Georg Rudolf Weckherlin (1584-1653) - Liebesgedichte

Georg Rudolf Weckherlin

 

Georg Rudolf Weckherlin
(1584-1653)

Inhaltsverzeichnis der Gedichte:

 



 

Von lieben händen

Ach gib mir dise zarte hand,
Damit ich sie doch gnug mög küssen,
Dise hand, meiner hofnung pfand,
So mich auß verzweiflung gerissen;
Darumb gib mir sie her,
Das ich Sie küß mit ehr.

Wie! küssen dise hand so frech,
So mir mein hertz dörfte außreissen?
Nein. Es ist zeit das ich mich rech,
Darumb will ich sie vilmehr beissen,
Damit ihrer untrew,
Und boßheit Sie sich rew.

Aber, was nutzet doch mein zorn
Wider so süsse gilg und rosen,
Die allein, stehts frisch und ohn dorn,
Könden meinem hertzen liebkosen?
Darumb gib mir sie her,
Das ich Sie küß mit ehr.

O hand, warumb küß ich dich lang,
Da ich mehr ursach dich zu hassen,
Und zudrucken mit gleichem zwang,
Als du mein armes hertz erfassen!
Damit deiner Untrew,
Und boßheit dich auch rew.

Schöne hand, meiner augen waid,
Laß dich meinen zorn nicht betrüben,
Ob du mir schon vil thust zulaid,
Muß ich doch deine thaten lieben;
Darumb so kom nu her,
Das ich dich küß mit ehr.

Ie mehr ich küß, ie mehr dein schnee
Mein hertz wunderbarlich anzündet,
Darumb ich billich nu absteh,
Eh mich dein schein gäntzlich verblindet,
Das nicht deiner Untrew
Zu spaht uns beede rew.

O das ich (unserm verdienst nach)
Diser hand lieblichen muhtwillen,
Und meines hertzens süsse rach
Mög unablößlich küssend stillen!
Und Sie wahre rew lehr,
Küssend Sie mehr und mehr!
(Band 1 S. 172-173)
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Myrta beklaget sich über Filodors Rayß

1.
Ach! dises ist der böse tag,
Tag? Nein. Die tödlich-schwere plag,
Was? soll ich sagen deines schaidens?
Nein, Filodor. Es ist die nacht
Und unverhinderliche macht,
Tag, plag, nacht, macht meines verschaidens.

2.
Mit deinem schaiden schaidet sich
Von mir mein hertz und gaist: und ich,
Ich? Nein, mein Cörper soll umbschweben.
Doch kan gewiß mein Cörper nicht
(Verlierend sein hertz, sehl, gesicht)
Umbschweben, weil Er nicht kan leben!

3.
Doch deine bildnuß und gestalt
Ist all der trost, den ich behalt
In meinem schwachen haupt und hertzen:
Wan anderst allen trost von mir
Nicht senden stracks nach und mit dir
Mein übergrosses leyd und schmertzen.

4.
Doch dein vilfältige zusag
(Vermischet stehts mit meiner klag)
Uns kürtzlich wider umbzufangen,
Bezaubert wunderlich in mich
Die hofnung daß sie alßbald sich
Vermählen darf mit dem verlangen.

5.
Daher dan kan sich der verdruß
Erleuchtern, daß die fünsternuß
Des schaidens mög nicht allzeit wehren,
Wan du mich oftmahl deiner schrifft,
(Die wider des abwesens gifft
Mich kan erquicken) wirst gewehren.

6.
Biß nach wunsch deine widerkunft
Uns beed wirt wider mit vernunft,
Frewd und glickseligkeit erlaben,
Alßdan werd durch der Sonnen schein
Ich von der nacht gefreyet sein,
In die mich dises leyd begraben.

7.
Doch solt du mich hernach nicht mehr
Für keines Königs gunst noch ehr
Durch rayß betrüben noch verlassen:
Dan ich will dich mit solcher brunst,
Daß aller Fürsten macht umbsunst
Zu schaiden uns sein soll, umbfassen.
(Band 2 S. 227-228)
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Die zwölffte Ode

Ohn Lieb nichts dan Leyd

1.
Eh ich war liebend und geliebet,
War mein hertz niemahl ohn verdruß,
Mein leben war allzeit betrüebet,
Mein aug und hertz voll fünsternuß:
Nichts mich damahl mit trost erlabet,
Noch einiges wollusts begabet.

