
Lebensgut und Lebensglück.
(S. 5-8)
_____



An die Entfernte

Von der Wolken dunkelndem Heer umwoben
Schwebt der Abend im sternenleeren Raume,
Breitet über die kalte Erde finster-
Nachtende Schwingen.

Dumpf erbrausen des grauen Meeres Wellen,
Brechen schäumend sich an der Felsenklippe;
Auf den wogenden Hügeln schwebt ein kalter
Herbstlicher Nebel.

Eulen ziehen mit leisem Schauderfittich
Durch die Fenster des alten Geisterthurmes;
Im bemooseten Thalgrund weben bleiche
Schreckenphantome.

O Malvina! Der Herbstesgegend Schreckbild
Ist ein Spiegel von meines Busens Tiefe,
Keine Sonne erwärmt das kalte Dunkel,
Du, ach! gingst unter!

O wie schnell entflossen im Strom der Zeitflut
Jene rosigen Tage, da du mein warst!
Und im Wehen des milden Lenz an meiner
Seite du schwebtest,

Da wir, sitzend im kleinen Fischernachen
Ueber des See's krystall'ne Fluten glitten,
Und du sangest mit Nachtigallenstimme
Lieder der Liebe.

Da war Frühling und Glück in meinem Herzen!
Frühling schwebte über erwachten Fluren;
Und die Bläue des Himmels mahlte sich im
Ruhigen Busen.

Ach! jetzt ist die Natur gehüllt in Trauer -
Doch einst kehret zurück der Zauberjüngling,
Streut mit liebender Hand herab die Rosen,
Und die Natur lacht.

Du Malvina bist, wie des Lenzes Milde
Schnell entflohen, doch nimmer kehrst du wieder!
Nie, ach! wird meine Leier mehr von frohen
Liedern ertönen!
(S. 10-11)
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Sonett

Der Lenz erwacht, und aus umeisten Grüften,
Wo starrer Schlaf das Leben hielt gefangen,
Drängt es sich heiß hervor in frischem Prangen,
Sich kühlend in des Aethers Balsamdüften.

Und Liebe lächelt hell auf Berg und Triften,
Allüberall erglüht ein neu Verlangen,
Der Himmel will die Erde süß umfangen
Und Liebesgruß tönt schmeichelnd aus den Lüften.

Auch mir erblühet wohl ein neues Leben,
Es ruft mich fort durch Wald und Feld zu schweifen,
Und tönend in der Saiten Gold zu greifen.

Doch ach! der Liebe heimlich süßes Leben
Erwacht mir nur in Phantasiegebilden,
Und einsam wall' ich auf den Lenzgefilden.
(S. 14)
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Vergangenheit und Gegenwart
Zwei Sonette

1.
Schwer war gedrückt die Flur vom Wintereise,
Und von dem weithin finstern Himmelsbogen
Kam sturmgepeitscht der Schnee herabgeflogen,
Verschüttend ganz des Waldwegs enge Gleise.

So ging durch Nacht und Nebel meine Reise,
Doch Muth und Frohsinn freundlich mit mir zogen;
Es schwebte Phantasie auf lichten Wogen,
Und Hoffnung zog um mich die Zauberkreise.

Und als ich anlangt' in der Heimath Zonen,
Da kam die Liebe, herrlich mir zu lohnen,
Und ließ mich ganz in ihrem Tempel wohnen.

Da blühte mir der Mai im Rosenglanze,
Die Horen schwebten mir im schönen Tanze
Vorbei, geschmückt mit immer neuem Kranze.


2.
Jetzt lacht der Lenz aus lichtbegrünten Zweigen,
Das volle Leben drängt sich heiß hervor,
Es tönt der Waldessänger froher Chor,
Der Himmel will sich liebend niederbeugen.

Doch ob rings heit're Klänge aufwärts steigen,
Obgleich mir wieder stiller Heimath Thor
Sich gastlich öffnet - finstrer Trauerflor
Umhüllt mich doch, und grambeklommnes Schweigen.

Wohl grüßen rings mich holdbekannte Züge,
Die heil'ge Stätte, meiner Liebe Wiege,
Auch die hab' ich wohl endlich wiederfunden.

Doch sie, die erst das lichte Frühlingsleben
Mir und der trauten Heimath konnte geben,
Die Einzige, Geliebte ist entschwunden!
(S. 19-20)
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Lehre

Brüder, eine alte Lehre,
Die ich hoch und tief verehre,
Spricht, wer Frauenzimmern traut,
Hat auf lockern Sand gebaut.

Habt ihr noch in euren Jahren
Nicht des Sprüchleins Kraft erfahren,
Noch ein kurzes Spännelin Zeit
Harrt - und ihr seid eingeweiht.

Eure Jetten und Rosetten,
Fieckchen, Rieckchen und Annetten,
Seid auch ihr so treu wie Gold,
Bleiben dennoch euch nicht hold.