2.
Nu ist es mit mir anderst worden,
Dan sydher ich lieb hab und bin,
Und mich befind in der lieb orden,
So ist all mein verdruß dahin:
Die lieb mich stehts mit trost erlabet,
Und ihres liechts und lusts begabet.

3.
Die schönheit, deren alles weichet,
Die mir, und deren ich hertz-lieb,
Durch ihre lieb mich so bereichet,
Daß mir der Himmel niemahl trüb:
Mit ihrer krafft sie mich erlabet,
Und alles guts und Muhts begabet.

4.
Der früling bring wind oder regen,
Der Sommer sey voll hitz und staub,
Wie tief der Winter schnee gelegen,
Und in dem herbst fall frucht und laub:
So bleib doch reichlich ich begabet,
Und allzeit durch die Lieb erlabet.

5.
Das Erdreich mag zerspringend böben,
Der Luft schieß dunder, strahl und plitz,
Das Meer mag seine flut erhöben
Und nötzen gar der sternen sitz:
So bleib ich reichlich doch begabet,
Und von der Lieb mit Lieb erlabet.

6.
Das volck mag schwören, spihlen, sauffen,
Die Fürsten schänden gleich das Land,
Die gantze Welt fall gleich zu hauffen,
Voll krieg, untrew, blut, grewel, schand:
So bleib doch reichlich ich begabet
Von meiner süssen Lieb erlabet.
(Band 2 S. 229-230)
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Kuß

Einig süßes mündelein
Röhter dan ein röselein
So Phaebus durch sein ansehen
Macht aufgehen:
Lefzen übertreffend weit
Den taw so die erden nötzet,
Und mit fruchtbarkeit ergötzet
In der süßen Frülings zeit.

Holdseeliges schätzelein,
Gib mir so vil schmätzelein,
Sovil du gibst meinem hertzen
Pein und schmertzen;
Sovil pfeil der fliegend Got
Wider mein hertz abgeschossen;
Sovil ich leid unverdrossen
Jamer, trübsal, angst und noht.

Sovil man wol körnlein sands
Am ufer des Mohren-lands,
Sovil graß in dem feld stehen
Man kan sehen;
Sovil tropfen in dem Möhr,
Sovil fisch alle flüß bringen,
Vögel durch den luft sich schwingen,
Und sovil der hörbst weinböhr.

Sovil schöne lieblichkeit,
Schmollende holdseeligkeit,
Sovil höflichkeit und lachen
Lieblich machen
Deinen thewren purpur-mund;
Wievil rosen deine wangen,
Wievil lilgen machen prangen
Deinen busen steif und rund.

So oft küß mich Nymfelein,
So oft schmätz mich Schimpfelein;
Laß uns mit einander schertzen,
Und uns hertzen,
Biß ich sag, mein frid, mein fraid,
Ich kan nicht mehr, laß mich gehen,
So solt du ein weil abstehen,
Das ich seufzend halb verschaid.

Darnach küß mich widerumb,
Das noch größer werd die sum,
Stüpf mich auch mit deiner zungen
Ungezwungen,
Die süßer dan honig ist:
Also laß uns kurtzweil führen,
Damit wir ja nicht verlieren
Der Jugent einige frist.

Laß uns nach Amors willkhur
Wandlen auf der Jugent spuhr,
Biß das alter krum gebogen
Kom gezogen,
Mit zittern, kält, forcht und grauß,
Welches mit sich auf dem rucken
Vil laids bringet uns zu drucken,
Biß es uns macht den gar-auß.
(Band 1 S. 262-264)
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Unendliche Liebs pein

Ich brenn auß lieb und lust, doch kan der brunst verdruß
Meines haupts feuchtigkeit und thränen nicht verzöhren:
Ich wein auß lieb und layd, doch kan mein zeherfluß
Meiner brust grossen brunst und flammen gar nicht wöhren.

Ja, vilmehr pfleget stehts meiner brunst überfluß
Den quellen meines layds die nahrung zu beschören:
Ja, vilmehr pfleget stehts meines layds zeherguß
Die flammen meiner Lieb zu störcken und zu nöhren.

In dem mein weinen nu, in dem nu meine brunst
Einander ihre hilff zu wechslen nicht verneinen,
So leyd ich dise lieb, und lieb das layd umbsunst.

Dan findend in dem fewr, das ewiglich muß scheinen,
Und in dem stehten fluß der zehern keine gunst,
So muß (O schmertz!) mein hertz stehts brennen und stehts weinen.
(Band 1 S. 470-471)
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Aus: Etliche Sonnet oder Kling geseng von seiner Liebsten

1.
Vorrede und bitt an Seine Liebste
Ich dicht, Ich sag, Ich sing: Ach nein, Ich seuftz, schrey, klag,
Die lieb, das layd, damit mein junges hertz gestritten,
Verlierend allen trost und hofnung mit dem tag,
Verwundet durch und durch endlich den tod erlitten.

Kein soldat in der schlacht und grösten niderlag
War iemahls, als mein hertz, zerhacket und zerschnitten;
Und bittend umb quartier kont ich weder vertrag,
Noch meiner feindin gnad erbeutten noch erbitten.

O grewliche Schönheit, die mit ernst oder schertz,
Nach ewerm aignen lust, den sehlen widerstrebet,
Erkennet doch wie groß ewer stoltz und mein schmertz!

O die Ihr, wan ihr wolt, den tod, das leben, gebet,
Verleyhet das durch Euch, weil ja durch Euch mein hertz
Getödtet, mein Gesang hingegen werd belebet!
(Band 1 S. 462)
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Die 12. Ode

Klag über die Lieb

Mein junges hertz durch und durch wund,
Ohn hofnung aller hilf und gnaden,
Wartet des Tods zu aller stund,
Mit mehr pein dan jahren beladen.

Doch die, deren mit solcher noht
Ein opfer ich nu muß verbrennen,
Ob Sie schon sihet meinen tod,
Will sie doch mein laid nicht erkennen.

Sondern gleich wie ein fölß dem Möhr,
Widerstehet sie meinem schreyhen,
Und spörret ihr miltes gehör,
Auß forcht sich ihres zorns zu reyhen.

O harte Ungerechtigkeit,
Damit die himmel mich beschwehren!
Muß ich die, deren grewlichkeit
Mich tödtet, anrufen und ehren?

Wolan dan, armes hertz, halt still,
"Wer kan den Göttern widerstehen?
"Sie ziehen den, welcher nicht will,
"Und laitten den, der gern will gehen."

Meines tods ursach ist mein lob,
Grössern ruhm kan ich nicht erwerben;
"Und das end ist des maisters prob,"
Darumb will ich mit frewden sterben.
(Band 1 S. 152-153)
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Schaiden und Lieb unsterblich

Muß es geschaiden sein? Ist dises dan die stund,
Die stund, ach nein, die wund, die uns will haben schaiden?
Wie! schaiden muß ich dan? Ach nein, ich muß verschaiden,
Dan ja zu groß mein schmertz, und zu tieff meine wund.

Zwar nicht mein aigen laid, sondern, mein Rosenmund
(Mund, dessen süsse küß mein hertz gantz götlich waiden)
Dein seuftzen, weinen, klag mich zu dem tod beschaiden,
Und machen deinen tod mir, meinen tod dir, kund.

So laß mich nu von dir, thu du von mir, empfangen
Den letzten letzin-kuß. O süsser tod! Ach nein,
O newe lebens-krafft, die wir zu gleich erlangen!

Dan meine sehl in dich, in mich dein sehlelein
(Verwechßlend) haben sich durch disen kuß vergangen,
Daß unser tod und lieb nu muß unsterblich sein.
(Band 1 S. 474)
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Lust und vernügen in der pein

O wie süß seind meine schmertzen,
Die ich ihrethalb ertrag,
Weil freundlich in ihrem hertzen
Sie empfindet gleiche plag;
Und dieweil Sie mit freundlichen anblicken
Versehren will vil und nur mich erquicken.

Meiner augen klag vermehret
Meines hertzens große brunst:
Ich sih, das Ihr hertz versehret
Bey Ihres augs süssen gunst,
Dessen klarheit, mit lieblichen anblicken
Will strafen vil und nur mein hertz erquicken.

Dise stern zu allen stunden
Erzaigen sich so sigreich,
Das Sie nah und ferrn verwunden
Dem Cephalischen pfeil gleich,
Sie könden auch mit kräftigen anblicken
Beedes zugleich versehren und erquicken.