Schwören in der Abschiedsstunde
Auch mit holdem Rosenmunde
Sie euch ewigfeste Treu -
Denkt euch nicht zu viel dabei!

Ihr verlasset Liebchens Schwelle,
Und, wie Spreu und flücht'ge Welle,
Ist der Schwur schon blitzgeschwind
Weggeweht vom bösen Wind.

Kommet dann ein hübscher Junge
Mit geläuf'ger Schmeichelzunge,
Sagt ihr Zuckerwörtchen vor,
Schnell leiht sie ihm Herz und Ohr.

Eure männlich-treue Liebe,
Eures reinen Herzens Triebe,
Sind verwechselt blitzgeschwind
Mit des lust'gen Schmeichlers Wind.

Und ihr harret ganz vergebens
Auf das süße Wort des Lebens,
Auf das Briefchen, das sie, ach!
Euch zu schreiben blos versprach.

Wunderklägliche Geschichten
Könnt' ich davon euch berichten -
Doch, wozu das? bald genug
Werdet ihr durch Schaden klug.

Und vielleicht nach wenig Tagen
Werdet ihr mit Andern klagen:
"Wer den Frauenzimmern traut,
Hat auf lockern Sand gebaut!"
(S. 22-24)
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Liebeshyperbel

Brillanten Bilder in der Nacht
Am hohen Himmel funkeln.
Sie glänzen in erhab'ner Pracht,
Und schau'n so herrlich durch die Nacht,
Wie brennende Karfunkeln.
Doch wenn das Morgenroth erwacht,
Beginnt ihr Licht zu dunkeln.
Und wenn die Sonne aus dem Thor
Des goldnen Morgens schwebt hervor,
Verlöscht der Bilder Strahlenkranz
Vor Helios Glanz.
__

Den Bildern gleicht der Mädchen Chor;
Doch tritt Laidion hervor,
Verschwindet jeder andre Schein,
Sie strahlt allein.
(S. 33-34)
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Heilung

Der Jüngling ging durchs Dunkel hin
In blassem Mondenscheine.
Ihm war's so weh in Herz und Sinn,
So traurig und alleine.

Der Jüngling ging durch grünen Wald,
Da lauschte zwischen Bäumen
Die allerlieblichste Gestalt,
Die je er sah in Träumen.

Der Jüngling stand am klaren Quell,
Sah in die Fluten nieder.
Im Busen war's ihm morgenhell,
Es tönte drin wie Lieder.

Die Liebe hatte weich und warm
Auf ewig ihn gebunden,
Und in der Trauten süßem Arm,
War schnell das Leid verschwunden.
(S. 59)
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Der Mai

O lichter Mai, du Bote süßer Liebe,
Der hold die Erd' umhüllt mit Lenzesprangen,
Den ihr der Himmel schickt in glühndem Triebe,
Daß bräutlich sie den Bräut'gam mög' umfangen,
Wie lächelst du nach Winters langer Trübe!
Du spielst so freundlich mir um Brust und Wangen,
Und weck'st mir, die so lang gefesselt schliefen,
Geheime Kräfte in des Busens Tiefen.

Denn wie, wenn du dich nahst auf goldnen Schwingen,
Rings Hain und Flur erglüht in heller Pracht,
Und alles lebt, und tausend Vögel singen,
Aus tausend Blumen deine Milde lacht:
So ist in meiner Brust ein Blühn und Klingen,
Ein neues Leben sonnenhell erwacht.
Die Ahnung schwebt herab aus Sternenräumen,
Sehnsucht, Wehmuth und Liebe spielt in Träumen.

Und sieh', das weite Reich der Phantasien
Ist aufgethan in heller Festlichkeit,
Das bunte Leben wogt, die Farben glühen,
Und alles webt in holden Wechsels Streit;
Und tausend Sterne blitzen auf und fliehen,
Wie Bild an Bild, wie Klang an Klang sich reiht -
Der Himmel öffnet sich, in heitrer Feier
Schwebt hoch des Liedes Göttin mit der Leier.

Drum sei gesegnet mir in Lieb' und Treue,
Sei mir gegrüßt, du holde Maienpracht!
Nimm meinen Dank für all' das schöne Neue,
Das du im Busen hell mir angefacht,
Durch Licht und Wärme, Grün und Himmelsbläue
Durch deinen Tag, durch deine Zaubernacht!
O laß mich in viel tausend süßen Weisen
Dein wunderholdes Bild nach Würden preisen!
(S. 59-60)
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Aus: Auswahl aus Alexander Rydenius
poetischem Nachlaß und Bruchstücke
aus seinem Reise-Tagebuche
Herausgegeben von einem seiner Freunde
Reval 1826 Gedruckt bei Carl Dullo


 

Biographie:

http://www.bbl-digital.de/eintrag/Rydenius-Peter-Alexander-1800-1823/




 

 


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