Darumb muß die welt bekennen,
O augen der Natur pracht,
Das wa Ewre facklen brennen
Daselbsten es niemahls nacht;
Und das Ihr könt mit seltzamen anblicken
Alle geschöpf betröwen und erquicken.

Mein hertz mag sich wol ergötzen
Wan es Euch findet so klar,
Ehrend Euch als seine götzen
Auf dem schönesten altar;
Vor dem ich bit, das mit süssen anblicken
Ihr niemand sunst dan mich wollet erquicken.

Ich bit Euch nicht zu verschmähen,
Mein hertz vor ein Opfer schlecht,
Euch verbrennend anzusehen,
Ein Phaenix in lieb gerecht,
Welchen der schein Ewrer starcken anblicken
Kan tödten und mit frewd wider erquicken.
(Band 1 S. 259-261)
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Seiner Liebsten lob

Vil schöner dan der Sonnen-glantz,
Vil süsser dan ein blumen-crantz
Ist meine Myrta anzuschawen;
Sie ist ein tag aller klarheit,
Sie ist der ruhm aller schönheit,
Under den lieblichsten Jungfrawen.

Ihre augen seind Amors brand,
Ihre sitten seind voll wolstand,
So ist ihr leben nichts dan Tugent,
Und wie an ihrem leib kein fehl,
So ist voll ehren ihre sehl,
Und Sie ist ein wunder der Jugent.

Also dise Sonn, dise blum,
Diser tag, diser schönheit ruhm,
Dise augen, dise geberden
Dise Tugent und dise Ehr
Machen das ich Sie lieb so sehr,
Das ihr lieb mein leben auff Erden.
(Band 1 S. 170)
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Sie ist steinin

Was kan uns, Amor, doch vor ihrem stoltz bewahren?
Umbsunst seind deine pfeil, umbsunst ist mein Unfall,
Ie mehr Ich unsre schand mit ihrem lob erschall,
Ie weniger Sie mich vermeinet zu entfahren.

Dem blaichen Agstein gleich ist der strom ihrer haaren,
Ihr runde kehl und halß ist pur als ein Cristall,
Ein Marber ihre brust, das wärtzlein ein Corall,
Ein alabaster glat die hände offenbahren:

Und ihre zween augstern seind funckende Saphir,
Ein lachender Rubin auff ihrem mund prachtieret,
Von hartestem deemant hat Sie ein hertz in ihr.

Ist es ein wunder dan, daß Sie (stoltz) triumfieret,
Amor, und ist so hart stehts gegen dir und Mir,
Wan Sie die Natur selbs gantz steinin geformieret?
(Band 1 S. 466-467)
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Ihrer Schönheit wunderliche Würckung

Wer sein betrübtes aug ab aller Götter pracht,
Und ab der Natur kunst zu erquicken begehret,
Der kom und schaw die sonn, die mit götlicher macht
Mich, ja die fünstre welt des lieben liechts gewehret.

Doch kom Er (seelig) bald: Dan mit zu früher nacht
Der tod, sparend was böß, das best allzeit beschweret:
Und dise Göttin wirt mit eyfer und obacht
Der Götter, als die zierd des himmels, schon geehret.

Ein wunderreiches werck, da lieblichkeit mit ehr,
Da tugent mit schönheit, in einem leib vermählet
Soll segnen sein gesicht mit lust, sein haupt mit lehr;

Daß Er gestehen muß, daß mein gesang weit fehlet,
In dem (bestutzet) ich ihr lob nicht gnug vermehr,
Weil mich ihr aug zugleich entsehlet und besehlet.
(Band 1 S. 463)
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Alle Gedichte aus: Georg Rudolf Weckherlins Gedichte
Herausgegeben von Hermann Fischer
Gedruckt für den Literarischen Verein in Stuttgart
Tübingen Band 1 (1894) Band 2 (1895)
Band 3 (mit Supplement-Band) 1907

siehe auch Teil 2

siehe auch in der Rubrik Balladen u.a.:

Liebliches Gespräch von der Liebe
Ulysses und Sirene
Die Roß
Eine Eclog oder Hürten gedicht
Die andere Eclog, oder Hürten Gedicht
Die dritte Eclog von dem Summer
Die vierte Eclog von der Herbst zeit
Die fünffte Eclog. Von dem Winter

 


Biographie:

http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Rodolf_Weckherlin

 

 


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